WM-Analyse

Torwartanalyse: Offensivspiel

Fakten rund um das Torwartspiel bei der FIFA-Weltmeisterschaft 2018, Teil 3

  1. Marc Ziegler

    Marc Ziegler, DFB-Torwart-Koordinator, hat mit Hilfe von 11 Experten das Torwartspiel aller 64 Begegnungen der FIFA-Weltmeisterschaft 2018 analysiert und ausgewertet.

Auf Basis der quantitativen Auswertungen und Schwerpunkt- Setzungen filterte das Analyse-Team auch für das Offensivspiel „prototypische“ WM-Szenen für diverse Bereiche dieses Anforderungsspektrums heraus (positiv und negativ). Wie bei der Ziel- und Raumverteidigung war es auch hier das Ziel, im Detail Erfolgsfaktoren für diese speziellen Torwart-Situationen herauszuarbeiten.

Analysebereich Offensivspiel

Fast 75 Prozent aller Torwart- Aktionen bei der FIFA-Weltmeisterschaft 2018 lassen sich dem Offensivspiel mit dem Fuß oder der Hand zuordnen! Ein „mitspielender Torwart“, der u.a. als Impulsgeber und erster Angreifer agiert, ist inzwischen Standard im Spitzenfußball. Dennoch existieren auch hier im Detail erhebliche Qualitätsunterschiede!

    1. Taktik: Munir orientiert sich nicht vor – damit erkennt er freie Mitspieler und bespielbare Aktionsraume nicht!

    2. Technik: Munir nimmt das Zuspiel nicht auf seinen linken Fuß in die Bewegung mit und stoppt den Ball zusätzlich „tot“.

    3. Taktik: Aufgrund des „Totstoppens“ des Balles kommt Munir unter Gegnerdruck, findet aufgrund der mangelhaften Vororientierung nicht die beste Lösung und ist gezwungen, den Ball wegzuschlagen.

    4. Technik: Aufgrund des Gegnerdrucks stimmt die Passqualitat nicht und er spielt den Flugball dem Gegner in den Fuß.

    1. Taktik: Sommer orientiert sich ständig vor. So ist er jederzeit optimal auf neue Spielsituationen eingestellt.

    2. Taktik: Sommer signalisiert eine deutliche Anspielbereitschaft: seine offene Stellung ist ein klares Signal an den Mitspieler. Seine Position und Distanz zum Passgeber ist gut, gleichzeitig hat er Kontakt zum Tor.
      Mannschaftstaktik: Zeitpunkt/Qualität des Rückpasses sind angemessen.

    3. Technik: Sommer hat sich über die mögliche Spielfortsetzung und schnellste Weiterspielvariante orientiert und setzt den 1. Kontakt zielgerichtet ein.
      Persönlichkeit/Präsenz: In der ganzen Situation zeigt sich Sommer entschlossen und mutig, den Spielaufbau des eigenen Teams fortzusetzen.

    4. Technik: Die anschließende Pass-Qualität ist optimal: Schärfe und Länge des Zuspiels – angemessene Flugkurve – Zuspiel in den Raum.
      Mannschaftstaktik: Die Feldspieler schaffen durch ein entschlossenes, abgestimmtes Anbieten Anspieloptionen in Überzahl für den Torwart.

    1. Fazit aus dem Negativbeispiel Munir (gegen Portugal):
      Eine Vororientierung ist ein elementar wichtiges taktisches Verhalten, um genug Entscheidungs-/Aktionsraum fur die beste Spiellösung zu bekommen.

    2. Fazit aus dem Positivbeispiel Sommer (gegen Serbien):
      Ständige Vororientierung ist die Basis für eine gute Spiellösung!
      Fußballerische Qualitäten des Torwarts sind die Basis für eine optimale Spielfortsetzung.
      Ein mutiger Spielaufbau über den Torwart ist der Startpunkt für das Herausspielen von Torchancen.
      Basis hierfür ist das Anbieten der Feldspieler, die (möglichst in offener Stellung) Anspieloptionen schaffen (Ziel: Überzahlsituationen).
      Um kein Tempo zu verlieren, möglichst den Raum vor dem Mitspieler bzw. den vorderen Fuß anspielen.
      Dieser auf direkten Ballbesitz ausgerichtete Spielaufbau unterscheidet sich vom Spiel auf den 2. Ball nach langen Torwart-Zuspielen.

    1. Taktik: Subašić zeigt keine eindeutige Anspielbereitschaft, befindet sich in geschlossener Stellung und ist noch in Bewegung beim Pass des Mitspielers. Beeinflusst durch seine unvorteilhafte Positionierung kommt es zu keiner Vororientierung und dem Scannen möglicher Anspiel- und Aktionsräume.

    2. Taktik: Subašić entscheidet sich für ein Zuspiel in die vordere Ebene.
      Technik: Die Pass-Qualität ist nicht optimal: So kommt es durch die zu hohe Flugkurve zu einem Zeitverlust. Außerdem ist die Zuspiel-Länge zu kurz. Folge ist eine Pressingmöglichkeit für den Gegner!

    3. Mannschaftsaktik: Für das Aufbauspiel über den Torwart existierten bessere Lösungsalternativen: Ein Tempoverlust inklusive gegnerischer Pressingmöglichkeiten hätte z.B. durch ein Torwart-Zuspiel in die Bewegung und eine gute Positionierung der Mannschaft vermieden werden können.

    4. Taktik: Der Torwart hat letztlich mögliche Lösungen für ein effizientes Aufbauspiel zu spät erkannt und somit technisch-taktisch nicht optimal umgesetzt.
      Mannschaftstaktik: Parallel dazu hätte eine geschicktere Positionierung des Teamverbandes weitere Anspiel-Optionen schaffen können.

    1. Taktik: Pickford signalisiert eine klare Anspielbereitschaft und positioniert sich am ballfernen Pfosten (Effekt: größere Distanz zum Gegner – weniger Gegnerdruck – größere Aktionszeit).

    2. Taktik: Pickford orientiert sich rechtzeitig vor und scannt seine (weitere) Spielumgebung: „1. Blick tief!“. Diese Vororientierung ist gekoppelt mit dem Prinzip bei der Entscheidungsfindung, bei gleichzeitigen Abspieloptionen stets die vorderste Ebene anzuspielen.
      Mannschaftstaktik: Bewusstes Positionieren des ballentfernten AV.

    3. Technik: Der 1. Kontakt bereitet die Anschlussaktion eines spielverlagernden Zuspiels optimal vor. Die anschließende Pass-Qualität ist optimal: Schärfe – Verarbeitbarkeit – Präzision. Außerdem ist eine große Variabilität zu erkennen: „Überreißen“ des Balles über die Schulterachse.

    4. Mannschaftstaktik: Das lange, präzise Torwart-Zuspiel gegen die Verschiebebewegung ist ein fest einstudiertes Element im Matchplan Englands, um Torchancen herauszuspielen!

    1. Fazit aus dem Negativbeispiel Subašić:
      Die dargestellte „Defizitkette“ des Torwarts und des kompletten Teams (z.B. mangelhafte Variabilität, schlechte Passqualität, mangelhafte Positionierung und Anspielbereitschaft) verhinderte eine erfolgversprechende Angriffschance!
      Für dieses komplexe Ineinandergreifen von Entscheidungen/Abläufen des Torwarts mit dem kompletten Team ist ein umfassendes und systematisches „integratives Training“ (W-A-S-I-C) erforderlich!

    2. Fazit aus dem Positivbeispiel Pickford:
      Die Einbindung des Torwarts in den „offensiven Matchplan“ eines Teams lässt sich nur durch ein umfassendes integratives Training erreichen, bei dem die teamtaktischen Abläufe im Aufbauspiel wettspielorientiert und unter Zeit-, Raum- und Gegnerdruck simuliert werden!
      Präzise, variable Schlagtechniken sind die erforderliche Basis für ein solch effizientes Offensivkonzept!

    1. Taktik: Ochoa bietet sich aktiv als Überzahlspieler an.

    2. Taktik: Er orientiert sich ständig vor und erkennt dadurch Räume im Rücken des Gegners. Er hat genug Zeit, den Ball zu verarbeiten.

    3. Technik: Mit einem sicheren 1. Kontakt bereitet er einen scharfen und präzisen Pass auf seinen zentral postierten Mitspieler vor.
      Mannschaftstaktik: Die Positionierung ist für einen Aufbau durch das Zentrum gut. Die zentrale Anspielstation hätte sogar die Möglichkeit, aufzudrehen.

    4. Mannschaftstaktik: Der Torwart „zwingt“ mit seinem Zuspiel seinen Mitspieler zu einer an sich möglichen Angriffsfortsetzung, auf die er aber nicht eingestellt ist. Der schlechte Rückpass des Mitspielers wird abgefangen und es folgt ein hochriskanter Ballverlust zentral vor dem Tor.

    1. Taktik: Sommer signalisiert eine deutliche Anspielbereitschaft. Gleichzeitig hat er sich vor seinem Anbieten bereits einige Male vororientiert.

    2. Technik/Taktik: Mit seinem 1. Kontakt bewegt er sich weg vom anlaufenden Angreifer und verschafft sich Zeit und Aktionsraum. Er bleibt ruhig und findet einen gut positionierten Mitspieler.

    3. Mannschaftstaktik: Der konstruktive, sichere Spielaufbau von hinten heraus auch gegen einen „pressenden“ Gegner ist ein festes spielkonzeptionelles Element. Basis für die Umsetzung im Spiel ist neben erforderlichen Torwart-Qualitäten das aktive Freilaufen der betreffenden Mitspieler.

    4. Taktik: „Räume im Rücken des Gegners erkennen und bespielen!“ – Durch die effiziente Umsetzung dieses Prinzips sind 2 Angreifer Brasiliens überspielt und die zentralen Aufbauspieler der Schweiz haben Zeit und Aktionsraum für eine Spielfortsetzung.

    1. Fazit aus dem Negativbeispiel Ochoa (gegen Südkorea):
      Die bewusste Einbindung des Torwarts als „1. Angriffsspieler“ in die offensive Spielkonzeption eines Teams ist ein effizientes Angriffsmittel und erweitert die Variabilität. Allerdings müssen die Aktionen aller beteiligter Spieler aufeinander abgestimmt und konsequent umgesetzt werden!
      Das Spiel auf den „Sechser“ ist eine riskante Spielfortsetzung und bedarf einer guten Vororientierung und mannschaftstaktischen Abstimmung!

    2. Fazit aus dem Positivbeispiel Sommer (gegen Brasilien):
      Die bewusste Einbindung des Torwarts als „1. Angriffsspieler“ in die offensive Spielkonzeption eines Teams schafft zusätzliche Angriffsoptionen und erweitert die Angriffsvariabilität.
      Das Spiel auf den „Sechser“ ist eine wichtige Option, um eine Spielfortsetzung aus zentraler Position zu ermöglichen.

    1. Taktik: Subašić zeigt keine Anspielbereitschaft, seine Stellung ist nicht offen zum kompletten Spielfeld und er erkennt mögliche Spielfortsetzungen nicht. Keine Vororientierung!

    2. Technik/Taktik: Aufgrund eines mangelhaften 1. Kontakts kann der Gegner noch dynamisch anlaufen und die Distanz zu Subašić so verringern, sodass...

    3. Technik/Taktik: ...dieser unter Druck kommt und unkontrolliert agieren muss.
      Mannschaftstaktik: Der IV signalisiert durch seine Position durchaus seine Anspielbereitschaft – durch seine mangelhafte Vororientierung bzw. Technik erkennt Subašić in der Drucksituation jedoch diese Option nicht.

    4. Technik/Taktik: Der „Druck“ wirkt sich negativ auf die Passqualität aus – letztlich spielt Subašić einen Flugball zum Gegner – zudem in einen hochriskanten Raum im Zentrum!

    1. Taktik: Pickford agiert in offener Stellung, signalisiert eine klare Anspielbereitschaft, hat durch eine gute Vororientierung einen umfassenden Spielüberblick und eröffnet sich diverse Optionen zur Spielfortsetzung.

    2. Technik/Taktik: Pickford nimmt den Rückpass in die Bewegung vom anlaufenden Gegner weg in den freien Raum mit, sodass der Ball sofort spielbar ist. Zudem erkennt er den freien Angriffsraum.

    3. Technik/Taktik: Pickford spielt mit der nötigen Passschärfe in den freien Raum zum Mitspieler an der Seitenlinie und in den Rücken der gegnerischen Stürmer, obgleich der AV keine klare Anspielbereitschaft signalisiert (taktisches Mittel?).
      Mannschaftstaktik: Raumaufteilung/Tiefenläufe binden viele Schweden!

    4. Mannschaftstaktik: Der AV bekommt die Möglichkeit aufzudrehen – Mit diesem effizienten Spielaufbau mithilfe des Torwarts sind somit bereits 2,5 Gegenspieler aus dem Spiel genommen und eine erfolgversprechende Situation für die Spielfortsetzung ins Angriffsdrittel hergestellt.

    1. Fazit aus dem Negativbeispiel Subašić (gegen Argentinien):
      Stimmen die technisch-taktischen Basics nicht (z.B. Vororientierung – 1. Kontakt), können daraus unbeherrschbare Drucksituationen resultieren.
      Spielkonzeptionelle Abläufe wie ein kontrollierter Spielaufbau über den Torwart von hinten heraus funktionieren dann nicht.

    2. Fazit aus dem Positivbeispiel Pickford (gegen Schweden):
      Die Einbindung des Torwarts in den „offensiven Matchplan“ eines Teams lässt sich nur durch ein umfassendes integratives Training erreichen, bei dem die Abläufe positionsübergreifend abgestimmt und einstudiert werden.