WM-Analyse

Torwartanalyse: Raumverteidigung

Fakten rund um das Torwartspiel bei der FIFA-Weltmeisterschaft 2018, Teil 2

  1. Marc Ziegler

    Marc Ziegler, DFB-Torwart-Koordinator, hat mit Hilfe von 11 Experten das Torwartspiel aller 64 Begegnungen der FIFA-Weltmeisterschaft 2018 analysiert und ausgewertet.

Auf Basis der quantitativen Auswertungen und betreffenden Schwerpunkt-Setzungen filterte das Analyse-Team „prototypische“ WM-Szenen für diverse Teilbereiche der Raumverteidigung heraus (positive und negative Aktionen!), um im Detail Erfolgsfaktoren für diese Torwart-Situationen herauszuarbeiten.

Analysebereich Raumverteidigung

Das Agieren in diversen Situationen der Raumverteidigung ist ein zentraler Anforderungsbereich für jeden Torwart. Dabei reicht das Spektrum vom Agieren bei Querpässen und hohen Flanken, über das antizipierende Mitspielen bei Pässen in die Tiefe bis hin zum Organisieren der Defensive z.B. bei Standards. Detaillierte Analysen aller dieser Anforderungssituationen bringen die erwarteten Impulse und Orientierungspunkte.

    1. Technik: Subašić nimmt eine etwas aufrechte Grundstellung ein und steht in halboffener Stellung.
      Mannschaftstaktik: Durch die tiefe Positionierung des Teams am eigenen Torraum hat der Torwart kaum Aktionsräume für das Agieren in der RV.

    2. Taktik: Der Ball hat etwa die Hälfte des Weges zum späteren Torschützen zurückgelegt: Subašić bricht die Vorwärtsbewegung zur RV ab und entscheidet sich zur ZV.
      Technik: Subašić hat eine schlechte Körperposition mit dem Körperschwerpunkt und den Armen hinten – in dieser Position ist er kaum aktionsbereit.

    3. Taktik: Subašić ist im Moment des Kopfballs zwar in einer guten, tiefen Position – er schafft es aber nicht, rechtzeitig Balance zu finden, um die für die ZV erforderliche Technik (Abdruck zum Ball) einzuleiten.
      Technik: Er hat im Moment des Kopfballs keine geeignete Grundstellung für die Aktion in der ZV.

    4. Taktik: Subašić schafft es letztlich nicht in eine Position zu kommen, um in der Situation mit einer geeigneten Technik auf den Ball zu reagieren!
      Mannschaftstaktik: Aufgrund der tiefen Positionierung und eines schlechten Zweikampfverhaltens der Defensivspieler lässt Kroatien einen Kopfball aus 6 Metern zu.

    1. Mannschaftstaktik: Die Mannschaft positioniert sich tief im Strafraum –dadurch bleibt dem Torwart nur ein geringer freier Aktionsraum.
      Taktik: Der Torwart passt seine Position im Raum der Staffelung seiner Mannschaft an und steht eher defensiv.

    2. Mannschaftstaktik: Durch die tiefe Positionierung der Mannschaft ist der direkte Weg zum Ball durch viele Mit- und Gegenspieler versperrt.
      Taktik: Mit dem gespielten Ball springt Subašić viel zu hektisch nach vorne. Dadurch verliert er die Balance für die Folgeaktionen.

    3. Taktik: Mit dem Kopfball passt Subašić seine Position erneut mit einem kleinen Sprung nach hinten an, um wieder in Balance zu kommen. Dadurch kommt er aber viel zu spät zum Stehen und ist nicht rechtzeitig fertig, um effizient auf den Abschluss reagieren zu können.

    4. Mannschaftstaktik: Der geringe Aktionsraum für den Torwart wird durch das Einlaufen der Spieler noch kleiner!
      Taktik: Aufgrund der kurzen Distanz des Abschlussspielers zum Tor und seiner späten Aktionsbereitschaft kann sich Subašić nicht abdrücken.
      Persönlichkeit/Präsenz: Zudem lässt er den absoluten Willen vermissen, das Tor zu verteidigen.

    1. Negativbeispiel Subašić gegen Russland
      Durch das tiefe Positionieren der Mannschaft im Strafraum hat der Torwart kaum Aktionsraum, die Flanke zu attackieren und den Kopfball zu parieren!
      Der Torwart verliert durch sein taktisch schlechtes Agieren Zeit, um die nötige Technik rechtzeitig einzusetzen. Als Folge kommt der Gegner aus kurzer Distanz zum Torabschluss

    2. Negativbeispiel Subašić gegen Frankreich
      Aufgrund seines hektischen Handelns, der damit verbundenen Timing- Problematik und der geringen Distanz der Angreifer zum Torwart kommt Subašić nicht dazu, sein technisches Repertoire einzusetzen.

    1. Taktik: Lloris nimmt durch lautstarkes Coaching Einfluss auf seine Mitspieler und zeigt dadurch große Präsenz.
      Mannschaftstaktik: Das Team lässt den Strafraum komplett frei, sodass der Torwart freie Aktionsräume für seine Raumverteidigung hat.

    2. Taktik: Durch klares Coaching schickt Lloris einen 2. Defensivspieler heraus, um bei einem kurzen Ausspielen des Freistoßes Gleichzahl herzustellen.
      Technik: Lloris nimmt eine halboffene, relativ aufrechte Grundstellung ein.

    3. Taktik: Lloris ist zu ungeduldig und startet, bevor er die Flugbahn der Flanke richtig eingeschätzt hat.
      Technik: Dadurch muss er seine Bewegung zum Ball abbrechen.

    4. Taktik: Lloris entscheidet sich konsequent, den Ball unter Gegnerdruck aus der Gefahrenzone zu fausten.
      Technik: Durch das vorherige Abstoppen muss Lloris beidbeinig abspringen. Dennoch kommt er zu einer beidhändigen Faustabwehr mit gutem Impuls und kann den Ball aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich klären.

    1. Taktik: Lloris positioniert sich so, dass alle Folgehandlungen offen sind.
      Mannschaftstaktik: Die Mannschaft lässt den Strafraum komplett frei, sodass der Torwart freie Aktionsräume für seine Raumverteidigung hat.
      Technik: Lloris nimmt eine relativ aufrechte Grundstellung in leichter Schrittstellung ein.

    2. Taktik: Lloris trifft eine klare Entscheidung und schaltet von RV auf ZV um. Er weicht schnell in die tiefe Position zurück: Vergrößerung der Distanz zum Schützen, der Reaktionszeit und des Zeitfensters zum Ausführen der Technik. Dadurch kommt er rechtzeitig in guter Balance zum Stehen (Stürmer trifft Ball) und kann mit der technischen Ausführung rechtzeitig beginnen.

    3. Technik: Aufgrund des vorangegangenen breiten Splitsteps setzt Lloris denAbdruck nach innen und schiebt seinen Körperschwerpunkt über das Abdruckbein, um sich dynamisch abdrücken zu können.

    4. Technik: Durch die situativ richtigen technisch-taktischen Abläufe kommt Lloris zu einem dynamischen Abdruck mit größtmöglicher Streckung, um den Kopfball zu verteidigen.
      Mannschaftstaktik: Besseres Nachsetzen zum 2. Ball durch die Defensivspieler.

    1. Fazit aus beiden Beispielen

    2. Durch das Freilassen des Strafraums kann der Torwart relativ ungestört im Raum agieren und hat genug Reaktionszeit, um durch Anwendung seiner Torwart-Techniken das Tor zu sichern.
      Die positionsspezifischen Möglichkeiten des Torwarts, den Ball mit den Händen zu sichern, können somit optimal genutzt werden.
      Durch rechtzeitige Entscheidungen und ein entschlossenes Agieren gewinnt der Torwart Zeit, um die nötige Technik effizient einsetzen zu können.

Daten und Fakten sind nicht alles, aber sie haben beispielsweise eine große Aussagekraft darüber, wie häufig Torhüter welche konkreten Situationen lösen müssen. Und genau da setzt dann unsere qualitative Detail-Analyse an!

Klaus Thomforde, Torwarttrainer der U21- Nationalmannschaft