Spielanalyse

Niederlande – Totaalvoetbal bleibt DNA

Die Fußballerinnen in Orange setzen bei Olympia auf das traditionelle 4-3-3

Teams und Vereine
  1. Felix Melchers

    Felix Melchers, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball.

Anders als Frank de Boer bei der vergangenen Europameisterschaft mit seiner Elftal, vertraut Trainerin Sarina Wiegman mit der niederländischen Frauen-Nationalmannschaft auf das System, das die Niederlande viele Jahrzehnte lang ausgezeichnet hat. Oranje zeigte sich bei Olympia im 4-3-3, der klassichen Formation des Totaalvoetbal. Eine Viererkette, davor eine Spielerin auf der Sechs, zwei auf der Acht und drei Angreiferinnen mit viel Power und Präsenz über die Außen.

Variabel im Spiel gegen den Ball

Sind die Niederländerinnen nicht im Besitz des Spielgeräts, stehen Pressing und ballorientierte Raumdeckung auf dem Programm. Die Formation ist derweil abhängig vom System des Gegners. Bauen die Gegnerinnen beispielsweise im Zentrum aus der Innenverteidigung auf, so wird aus dem 4-3-3 ein 4-2-4, indem Daniëlle van de Donk aus der Halbposition als zweite Spitze vorrückt und Jackie Groenen von der Sechs nachschiebt. Durch die zwei zentral agierenden Anläuferinnen wird der Ballvortrag durchs Zentrum enorm erschwert, sodass der weitere Aufbau meist auf Außen stattfindet, wo das Spiel einfacher zu lesen ist. Immerhin sind die Außenverteidigerinnen durch die Seitenlinie in ihren Spielmöglichkeiten limitiert – und hier schnappt die Falle zu:

    1. Gleich beim Anstoß laufen Martens, van de Donk, Miedema und van de Sanden aggressiv im Viererblock an. Groenen und Roord sichern das Zentrum gegen den  potenziellen Exit-Ball.

    2. Brasilien kann sich aus der ersten Drucksituation befreien und will nun am linken Flügel aufbauen. Miedema nimmt die beiden ZM in den Deckungsschatten, LIV passt raus auf LV. Van de Donk ist inzwischen in die Mittelfeld-Viererkette zurückgefallen. Groenen sichert den Zwischenlinienraum.

    3. Van de Sanden stellt die brasilianische LV an der Außenlinie. Miedema schließt den Passweg zurück zur LIV, sodass der LV nur eine Spielrichtung bleibt. Wilms verfolgt LM konsequent. Groenen nimmt die LS auf.

    4. Selbst für eine weltklasse Spielerin wie Marta (LM) ist es schwierig sich aus einer solchen Drucksituation gegen drei Gegnerinnen zu befreien. Den entscheidenden Fehler provoziert Roord – Marta spielt den Ball ins Aus.

Asymmetrien und Spielverlagerungen

Mit Dominique Janssen links und Lynn Wilms rechts laufen gleich zwei Spielerinnen vom VfL Wolfsburg als Außenverteidigerinnen für Oranje auf. Während Janssen im Spielaufbau jedoch eher Kontakt zur Kette hält, sucht Wilms an der Linie früh den Weg in die Tiefe. So entsteht eine gewisse Asymmetrie, die den Niederländerinnen in einem Dreier-Aufbau und auf der linken Seite Überzahl ermöglicht. So schaffen sie es immer wieder die Gegnerinnen auf links zu binden und anschließend schnell nach rechts zu verlagern, wo mit Wilms und Shanice van de Sanden (ebenfalls VfL Wolfsburg) zwei schnelle und offensivstarke Spielerinnen für Torgefahr sorgen können. Auch im Umschaltspiel nutzen die Niederländerinnen häufig das Mittel der horizontalen Verlagerung, anstatt direkt nach Ballgewinn den Weg in die Tiefe zu suchen:

    1. Martens setzt die chinesische RZM unter Druck. Die einzige Option ist der Pass auf RM, in deren Rücken Janssen bereits auf die Balleroberung lauert.

    2. Janssen verteidigt sofort nach vorne und spitzelt den Ball in Richtung van de Donk.

    3. Unter Druck erkennt van de Donk, dass ein direkter Gegenstoß über Beerensteyn oder van de Sanden keine erfolgsversprechende Option ist. Sie sichert den Ball und spielt auf Roord, die sich in den Rückraum abgesetzt hat.

    4. Die Chinesinnen wollen rausschieben. RM setzt Roord direkt unter Druck, die allerdings von Janssen unterstützt wird. Mit einem klugen Pass nach hinten außen nimmt Roord Druck vom Ball und lockt den chinesischen Abwehrverbund ein Stück vor, während Wilms auf der anderen Seite reichlich Platz vor sich hat.

    5. Janssen verlagert ohne Umwege durch auf Wilms, die den Ball sofort nach vorne an- und mitnimmt. Sie dribbelt die chinesische LM an und passt dann raus auf van de Sanden, die mit ihrem Lauf die gegnerische LV an sich bindet.

    6. Van de Sanden stellt ihren Körper clever in den Zweikampf und schirmt den Ball so ab, dass LV ins Leere läuft. Nun hat van de Sanden viel Platz um im Tempo Richtung Strafraum zu gehen. Martens bleibt lange auf der ballfernen Seite und zwingt RV Kontakt zu ihr aufzunehmen, während Beerensteyn blank steht.

    7. Die Flanke von van de Sanden fliegt einmal quer über die chinesische Viererkette in Richtung Beerensteyn. Martens zieht RV mit in die Mitte und positioniert sich am Elfmeterpunkt. Van de Donk startet ebenfalls zielstrebig in den Strafraum.

    8. Durch Martens Lauf hat Beerensteyn viel Zeit den Ball am zweiten Pfosten zu verarbeiten. Ihr Chip-Ball segelt über die chinesische Verteidigung hinweg ins Netz.

Rekordstürmerin Miedema

Die Niederlande verfügt über einen durchweg erstklassig besetzten Kader und mit Lieke Martens vom FC Barcelona sogar über eine ehemalige Weltfußballerin in den eigenen Reihen. Gemeinsam mit van de Donk wurde sie 2017 Europameisterin und gewann in der abgelaufenen Champions League Saison den Henkelpott. Ebenfalls Teil des Teams beim Gewinn der Europameisterschaft war Vivianne Miedema vom FC Arsenal. Die ehemalige Bayern-Stürmerin kann in ihrer Karriere auf eine sagenhafte Torquote zurückblicken und hat auch bei diesem Turnier bereits in der Gruppenphase einen neuen Rekord aufgestellt: Sie erzielte acht Tore in drei Spielen – stand aber lediglich 177 Minuten auf dem Platz. Die 25-jährige Mittelstürmerin ist mit beiden Füßen eiskalt im Abschluss und beherrscht den Strafraum mit raumschaffenden Bewegungen und wenigen, aber dafür sehr sauberen Ballkontakten.

    1. Janssen nutzt die verhältnismäßig enge Stellung der Brasilianerinnen, um den Ball direkt an der Linie entlang zu Martens zu spielen. Miedema hält indes die Tiefe, sodass van de Donk weiterhin viel Platz im Zwischenlinienraum hat.

    2. Martens erläuft das Zuspiel und zieht dabei die brasilianische RV aus der Kette. Sie lässt den Ball direkt auf van de Donk klatschen, die wiederum ins Dribbling geht und die Lücke zwischen RV und RIV attackieren will.

    3. Van de Donk muss abbrechen, weil die brasilianische RZM rechtzeitig hinter den Ball kommt. Mit dem Pass auf Groenen lockt sie den brasilianischen Defensivverbund ein Stück vor, während van de Sanden am rechten Flügel die Breite hält und signalisiert, dass nun die Zeit für eine Verlagerung gekommen ist.

    4. Wilms fordert auf rechts den Ball in den Lauf. Groenen verlagert durch und van de Sanden zieht in die Mitte, um den Flügel frei zu machen. Miedema bleibt auf der ballfernen IV.

    5. Wilms treibt den Ball weiter auf die brasilianische Abwehrkette zu. Van de Sanden zieht die LIV mit zum ersten Pfosten, Miedema hält zunächst ihre Position auf der ballfernen Seite. Mit dem Rausrücken von LV kommt der Pass von Wilms auf Miedema, die inzwischen ins Zentrum eingelaufen ist.

    6. Aufgrund der drei Spitzen stand die brasilianische Viererkette lange Zeit verhältnismäßig breit, sodass sich Miedema mit einer geschickten Bewegung um die RIV drehen und den Platz zwischen RIV und RV nutzen kann.

    7. Miedema schließt unmittelbar nach der Drehung mit dem linken Fuß ins rechte untere Toreck ab.

Die WM 2015 war Wiegmans erstes großes Turnier als Nationaltrainerin. Zwei Jahre später gewann sie mit der Europameisterschaft 2017 den ersten großen Titel und erreichte bei der WM 2019 mit ihrem Team prompt das Endspiel gegen die USA. Auch wenn dieses letztendlich verloren ging, sind in den Niederlanden die Weichen für kontinuierlich erfolgreichen Frauenfußball in den nächsten Jahren gestellt.

Alles, was in unserer Kontrolle liegt, versuchen wir bestmöglich zu beeinflussen.
Sarina Wiegman, Nationaltrainerin Niederlande