3 Fragen an...

...Dr. Frederik G. Pferdt

Kreativität und Offenheit fördern – Rituale statt Routinen

Dr. Frederik Pferdt
  1. Googles Chief Innovation Evangelist: Mehr denken dank Querdenken.

    • lehrt an der Stanford University als Adjunct Professor
    • meidet Automatismen, schläft nie im selben Hotel und isst selten im selben Restaurant
    • erforscht für Google, welches Umfeld Menschen brauchen, um kreativ zu sein und innovativ zu werden

Aus alten Denkmustern ausbrechen, innovative Ideen vorantreiben und eine gesunde Feedbackkultur fördern. Wie kann das gelingen? Drei Fragen und drei Antworten bieten Ansätze.

Frage Nummer 1:
Sie beschäftigen sich hauptberuflich damit, um die Ecke zu denken. Warum ist es denn so wichtig, gewohnte Pfade zu verlassen und wie schafft man hierfür ein optimales Umfeld?

Eigentlich helfe ich ja in erster Linie anderen Menschen, damit diese um die Ecke denken. Und das ist deswegen so wichtig, weil wir uns sonst nur auf der Stelle bewegen, nichts Neues lernen und die Zukunft somit von anderen und nicht von uns gestaltet wird. Um hier einmal den römischen Philosophen Lucius Annaeus Seneca zu zitieren: „Es ist schon ein großer Fortschritt, den Willen zum Fortschritt zu haben.“ Um fortschrittlich zu sein, brauchen wir Kreativität. Stellen Sie sich das menschliche Gehirn einmal als eine Landkarte vor – mit Bergen, Tälern und Flüssen. Unsere Erfahrungen, die wir tagtäglich machen und sammeln, sind dabei wie der Regen, der diese Landschaft formt und damit Flüsse generiert. Je mehr wir also an Wissen und Erfahrungen ansammeln, desto tiefer werden diese Flüsse. Das bedeutet aber auch, dass wir immer weiter in die gleichen Richtungen beziehungsweise in diesen gleichen Flüssen denken. Wir denken aber nicht neu! Wie können wir es nun schaffen, neu zu denken und aus diesen Flüssen hinauszuspringen? Dafür sind Reize und Impulse nötig, dank derer wir uns aus Routinen lösen können. Beispielsweise, indem wir vielleicht einmal einen anderen Weg zur Arbeit einschlagen oder mit anderen Menschen sprechen und uns auf neue Erfahrungen einlassen. Genau diese Reize helfen uns, neu und anders zu denken und unsere Kreativität zu aktivieren. Um selbst aktiv neu zu denken und Selbstvertrauen in die eigene Kreativität zu erlangen, gibt es folgende drei Praktiken:

  • Formulieren Sie Fragen, die Sie sich stellen einmal anders: Anstatt: „Wie können wir ein Auto anders entwerfen?“ fragen Sie lieber: „Wie können wir Mobilität neu denken?“
  • Denken Sie größer und praktizieren und trainieren Sie dies. Wie kann ich eine Lösung finden, die nicht nur inkrementel sondern radikal besser ist?
  • Versetzen Sie sich in eine andere Person, die vor einem Problem oder einer Herausforderung steht. Seien Sie empathisch und lernen Sie, wie sich andere fühlen und wie sie denken. Dies hilft Ihnen dabei neue Lösungen zu finden.

Frage Nummer 2:
Angenommen mein Team bringt neue Ideen zur Sprache. Wie kann ich als Trainer/Teamleiter/Vorgesetzter bestmöglich darauf reagieren?

Versuchen sie einmal festzustellen, wie oft sie pro Tag „Ja, aber“ oder „Nein, aber“ sagen und wie oft sie „Ja, und“ oder ein kräftiges „Ja!“ formulieren. Das „aber“ hat viel mit unserem sogenannten „negativity bias“ zu tun. Wir versuchen erst einmal Kritik zu üben, wenn wir etwas Neues sehen oder erleben. Das ist ganz selbstverständlich, weil wir in unserer Evolution genauso denken mussten. Wenn wir etwas Neuem gegenüberstanden, war es erst einmal ein Risiko, wir wollten uns selbst schützen und wir mussten kritisch denken. Heutzutage hilft uns das aber nicht mehr, um weiterzukommen. Um unsere Zukunft zu entwickeln, müssen wir auf kleinen Funken und Möglichkeiten aufbauen. Wir müssen lernen erst einmal optimistisch zu denken und die Chancen sehen. Um Ideen aus ihrem Team zu fördern, verinnerlichen Sie Folgendes:

  • Beginnen Sie Freiraum zu schaffen, gehen Sie erst einmal aus dem Weg und schauen Sie zu, was passiert.
  • Fangen Sie an zu experimentieren: Wie können Sie Anreize setzen, damit mehr und besser zusammengearbeitet wird? Welche Rituale können Sie einführen, die die Personen belohnen, die ein Risiko eingegangen sind, die „neu“ denken und etwas Neues ausprobieren?
  • Versuchen Sie einmal ein Experiment und laden Sie in der nächsten Teambesprechung explizit zum Äußern von Fragen und Bedenken ein und dann bedanken Sie sich für das geäußerte Feedback. Oder teilen Sie einmal mehr einen Fehler mit, den Sie privat oder auch beruflich gemacht haben.
  • Machen Sie einen vertrauensvollen und respektvollen Umgang miteinander zur Priorität. Das mächtigste Instrument, das Ihnen zur Verfügung steht, sind Sie selbst als Vorbild für andere. Also gehen Sie voran und schaffen Sie eine Umgebung, die psychologische Sicherheit fördert.

Frage Nummer 3:
Stichwort Unternehmenskultur und Werte: Wie können denn Rituale im Unternehmen innovatives Denken fördern?

Bei Google findet jede Woche TGIF statt – „Thank Google it’s Friday“. Das ist ein All-Hands Meeting, bei dem alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammenkommen oder auch virtuell einwählen können. Dann wird diskutiert, viel besprochen und Fragen gestellt. Das Wichtigste an diesem Event ist für mich, dass Offenheit und Transparenz dort sozusagen als Ritual gelebt werden. Es sind auch immer unsere Führungskräfte und unsere Gründer vor Ort. Es werden für eine Stunde Fragen gestellt und jeder kann das Mikrofon ergreifen. Diese Fragen werden diskutiert und auch beantwortet. Das schafft Offenheit und Transparenz. Das ist eines unserer Rituale, das wir wöchentlich leben. Ich glaube, dass Rituale allgemein, die im Sport und unserem Miteinander sehr verbreitet sind und aus der Geschichte unserer Menschheit entstammen, unsere Kultur bestimmen. Dann kann man sich fragen, welche Rituale herrschen in dem eigenen Unternehmen oder der eigenen Organisation vor? Wie werden beispielsweise neue Teammitglieder empfangen? Wie werden Erfolge und Verluste in Rituale übersetzt? Ein spannendes Beispiel liefert die neuseeländische Rugby-Nationalmannschaft, die All-Blacks. Sie sind ja durch ihren Gesang und ihre Tänze vor jedem Spiel bekannt. Aber das sind gar nicht die Rituale, auf die ich hinaus möchte. Denn es gibt ein viel wichtigeres: Nach jedem Spiel – egal, ob sie das Spiel gewonnen oder verloren haben, egal ob es bei ihnen im Stadion oder in einem anderen Stadion stattgefunden hat: Sie räumen ihre Umkleide immer selbstständig auf und haben somit ein Ritual, um abschließen zu können. Außerdem zeigen Sie Respekt gegenüber dem Gegner. Sie verlassen das Stadion respektvoll, haben mit dem Spiel – vielleicht auch mit der Niederlage – abgeschlossen und sind dann bereit, sich neuen Herausforderungen zu stellen.

Kreis Nationalmannschaft

3 Umsetzungstipps

  • Formulieren Sie die nächste Frage, die Sie sich stellen, einmal anders und größer! Fragen Sie sich nicht: „Wie gestalte ich das nächste Training“ – fragen Sie sich doch ab und zu einmal: „Was ist es, was mein Team wirklich weiterbringt?“
  • Feiern Sie den nächsten Fehler, den ein Teammitglied macht, weil er mutig etwas Neues ausprobiert hat. Stellen Sie in den Vordergrund, was jeder Einzelne daraus lernen kann!
  • Führen Sie in Ihrem Team ein Ritual ein, das Vertrauen und Zusammenarbeit fördert. Seien Sie selbst offen für Kritik und neue Wege und gehen Sie selbst als bestes Beispiel voran!

Im folgenden Podcast spricht Dr. Frederik G. Pferdt über das Thema "Taktische Kreativität - Über den Tellerrand hinausgeblickt. Wie wird in einem innovativen Unternehmen abseits des Fußballs Kreativität gefördert?":