Spielanalyse

Die neue Abstoßregel - was hat sie gebracht?

Was sich verändert hat und welche Auswirkungen die Regeländerung mit sich bringt.

  1. Marius Fischer

    Marius Fischer, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball.

Seit der Saison 2019/20 gilt eine neue Abstoßregel, die es Mannschaften nun erlaubt, einen Abstoß auch innerhalb des Strafraums anzunehmen. Zugleich darf die gegnerische Mannschaft diesen erst mit dem Pass des Torhüters betreten. Eine komplette Hinrunde ist mittlerweile gespielt, und wir haben uns einmal angeschaut, welche statistischen Auswirkungen es bisher gegeben hat und wie Teams die Regeländerung in ihrem Spielaufbau nutzen.

Kurz oder lang?

Obwohl einem Abstoß zumeist keine besondere Bedeutung zukommt, kann er doch Hinweise auf die Spielphilosophie einer Mannschaft geben. So gibt es grundsätzlich zwei Ansätze: Entweder wird der Fokus auf die Sicherung des Ballbesitzes gelegt, und der Ball dementsprechend kurz und kontrolliert zu einem Mitspieler gepasst, oder man überbrückt mit einem langen Abstoß möglichst viel Raum und versucht, über einen großen Zielspieler oder das Erobern des zweiten Balles anzugreifen. Hierbei ist das Risiko eines Ballverlustes allerdings deutlich höher als bei einem kurzen Abstoß. Dies belegen auch aktuelle Zahlen des Datendienstleisters Opta, der alle Abstöße der letzten und der laufenden Saison analysiert hat (ein 'kurzer' Abstoß wir dabei mit einer Distanz von bis zu 40 Metern vor dem eigenen Tor definiert):

Passgenauigkeit

  • Kurzer Abstoß: 97,7%
  • Langer Abstoß: 41,3%

Zurückgelegte Meter bis zum ersten Ballverlust

  • Kurzer Abstoß: 49 Meter
  • Langer Abstoß: 39,23 Meter
    1. Ederson führt den Abstoß kurz zu Stones aus.

    2. Stones passt in die Tiefe auf De Bruyne, der mit der Annahme seitlich aufdreht ...

    3. ... und in den Lauf von Cancelo passt.

    4. Cancelo passt in die Halbspur auf den nachgerückten De Bruyne, der den Ball auf Rodri weiterleitet.

    5. Rodri spielt eine Verlagerung in die linke Außenspur auf den startenden Mendy.

    6. Mendy hat viel Raum vor sich und dribbelt an.

    1. Dúbravka spielt einen langen, hohen Abstoß in die Zentrumsspur.

    2. Joelinton gewinnt das Kopfballduell und verlängert den Ball auf Almirón, ...

    3. ... der mit dem ersten Kontakt auf Saint-Maximin weiterleitet.

    4. Saint-Maximin hat Raum auf der linken Außenspur und kann auf die gegnerische Abwehrkette zudribbeln.

Mehr kurze Abstöße

Seit dieser Saison dürfen Spieler den Abstoß auch innerhalb des Strafraums annehmen. Die gegnerische Mannschaft darf diesen weiterhin erst betreten, wenn der Abstoß ausgeführt wurde. Dies hat dafür gesorgt, dass Mannschaften das Spiel nach einem Abstoß jetzt immer flach von hinten aufbauen können. Mit der alten Regel war man auch abhängig vom Gegnerverhalten: Stellte dieser beim Abstoß mit Manndeckung in vorderster Linie zu, war ein kurzer, flacher Spielaufbau nicht möglich. Jetzt bietet sich dem Torwart immer eine freie Anspielstation. Das sorgt dafür, dass der Anteil an kurzen Abstößen in dieser Saison von den Teams in den fünf größten europäischen Ligen deutlich erhöht wurde. Dies macht die folgende Grafik in Zahlen deutlich:

Taktische Vorteile

Bisher nutzten viele Gegner den längeren Passweg zwischen Torwart und Mitspieler aus, indem sie ihn zunächst ungedeckt ließen, um dann mit Ausführung des Abstoßes sofort Druck auszuüben. Durch die verringerte Passdistanz bei einem Zuspiel im Strafraum hat der Passempfänger nun mehr Zeit und Raum, um das Spiel von hinten heraus aufzubauen. Dies bringt jedoch auch ein erhöhtes Risiko mit sich, da ein Ballverlust so nah am eigenen Tor leicht einen Gegentreffer verursachen kann. Positioniert eine Mannschaft beim Abstoß einen oder mehrere Spieler innerhalb des Strafraums, um kurz aufzubauen, stellen einige Gegner mit fünf bis sechs Spielern in vorderster Linie zu, um einen hohen Ballgewinn zu erzielen. Das wiederum hinterlässt einen großen Raum hinter dieser ersten Pressinglinie, der durch scharfe Pässe bespielt werden kann.

    1. Handanovič passt den Abstoß kurz zu Godín.

    2. Godín spielt De Vrij an, der den Ball zurück auf Handanovič klatschen lässt.

    3. Dieser spielt unter Gegnerdruck einen Chipball auf De Vrij, der den Ball mit dem Kopf auf Godín ablegt. Dieser dribbelt nach außen weg.

    4. Godín passt in die rechte Außenspur auf Candreva, ...

    5. ... der den Ball annimmt und unter Gegnerdruck einen tiefen Pass in die Zentrumsspur auf den entgegenkommenden Sánchez spielt.

    6. Sánchez schirmt den Ball ab und legt ihn auf den nachgerückten Brozović ab, der in die linke Außenspur verlagert, wo der freistehende Sensi mit Tempo in die generische Hälfte dribbeln kann.

    1. Umtiti passt den Abstoß kurz zu Ter Stegen.

    2. Ter Stegen wird nicht direkt angelaufen und kann sich nach möglichen Anspieloptionen umsehen.
      Arthur startet mit einer Auftaktbewegung in Richtung des eigenen Strafraums ...

    3. ... und öffnet dadurch den Raum hinter sich. In diesen lässt sich Griezmannn fallen, der von Ter Stegen mit einem scharfen, flachen Pass angespielt wird.

    4. Griezmann dreht mit der Ballannahme seitlich auf und passt in die linke Außenspur auf Fati, ...

    5. ... der sich in einer 1-gegen-1-Situation befindet und aufs gegnerische Tor dribbeln kann.

Kreative Lösungen

Es wird interessant sein, welche neuen Ideen sich die Trainer zukünftig einfallen lassen, um die Vorteile der neuen Abstoßregeln für den eigenen Spielaufbau zu nutzen und sich auch gegen hoch stehende Gegner zu lösen. Ein aktuelles Beispiel ist der FC Barcelona, bei dem unter Neu-Trainer Quique Sétien oftmals die Innenverteidiger den Abstoß mit einem Pass auf den Torwart ausführen, um ein sofortiges Anlaufen des Gegners zu umgehen.

Manchmal führen unsere Innenverteidiger die Abstöße aus, um den Gegnerdruck nach dem ersten Pass zu vermeiden. Wir suchen immer nach neuen Ideen, die uns stärker machen und die es dem Gegner komplizierter machen.
Marc-Andre ter Stegen, Torwart vom FC Barcelona