Spielanalyse

La Pausa - der Verzögerungsmoment

Das Spieltempo verlangsamen, um den Angriff zu beschleunigen!

test
  1. Christopher Toetz

    Christopher Toetz, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert das taktische Konzept "La Pausa".

Der Begriff "La Pausa" hat seinen Ursprung in den 60er-Jahren und bezog sich seinerzeit auf den Spielstil des klassischen Spielmachers hinter den Stürmern. Er musste damals die Fähigkeit haben, Spielsituationen zu unterbrechen und die Angreifer, die die offenen Räume im Rücken der gegnerischen Abwehrreihe angelaufen sind, im richtigen Moment anzuspielen. Ein berühmtes Beispiel für "La Pausa" ist die Torvorlage von Pelé im WM-Finale 1970.

Moderne Interpretation

Heutzutage ist diese Definition obsolet, da der Fußball wesentlich komplexer und athletischer geworden ist. Der Begriff wird mittlerweile positionsunabhängig und weitaus detaillierter definiert. Doch das Abwarten bzw. Verzögern des Angriffs, um im richtigen Moment den Schnittstellenpass zu setzen oder einen Mitspieler in einer vorteilhaften Position anzuspielen, ist immer noch essenzieller Bestandteil dieser Eigenschaft. Die dafür benötigten Räume müssen jedoch „geöffnet“ werden, sodass der Spieler nun auch dazu in der Lage sein muss, die gegnerische Defensive zu desorganisieren oder den Gegner aus der Position zu locken.

Timing, Abläufe und Ausführung

Dafür stehen den Spielern zwei Möglichkeiten zur Verfügung: das Verharren in Ballbesitz und das Binden von Gegenspielern mit Ball (siehe offensive DFB-Leitlinie „...mit Ball Gegner binden ...“). Den Ballbesitz halten und "nichts" tun, zieht oftmals Gegenspieler zum Ball, da sie diesen erobern wollen. Das kann bereits den erforderlichen Raum für den Folgepass zu einem Mitspieler in einer vorteilhaften Angriffsposition öffnen. Den selben Effekt ermöglicht das bewusste Andribbeln oder gar Ausspielen von Gegenspielern.

Spieler, die das Tempo des Spiels bestimmen können und Angriffe initiieren, sind abhängig von ihren Mitspielern. Schließlich müssen die beteiligten Spieler die Spielsituation deckungsgleich interpretieren und ihre Handlungen aufeinander abstimmen, um die potentiellen Räume im gegnerischen Defensivverbund zu nutzen. Das unterstreicht die Bedeutung von gruppentaktischen Abläufen. Wenn der Mitspieler des Ballbesitzers nicht erkennt, wann und wohin er sich bewegen soll, dann kann der Angriff möglicherweise nicht fortgesetzt werden und der ballführende Spieler läuft Gefahr, den Ball zu verlieren.

Letztlich hängt der Erfolg auch am Passspiel und dem „verschleiern“ einer Aktion ab. Wenn der Ballbesitzer den Raum hat und der unterstützende Mitspieler in Position ist, dann muss der Pass mit der richtigen Schärfe und Präzision erfolgen. Bei zu langsamen oder ungenauen Pässen ist der Ball zu lange unterwegs und die Gegner erhalten die Möglichkeit, den Raum rechtzeitig zu schließen und gegebenenfalls den Ball zu erobern. Ist der Pass zu schnell, dann wird der Zielspieler nicht zur richtigen Zeit am entsprechenden Ort sein. Das "Verschleiern" einer Aktion unterstützt den Passgeber bei der erfolgreichen Umsetzung der Ausführung. Dabei lockt der Ballbesitzer den Gegner mit seiner Körperhaltung oder seinem Dribbling in eine Richtung, um einen Zielraum in der anderen Richtung offen zu halten und dort im richtigen Moment einen Mitspieler anzuspielen.

    1. Messi passt auf Arthur, der in Richtung gegnerische Abwehrreihe dribbelt. Der gegnerische Defensivverbund ist in Bewegung und verschiebt größtenteils ballorientiert.

    2. Nach wenigen Metern kappt Arthur ab und spielt auf den freistehenden Messi, ...

    3. ... der mit der Annahme stoppt. Daraufhin bleibt der gesamte gegnerische Defensivverbund stehen und blickt geschlossen zum Ball. Lediglich der Außenverteidiger (AV) blickt kurz zu Malcom, der sich parallel zur Abseitslinie bewegt und ein Zuspiel fordert.

    4. Messi spielt den Pass in den Rücken der gegnerischen Abwehrreihe. Malcom, der im Gegensatz zu den Verteidigern in Bewegung ist, erläuft das Zuspiel. Dem AV entgeht dies, da er beim Zuspiel ebenfalls auf den Ballführenden blickt.

    5. Die überspielte gegnerische Abwehrreihe versucht, den Geschwindigkeitsnachteil aufzuholen und das Tor zu verteidigen. Malcom legt jedoch gedankenschnell auf Suárez ab, der direkt auf das Tor abschließt.

    1. Umschaltsituation FC Barcelona: Messi dribbelt in Richtung Abwehr und zieht die Aufmerksamkeit der Gegenspieler auf sich. Suárez versucht, den Abstand zum Ballführenden zu halten, setzt sich seitlich ab und lauert auf einen Pass in den Rücken der Abwehr.

    2. Daraufhin verlangsamt Messi sein Dribbeltempo und lockt so den Innenverteidiger (IV) aus der gegnerischen Abwehrreihe. Suárez nimmt die Reaktion des Gegenspielers wahr und startet in die Tiefe.

    3. Durch das Binden des IVs sowie dem Absichern der übrigen Abwehrkette entsteht ein Abwehrdreieck, das Messi mit einem gut getimten Pass überwindet. Suárez erläuft den Ball, wird jedoch eng verfolgt.

    4. Der gegnerische Außenverteidiger (AV) kann den Weg zum Tor abdecken und drängt Suárez nach außen. Messi ist seinem Pass nachgegangen und bietet sich für ein Zuspiel an.

    5. Der AV versperrt jedoch einen möglichen Pass von Suárez, der daraufhin nach hinten aufdreht und versucht, auf das Tor abzuschließen. Der AV lenkt den Torschuss letztlich ins Aus.

    1. David Silva dribbelt in der Halbspur in Richtung gegnerischen Defensivverbund, „scannt“ die Situation und erkennt einen offenen vertikalen Passweg. Sterling ist in der Breite positioniert.

    2. David Silva verlangsamt sein Tempo und deutet mithilfe seiner Körperposition einen Pass nach außen an, sodass der gegnerische Außenverteidiger (AV) an Sterling heranrückt. Sterling nimmt das Verhalten des Gegners sowie die erweiterte Schnittstelle wahr und startet einen Lauf in die Tiefe.

    3. Nachdem David Silva das Tempo bewusst verzögert hat, spielt er nun im richtigen Moment einen präzisen und scharfen Pass hinter die gegnerische Abwehrreihe, den Sterling erläuft.

    4. Sterling kreuzt den Laufweg des direkten Gegenspielers, zieht nach innen, schließt auf das Tor ab und erzielt einen Treffer.

    1. Nach einem Eckball mit anschließendem Befreiungsschlag rückt die gegnerische Abwehrreihe geschlossen vor. David Silva ist bereits in Ballbesitz und nimmt die Situation sowie Sanés Laufweg in die Tiefe wahr.

    2. Der gegnerische Außenverteidiger (AV) erkennt die Situation ebenfalls ...

    3. ... und bricht seinen Lauf ab, um ein mögliches Anspiel auf Sané abzufangen. David Silva spielt den Pass jedoch nicht sofort, da Sané noch nicht in der richtigen Position ist.

    4. Der AV reagiert auf den ausbleibenden Pass mit einem erneuten Vorrücken. In dem Moment ist Sané auf Höhe der Abseitslinie, sodass David Silva einen hohen Pass in den Rücken der gegnerischen Abwehrreihe spielt. Sané kann das Zuspiel jedoch nicht sauber verarbeiten.

Fazit

Die Verzögerung eines Einzelnen verschafft dem Kollektiv Zeit für die Entfaltung von Dynamik. Dies kann in der heutigen Zeit überall auf dem Platz passieren. Sei es ein Verteidiger beim Spielaufbau, der das gegnerische Pressing bewusst auslöst, bevor er den Ball ins Mittelfeld spielt oder ein Angreifer, der mit seinem Dribbling Gegenspieler aus der Defensive lockt und den geschaffenen Raum bespielt. "La Pausa" ist nicht das Warten auf den richtigen Moment, sondern das Kreieren von Situationen mithilfe von Timing, Abläufen und Ausführung.

La Pausa? Der Moment, wenn großartige Spieler in der Situation scheinbar pausieren und sich damit Raum und Zeit verschaffen, um den nächsten Pass zu wählen.

Xabi Alonso, Jugendtrainer Real Madrid

Weiterführende Links