Kolumne

Meister: "Zeit in Spanien hat mich geprägt"

22.11.2019
Thomas Böcker/DFB

Experten-Kolumne auf DFB.de: Sportliche Leitung und Trainer vermitteln Hintergründe rund um den DFB-Nachwuchs und die DFB-Teams. Regelmäßig, authentisch und mit aktuellem Bezug. Heute Marc Meister, Trainer der U 15-Nationalmannschaft über seinen Einstieg beim DFB, den Aufbau eines Jahrgangs und seine Einblicke in die spanische Fußballschule.

Die Anfangszeit als junges Mitglied im DFB-Trainerteam war für mich eine echte Geduldsprobe: Da die U 15-Regionalligen in der Regel etwas später starten, gab es die ersten sechs bis acht Wochen keinen Ligabetrieb und keinen Wettkampfmodus zum Sichten. Entsprechend nutzte ich die Zeit, um viele Jahrgangstrainer in den Nachwuchsleistungszentren (NLZ) zu besuchen, persönlich kennenzulernen und mir bei Trainings- und Testspielbesuchen einen Überblick zu verschaffen.

Gleichzeitig liefen natürlich einige Vorbereitungsturniere, bei denen sich die Mannschaften einspielten und auf die neue Saison einstimmten. Auch da war ich vor Ort und lernte beispielsweise in Frickenhofen und Lohne kleinere Fußball-Standorte kennen, die Jugendturniere auf die Beine stellen, welche trotz bescheidener Rahmenbedingungen einen sehr professionellen und von großer Liebe zum Fußball bestimmten Gesamteindruck hinterlassen haben.

Intensiver Austausch mit Trainern

Viele Spieler der vorspielenden Mannschaften sind mir bereits bekannt, sie waren Teilnehmer bei einem der beiden U 14-Sichtungsturniere in Kaiserau oder Bad Blankenburg. Die Arbeit im Bereich der U 15-Nationalmannschaft beginnt bereits in der vorherigen Saison mit zwei großen Sichtungsturnieren im Mai und im Juni, zu denen alle Landesverbände ihre Spieler in Auswahlmannschaften vorstellen. Das bietet mir die Chance, einen ersten Überblick zu bekommen und an acht Spieltagen etwas mehr als 350 Spieler zu beobachten. Genauso wichtig, wie die Spieler zu sichten, war für mich, die Trainer der einzelnen Jungs (Landesverband und/oder Talentförderkonzept) kennenzulernen, damit wir von Beginn an einen guten Austausch haben. 

Ein wichtiger Aspekt für die Sichtung, der sich in den nächsten Monaten noch verfestigen wird, ist, dass du dich in den meisten Fällen nicht um das Ergebnis kümmerst. Meine Rolle und Aufgabe ist eine ganz andere, ich achte darauf: Welche Spieler haben das Ergebnis maßgeblich durch ihre Fähigkeiten ermöglicht und beeinflusst? Welcher Spieler konnte welche Akzente setzen? Welche Eigenschaften ragen bei einem Spieler heraus, auch wenn sie noch nicht direkt auf den Spielausgang Einfluss haben? Und: Wer von den Jungs hat sich am meisten gegen ein negatives Ergebnis gestemmt? Ich denke dadurch wird klar, dass wir natürlich auch, aber eben nicht nur, nach den Torschützen und Vorlagengebern suchen. Sehr interessant und hilfreich ist für mich hierbei ein kurzes Gespräch mit den Trainern der Mannschaften nach dem Spiel - hier erfahre ich oft, welchen Plan sie verfolgt haben und kann abgleichen, wie die Spieler diesen umsetzen konnten.

Nach der Sichtung ist vor dem Lehrgang

Fünf Lehrgänge hatten wir bis dato. Während in den ersten drei (Kurz-)Lehrgängen die Nachsichtung im Vordergrund stand, hatten wir in den beiden folgenden Wochen-Lehrgängen Spieler dabei, die wir bereits besser kannten und die ihre Leistungen in den zurückliegenden Wochen bestätigen konnten. Auch hier ist der Austausch mit den Klub-Trainern unerlässlich, denn wir können nun mal nicht alle Spiele beobachten, so bin ich auf ihre Wahrnehmung und Einschätzung angewiesen. Ergänzt wird dieser Austausch mittlerweile immer mehr durch meine U-Trainer-Kollegen, unsere Verbandssportlehrer sowie die Spielbeobachter.

Und dann kommen die Jungs! Für die Spieler der U 15-Nationalmannschaft ist es der erste Kontakt mit dem DFB und den Menschen, die sie dort empfangen. Dem Trainer- und Funktionsteam geht es zunächst darum, dass sich die Spieler wohlfühlen und zurechtfinden: Wer und wie sind die Coaches hier, wie sind die Abläufe und was wird von mir erwartet? Über die individualtaktischen Trainingsschwerpunkte und Übungen lernen wir die Jungs besser kennen, sie können sich "zeigen" und finden sich dann auch schnell als Lehrgangs-Gruppe – unsere Trainingstage münden dann stets in einem Abschlussspiel (intern oder gegen ein naheliegendes NLZ), bei dem Ehrgeiz und Spaß gleichermaßen zum Vorschein kommen.

Westermann neu im Trainerteam

"Nebenbei" läuft der Entwicklungsprozess in unserem neuen Trainerteam, der insbesondere mit den Feld-Trainern sehr intensiv und spannend ist. Während wir mit Andreas Beck und Dennis Hill zwei Trainer im Team haben, die beim DFB in ihre dritte Saison gehen und somit einige Vergleichswerte haben, ist mit Heiko Westermann ein neuer Coach am Start, der die Komponenten Top-Niveau und Spitzenfußball bestens kennt – entsprechend ergänzen sich hier Perspektiven und Betrachtungsweisen sehr gut.

Mein Anspruch ist es, dass wir die Zeit auf dem Trainingsplatz bestmöglich nutzen – viel zu groß ist der Aufwand, der dahintersteckt, bis wir unsere Jungs aus ganz Deutschland zusammen haben – also wollen wir die Dynamik und die Lust, die unser Spiel auszeichnen sollen, entsprechend vorleben. Alle Trainer sind aktiv am Trainingsprozess beteiligt (auch wenn sie die Übung gerade nicht anleiten), sie begleiten die Jungs und tragen die Trainingsatmosphäre mit. Genauso tut dies bei uns Jonas Rath, Spezialist für Fitness und Athletik – er kann über die gesamte Dauer der Einheit beisteuern, unter anderem, indem er uns Hinweise zum Intensitäts-Niveau gibt oder individuelle Beobachtungen macht. Diesen Ansatz beobachte und diskutiere ich auch gerne bei meinen Vereinsbesuchen mit den Trainern, die sich hierzu auch mehr und mehr Gedanken machen, um die vorhandene Expertise auf dem Platz sinnvoll einzusetzen.

Meine Zeit in Spanien hat mich da zweifelsohne geprägt und ungenutzte Potenziale in unserer täglichen Trainingsarbeit aufgezeigt. Ich bin davon überzeugt, dass am Ende jeder Spieler davon profitiert, wenn ihn die ganze Trainer-Gruppe gut vorbereitet und aufeinander abgestimmt im Training flankiert und begleitet. Für meine Trainer-Gruppe beobachte ich dies als einen Prozess, der fortan anhalten und optimiert wird.

Seit fast sechs Monaten fahre ich nun durch Deutschland und habe noch lange nicht alle handelnden Personen, die sich mit dem Jahrgang 2005 beschäftigen, kennenlernen dürfen. Nach einer Hospitation bei AZ Alkmaar warten in dieser Woche noch zwei Spiele in der U 15-Regionalliga West (Dortmund und Schalke) auf mich, die mit Leverkusen und dem MSV Duisburg auf zwei gute Gegner treffen werden. Die Reise geht weiter.