Spielanalyse

Offensive Standards (Teil 1): Blocken

Ruhende Bälle als Spielentscheider

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  1. Christopher Toetz

    Christopher Toetz, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball.

Im Spitzenfußball werden die Leistungsunterschiede zwischen den Teams immer geringer und das Defensivverhalten immer organisierter und kompakter, wodurch Standardsituationen an Bedeutung gewinnen. Diese zunehmende Relevanz ist spätestens seit der WM 2018 ersichtlich, bei der 73 von 169 Toren nach ruhenden Bällen fielen. Auch auf Vereinsebene beeindrucken mittlerweile zahlreiche Teams mit einer großen Vielfalt an Varianten, die einen entscheidenden Faktor für den Erfolg darstellen.

Wissen als Vorteil

Eckbälle, Freistöße und Einwürfe bieten der Mannschaft in Ballbesitz stets die Möglichkeit auf eine gefährliche Torchance. Aufgrund dessen, dass der Ball vor der Ausführung ruht und der Gegner einen Abstand zum Ball einhalten muss, ergibt sich mit einem präzisen Pass, einer genauen Flanke oder Schuss eine gute Ausgangslage für einen Torerfolg. Das gilt vor allem dann, wenn die Mannschaft einstudierte Varianten im Repertoire hat. Wie bei gruppen- und mannschaftstaktischen Abläufen im laufenden Spiel ist auch bei einstudierten Standardsituationen das taktische (Vor-)Wissen ein großer Vorteil. Die Angreifer wissen schon vorher, was passiert und haben dadurch einen gedanklichen Vorsprung gegenüber den Verteidigern. Daraus ergibt sich auch ein mentaler Effekt, der bei Standards in Tornähe noch schwerer wiegt, als im laufenden Spiel: Die Verteidiger wissen, dass sie auf Überraschungen gefasst sein müssen und nur reagieren können. Das sorgt bei den Verteidigern für gesteigerte Nervosität und mentale Belastung. Schließlich kann ein kleiner Fehler das Gegentor bedeuten.

Blocks stellen

Ein wichtiges taktisches Mittel erfolgreicher Standards ist das Freiblocken von Mitspielern. Dabei stellen sich Angreifer aktiv in den Weg der Verteidiger, um bestimmte Mitspieler in eine aussichtsreichere Position zu bringen, damit diese weniger Druck bei der Verwertung der Hereingabe haben. Doch es gibt auch Mannschaften, die dieses Mittel für das Öffnen oder das Offenhalten von Zielräumen nutzen. Um die Blocks erfolgreich zu stellen, bedarf es viel Training der Abläufe und Abstimmung. Schließlich sind mit dem „Blocksteller“, dem „Blocknutzer“ und dem nicht zu vernachlässigenden Passgeber immer mindestens drei Spieler beteiligt. Innerhalb von Sekundenbruchteilen müssen Individualtechnik, Teamtaktik und das gegnerische Verhalten kombiniert werden, um den maximalen Vorteil zu erlangen.

    1. Ausgangsituation: Soares (A) deckt Schneiderlin (1), während seine übrigen Mitspieler in einer Raumdeckung agieren. Evertons Holgate (2) orientiert sich an Lemina (B) und steht dabei im Abseits. Walcott (3) erweitert die gegnerische Mauer.

    2. Baines (4) passt zu Schneiderlin (1), der sich bereits mit dem Anlaufen einen Vorsprung zu Soares (A) erlaufen hat. Kurz vor dessen Annahme stellt Holgate (2) einen Block gegen Lemina (B), ...

    3. ... sodass dieser nicht auf Schneiderlin (1) herausrücken kann. Gleichzeitig dreht Walcott (3) in Richtung Tor auf und blockt damit Long (C).

    4. Schneiderlin (1) passt präzise durch die Schnittstelle, die Holgate (2) gegen Lemina (B) und Walcott (3) gegen Long (C) mit ihren Blocks offen halten. Walcott (3) erläuft das Zuspiel, ...

    5. ... nimmt an und mit und schließt erfolgreich in die ballnahe Ecke ab.

    1. Trippier (A) deckt De Ligt (1). Vertonghen (B), der ebenfalls für De Ligt (1) eingeteilt ist, deckt im Raum und nimmt die Situation wahr. Im Moment von De Ligts einlaufen, stellt Van de Beek (2) – im Rücken von Vertonghen (B) stehend – einen Block.

    2. Durch den Block von Van de Beek (2) kann Vertonghen (B) den einlaufenden De Ligt (1) nicht übernehmen. Parallel dazu sprintet Tagliafico (3) zum ballnahen Pfosten und zieht Sissoko (C) mit, ...

    3. ... wodurch sich ein Raum vor dem Tor öffnet, in den De Ligt (1) ohne Gegnerdruck einläuft.

    4. De Ligt (1) geht mit einem Bewegungsvorteil in das Kopfballduell mit Alli (D) und verwertet in die ballferne Ecke.

    1. Ausgangsituation im Strafraum: Die Angreifer postieren sich im Torraum, worauf die Manndecker entsprechend folgen. Einzig Dal Hende (2) steht im Rückraum frei. Andersson (1) wirft zu ihm. Sviatchenko (3) erkennt die Situation frühzeitig ...

    2. ... und blockt den Lauf von Gegenspieler Hansen (A), der zum Kopfball auf Dal Hende (2) herausrücken will. Thychosen (B) hat zwar einen freien Laufweg, doch er hat die Situation in seinem Rücken zu spät wahrgenommen und kann nicht mehr eingreifen.

    3. Letztlich verzögert Sviatchenko (3) den Lauf von Hansen (A) so, dass Zielspieler Dal Hende (2) kontrolliert zum ballfernen Pfosten köpft, wo dann Onuacho (4) ins Tor verlängert.

Fazit

Standards haben in der heutigen Zeit einen spielentscheidenden Charakter. Daher ist es besonders wichtig, auf einstudierte Varianten zurückzugreifen. Diese sollten neben Lauf- und Passwegen auch Blocks beinhalten, die den Zielspieler befreien oder den Zielraum öffnen.

Ein Standard ist immer eine besondere Situation: Man kann so viele Spieler im Strafraum platzieren, wie man will, und kann im Voraus verschiedene Varianten einstudieren.

Carlos Alberto Parreira, FIFA-Projektleiter der technischen Studiengruppe

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