Kolumne

Kolumne: Pässe sind die Sprache des Spiels

24.08.2018
Getty Images/DFB/Collage DFB

Neue Kolumne auf DFB.de: Sportliche Leitung und Trainer vermitteln die Hintergründe rund um den DFB-Nachwuchs und die DFB-Teams. Regelmäßig, authentisch und mit aktuellem Bezug. Heute, Folge drei: Dr. Stephan Nopp, Spielanalyst der A-Nationalmannschaften, der die DFB-Leitlinie zu Details im Passspiel erklärt.

Einer Fußball-WM wird weltweit die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Das gilt nicht nur für die Öffentlichkeit und Medien. Auch Vereine, Verbände, Trainer und Experten erhoffen sich stets neue Erkenntnisse für die Entwicklung des Spiels. Auffällig ist, dass einige Punkte dabei immer wieder augenfällig sind. Der DFB hat diese immer wiederkehrenden Faktoren bereits 2015 in seinem sportlichen Leitbild als Leitlinien definiert.

Frankreich als aktueller Weltmeister setzte in seinem Spiel viele Aspekte davon um: konsequente Verteidigung aus einer kompakten Organisation, absoluter Wille, das eigene Tor zu verteidigen, effektive Lösungen nach Ballverlust, gutes Durchsetzungsvermögen in persönlichen Duellen, präzises und richtig getimtes Passspiel, den Raum im Rücken des Gegners nutzen. Entscheidend für das erfolgreiche Umsetzen der Leitlinien war dabei vor allem die Geschwindigkeit, in der Situationen wahrgenommen, die richtigen Entscheidungen getroffen und diese dann motorisch präzise ausgeführt wurden.

Erfolgreiche Pässe sind kein Erfolgsgarant

In der Offensive sind es häufig nur kleine Zeitfenster, in denen die Möglichkeit des Überspielens der Defensive gegeben ist. Und genau hier sind Geschwindigkeitsvorteile notwendig, die durch eine geschickte An- und Mitnahme, ein dynamisches Eins-gegen-Eins oder aber durch ein exaktes Passspiel gewonnen werden können. Jeder Pass sendet dabei eine "Botschaft". Diese muss präzise, einfach und eindeutig sein. Unabdingbar ist das gleiche Verständnis dieser Botschaft beim Passgeber und beim Passempfänger. Es gibt zwei Intentionen einen Pass zu spielen: Entweder er dient der Sicherung des Ballbesitzes und damit der Vorbereitung des Überspielens von Gegnern, oder der Pass ist dafür gedacht, den Raum im Rücken des Gegners zu bespielen. Im Zusammenhang mit Zeitvorsprüngen gegenüber dem Gegner muss ein Pass aber stets so präzise wie möglich und so scharf wie nötig gespielt werden.

Statistiken der FIFA WM 2018 zeigen, dass Spanien und Deutschland im Passspiel von allen Mannschaften am erfolgreichsten waren, dennoch schieden beide Teams unerwartet früh aus dem Turnier aus. Warum haben denn positive Kennzahlen wie diese keine Aussagekraft über den Erfolg? Es ist ganz einfach zu ungenau für die Beurteilung der Effektivität eines Passes, wenn nur gemessen wird, ob der Pass beim Mitspieler ankommt oder nicht. Viel entscheidender ist doch, ob der jeweilige Pass in der jeweiligen Situation die richtige Lösung war und korrekt ausgeführt wurde. Die Geschwindigkeit des Spiels und die Chance, Gegner zu überspielen, wird erst durch die Präzision und das Timing von Pässen erreicht.

Präzision und Schärfe

Der Geschwindigkeitsverlust durch Ungenauigkeiten im Passspiel gibt dem Gegenspieler Zeit und Möglichkeit, das eigene Tor zu verteidigen. Es reicht also nicht aus, den Ball "nur" zum Mitspieler zu passen, insbesondere, wenn die gegnerische Mannschaft kompakt und organisiert verteidigt. Denn: Je höher und größer Raum-, Zeit- und Gegnerdruck sind, desto präziser und schärfer muss der Pass gespielt werden.

Geringe Abweichungen im Passspiel fallen hierbei erst einmal nicht auf, führen bei näherer Betrachtung aber dazu, dass das Spiel träge und langsam wirkt, die offensive Mannschaft selten in den Rücken der Abwehr gelangt und so auch nur Schussgelegenheiten mit geringer Wahrscheinlichkeit auf Erfolg herausspielt. Also ist das Ballbesitzspiel überholt und das Umschaltspiel die erfolgreichere Art Fußball zu spielen? Aber nein, das ist damit nicht zu beantworten. Ein Konterangriff bleibt ebenso erfolglos wie ein Angriff aus den Positionen, wenn der Ball zwar im Fuß des Mitspielers ankommt, aber nur etwas zu langsam oder im falschen Winkel gespielt ist.

Jeder Pass hat eine "Botschaft"

Auf der anderen Seite sind es gerade Konterangriffe, die mit hoher Geschwindigkeit durchgespielt werden und deshalb als attraktiv, dynamisch und vielversprechend gelten. Doch auch hier hängt der erfolgreiche Abschluss am Ende von Details in den Passkombinationen ab. Folglich ist nicht die grundsätzliche Spielkonzeption entscheidend, sondern vielmehr wie genau mittels Pässen "kommuniziert" wird.

Während die physische Schnelligkeit nahezu austrainiert scheint und defensive Spielkonzepte immer ausgefeilter werden, kommt der offensiven Leitlinie, so präzise wie möglich und so scharf wie nötig zu passen, eine besondere Gewichtung zu. Für die Fußballpraxis bedeutet dies: Intention und Umsetzung des Passspiels noch genauer zu bewerten und zu coachen! Es darf keine Pässe geben, deren "Botschaft" nicht eindeutig zu erkennen ist. Das gilt insbesondere für Situationen, in denen es möglich ist, Geschwindigkeit auszulösen, aufzunehmen und Gegner zu überspielen. Es geht um winzige Geschwindigkeits- und Aktionsvorsprünge, durch die man die viel zitierten "100-prozentigen" Torchancen herausspielt.