Spielanalyse

Die Tore der WM 2018

Die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2018 war mit 169 Treffern eines der torreichsten Turniere aller Zeiten. Eine Detail-Analyse aller Tore liefert interessante Rückschlüsse.

  1. Thomas Stillitano

    Mit 2,64 Toren wurde bei WM 2018 ein vergleichbarer Wert erzielt wie beim Weltturnier vier Jahre zuvor. Thomas Stillitano, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fussballtraining“ analysierte alle Tore aus quantitativer und qualitativer Perspektive.

Das Herausspielen und Verwerten von Torchancen muss im internationalen Spitzenfußball unter größtem Raum-, Zeit- und Gegnerdruck erfolgen – und das mit bestmöglicher Dynamik und Präzision. Gegen kompakte, stabil organisierte Gegner, aber auch in Kontersituationen muss dabei auf ein breites spielkonzeptionelles Angriffsrepertoire zurückgegriffen werden.

Rekordverdächtige Daten

Nur 1998 in Frankreich und 2014 in Brasilien war die Torquote noch höher als bei den 169 Treffern in Russland (jeweils 171). Lediglich das Gruppenspiel zwischen Frankreich und Dänemark endete torlos. Das gab es zuvor noch nie! In 35 Begegnungen bekamen die Zuschauer sogar in jeder Halbzeit mindestens einen Treffer zu sehen.

Größerer Anteil an Toren aus dem Spiel heraus

Tore aus dem Spielverlauf haben immer noch den größten Anteil: 57,4 Prozent aller Treffer fielen auf diese Art – egal, ob gegen einen organisierten Gegner im Positionsangriff (33,7 Prozent) oder aus einer Umschaltsituation gegen einen unorganisierten Gegner (23,7 Prozent).

Über außen oder durch die Mitte?

33 Treffer wurden mit einem Positionsangriff über den Flügel vorbereitet, 24 wurden durch das Zentrum herausgespielt.
Gegen tief formierte Gegner waren Angriffe über den Flügel erfolgreicher, bei höher pressenden Mannschaften solche durch das Zentrum. Ein herausstechendes individualtaktisches Mittel war dabei das Binden von Gegenspielern, um Freiräume zu schaffen. Die Vorlagen waren vielfältig – von Schnittstellenpässen über flache und hohe Hereingaben bis hin zu Halbfeldflanken.
Besonders auffällig war, dass nur wenige Treffer im Anschluss an eine 1-gegen-1-Situation erzielt wurden. Das 1 gegen 1 war ein probates Mittel um Tore vorzubereiten, nicht aber zwingend, um im Anschluss selbst eines zu erzielen!

    1. Steil-Klatsch-steil: Kante passt zu Griezmann, der seinen Gegenspieler mitzieht und dadurch Raum hinter der letzten Linie öffnet.

    2. Matuidi löst sich mit dem Pass in den Rücken des Gegners, um anspielbar zu sein. Griezmann legt auf Matuidi ab, der nach kurzem Dribbling zu Giroud weiterleitet.

    3. Der argentinische Außenverteidiger orientiert sich zu Giroud. Mbappé sprintet in die Tiefe. Giroud spielt im richtigen Moment in dessen Lauf.

    4. Mbappe erfasst, dass die kurze Ecke geschlossen ist und verwertet mit dem ersten Kontakt – flach mit der Innenseite – in die lange Ecke und lässt dem Schlussmann so keine Chance.

    1. Räume freiziehen, bespielen und belaufen: Coutinho dribbelt, Stürmer Jesus läuft nach innen und zieht seinen Innenverteidiger mit, ...

    2. ... wodurch er einen Raum in der Viererkette freizieht. Paulinho erfasst die Situation und sprintet in die Tiefe. Coutinho erkennt dessen Laufweg und, ...

    3. ... dass ein flaches Anspiel nicht möglich ist. Er spielt einen perfekt getimten Chipball hinter die Viererkette, sodass Paulinho frei auf das Tor läuft.

    4. Auch vor dem Tor trifft Paulinho die richtige Entscheidung. Er erkennt, dass der Torhüter zu weit herausgerückt ist und lupft den Ball mit dem ersten Kontakt über den Schlussmann hinweg ins Tor.

    1. Hohe Flanken: Mascherano erkennt den offenen Passweg zum im Halbraum stehenden Pavon und spielt diesen an.

    2. Pavon bindet den Außenverteidiger Idowu, sodass sich auf dem Flügel für Mercado viel Freiraum ergibt. Er sprintet in die Tiefe. Pavon spielt Mercado an.

    3. Mercado bringt die Flanke direkt in den Strafraum. Agüero läuft auf den ersten Pfosten und zieht seinen Gegenspieler mit, wodurch Rojo freisteht.

    4. Rojo verwertet die Flanke aus elf Metern mit rechts per Direktschuss.

    1. Ballgewinne eigene Hälfte (10 Sekunden): De Bruyne (nicht im Bild) erobert den Ball und spielt direkt zu Witsel. Dieser passt zum in die Tiefe startenden Hazard.

    2. Hazard gewinnt im Tempodribbling Raum. Sowohl die 1. Welle mit Lukaku und Mertens als auch die 2. Welle mit Witsel und Meunier sprinten in die Tiefe.

    3. Hazard passt in den Lauf von Lukaku, der frei vor das Tor läuft. Mertens geht den Angriff nicht mit, so dass Lukaku keine andere Option hat, als selbst abzuschließen.

    4. Der Torhüter verdeckt durch gutes Stellungsspiel eine große Fläche des Tores. Doch Lukaku lupft den Ball direkt mit seinem schwächeren linken Fuß über den Schlussmann.

Das Zentrum als wichtigste Zone

Die Chance, nach einem Ballgewinn einen Treffer zu erzielen, ist relativ groß. Abhängig sind die Erfolgsaussichten jedoch vom Ort der Balleroberung und der Zeitdauer bis zum Torabschluss. Denn es gilt, die Unorganisation des Gegners konsequent zu nutzen. So mündeten die meisten Tore aus Balleroberungen im Zentrum der eigenen Hälfte. Dabei betrug die durchschnittliche Zeit von der Balleroberung bis zum Abschluss 13,83 Sekunden. Auch bei der Torvorbereitung kam dem Zentrum eine entscheidende Rolle zu, wurden dort doch 31 der 40 Treffer vorbereitet. Der letzte Pass erfolgte dabei meist in die Tiefe bzw. in die Schnittstelle. Es gilt demnach, Ballgewinne möglichst im Zentrum zu generieren, um dann zielgerichtet in Richtung Tor zu spielen.

Effizientes Verwerten von Torchancen

Das Herausspielen von Torchancen ist das eine, das Verwerten das andere. Treffer wurden sowohl nach Positionsangriffen als auch aus Umschaltsituationen vor allem aus dem zentralen Bereich des Strafraums erzielt. Aus spitzen Winkeln und der Distanz hingegen weniger.
In den meisten Fällen nutzte der Torschütze Direktschüsse, um das Zuspiel zu verwerten oder maximal zwei Kontakte. Drei oder weiter Kontakte führten hingegen selten zum Torerfolg.

Die Teams agierten clever, kreierten gute Chancen und wussten diese auch zu nutzen. Die Mittelfeldspieler waren extrem offensiv ausgerichtet, unterstützten die Stürmer wirkungsvoll und trafen auch selbst.

Carlos Alberto Perreira (Technischer Bericht FIFA)