Spielanalyse

Ballbesitzfußball à la
Maurizio Sarri

Die Spielidee des Trainers des aktuellen Europa-League-Siegers FC Chelsea zeichnen vertikales Kurzpassspiel, Tempowechsel, Spiel über den Dritten und das Überladen einer Zone aus.

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  1. Thomas Stillitano

    Thomas Stillitano, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert die Spielidee des Ballbesitzfußballs von Chelsea Trainer Maurizio Sarri im Europa-League-Finale gegen den FC Arsenal London.

Bereits vor seinem Wechsel 2018 zum FC Chelsea ließ Maurizio Sarri mit seiner damaligen Mannschaft, dem SSC Neapel, ebenfalls erfolgreichen Ballbesitz-Fußball spielen, der den Verein in der Saison 2017/2018 zum zweitstärksten Team Italiens aufsteigen ließ. Diese Spielidee – den sogenannten „Sarriball“ – setzte er diese Saison in London fort und gewann als Trainer so erstmals die Europa League.

Mit klarer Spielidee vom Amateur- zum Weltklasse-Trainer

Maurizio Sarri hat keine Vergangenheit als Profifußballer und doch hat sich der ehemalige Bänker über viele Jahre von den Amateurligen Italiens bis nach ganz oben in die Trainer-Weltspitze gearbeitet – und das mit einem Spielstil, der ansehnlich und spektakulär zugleich ist. Für Aufsehen im internationalen Fußball sorgte er das erste Mal mit dem SSC Neapel, mit dem er sich in drei Jahren stets direkt für die Gruppenphase der Champions League qualifizierte. Von Neapel zog es ihn daraufhin zum FC Chelsea, wo er in seinem ersten Jahr gleich die Europa League gewann. 2019/20 wird er nun Trainer beim italienischen Traditionsklub Juventus Turin.

"Sarriball"

Maurizio Sarris Ballbesitzspiel, welches er vorzugsweise im 4-3-3-System spielen lässt, ist u.a. von diesen Prinzipien geprägt: viele direkte Kurzpässe mit Rhythmuswechseln von der Ballzirkulation hin zum zielgerichteten Vertikalspiel sowie dem „Überladen“ einer Spielfeldseite, um die Passstafetten zu erleichtern. Zudem durch das Spiel über den Dritten, um das Verteidigen im engen Raum zu erschweren. So versucht sein Team, den Defensivverbund in bestimmte Zonen zu ziehen, dadurch einzelne Verteidiger aus den Abwehrreihen zu „locken“, um dann die entstehenden freien Räume in der Tiefe mit Tempo zu bespielen. Spielverlagerungen und Querpässe, um den Gegner horizontal zu bewegen und so Lücken zu reißen, wie es die meisten „Ballbesitz-Teams“ tun, sind insbesondere im Spielaufbau in der eigenen Hälfte bei Sarris Teams auszumachen, in der gegnerischen Hälfte hingegen eher selten zu beobachten. Diese Grundgedanken haben zudem den Vorteil, dass aufgrund der engen Staffelung bei Ballbesitz bei einem Ballverlust entsprechend reagiert werden kann. Denn die Wege, um den Ball sofort zurückzugewinnen, sind durch diese Raumaufteilung kurz und ermöglichen ein unmittelbares Gegenpressing.

    1. Giroud passt zum linken Außenverteidiger Emerson, der andribbelt. Die zentralen Mittefeldspieler Jorginho und Kovačić sowie die beiden Außenspieler bewegen sich in Richtung Ball.

    2. Emerson passt zurück zu Jorginho und setzt sich nach vorne in den Halbraum ins Angriffsdrittel ab. Chelsea „überlädt“ die linke Spielfeldhälfte.

    3. Chelsea hat eine 4-gegen-4-Gleichzahl im Angriffsdrittel. Jorginho passt zum freistehenden Hazard und lockt Innenverteidiger Sokratis aus der letzten Abwehrreihe heraus. Emerson läuft weiterhin in die Tiefe.

    4. Hazard bindet mit Ball Gegenspieler, Giroud ohne Ball. Den dadurch freigewordenen Raum im Rücken der Abwehr bespielt Hazard per Direktspiel in den Lauf des nach wie vor in die Tiefe laufenden Emerson.

    5. Emerson kommt aus spitzem Winkel zum Abschluss.

    1. Christensen passt zu Kovačić, der direkt zu Aziplicueta klatschen lässt, der daraufhin von Kolašinac angelaufen wird.

    2. Azpilicueta passt zu Jorginho. Özil verfolgt ihn zwar ...

    3. ... kann aber das direkte Weiterleiten zu Kanté nicht verhindern. Kanté löst sich von seinem Gegenspieler und nimmt mit dem ersten Kontakt nach innen an und mit.

    4. Jorginho läuft in die Tiefe, Kanté passt ins Zentrum zum freistehenden Hazard, der daraufhin auf die letzte Abwehrreihe zudribbelt.

    5. Hazard passt zu Jorginho, der direkt zu Giroud weiterleitet. Dieser dribbelt in Richtung Tor und schließt den Angriff per Torschuss ab.

    1. Emerson passt zu Kovačić, der direkt zu Jorginho klatschen lässt.

    2. Jorginho passt zum entgegenkommenden Hazard, der Maitland-Niles bindet und dadurch einen Raum in der Tiefe öffnet. Kovačić erkennt dies und läuft in die Tiefe.

    3. Hazard lässt direkt zu Kovačić klatschen, der den freien Raum zum Andribbeln nutzt. Außenverteidiger Emerson schaltet sich mit in den Angriff ein.

    4. Hazard und Kovačić spielen einen Doppelpass. Emerson hinterläuft im Sprint. Kovačić dribbelt in der Außenspur weiter in Richtung Tor.

    5. Kovačić passt zu dem im Rücken der Gegner stehenden Hazard, der nach innen dribbelt.

    6. Hazard passt zu Stürmer Giroud und geht seinem Abspiel nach. Emerson läuft in die Tiefe. Giroud hat die Option auf Hazard oder in den Lauf von Emerson klatschen zu lassen. Er entscheidet sich für ersteres. Hazard schließt auf das Tor ab.

Die andere Art Ballbesitzfußball

Die Idee von Sarris Ballbesitzfußball unterscheidet sich im Vergleich zu anderen Trainern insbesondere darin, dass er mit dem Ballvortrag meist auf Spielverlagerungen verzichtet und stattdessen eine Zone „überlädt“, in der über schnelle Kurzpassstafetten die Überzahl ausgespielt, Räume freigezogen und dann mit vertikalen Zuspielen in die Tiefe gespielt wird. Mit dieser ansehnlichen und erfolgreichen Spielidee gelang ihm der Sprung vom Amateur- zum Spitzenklub-Trainer.

Ich mag es, wenn mein Team das Spiel kontrolliert. Ich mag den Ballbesitzfußball sehr, und ich mag es, in der gegnerischen Hälfte zu spielen.

Maurizio Sarri, Cheftrainer Juventus Turin