Szene der Woche

Mannorientiert das Tor verteidigen

Vom Blick zum Ball hin zur Positionierung gegen den Mann

  1. Dr. Stephan Nopp

    Dr. Stephan Nopp, Spielanalyst der A-Nationalmannschaft, analysiert mit Hilfe der Leitlinien der DFB-Spielauffassung diverse Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball. Dabei stellt er stets einen praxisorientierten Bezug für alle Trainer her – egal in welcher Spiel- und Altersklasse.

Die Entwicklung von der Manndeckung hin zum raumorientierten Verteidigen hat dazu geführt, dass die Spieler ihre Position und ihre Körperstellung der Position des Balles anpassen. Doch genau daraus resultieren häufig unnötige Gegentore, weil der Gegenspieler schlichtweg nicht beachtet wird und der Fokus ausschließlich beim Ball liegt – selbst auf Spitzenniveau! Beim Verteidigen im Strafraum müssen die Abwehrspieler folglich umdenken – vom raum- zum mannorientierten Deckungsverhalten. Denn hier gilt es, Verantwortung zu übernehmen und das Tor aktiv zu verteidigen, indem sie sich am Gegner orientieren. In den Achtelfinal-Hinspielen der Champions League gab es dafür positive wie negative Beispiele. Es gilt: „Je näher zum eigenen Tor, desto näher am Gegner sein!“

    1. Casemiro spielt im Zentrum freistehend in den Lauf des in die Tiefe startenden Carvajal. Auf der ballfernen Seite orientiert sich van de Beek vor.

    2. Carvajal dribbelt zielstrebig in Richtung Tor. Die Ajax-Verteidiger sprinten zurück, um den Raum zwischen Ball und eigenem Tor zu verkleinern. Van de Beek hat hier noch den kürzeren Weg zum Tor als Asensio.

    3. Bei Carvajals flacher Flanke auf den ballfernen Pfosten verpasst van de Beek den Moment von Asensios Tempowechsel, weil er sich mehr zum Ball statt Gegner orientiert. Somit hat Asensio einen Bewegungsvorsprung.

    4. Van de Beeks Verhalten führt schlussendlich dazu, dass Asensio kontrolliert ins leere Tor zum 1:2 verwertet.

    1. Sissoko dribbelt in der Halbspur in Richtung Tor an und zwingt die BVB-Defensive, sich nach hinten fallenzulassen. Vertonghen läuft in die Tiefe.

    2. Sissoko und Vertonghen erkennen und nutzen den Raum im Rücken des Gegners. Sissoko passt in den Lauf von Vertonghen, der aufgrund seines Laufwegs (so breit und so tief wie nötig) einen Bewegungsvorsprung für seine Anschlussaktion hat. Der ballferne Verteidiger Diallo nimmt Son in Manndeckung.

    3. Vor der Flanke orientiert sich Zagadou vor, Diallo hat Son ständig im Blick und folgt ihm.

    4. Bei Vertonghens Flanke auf den ballnahen Pfosten nehmen Zagadou und Diallo Son weiterhin eng in Manndeckung.

    5. Diallo kann die Flanke zwar klären, jedoch ist anzumerken, dass mit Moura im Zentrum und Eriksen am ballfernen Pfosten zwei Tottenham-Spieler freistehen.

Es braucht eine Position im eigenen Strafraum, die es erlaubt, Angreifer sowie Ball im Blick zu haben, um beides verteidigen zu können.

Dr. Stephan Nopp