Kolumne

Schönweitz: "Alle Trainertypen geeignet"

06.05.2019
DFB

Experten-Kolumne auf DFB.de: Sportliche Leitung und Trainer vermitteln Hintergründe rund um den DFB-Nachwuchs und die DFB-Teams. Regelmäßig, authentisch und mit aktuellem Bezug. Heute: Meikel Schönweitz, Cheftrainer der U-Nationalmannschaften, spricht darüber, welche Kriterien bei der Suche nach geeigneten U-Nationaltrainern eine Rolle spielen und welche Aufgaben für sie im Vordergrund stehen.

Über die Nachwuchsarbeit im deutschen Fußball wird derzeit viel geschrieben und diskutiert. Ebenso über die Trainerausbildung und den Unterschied der "Ex-Profis" gegenüber den "Laptop- oder Systemtrainern". Wer sollte eine Junioren-Nationalmannschaft trainieren? Was qualifiziert einen Trainer dazu, Deutschlands Elite zu betreuen? Wir haben uns - auch vor der Verpflichtung unserer neuen Trainer Christian Wörns für die U 18 und Marc Meister für die U 15 - darüber viele Gedanken gemacht und möchten an dieser Stelle die Ausrichtung für die Zukunft beschreiben.

Ein Trainerteam beim DFB besteht von der U 15 bis zur U 21 jeweils aus einem Cheftrainer und zwei Co-Trainern. Hinzu kommen ein Athletik- und ein Torwarttrainer sowie ein je nach Altersstufe variierender Betreuerstab aus den Bereichen Analyse, Medizin, Pädagogik/Schule, Psychologie und Organisation. Bis auf den hauptamtlichen Cheftrainer und den Teammanager allesamt Honorarkräfte, mit Ausnahme einiger Stellen bei der U 21.

Spieler an die A-Nationalmannschaft heranführen

Zurück zu den Trainern: Wer sollte nun eine Junioren-Nationalmannschaft trainieren? Bevor wir diese Frage beantworten, gilt es zunächst zu klären, was die Aufgaben eines DFB-Trainers sind. Kernaufgabe ist es, die besten Talente Deutschlands zu finden und aus ihnen eine Mannschaft zu formen, die sich für die jeweiligen Endrunden - EM, WM, Olympia - qualifiziert. Die Ausbildung der Spieler findet dabei in den Vereinen, den Nachwuchsleistungszentren und zuvor noch in den Landesverbänden sowie Talentförderinstitutionen statt.

Die Lehrgänge mit den Nationalmannschaften bauen darauf auf und sind "Weiterbildungen", die sogenannte Eliteförderung, die die Spieler an die A-Nationalmannschaft heranführen und vorbereiten. Beim 3:2 der A-Nationalmannschaft gegen die Niederlande im März standen in der deutschen Startelf 425 Junioren-Länderspiele! Diese elf Spieler kommen auf 19 Turnierteilnahmen bei EM, WM oder Olympia in ihrer Juniorenzeit. Ein enormes Maß an Erfahrung. Die Integration der jungen Spieler verlief gut, weil sie viele Abläufe aus den U-Mannschaften kennen und somit keine lange Eingewöhnungszeit brauchen. Das ist zwingend notwendig, da die A-Mannschaft kaum Zeit zu trainieren hat.

Wie kommt man nun an die besten Talente? Durch Sichtung und Kommunikation. Dazu gehört: Unzählige Spiele schauen, Vereine besuchen, mit Trainern, Managern, Leitern kommunizieren und die Schule im Blick haben. Teilweise verteilen sich die Talente eines Jahrgangs auf bis zu 14 verschiedene Ligen in unterschiedlichen Ländern.

Erfahrung, Innovation und Spezialwissen

Nun aber die entscheidende Frage: Wer sollte Nationaltrainer sein? Eher der erfahrene Ex-Profi, der schon viel gesehen hat und das Geschäft kennt, der weiß, wie es sich als Spieler "ganz oben" anfühlt? Oder in der Jugend doch lieber der innovative Typ, der wissenschaftliche Ansätze verfolgt, der "Systemtrainer", der Ideen mitbringt und bestens ausgebildet ist in Taktik, Trainingsplanung, Spielkonzeptionen? Oder vielleicht der Altersspezialist, der die Belange der Spieler kennt, die Vereine, die Verbände, die Wettbewerbe, die Ansprechpartner, das ganze komplexe Nachwuchssystem, der weiß, wen er ansprechen muss und wo er Infos herbekommt? Die Antwort ist: Alle Trainertypen sind geeignet. Und daran richten wir auch die künftige Vorgehensweise in der Trainerfindung beim DFB aus.

Neben all der fachlichen und menschlichen Qualifikation, den Kompetenzen, die ein Trainer mitbringen sollte, gilt es bei den U-Teams, möglichst alle drei Aspekte einfließen zu lassen. Erfahrung, Innovation und Spezialwissen im jeweiligen Altersbereich. Alle Fachgebiete sollten durch den Chef- sowie seine Co-Trainer abgebildet werden. Wer nun der Chef ist und wer Assistent, ist dabei zweitrangig. Wichtig ist, dass sich alle Aspekte ergänzen.

Musterbeispiel U 21

Ein perfektes Beispiel liefert die U 21, in der der erfahrene Ex-Profi Stefan Kuntz flankiert wird vom innovativen Kopf der Mannschaft, Daniel Niedzwkowski, der darüber hinaus auch schon Erfahrung im Profigeschäft sammeln konnte und täglich mit der Trainerelite Deutschlands zusammenarbeitet. Ergänzt wird dieses Duo durch Antonio di Salvo, ebenfalls mit einer interessanten Spielerlaufbahn, aber vor allem mit viel Erfahrung im Nachwuchsbereich - als ehemaliger Stützpunktkoordinator und mittlerweile zweimaliger Europameister im Juniorenbereich, 2014 mit der U 19 unter Cheftrainer Marcus Sorg und 2017 mit der U 21 unter Stefan Kuntz.

Geht man weiter runter in den Bereich U 15, verschieben sich die Schwerpunkte etwas. Hier ist eher der Pädagoge gefragt. In dieser Saison leitet mit Ex-Profi Michael Prus als langjähriger Verbandssportlehrer ein Altersspezialist die Geschicke. Ihm zur Seite stand, bis zu seiner Berufung als Interimscoach von Schalke 04, mit Mike Büskens ein Spieler der Eurofighter-Elf.

Mittlerweile konnte mit Karlheinz Pflipsen ebenfalls ein Trainer gewonnen werden, der auf knapp 300 Profispiele kommt. Marc Meister, der schon alle Bereiche des Vereinsfußballs durchlaufen hat und auf ein Fußballstudium in Spanien zurückgreifen kann, rundet das Trainerteam derzeit als innovativer Kopf ab. Er wird ab der kommenden Saison die U 15-Nationalmannschaft als Cheftrainer betreuen.

U-Trainer bündeln Wissen

Der wichtigste Aspekt eines Nachwuchstrainers ist die Identifikation mit der Aufgabe. Als U-Trainer muss man Spaß am Entwickeln haben und bereit sein, junge, noch lange nicht fertig ausgebildete Spieler auf Ihrem Weg in den Seniorenfußball zu begleiten.

Abschließend bleibt noch zu erwähnen, was U-Trainer neben der Teambetreuung tun, um die eigenen Kompetenzen weiterzuentwickeln: Hier geht es vor allem darum, Wissen zu generieren und es zu teilen. U-Nationaltrainer kommen viel herum, haben Einblick in die ganze Welt des Fußballs und darüber hinaus. Nationale und internationale Spielbeobachtungen im Junioren- und Seniorenbereich, in allen Wettbewerben, bei allen Turnieren. Dazu Tagungen, Seminare, Fortbildungen im In- und Ausland, Austausch mit Vereinen, Verbänden und Förderinstitutionen im In- und Ausland. Zu guter Letzt Hospitationen, ebenfalls im In- und Ausland, aber auch bei anderen Sportarten oder sogar in anderen Berufsfeldern.

Da kommt viel Wissen zusammen, das wiederum in den deutschen Fußball zurückfließt. U-Nationaltrainer sind also nicht nur Trainer, sondern mittlerweile auch wichtige Multiplikatoren und Informationsquellen, wenn es um die Gesamtentwicklung im deutschen Nachwuchsfußball geht.