Spielanalyse

Everton – Shootingstar der Copa América 2019

Der brasilianische Youngster spielt sich in den Vordergrund. Welche Stärken hat er? Wo liegen Entwicklungspotenziale?

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  1. Thomas Stillitano

    Thomas Stillitano, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball.

Éverton war bei der Copa América zunächst nur als Ersatzmann in der brasilianischen Nationalmannschaft eingeplant. Doch wider Erwarten avancierte er zu einem wichtigen Bestandteil des Teams und war maßgeblich am Titelgewinn Brasiliens beteiligt. Wir werfen einen genaueren Blick auf ihn.

Vom Ersatzmann zum Unterschiedsspieler

Als Backup im brasilianischen Kader eingeplant, spielte sich Éverton, der in der Heimat bei Grêmio Porto Alegre aktiv ist, bei der Copa América 2019 im eigenen Land in den Vordergrund und avancierte zu einem wichtigen Spieler der Seleção. Mit drei Treffern und zwei Vorlagen wurde er Torschützenkönig und der beste Scorer des Turniers. Er kam als Rechtsfuß bevorzugt auf der linken Außenbahn zum Einsatz, wechselte im Spielverlauf jedoch hin und wieder auf die andere Seite. In den ersten beiden Gruppenspielen gegen Bolivien und Venezuela bekamen zunächst andere Spieler den Vorzug. Doch bei seinen ersten Kurzeinsätzen wusste er sofort zu überzeugen und stand fortan in der Startelf. Doch was zeichnet ihn aus? Und wo offenbart er noch Potenziale?

Der Dribbler – 1 gegen 1 und 1 gegen x

Évertons ganz große Stärke ist das frontale 1 gegen 1, das er permanent mutig sucht. Er dribbelt zielstrebig mit schnellen Haken und Richtungswechseln gepaart mit hoher Dynamik zum Tor. Dabei nimmt er es auch mit mehreren Gegenspielern auf. So schafft er Überzahlsituationen im Angriffsdrittel, bindet Gegenspieler und schafft so freie Räume für seine Mitspieler. Er ist in diesen Situationen so unberechenbar, da er sowohl nach innen ziehen, um selbst abzuschließen, oder sich über außen durchsetzen kann, um als Vorbereiter torgefährliche Situationen zu kreieren. Zwei seiner drei Treffer erzielte er in „Robben-Manier“, indem er mit seinem starken Fuß von außen nach innen dribbelte und aus der Distanz abschloss.

    1. Der zentrale defensive Mittelfeldspieler Fernandinho passt zum linken Außenspieler Éverton (nicht im Bild).

    2. Éverton nimmt sofort Tempo auf und dribbelt zielstrebig zum Tor. Sein direkter Gegenspieler – Außenverteidiger Bejarano – sowie die übrige Viererkette ist gezwungen, sich fallenzulassen.

    3. Éverton sucht das 1 gegen 1 gegen Bejarano und dribbelt innen an ihm vorbei.

    4. Éverton dribbelt weiter die Strafraumlinie entlang und bindet Haguin und Wayar.

    5. Éverton erkennt die freie Schussbahn und schlenzt den Ball in die ballferne Ecke zum 3:0.

    1. Nach einem Kopfballduell von Innenverteidiger Marquinhos landet der Ball bei Éverton.

    2. Éverton hat mit Murillo, Hernández und Figuera drei Gegenspieler vor sich und geht dennoch mutig ins 1 gegen 3.

    3. Éverton bindet alle drei Gegenspieler und überwindet sie sogar. In der letzten Abwehrreihe orientiert sich Innenverteidiger Osorio am zentralen offensiven Mittelfeldspieler Coutinho.

    4. Mit dem Durchbruch ist Osorio gezwungen, sich an Éverton zu orientieren, sodass Coutinho frei wird. Éverton wird weiterhin von Hernández und Figuera unter Druck gesetzt, passt zu Coutinho und sprintet in die Tiefe.

    5. Coutinho passt in den Lauf von Éverton. Hernández versucht, ihn festzuhalten und am Durchbruch zu hindern. Dies gelingt ihm jedoch nicht.

    6. Hernández gelingt es im weiteren Verlauf aber, die innere Linie zu schließen. Éverton geht im 1 gegen 1 außen an ihm vorbei und legt den Ball flach zurück. Die Aktion bewirkt jedoch keinen zählbaren Erfolg.

    1. Coutinho passt in die linke Außenspur zu Éverton (nicht im Bild).

    2. Éverton hat viel Zeit und Raum und dribbelt diagonal in Richtung Strafraum. Advíncula schließt die innere Linie und lässt sich diagonal fallen.

    3. Außenverteidiger Luís bindet seinen Gegenspieler Tapia mit einem Lauf in die Tiefe. Éverton nimmt dies wahr und dribbelt im 1 gegen 1 mit Advíncula in den freien Raum nach innen.

    4. Éverton nutzt die freie Schussbahn und das nicht ideale Stellungsspiel des Torhüters, um in die ballnahe Ecke zum 3:0 abzuschließen.

Läufe in die Tiefe

Neben seinen Qualitäten im 1 gegen 1 sind hohes Tempo in Verbindung mit gut getimten Läufen in die Tiefe weitere Stärken. Insbesondere gegen höher stehende Teams weiß er dies zu nutzen, indem er im richtigen Moment in den freien Raum im Rücken des Gegenspielers läuft. Sein Tempo hilft ihm dann im zweiten Schritt, den Bewegungsvorsprung aufrechtzuerhalten.

    1. Luís verarbeitet einen hohen Pass. Währenddessen läuft Éverton in den Rücken seines direkten Gegenspielers Vaca auf Lücke zwischen diesem und Wayar.

    2. Luís nimmt Évertons Lauf (nicht im Bild) wahr und passt zu ihm in die Tiefe.

    3. Éverton dribbelt von Bejarano verfolgt zielstrebig in den Strafraum und setzt sich gegen ihn durch.

    4. Éverton legt den Ball flach zurück. Ein bolivianischer Verteidiger kann den Ball jedoch klären.

    1. Der linke Außenverteidiger Luís passt in die Tiefe zum zentralen offensiven Mittelfeldspieler Coutinho.

    2. Coutinho dribbelt diagonal in Richtung Außenspur. Éverton verschafft ihm Raum, indem er in die Tiefe in den Rücken seines Gegenspielers Advíncula sprintet.

    3. Coutinho passt in den Rücken der Abwehr zu Éverton, der sich ein Sprintduell mit Advíncula liefert.

    4. Éverton dribbelt von Advíncula verfolgt in den Strafraum. Sein Querpass kann jedoch nicht verwertet werden.

Weiteres Entwicklungspotenzial

Évertons Stärken sind unverkennbar, dennoch gibt es eben genauso Bereiche, in denen er noch Entwicklungspotenziale hat. Das ist unter Berücksichtigung seines Alters (Jahrgang 1996) auch völlig normal. Sicherlich verfügt er über ein hohes Maß an individueller Qualität, jedoch ist die Anzahl solcher Aktionen noch nicht sonderlich ausgeprägt. So hatte er in den Spielen immer recht lange Pausen, in denen er kaum in Erscheinung getreten ist. Im Kombinationsspiel bzw. generell in Drucksituationen verliert er trotz seiner technischen Qualitäten recht häufig den Ball und trifft falsche Entscheidungen, insbesondere, wenn er sich im Halbraum aufhält. Derzeit benötigt er Raum und Zeit, um seine Qualitäten voll entfalten zu können. Eine Verbesserung in diesen Bereichen würde seinem Spiel mehr Variabilität verleihen.

Ein ungeschliffener Diamant

Éverton war eine der Überraschungen der Copa América 2019. Er nutzte die Chance – unter anderem durch den Ausfall von Neymar – ,sich ins Rampenlicht zu spielen und war mit seinen Toren und Vorlagen maßgeblich am Titelgewinn Brasiliens beteiligt. Würde er noch mehr Kontinuität und Variabilität in sein Spiel bekommen, könnte er sein Potenzial noch besser entfalten.

Everton hat eine hohe individuelle Qualität. Er ist auf jeden Fall bereit, in jedem Team der Welt zu spielen.

Philippe Coutinho, Nationalspieler Brasiliens