Spielanalyse

Pässe sind die Sprache des Spiels

„So präzise wie möglich, so scharf wie nötig passen!“ ist eine Leitlinie der DFB-Spielauffassung, die als Voraussetzung effizienter Angriffsstrategien gegen kompakt organisierte Gegner eine enorme Bedeutung hat.

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  1. Dr. Stephan Nopp

    Dr. Stephan Nopp, Spielanalyst der A-Nationalmannschaft, analysiert mit Hilfe der Leitlinien der DFB-Spielauffassung diverse Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball. Dabei stellt er stets einen praxisorientierten Bezug für alle Trainer her – egal in welcher Spiel- und Altersklasse.

Sportliche Leitung, Trainer und Experten des DFB vermitteln Hintergründe rund um interessante Beobachtungen im internationalen Fußball – regelmäßig, fundiert und mit aktuellem Bezug.

Erfolgreiche Pässe sind kein Erfolgsgarant

In der Offensive sind es häufig nur kleine Zeitfenster, in denen die Möglichkeit des Überspielens der Defensive gegeben ist. Und genau hier sind Geschwindigkeitsvorteile notwendig, die durch eine geschickte An- und Mitnahme, ein dynamisches Eins-gegen-Eins oder aber durch ein exaktes Passspiel gewonnen werden können. Jeder Pass sendet dabei eine "Botschaft". Diese muss präzise, einfach und eindeutig sein. Unabdingbar ist das gleiche Verständnis dieser Botschaft beim Passgeber und beim Passempfänger. Es gibt zwei Intentionen einen Pass zu spielen: Entweder er dient der Sicherung des Ballbesitzes und damit der Vorbereitung des Überspielens von Gegnern, oder der Pass ist dafür gedacht, den Raum im Rücken des Gegners zu bespielen. Im Zusammenhang mit Zeitvorsprüngen gegenüber dem Gegner muss ein Pass aber stets so präzise wie möglich und so scharf wie nötig gespielt werden.

Statistiken der FIFA WM 2018 zeigen, dass Spanien und Deutschland im Passspiel von allen Mannschaften am erfolgreichsten waren, dennoch schieden beide Teams unerwartet früh aus dem Turnier aus. Warum haben denn positive Kennzahlen wie diese keine Aussagekraft über den Erfolg? Es ist ganz einfach zu ungenau für die Beurteilung der Effektivität eines Passes, wenn nur gemessen wird, ob der Pass beim Mitspieler ankommt oder nicht. Viel entscheidender ist doch, ob der jeweilige Pass in der jeweiligen Situation die richtige Lösung war und korrekt ausgeführt wurde. Die Geschwindigkeit des Spiels und die Chance, Gegner zu überspielen, wird erst durch die Präzision und das Timing von Pässen erreicht.

Präzision und Schärfe

Der Geschwindigkeitsverlust durch Ungenauigkeiten im Passspiel gibt dem Gegenspieler Zeit und Möglichkeit, das eigene Tor zu verteidigen. Es reicht also nicht aus, den Ball "nur" zum Mitspieler zu passen, insbesondere, wenn die gegnerische Mannschaft kompakt und organisiert verteidigt. Denn: Je höher und größer Raum-, Zeit- und Gegnerdruck sind, desto präziser und schärfer muss der Pass gespielt werden. Geringe Abweichungen im Passspiel fallen hierbei erst einmal nicht auf, führen bei näherem Blick aber dazu, dass das Spiel träge und langsam wirkt, die offensive Mannschaft selten in den Rücken der Abwehr kommt und so auch nur Schussgelegenheiten mit geringer Aussicht auf Erfolg herausspielt. Also ist das Ballbesitzspiel überholt und das Umschaltspiel die erfolgreichere Art Fußball zu spielen? Aber nein, das ist damit nicht zu beantworten. Ein Konterangriff bleibt ebenso erfolglos wie ein Angriff aus den Positionen, wenn der Ball zwar im Fuß des Mitspielers ankommt, aber nur etwas zu langsam oder im falschen Winkel gespielt ist.

Jeder Pass hat eine „Botschaft“

Auf der anderen Seite sind es gerade Konterangriffe, die mit hoher Geschwindigkeit durchgespielt werden und deshalb als attraktiv, dynamisch und vielversprechend gelten. Doch auch hier hängt der erfolgreiche Abschluss am Ende von Details in den Passkombinationen ab. Folglich ist nicht die grundsätzliche Spielkonzeption entscheidend, sondern vielmehr wie genau mittels Pässen "kommuniziert" wird. Für die Fußballpraxis bedeutet dies: Intention und Umsetzung des Passspiels noch genauer zu bewerten und zu coachen! Es darf keine Pässe geben, deren „Botschaft" nicht eindeutig zu erkennen ist. Das gilt insbesondere für Situationen, in denen es möglich ist, Geschwindigkeit auszulösen, aufzunehmen und Gegner zu überspielen. Es geht um winzige Geschwindigkeits- und Aktionsvorsprünge, durch die man die viel zitierten "100-prozentigen" Torchancen herausspielt.

Da die physische Schnelligkeit nahezu austrainiert scheint und defensive Spielkonzepte immer ausgefeilter werden, kommt der offensiven Leitlinie, so präzise wie möglich und so scharf wie nötig zu passen, eine besondere Gewichtung zu.

Dr. Stephan Nopp