Spielanalyse

Das Spiel im Blick

Das schnelle Spiel in die Tiefe kann durch ein taktisch cleveres Agieren bereits weit vor dem 1. Kontakt vorbereitet werden.

  1. Marcel Lucassen

    Marcel Lucassen war von 2008 bis 2015 als „Individualtrainer Technik-Taktik“ in der DFB-Eliteförderung und -Talentförderung rund um die U-Nationalmannschaften, Leistungszentren, die Landesverbände und das DFB-Talentförderprogramm engagiert. Inzwischen ist er „Director of Football Development“ beim FC Arsenal.

Dreht sich der Angreifer bereits vor der Ballkontrolle in die Spielrichtung auf, ist er zu einem schnelleren Spiel in die Tiefe in der Lage. Doch wie kommt er überhaupt in die sogenannte offene Stellung? Welche Unterschiede bestehen auf den Spielpositionen?

Das große Spiel entscheidet sich im Detail!

Es sind die vielen individuellen Details, die letztlich über das Gelingen einer Angriffsaktion entscheiden: Wann und wie sollte sich der Passempfänger dem Ballbesitzer anbieten? In welchen Fuß sollte das Zuspiel erfolgen? Und welche Stellung muss der Angreifer bei der Ballkontrolle einnehmen, um das Zuspiel sofort in die Spielrichtung mitnehmen zu können?

Um diese Details zu erkennen und Fehler entsprechend zielgenau zu korrigieren, ist es hilfreich, das individuelle Agieren bei Ballbesitz in einzelne Phasen zu unterteilen:

  • Räumliches Anbieten
  • Auftaktbewegung
  • Vororientierung
  • Offene Stellung
  • Ballaktion
  • Folgeaktion

So muss sich der Trainer nicht in Phrasen verlieren („Konzentriere Dich bei der Ballkontrolle!“, „Spiel schneller!“, „Mit Druck passen!“), sondern kann exakt bestimmen, in welcher Phase der Offensivaktion der Fehler aufgetreten ist und wie dieser behoben werden kann.

    1. Die Spielaufbaumannschaft wird zu einem Rückpass zum Torhüter gezwungen. Die Innenverteidiger setzen sich mit dem Zuspiel im Sprint nach hinten-außen ab, öffnen ...

    2. ... das Spielfeld in der Breite und drehen sich dabei bereits in die Spielrichtung auf. Achtung: Das Zuspiel so lange verzögern bis 5 tatsächlich offen steht.

    1. Mit dem Querpass von 4 zu 5 verschiebt der Gegner ballorientiert. 3 löst sich mit einer Auftaktbewegung in die Tiefe und zwingt so 11 einige Schritte zu folgen.

    2. Kurz entgegenkommen und in dem Raum anbieten, den 3 zuvor selbst geöffnet hat. Je nach Stellung des Gegenspielers in den rechten oder linken (optimal!) Fuß spielen.

    1. Auch im Zentrum empfiehlt sich, den knappen Spielraum durch eine Auftaktbewegung in die Tiefe zunächst zu öffnen, um sich dem Ballbesitzer anschließend...

    2. ...in offener (seitlicher) Stellung diagonal versetzt anzubieten. Nicht zu weit entgegenlaufen, um den Raum nicht zu verengen. Hinweis: „Der Ball kommt zu Dir, nicht Du zum Ball!“.

    1. Bei einem Durchbruch im Halbraum durch einen diagonalen Lauf in die Tiefe zunächst für einen Pass in die Schnittstelle anbieten. Schließt 2 die Lücke, abrupt nach außen absetzen.

    2. Richtig getimt, entsteht so der nötige Abstand zum Verteidiger, um das Zuspiel direkt nach vorne mitnehmen und auf den Verteidiger zudribbeln zu können.

    1. Mit dem Rückpass zu 8 öffnen 9 und 10 den Raum in entgegengesetzte Richtung. 10 bietet sich 8 dabei diagonal versetzt im Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld an.

    2. Tritt 5 heraus, löst sich 10 in die Tiefe. Bleibt er, kann sich 10 zum Tor aufdrehen. 9 bietet sich nach einer Lauffinte zwischen 2 und 4 an, der in der Regel ballorientiert einrückt.

Die Zergliederung individueller Handlungen bei Ballbesitz macht deutlich: Das Offensivspiel besteht nicht nur aus den eigentlichen Aktionen am Ball! Ebenso wichtig, aber viel weniger beachtet, ist das Spiel ohne Ball – das räumliche Anbieten mit der dazugehörigen Auftaktbewegung, die Vororientierung und die offene Spielstellung.

Ich kenne einen Spieler, der hat in zehn Jahren vier Trainer gehabt, die alle gefordert haben: "Du musst Deinen 1. Kontakt verbessern!" – aber kein einziger hat gesagt, wie!

Marcel Lucassen