Spielanalyse

Marcus Thuram – der vielseitige Angreifer

Auf kaum einen anderen Bundesliga-Neuzugang wurden in dieser Saison mehr Lobeshymnen angestimmt als auf den Gladbacher Stürmer. Was zeichnet ihn aus?

  1. Christopher Toetz

    Christopher Toetz, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball.

Marcus Thuram ist einer der Shootingstars der Bundesliga und maßgeblich am Erfolg von Borussia Mönchengladbach beteiligt. So verzeichnet der Franzose in der laufenden Saison bereits sechs Tore und fünf Vorlagen und ist derzeit der torgefährlichste Borusse. Doch er überzeugt nicht nur durch die reinen Zahlen, sondern auch mit seiner offensiven Spielweise. 

Spielweise

Das Spiel von Thuram definiert sich zum Teil über die Durchschlagskraft, was aufgrund seiner Körpergröße von 1,92 Meter und einem Gewicht von 90 Kilogramm kaum verwundert. Im direkten Duell ist er schwer zu kontrollieren, da er seine Robustheit in Kombination mit seiner Geschwindigkeit geschickt einsetzt. Vor allem in Umschaltsituationen ist er dadurch sehr durchsetzungsfähig und schwer zu verteidigen. Generell sind seine Aktionen stark zum Tor hin ausgerichtet. Dabei bindet er sich weniger in die Ballzirkulation ein und bevorzugt eher den Weg in die Tiefe – sowohl mit als auch ohne Ball. Im Strafraum überzeugt er mit einem guten Abschluss. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob dieser mit rechts, links oder per Kopf erfolgt. Im direkten Duell mit dem Torwart ist er meist sehr ruhig und entscheidungssicher.

    1. Zakaria gewinnt das Kopfballduell und erläuft danach sogar den Ball.

    2. Anschließend passt Zakaria zu Lainer, der bereits ein Zuspiel in die Tiefe fordert. Thuram nimmt die Situation wahr und startet einen Lauf in die Tiefe. Dabei läuft er bewusst vor dem Außenverteidiger (AV) ein.

    3. Lainer flankt präzise in den Rücken der Abwehr. Thuram erläuft die Hereingabe und verwertet erfolgreich zum 1:0–Führungstreffer.

    1. Embolo behauptet den Ball und dribbelt quer zur Spielrichtung. Thuram ist an der vordersten Linie postiert und nimmt im Vergleich zu seinem Gegenspieler die innere Linie ein.

    2. Emobolo passt zu Bénes. Mit dem Pass nimmt Thuram eine breite Position ein und blockiert so seinen Gegenspieler im Rücken.

    3. Gleichzeitig öffnet sich durch das Zuspiel der Passweg in die Tiefe, den Bénes auch nutzt. Thuram erwartet den Pass frühzeitig und läuft in die Tiefe.

    4. Thuram erläuft den Pass und schließt mit dem ersten Kontakt ab. Mit seinem Torschuss scheitert er jedoch am Torwart (TW).

    1. Zakaria passt zu Neuhaus, der in der Zentrumsspur freisteht.

    2. Neuhaus dreht mit der An- und Mitnahme auf. Thuram ist in der Außenspur postiert und nimmt die Situation wahr.

    3. Daraufhin fordert Thuram ein Zuspiel von Neuhaus, das er auch erhält.

    4. Thuram erläuft den Pass, dribbelt in den Strafraum und sucht das 1 gegen 1 gegen den Innenverteidiger (IV).

    5. Nach einer einfachen Körpertäuschung dribbelt Thuram nach innen. Der IV bleibt jedoch eng an ihm dran.

    6. Daher kappt Thuram ein weiteres Mal ab und schließt mit dem nächsten Kontakt ab. Den Torschuss kann der Torwart (TW) jedoch parieren.

Aktivität

Eine große Qualität von Thuram ist sein offensives Bewegungsspiel. Er hat ein gutes Gespür für die entstehenden Strukturen der Angriffssituationen, die er mit kurzzeitigen Überladungen oder ausweichenden Bewegungen angemessen unterstützt, um anschließend in torgefährliche Räume zu starten. Dabei wählt er meist die passenden Laufwege und agiert vom Timing her gut auf seine Mitspieler abgestimmt. Generell ist Thuram ein Stürmer, der sich durch Laufbereitschaft und Aktivität an der gegnerischen Abwehrlinie auszeichnet. Er versteht es hervorragend, sich mit seinem individuellen Freilaufverhalten einen Vorteil zu verschaffen. So bietet er sich oftmals im Rücken des Gegenspielers an, um sich für seine Folgeaktionen einen entscheidenden Vorsprung zu sichern. Doch er wählt auch gerne die gegenteilige Option, bei der er sich bewusst vor den Gegner auf die ballnahe Seite schiebt und diesen so am Eingreifen hindert. Das ausgeprägte Freilaufverhalten kommt gerade in Tornähe zum Tragen, wo er durch seine Voraktionen schwer zu verteidigen ist.

    1. Stindl passt zu Lainer, der an der Linie entlangläuft. Thuram nimmt die Situation wahr und läuft in die Tiefe.

    2. Lainer dribbelt in der Außenspur und ist dabei auf Höhe der Abwehrlinie. Thuram läuft zunächst aus dem Rücken des Innenverteidigers (IV) auf die ballnahe Gegnerseite, ...

    3. ... ehe er sich mit einem Richtungswechsel auf die ballferne Seite absetzt. Dabei drückt er sich vom IV ab und verschafft sich so einen weiteren Vorteil. Lainer setzt sein Dribbling weiter fort.

    4. Thuram erhöht nun sein Tempo und läuft zielstrebig in Richtung Tor. Gleichzeitig flankt Lainer in den Strafraum.

    5. Thuram lenkt die Hereingabe mit seinem Körper in Richtung Tor, scheitert jedoch am Torwart (TW).

    1. Nach einem Klärungsversuch ist Gladbach erneut in Ballbesitz. Kramer passt quer zu Zakaria.

    2. Zakaria dribbelt auf die Abwehr zu und bindet den Innenverteidiger (IV). Mit der An- und Mitnahme setzt sich Thuram bereits seitlich ab.

    3. Mit dem Absetzen nimmt er eine offene Stellung zur Spielrichtung ein. Zakaria passt zu Thuram, ...

    4. ... der mit dem ersten Kontakt abschließt.

Dribbling

Trotz seiner Statur ist Thuram ein ausgezeichneter und überraschend geschmeidiger Dribbler. Dabei beeindruckt er sowohl mit seinen raumgreifenden und kraftvollen Dribblings als auch mit seinen engräumigen Aktionen. Mit seinen Tempodribblings visiert er meist zielstrebig die offenen Räume an und ist dabei mit seiner Physis und körperlichen Präsenz kaum vom Ball zu trennen. Auch in engeren Räumen schafft er es oftmals, seine Gegenspieler zu dominieren. Dabei sind Körpertäuschungen, abrupte Richtungswechsel und einfache Finten entscheidende Mittel, um die Gegenspieler aus dem „Gleichgewicht“ zu bringen.

    1. Nach einem erfolgreichen 1 gegen 1 dribbelt Lainer unbedrängt in der Außenspur. Neuhaus startet einen Bogenlauf und öffnet so den Passweg in die Tiefe. Gleichzeitig läuft Thuram entlang der Außenlinie.

    2. Lainer passt durch die Schnittstelle in den Lauf von Thuram, ...

    3. ... der das Zuspiel erläuft und in den Strafraum dribbelt. Daraufhin rückt der ballnahe Innenverteidiger (IV) an ihn heran.

    4. Thuram sucht das 1 gegen 1 gegen den IV. Beim Andribbeln täuscht er ein Zuspiel in den Rückraum an, dribbelt jedoch zur Grundlinie und passt vor das Tor.

    5. Der mitgelaufene Pléa setzt sich gegen den Außenverteidiger (AV) durch und verwertet die Vorlage zum 1:0-Führungstreffer.

    1. Nach einem langen Pass gewinnt Embolo das Kopfballduell und verlängert zu Neuhaus. Thuram steht im Rücken des Innenverteidigers (IV) und beobachtet die Situation.

    2. Mit der Annahme von Neuhaus entfernt sich Thuram vom IV und fordert ein Zuspiel, das er auch erhält.

    3. Thuram erläuft den Pass und dribbelt in Richtung Strafraum. Der IV nimmt dessen Lauf auf und verkürzt die Distanz.

    4. Im Strafraum sucht Thuram das 1 gegen 1 gegen den IV. Mittels Übersteiger überwindet er diesen und schließt in die ballnahe Ecke ab. Der Schuss landet am Pfosten.

    1. Kramer fängt den gegnerischen Pass ab ...

    2. ... und setzt das Spiel mit einem Pass zu Thuram fort. Dieser setzt zu einem Tempodribbling entlang der Seitenlinie an.

    3. Am Strafraum sucht Thuram das 1 gegen 1 gegen den Außenverteidiger (AV). Dabei verlangsamt er kurzzeitig die Situation, ehe er das Tempo wieder erhöht und den Gegner einfach überläuft.

    4. An der Grundlinie spielt Thuram einen präzisen Pass zu Zakaria, der aus der Bewegung erfolgreich zum 1:0-Führungstreffer abschließt.

Polyvalenz

Ein wichtiges Qualitätsmerkmal ist Thurams Variabilität. Sein technisch-taktisches Profil ermöglicht ihm, auf sämtlichen offensiven Grundpositionen gleichermaßen gut zurechtzukommen. Mit seiner Schnelligkeit kann er die rechte Außenspur bearbeiten und Flanken schlagen, wohingegen er auf der linken Seite nach innen dribbeln und seine typischen Schüsse in die ballferne Ecke anbringen kann. Im Sturmzentrum kann er mithilfe seines Antritts in die Schnittstellen laufen oder als hängende Spitze im Raum zwischen der gegnerischen Abwehr- und Mittelfeldreihe Durchschlagskraft erzeugen. Er verfügt für jede Aufgabe über das passende Werkzeug.

Fazit

Marcus Thuram verfügt über einen natürlichen Vorwärtsdrang, mit dem er stets eine Grunddynamik in das Offensivspiel der Gladbacher einbringt. Dabei glänzt er mit einer hohen Durchschlagskraft, die im Strafraum oftmals in torgefährlichen Situationen mündet. Mit seiner Robustheit, seiner Schnelligkeit sowie seinen ausgeprägten technisch-taktischen Fähigkeiten ist er im Angriff vielseitig einsetzbar.

Ich definiere mich als Angreifer, der gerne kreiert, der gerne Vorlagen gibt und Tore schießt. Ich bin ein Angreifer, der es genießt, das Offensivspiel seiner Mannschaft zu beleben.
Marcus Thuram, Angreifer Borussia Mönchengladbach
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