WM-Analyse

Torwartanalyse: Zielverteidigung

Fakten rund um das Torwartspiel bei der FIFA-Weltmeisterschaft 2018, Teil 1

  1. Marc Ziegler

    Marc Ziegler, DFB-Torwart-Koordinator, hat mit Hilfe von 11 Experten das Torwartspiel aller 64 Begegnungen der FIFA-Weltmeisterschaft 2018 analysiert und ausgewertet.

Das Verhindern von Gegentoren in der Zielverteidigung ist ein wichtiger Kern des Torwartspiels. In diesem Analysebereich war der Fokus deshalb darauf gerichtet, wie Spitzentorwarte mittels des Einsatzes aller Taktiken bzw. situativ richtig eingesetzter Techniken die Torabschlüsse des Gegners entschärfen.

Torwart- Analyse aller 64 WM Spiele

Im nationalen und internationalen Spitzenfußball kommt es auf jedes Detail an. Das trifft insbesondere auf das Torwartspiel zu. Speziell auf dieser Position hat sich mit der Zeit das Anforderungsprofil extrem erweitert. Torhüter auf Top-Niveau müssen nicht nur die Ziel- und Raumverteidigung beherrschen, sondern auch als „elfter Feldspieler“ fußballerisch sicher und variabel agieren. Nicht zuletzt wegen dieser stetigen Ausdifferenzierung der Anforderungen bietet ein WM-Turnier die einmalige Chance zu einer aktuellen Positionsanalyse. Schließlich kommen hier die weltbesten Torhüter zusammen. Mithilfe der Einbindung eines 12-köpfigen Expertenstabes konnten dabei erstmals alle 64 WM-Begegnungen im Detail analysiert werden – und das jeweils aus quantitativer und qualitativer Perspektive. Jede Torwart-Aktion wurde per Video-Auswertung erfasst und in einem vorgefertigten Analysebogen dokumentiert.

  1. Das umfangreiche Daten- und Faktenmaterial rund um das Torwartspiel bei der WM 2018 sowie eine detaillierte Gegentor-Analyse lieferte dabei erste wertvolle Orientierungspunkte für das Herausfiltern einzelner Analysebereiche und -punkte , die einer Detail-Auswertung unterzogen wurden.

  2. Dabei wurden die drei Analysebereiche Zielverteidigung, Raumverteidigung und Offensivspiel nochmals aus verschiedener Perspektive untersucht, um ein möglichst objektives Bild effizienter Torwart-Aktionen und Aktionsfolgen in verschiedenen Spielsituationen herauszuarbeiten.

    • Detaillierte quantitative Fakten zu dem jeweiligen Analysebereich.
    • Differenzierte Phasen-Analyse des jeweiligen Schwerpunktes, denn oft liegt die eigentliche Fehlerursache bzw. eine effizientere Eingriffsmoglichkeit des Torwarts bereits weit vor der unmittelbar beobachteten Torwart-Aktion.
    • Konsequenz: eine differenzierte Technik-Analyse ist stets an taktische Bezüge/Einflussfaktoren gekoppelt.

  3. Die detaillierten Szenen-Analysen und quantitativen Daten wurden nach einem durch das Experten-Team definierten Punkteschlüssel schließlich jedem WM-Torwart zugeteilt, sodass relativ „objektiv“ die Effizienz des jeweiligen Torhüters für den Mannschaftserfolg ermittelt werden konnte.

Gegentore als Folge teamtaktischer Trends

Weitere Rückschlüsse für mögliche Schwerpunkte einer Detail-Analyse lassen die konkreten Abschluss-Situationen bzw. Aktionen vor einem Gegentor zu. Die Verteilung dieser „Gegentor-Verursacher“ ist dabei zu einem großen Teil die direkte Folge übergreifender (teamtaktischer) Trends bei der FIFA-Weltmeisterschaft 2018. So resultieren Gegentreffer häufig im Anschluss an eine der vielen Standardsituationen bei der WM, die speziell für Torhüter schon immer ein besonderes Risiko bedeuteten – darunter eben auch viele Kopfball-Tore des Gegners. Hinzu kommt die relativ hohe Quote an Gegentoren nach Distanzschüssen (34%)– eine Folge u.a. tief verteidigender Defensivformationen bzw. auch der „Flattereigenschaften“ der WM-Bälle.
Eine erste quantitative Auswertung der Fehlerursachen ist auch hier als Orientierungspunkt für technisch-taktische Detail-Analysen interessant. Fast die Hälfte ist dabei dem Prinzip „Optimale Position und Distanz“ zuzuweisen. Das umfasst Situationen, in denen der Torwart verpasst hat, sein Stellungsspiel rechtzeitig dem Situationsverlauf anzupassen, um seine Ausgangsposition für eine erfolgreiche Aktion zum Ball zu verbessern.

    1. Taktik: Pickford passt seine Position (ausgerichtet an der Winkelhalbierenden/ WKH) nicht an. Die Distanz zum Ball bzw. zur eigenen Torlinie ist angemessen.

    2. Taktik: Pickford schafft es mit seinen kleinen Positionsanpassungen nicht, die optimale Position auf der WKH für die anschließende ZV-Aktion einzunehmen.
      Mannschaftstaktik: Der Defensivspieler lässt den Angreifer in das Zentrum ziehen und zum Abschluss kommen.

    3. Taktik: Nachdem der Ball bereits abgeschossen wurde, ist Pickford zusätzlich noch deutlich in der Luft. Somit müssen alle weiteren technischen Abläufe verzögert stattfinden.

    4. Technik/Taktik: Trotz Pickfords dynamischen Abdrucks sind die fehlerhaften technisch-taktischen Abläufe nicht zu kompensieren. Folge: Tor der Belgier.

    1. Technik: Courtois nimmt eine gute Grundstellung fur seine Aktionen in der Raum- bzw. Zielverteidigung ein.

    2. Technik: Courtois agiert mit einer guten Kombination der Schrittfolgen, um in eine optimale Position zu kommen: Kreuzschritt, um Weite zu gewinnen –Sidesteps zur Feinanpassung.

    3. Technik: Courtois kann somit aus einer „neutralen“ Grundstellung mit allen Techniken zum Ball agieren.
      Taktik: Mit dem Querpass passt er seine Position bestens an, so dass er im Schussmoment auf der WKH in stabiler Balance zum Stehen kommt.

    4. Technik: Er „taucht“ mit einem leichten Abdruck des ballfernen Beines ab, um Reichweite zu gewinnen und lenkt den Ball somit kontrolliert ins Toraus.

    1. Fazit aus beiden Beispielen

    2. Die Position auf der Winkelhalbierenden und die Distanz zur Spielsituation ist ständig anzupassen, um jederzeit eine optimale Ausgangsposition für eine mögliche Aktion zum Ball sicherzustellen.
    1. Taktik: Subasic nimmt von vornherein keine optimale Position ein. Zudem erkennt er nicht, dass ein Pass in die Tiefe nicht möglich ist. Daher müsste er sich definitiv für einen möglichen Schuss positionieren.
      Mannschaftstaktik: Früheres Herausschieben und Blocken des Schützen!

    2. Taktik: Im Verlauf der Spielsituation findet keine Anpassung der Position statt (wie im Bild simuliert!) statt. Dadurch bereitet Subasic seine Aktion für die ZV nicht ausreichend vor.

    3. Taktik: Neben seiner schlechten Positionierung ist Subasic auch nach dem Schuss mit seiner Auftaktbewegung nicht fertig.

    4. Taktik: Obwohl die Aktion in Tornähe stattfindet und mit einem Distanzschuss zu rechnen ist, hat Subasic sein Zeitfenster zur Positionsanpassung nicht genutzt und kann daher den Ball nicht verteidigen.
      Mentalität: Fazit: Die Leitlinie „Unbedingter Wille, das Tor zu verteidigen“ war nicht wie nötig ausgeprägt!

    1. Taktik: Courtois agiert aus einer guten Grundstellung heraus, bei der er stets in Balance und der Spielsituation angemessen positioniert ist. Dadurch ist er in jedem Moment auf eine ZV-Aktion vorbereitet.

    2. Taktik: Er orientiert sich mit dem Querpass schräg nach hinten auf der WKH.
      Mannschaftstaktik: Die Defensivspieler rücken konsequent vor, so dass Neymar nur die Option zum Direktschuss bleibt.
      Technik/Taktik: Courtois antizipiert diese Spielfortsetzung. Durch kleine Positionsanpassungen bleibt er in Balance und dadurch aktionsbereit.

    3. Taktik: Durch diese Anpassung seiner Position hat er eine tiefere Position zum Ball und damit eine längere Reaktionzeit für eine optimale Technik-Ausführung.
      Technik: Durch einen Auftaktsprung nach hinten liegt sein Körperschwerpunkt vorne. Folge ist eine stabile Balance!

    4. Technik: Ein Zwischenschritt ohne Raumgewinn mit Abdruck nach außen leitet die erfolgreiche Aktion zum Ball ein: Übergreifen mit voller Körperstreckung! Courtois verhindert den Ausgleich durch einen „Big Save“ in der Schlussphase des Spiels.

    1. Negativ: Subasic (Kroatien- Russland)
      Der Torwart muss sein Stellungsspiel engstens mit der spielkonzeptionellen Ausrichtung des kompletten Defensivverbandes und seiner Mitspieler abstimmen, um seine torwartspezifischen Techniken bestmöglich einsetzen zu können!

    2. Positiv: Courtois (Brasilien- Belgien)
      Das konsequente Agieren des Defensivverbandes minimiert die Optionen der gegnerischen Angreifer. Courtois kann somit die Spielfortsetzung antizipieren und vorausschauend agieren. Daraus resultiert letztlich ein Raum- und Zeitgewinn für seine erfolgreiche Aktion: „Der Torwart wird zum Spielentscheider!“

    1. Taktik: Armani passt zunächst seine Position aufmerksam und mit der Ballbewegung an.
      Technik: Er befindet sich in guter Balance.

    2. Taktik: Kurz vor dem Torchuss erreicht er eine eigentlich optimale Position aus der er auf den möglichen Torabschluss reagieren könnte.

    3. Taktik: Armani bleibt nicht geduldig, sondern bewegt sich zum Ball hin. Er verlässt dadurch seine taktisch gute Position und Grundstellung.

    4. Technik: Der Oberkörper leitet die Bewegung ein. Aufgrund seiner mangelhaften Balance „hängt“ Armani aber mit dem Körper hinter den Füßen. Er drückt sich gut ab – weil der Körperschwerpunkt jedoch hinter dem Abdruckpunkt liegt, erreicht er dennoch nicht den Ball!

    1. Taktik: Sommer passt durch kleine Bewegungen seine Position permanent an, bleibt dabei aber stetig in Balance.

    2. Taktik: Sobald das Standbein des Schützen aufsetzt, kommt Sommer rechtzeitig zum Stehen und ist in Balance. Er kann in alle Richtungen reagieren!

    3. Technik: Aufgrund seiner guten Positionierung und des perfekten Timings ist Sommers Körper auf dem halben Ballweg zum Tor bereits über dem Abdruckbein.

    4. Technik: Dadurch kann er sich dynamisch abdrücken und lenkt den Ball noch ab.

    1. Negativ: Armani (Frankreich- Argentinien)
      Falscher „Aktionismus“ mit unnötigen Bewegungen und taktisch unklugen Positionierungen kann die Ausgangssituation für einen „Ballangriff“ und effizienten Technik-Einsatz enorm verschlechtern!

    2. Positiv: Sommer (Schweden- Schweiz)
      Aus der richtigen taktischen Beurteilung der Situation inklusive der eigenen Möglichkeiten resultiert eine optimale Anpassung der Position und die rechtzeitige Einleitung einer effizienten Technik-Ausführung.

    1. Taktik: Courtois passt seine Position dem Situationsverlauf und der Ballposition an, findet dabei aber nicht die optimale Position auf der WKH. Er zeigt stetige Aktionsbereitschaft. Im Schussmoment als der Angreifer das Standbein zum Schuss setzt, hat Courtois aufgrund seines Timings eine gute Grundstellung.

    2. Taktik: Mit dem Torschuss macht Courtois jedoch einen Auftaktsprung und kommt zu einer extrem breiten Position.

    3. Technik: Der Oberkörper leitet die Aktion noch gut ein, aber aufgrund der breiten Grundstellung kommt es zu einem Abdruck nach innen, der zu weit nach vorne gesetzt ist.

    4. Technik: Als Folge ist der Körperschwerpunkt zu weit hinter dem Abdruckpunkt, so dass der Ball letztlich nicht erreicht wird!

    1. Taktik: Courtois vertraut seiner Positionierung und wartet geduldig auf den Torschuss.

    2. Taktik: Dadurch steht er im Schussmoment rechtzeitig in Balance und ist aktionsbereit.

    3. Taktik: Er agiert mit dem Torabschluss sofort Richtung Ball!
      Technik: Dynamischer Abdruck aus einer guten Grundstellung – Sein Körperschwerpunkt schiebt diagonal nach vorne über das Abdruckbein.

    4. Technik: Dieser dynamische Ablauf macht letztlich eine erfolgreiche Aktion möglich: Courtois kommt in die volle Streckung und lenkt den Ball bewusst zur Seite.

    1. Fazit aus dem Negativbeispiel Courtois (gegen Japan)
      Die taktisch nicht optimale Positionierung und die fehlerhafte Ausführung der Technik führen zu einem Gegentor.
      Detailarbeit und Automatismen sind erforderlich, um unter dem Zeitdruck einer Spielsituation die „richtige“ technische und taktische Ausführung aussuchen und effizient anwenden zu können!

    2. Fazit aus dem Positivbeispiel Courtois (gegen Brasilien)
      Die taktisch richtige Positionierung ist die Basis, um eine Situation mit dem betreffenden Technik-Repertoire erfolgreich lösen zu können.
      Detailarbeit und Automatismen sind dabei erforderlich, um unter dem Zeitdruck einer Spielsituation die „richtige“ technische und taktische Ausführung aussuchen und effizient anwenden zu können und um den Ball mit einem guten Abdruck halten zu können!

    1. Technik: Lloris erwartet in halboffener, relativ aufrechter Stellung den Ball.
      Taktik: Seine Position in Erwartung des Eckballs ist definiert.
      Mannschaftstaktik: Frankreich agiert mit einer klaren Gegner-Zuteilung beim Eckstoß mit einem zusätzlichen freien Spieler am Torraum.

    2. Technik: Lloris leitet die Bewegung in eine neue Position zur Zielverteidigung (ZV) ein.
      Taktik: Sobald Lloris erkennt, dass eine Aktion in der Raumverteidigung (RV) nicht möglich ist, postiert er sich tief im Tor für die ZV. Er wendet dabei seinen Blick bereits vorausschauend (Antizipation!) auf die erwartete Aktionsstelle!

    3. Taktik: Beim Kopfball des Angreifers nimmt Lloris eine optimale Position zur ZV ein.
      Technik: Mit kleinen, kurzen Sidesteps erreicht er die Position zur ZV und ist in Balance.
      Mannschaftstaktik: Trotz der Zuordnung kommt ein gegnerischer Stürmer zum Kopfball.

    4. Taktik: Lloris erkennt den im Torraum einlaufenden Stürmer und schaltet blitzschnell von der ZV zur RV um.
      Technik: Mutiger, explosiver Ballangriff nach vorne mit einer beidhändigen Faustabwehr. Er klärt den Ball vor dem Stürmer!

    1. Taktik: Er nimmt eine tendenziell defensivere Startposition ein, wodurch er im Raum agieren kann, aber auch das Tor kontrolliert.
      Technik: Sommer erwartet in halboffener Grundstellung den Freistoß.
      Mannschaftstaktik: Der Defensivverband der Schweiz positioniert sich hoch, womit viel Raum für eine mögliche RV des Torwarts existiert.

    2. Taktik: Sommer schätzt geduldig die Position des Balles ein bevor er entschlossen handelt. Schließlich entscheidet er sich für die ZV und weicht dann schnell in eine tiefe Position zurück. Dadurch vergrößert er die Distanz zum Schützen und die Reaktionszeit zur technischen Ausführung steigt.

    3. Taktik: Er kommt rechtzeitig in guter Balance zum Stehen.
      Technik: Sommer agiert aus einer tiefen Grundstellung mit dem Köperschwerpunkt vorne: die bestmögliche Ausgangsposition für die jeweilige Technik (hier das „Abtauchen“ zum Ball).

    4. Technik: Sommer löst die Situation mit einer effizienten Ausführung der erforderlichen Technik („Abtauchen“).
      Mannschaftstaktik: Nach bzw. mit der erfolgreichen Ballaktion des Torwarts antizipieren die Feldspieler nicht adaequat, sind zu wenig aufmerksam und positionieren sich nicht rechtzeitig neu.

    1. Positiv: Lloris (Uruguay- Frankreich)
      Viele Situationen sind vom Torwart nicht mit der ersten bzw. vorgeplanten Aktion zu lösen. Häufig muss er stattdessen seine Aktionen an blitzschnelle Situationswechsel anpassen und umschalten. Wichtig: stetige Wachsamkeit!

    2. Positiv: Sommer (Brasilien- Schweiz
      Die höhere Position des Defensivverbundes verbessert die Möglichkeiten des Torhüters für ein effizientes Eingreifen in der Raumverteidigung. Auch für die Feldspieler gilt: Niemals abschalten, blitzschnell umschalten!

Bei Gegentoren ist häufig nicht nur die unmittelbare Abschlussaktion interessant, sondern das Agieren des Torwarts in den Spielphasen davor! Denn häufig werden hier bereits die Weichen gestellt, ob er erfolgreich ist oder nicht!

Michael Fuchs, Torwart-Trainer der Frauen-Nationalmannschaft