Spielanalyse

Olympique Marseille - die Effektiven

Olympique Marseille hat die vorzeitig beendete Saison in der französischen Ligue 1 auf dem zweiten Tabellenplatz abgeschlossen und sich somit erstmals seit sieben Jahren für die Champions League qualifiziert.

Olympique Marseille beim Torjubel im Ligaspiel gegen SC Amiens. © 2019 Getty Images
  1. Marius Fischer

    Marius Fischer, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball.

Der 1899 in der Hafenstadt Marseille gegründete Verein ist bis heute der einzige französische Klub, der die Champions League gewinnen konnte (1993). Die letzte Meisterschaft liegt mittlerweile 10 Jahre zurück. Zu groß war zuletzt die Dominanz von Paris Saint-Germain auf nationaler Ebene. Mit André Villas-Boas konnte man im Sommer 2019 einen prominenten Trainer verpflichten, der die Mannschaft zurück in die Rolle des erstes Verfolgers von Paris gebracht hat. Dabei zeichnet sich Marseille vor allem durch seine defensive Kompaktheit und offensive Effektivität aus.

Den Gegner hoch anlaufen

André Villas-Boas fiel bei seinen bisherigen Trainerstationen durch ein intensiv praktiziertes Pressing auf und setzt diesen Ansatz nun auch bei Olympique Marseille fort. Bei gegnerischen Abstößen wird der Gegner hoch und mannorientiert zugestellt. Versucht er dennoch, flach von hinten heraus zu spielen, presst Marseille aggressiv aus einer 4-3-3-Grundordnung. Ziel ist es hierbei, den Gegner zu langen Bällen zu zwingen, die man mit den eigenen großen defensiven Mittelfeldspielern und Verteidigern abfangen kann. Da Olympique Marseille über schnelle Innenverteidiger verfügt, schiebt die Viererkette oft sehr hoch, um den Druck auf den Gegner zusätzlich zu erhöhen.
 

    1. Mit dem gegnerischen Rückpass auf den Torhüter schiebt Marseille mannorientiert nach vorne.

    2. Über den Außenverteidiger spielt Nantes den Ball wieder ins Zentrum. Hier wird der Gegenspieler sofort von zwei Seiten durch Benedetto und Rongier attackiert.

    3. Da er unter diesem Druck nicht aufdrehen kann, bleibt dem Spieler von Nantes nur der Rückpass zum Torhüter ...

    4. ... der den Ball unter dem erneuten Druck von Benedetto unkontrolliert ins Seitenaus schießt.

    1. Mit dem Pass vom Torwart presst Marseille von drei Seiten den Passempfänger, so dass dieser zum Torwart zurückspielen muss.

    2. Der Torwart passt zum Innenverteidiger, der von Germain und Rongier sofort angelaufen wird ...

    3. ... und unter diesem Druck einen unkontrollierten Pass in die Zentrumsspur spielt, der von Sanson abgefangen wird.

    4. Nach einem kurzen Dribbling kann dieser erfolgreich abschließen.

Aktiv im Gegenpressing

Bei Ballverlusten gehen die ballnahen Spieler sofort ins Gegenpressing, während der Rest der Mannschaft das Zentrum verdichtet und kompakt hält. Marseille verfügt über eine spielstarke Offensive, in der Flügelspieler Dimitri Payet als Star und Europameister herausragt. Da man sich gegen tiefstehende Gegner oft schwer tut Chancen herauszuspielen, bieten diese hohen Ballgewinne aus dem Gegenpressing ein effektives Mittel, um die talentierten Offensivspieler im Angriffsdrittel in Szene zu setzen. Hier agiert man dann sehr zielstrebig und effektiv - häufig gewann Olympique Marseille knappe Spiele, in denen der Gegner zwar mehr Spielanteile hatte, durch eine gelungene Einzelaktion mit einem Tor Vorsprung.

    1. Sarr spielt einen Fehlpass zum Gegner, der sofort in Richtung Tor dribbelt.

    2. Marseilles Spieler schalten sofort um und sprinten geschlossen zurück ...

    3. ... wodurch sie den ballführenden Spieler zu einem schwierigen Pass aus der Drehung in die Halbspur zwingen.

    4. Da der Pass nicht scharf genug gespielt wird, können Sanson und Amavi den Passempfänger sofort unter Druck setzen und ihn zu einem ungefährlichen Distanzschuss zwingen.

    1. Nach einem Fehlpass dribbelt der Gegner in die rechte Halbspur. Marseilles Offensivspieler schalten sofort um und sprinten zurück.

    2. Durch den Druck von drei Seiten durch Sanson, Rongier und Amavi wird der Gegner in die Außenspur gedrängt.

    3. Dort isoliert bleibt ihm nur noch ein riskantes Dribbling zurück in die Halbspur, ...

    4. ... wo Marseille in einer 3-gegen-1-Überzahl eine einfache Balleroberung erzielen kann.

Individuelle Qualität

In der Offensive setzt Olympique Marseille auf die individuelle Qualität ihrer Spieler. Der bereits angesprochene Dimitri Payet gehört zusammen mit dem Serben Nemanja Radonjić und Stürmer Dario Benedetto zu einer Reihe von dribbelstarken Akteuren, die mit Einzelaktionen ein Spiel entscheiden können. Daher versucht man diese Spieler durch Spielverlagerungen gezielt in 1-gegen1-Situation zu bringen, in denen sie ihre individuelle Qualität ausspielen können. Da gerade die Flügelspieler Payet und Radonjić gerne in die Zentrumspur ziehen, bieten sich in der Außenspur auch immer wieder Räume für die Außenverteidiger, die vor allem von den passstarken Spielmachern Morgan Sanson und Maxime López bespielt werden.

    1. López spielt mit Payet einen Doppelpass in die linke Halbspur.

    2. Amavi erkennt den Raum in der linken Außenspur im Rücken des Verteidigers, wird von López mit einem Gassenpass angespielt und dribbelt zum Tor.

    3. Kurz vor dem Strafraum spielt er einen Rückpass auf Benedetto, der den Ball nach vorne mitnimmt ...

    4. ... und vom Elfmeterpunkt aus ein Tor erzielen kann.

    1. Marseille spielt einen langen Pass auf Zielspieler Germain.

    2. Germain nimmt den Ball an und legt auf Sanson ab, der in die Zentrumspur dribbelt und auf Payet in die linke Außenspur passt.

    3. Payet dribbelt mit Tempo Richtung Tor ...

    4. ... und schließt kurz vor dem Strafraum ins Tor ab.

Mehr als nur Verfolger Nummer Eins?

Olympique Marseilles Kader verfügt über eine gute Mischung aus jungen Talenten und Spielern mit Erfahrung. Unter Trainer Villas-Boas hat man eine Identität und ein System entwickelt, mit dem man in der abgelaufenen Saison nur schwer zu schlagen war. Wenn man es zukünftig schafft, noch häufiger spielerische Lösungen gegen tiefstehende Gegner zu finden und nicht nur auf die individuelle Klasse seiner Offensivleute vertraut, hat Marseille sicherlich gute Chancen, sich als Verfolger Nummer Eins hinter Paris Saint-Germain in der Ligue 1 zu etablieren und wieder dauerhaft in der Champions League zu spielen.

Barcelona ist abhängig von Lionel Messi, Juventus ist abhängig von Cristiano Ronaldo. Wenn wir von Payet abhängig sind, dann ist das eben so. Das macht mir keine Sorgen. Gute Spieler machen den Unterschied. Und ich habe keine Probleme, damit umzugehen.
André Villas-Boas, Cheftrainer von Olympique Marseille
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