Erkennen. Entscheiden. Schützen – Umgang mit Kopfverletzungen

Hilfestellungen bei der Erkennung, Versorgung und Rehabilitation von Kopfverletzungen

Bereits seit Jahren bemühen sich DFB und DFL darum, die Aufklärung und eine adäquate, dem aktuellen Wissensstand angepasste medizinische Versorgung von Kopfverletzungen sowie eine Implementierung entsprechender Maßnahmen in den Vereinen voranzutreiben.

Besondere Aufmerksamkeit zählt

Kopfverletzungen und insbesondere Gehirnerschütterungen erfordern im Fußball eine hohe Aufmerksamkeit und ein strukturiertes Vorgehen. Wie bei anderen Verletzungen gilt: Entscheidend ist nicht nur ob etwas erkannt wird, sondern wie es untersucht und eingeordnet wird. Bei einer Gehirnerschütterung können Beschwerden zudem schwanken oder verzögert auftreten – umso wichtiger sind eine gezielte Untersuchung, die richtige Entscheidung im Moment und eine konsequente Nachverfolgung. Für Trainer*innen, Spieler*innen sowie Betreuer*innen ist es daher wichtig zu wissen, welche Risiken bestehen und welche Schritte Sicherheit geben.

Besondere Risiken
  • Dynamischer Verlauf der Symptome
  • Risiko eines Second-Impact-Syndroms (Zweiter Kopftreffer, während die Symptome der ersten Gehirnerschütterung noch nicht ausgeheilt sind – kann in seltenen Fällen zu einer möglicherweise tödlichen Gehirnschwellung führen)
  • Erhöhtes Risiko für Folgeverletzungen an anderen Körperteilen bei verfrühter Rückkehr
  • Beeinträchtigung der Entscheidungsfähigkeit und Leistung
  • Höheres Risiko für Kopfverletzungen bei Frauen – teils bereits bei geringeren Krafteinwirkungen
  • Erhöhtes Risiko für anhaltende Beschwerden/Langzeitfolgen, wenn eine Gehirnerschütterung nicht erkannt, nicht angemessen versorgt oder zu früh belastet wird (RTP/RTC)

Drei Anhänge für die bestmögliche Behandlung im Spitzenfußball

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat die Arbeitsgruppe „Medizin im Profifußball“ eingerichtet – als Weiterentwicklung der Task Force „Sonderspielbetrieb“ aus der Pandemie – und arbeitet darin eng mit der Medizinischen Kommission des DFB zusammen, um medizinische Standards und Prozesse im Profifußball kontinuierlich weiterzuentwickeln. Zur Unterstützung der medizinischen Abteilungen der Vereine und zur bestmöglichen Erkennung, Versorgung und Rehabilitation von Kopfverletzungen finden sich in der "Broschüre Kopfverletzungen“ die folgenden drei Anhänge.

Anhang 1: Zur Erkennung einer Gehirnerschütterung
Anhang 2: Medizinisches Dokumentationsformular Gehirnerschütterung
Anhang 3: Freigabe für die Rückkehr
Anhang 1: Zur Erkennung einer Gehirnerschütterung

Um eine mögliche Gehirnerschütterung zuverlässig zu erkennen, sollten alle relevanten Symptomcluster sowie Begleitprobleme im Rahmen eines strukturierten Screenings erfasst werden. Dazu zählen insbesondere:

  • Kognition (z. B. Gedächtnis, Aufmerksamkeit)
  • Müdigkeit/Erschöpfung
  • Angst und Stimmungslage
  • Kopfschmerzen/Migräne
  • Sehvermögen (z. B. Verschwommensehen, Lichtempfindlichkeit)
  • Gleichgewicht/Koordination

Diese Symptome sollten klar benannt, verständlich kommuniziert und sowohl den Spielerinnen und Spielern als auch dem medizinischen Team bekannt sein. Für die praktische Umsetzung empfiehlt sich die Arbeit mit dem Formular „Beschwerden und Symptome einer Gehirnerschütterung“. Es unterstützt eine systematische Erfassung, erleichtert den Vergleich von Verläufen und schafft Transparenz für Entscheidungen entlang des Return-to-Play-Prozesses.

CRT6 – Sport Concussion Assessment Tool

Der CRT6 bietet Menschen ohne medizinische Ausbildung eine Orientierung, um eine mögliche Gehirnerschütterung zu erkennen, und unterstützt dabei, die nächsten Schritte angemessen einzuleiten. Er ersetzt jedoch keine ärztliche Diagnose: Bei Verdacht ist eine zeitnahe, gründliche klinische Untersuchung – insbesondere neurologisch – durch medizinisches Fachpersonal erforderlich. Die medizinische Beurteilung und Dokumentation (z. B. mit SCAT6/SCOAT6) sollte durch Ärztinnen und Ärzte erfolgen, die in der Versorgung von Kopfverletzungen geschult sind.

Bei Verdacht auf eine Gehirnerschütterung gilt: Spiel/Training sofort unterbrechen, Erste-Hilfe-Grundsätze beachten, Warnzeichen prüfen (z. B. Sehstörungen, starke Kopfschmerzen, Bewusstlosigkeit, zunehmende Verwirrtheit) und schnellstmöglich eine medizinische Betreuung organisieren.

Leitsätze, die bei Verdacht gelten:

  • "When in doubt, take them out" – Betroffene Spieler*innen werden konsequent aus dem Spiel genommen.

  • "Betroffene in den ersten Stunden nicht alleine lassen!" (um schwerere Hirnverletzungen nicht zu übersehen)
Anhang 2: Medizinisches Dokumentationsformular Gehirnerschütterung

Ein durchgängiges, transparentes Management nach einer Kopfverletzung lässt sich mit dem „Medizinischen Dokumentationsformular Gehirnerschütterung“ sicherstellen. Darin werden alle medizinischen Schritte nach der Auswechslung systematisch festgehalten – von der initialen Untersuchung über Verlaufskontrollen bis zur Freigabe. So ist nachvollziehbar, welche Maßnahmen ergriffen wurden, bis die Spielerin oder der Spieler eine ausreichende Verfassung für das „Return-to-Sport“ erreicht und sicher auf den Rasen zurückkehren kann.

Anhang 3: Freigabe für die Rückkehr

Eine Freigabe für die Rückkehr auf den Platz sollte erst durch die Mannschaftsärztin bzw. den Mannschaftsarzt erfolgen, wenn der Spieler oder die Spielerin alle Stufen des Return-to-Sport-Protokolls mit schrittweise steigender Belastung vollständig und beschwerdefrei absolviert hat. Grundlage hierfür ist das Formular „Return-to-Sport nach Gehirnerschütterung“. Das gilt analog und mit noch größerer Vorsicht natürlich auch in Teams, die keine Mannschaftsärzt*innen haben.

Die systematische Erfassung aller möglichen Symptome erleichtern während der Rehabilitation und dem Return-to-Sport-Protokoll eine sichere und und nachhaltige Rückkehr auf den Platz.
Prof. Dr. Dr. Claus ReinsbergerLeiter des Sportmedizinischen Instituts der Universität Paderborn und Mitglied der medizinischen Kommission des DFB