Spielanalyse

Cagliari Calcio – ein Team für den Europapokal?

Die Sarden haben sich im oberen Tabellendrittel der Serie A festgespielt und überzeugen mit einer klaren Spielauffassung.

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  1. Christopher Toetz

    Christopher Toetz, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball.

Nach zwei Niederlagen zum Auftakt ist Cagliari Calcio heimlich, still und leise die Tabelle hinaufgeklettert und belegt derzeit inmitten der großen Clubs einen Champions-League-Platz. Grund genug, mal etwas genauer hinzusehen.

Vertikalspiel

Cheftrainer Rolando Maran lässt sein Team in einem 4-1-2-1-2-System spielen. Im Positionsangriff bevorzugen die Sarden ein schnelles und vertikales Passspiel in die Spitze. Dabei beschränkt sich die Ballzirkulation hauptsächlich auf die erste Aufbaulinie, aus der sie mit einem plötzlichen Rhythmuswechsel in ein zielgerichtetes Vertikalspiel übergehen. Der Grund hierfür liegt sicherlich auch darin, dass sich das Mittelfeld - abgesehen vom „Sechser“ - kaum um ballnahe Verbindungen bemüht und frühzeitig Positionen in der Tiefe einnimmt.

    1. Der gegnerische Außenverteidiger (AV) setzt den ballführenden Cacciatore unter Druck. Oliva erkennt die Situation und fordert ein Zuspiel von Cacciatore, das er auch erhält.

    2. Oliva setzt die Situation mit einem Tempodribbling fort. Dabei wird er vom zentralen offensiven Mittelfeldspieler verfolgt.

    3. Durch den Druck des ZOMs dribbelt Oliva diagonal auf die Abwehrreihe zu.

    4. Dadurch orientiert sich der Innenverteidiger (IV) zu Oliva und nimmt eine frontale Körperstellung ein. Oliva erkennt die Situation und passt im richtigen Moment zum in die Tiefe laufenden Simeone.

    5. Simeone dribbelt zum Tor und bindet so den Innenverteidiger (IV), wodurch sich der Rückraum öffnet. Simeone passt zu Pedro, der das Zuspiel jedoch verpasst. Dafür erreicht der nachrückende Oliva den Pass ...

    6. ... und verwertet in die ballferne Ecke.

    1. Nach einer kurzen Passstafette in der ersten Aufbauline passt Cacciatore in den Lauf von Castro.

    2. Castro leitet das Zuspiel in den Lauf von Nández weiter, der mit einem Dribbling in Richtung Strafraum fortsetzt.

    3. Nández passt in die Mitte zu Simeone, der jedoch eng vom Innenverteidiger (IV) gedeckt wird.

    4. Der IV erreicht den Ball vor Simeone, kann jedoch nur unkontrolliert klären. Nández erhält den Ball erneut und schießt über das Tor.

Über außen

Da Cagliari das Spiel vorzugsweise über die Halb- und Außenspuren vorantreibt, sind Hereingaben von außen ein beliebtes Mittel im Positionsangriff. Dabei werden die offensiven Außenverteidiger in den höheren Zonen von den ballnahen „Achtern“ sowie gelegentlich vom „Zehner“ unterstützt. Ziel ist es, einen Spieler so freizuspielen, dass er die Hereingabe ohne Gegnerdruck in den Strafraum schlagen kann. Hierbei nimmt die Strafraumbesetzung eine entscheidende Rolle ein. Cagliari versucht, stets eine Überzahl zu schaffen, die im besten Fall mit einem dynamischen Vorteil gegenüber den Verteidigern verbunden ist.

    1. Cacciatore dribbelt ohne Gegnerdruck in Richtung Tor. Castro erkennt die Situation und läuft in den Rücken der Abwehr.

    2. Cacciatore passt jedoch in den Lauf zu Pedro, ...

    3. ... der direkt zu Nández in die Außenspur passt. Daraufhin laufen sowohl Pedro als auch Cerri in die Tiefe.

    4. Nández verzögert mit der Annahme und verschafft Cerri und Pedro so die nötige Zeit, um den Strafraum zu besetzen.

    5. Dadurch hat Cagliari eine 4-gegen-3-Überzahl im Strafraum. Mit der Hereingabe von Nández läuft Pedro zum ballnahen Pfosten, zieht den Innenverteidiger (IV) mit und öffnet so den Raum für Castro.

    6. Der freistehende Castro erzielt per Kopf den 1:0-Siegtreffer.

    1. Ionita hinterläuft den ballführenden Pellegrini. Gleichzeitig lässt sich Castro fallen und bietet sich für ein Zuspiel an.

    2. Pellegrini entscheidet sich jedoch für ein Dribbling. Dabei bindet er sowohl seinen direkten Gegenspieler als auch den Außenverteidiger (AV). Ionita hält seine Position.

    3. Pellegrini passt zu Ionita, der durch das vorherige Binden keinen Gegnerdruck hat.

    4. Mit der Annahme von Ionita laufen sofort drei Spieler von Cagliari in den Strafraum, ...

    5. ... sodass sie eine 4-gegen-3-Überzahl im tornahen Raum schaffen. Ionita flankt in den Strafraum.

    6. Letztlich ist es Simeone, der die Hereingabe mit dem Kopf in die ballferne Ecke verwertet.

Umschaltspiel

Die größte Stärke von Cagliari ist das Konterspiel, welches sich mit dem vielgenutzten tiefen und kompakten Verteidigen optimal ergänzt. Nach Ballgewinnen werden die Umschaltaktionen schnell und vertikal ausgespielt, sowohl von dem jeweils Ballführenden als auch von den Spielern ohne Ball. Hierbei überzeugen sie mit einer ausgeprägten Mentalität, den Konter „mitzulaufen" und einer konsequenten Zielstrebigkeit in ihren Aktionen.

    1. Nach einem Zuspiel aus der Außenspur ist der gegnerische Innenverteidiger (IV) in Ballbesitz. Nainggolan läuft ihn an, ...

    2. ... der jedoch zum zentralen defensiven Mittelfeldspieler (ZDM) passt. Nainggolan läuft dem Querpass sofort nach und setzt den ZDM unter Druck.

    3. Nainggolan erobert den Ball gegen den ZDM und dribbelt in Richtung Tor. Mit dem Ballgewinn sprinten Pedro und Simeone sofort in die Tiefe.

    4. Nainggolan setzt das Spiel im höchsten Tempo fort. Dabei überblickt er die Situation und nimmt die in die Tiefe laufenden Simeone und Pedro sowie den Innenverteidiger (IV) wahr.

    5. Anschließend zeigt Nainggolan in Richtung Simeone, woraufhin der Innenverteidiger sich von Pedro zu Simeone umorientiert. Nainggolan erkennt die Situation und passt in den Lauf zu Pedro.

    6. Pedro schließt mit einem präzisen Abschluss zum 4:0 ab.

    1. Nach einem Querpass erobert Oliva den Ball und dribbelt sofort in den freien Raum.

    2. Anschließend passt er zu Nainggolan. Das Zuspiel ist jedoch zu kurz, wodurch sich der Konter verlangsamt ...

    3. ... und Nainggolan in einen Zweikampf mit dem defensiven zentralen Mittelfeldspieler (ZDM) gerät. Er entscheidet das persönliche Duell für sich und setzt das Spiel mit einem Dribbling fort. Simeone erkennt die Situation und läuft in die Tiefe.

    4. Als sich Simeone auf Höhe der Abseitslinie befindet, passt Nainggolan in die Tiefe. Simeone erläuft den Pass und dribbelt in Richtung Strafraum.

    5. Dort überwindet Simeone den Torwart (TW) mit einem sehenswerten Lupfer zum 2:1.

Statistiken

Trotz der klaren Idee, wie die Mannschaft Torchancen herausspielen möchte, verzeichnet Cagliari lediglich 11,3 Torschüsse pro Spiel und befindet sich damit im schwächsten Fünftel der Liga. Von diesen Schüssen gehen nur 3,8 tatsächlich auf das Tor, was ein ebenso geringer Wert im Ligavergleich ist.
Ein Alarmsignal, dass sich bei Betrachtung der „expected goals" (übersetzt: zu erwartende Tore) zusätzlich verstärkt. Das Expected-Goal-Modell zeigt, wie hoch die Chance auf das Tor wirklich war und berechnet für jeden Abschluss anhand mehrerer Faktoren einen Wert. Entscheidend ist dabei unter anderem, von wo auf dem Feld der Abschluss erfolgte, wie der Winkel zum Tor war und wie viele Gegenspieler sich noch zwischen Ball und Tor befanden. Der xG-Wert liegt immer zwischen 0 und 1. Mit ihm kann bei jeder Torchance klar bestimmt werden, wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, dass der Ball von diesem Punkt aus im Tor landet.
In dieser Gesamtstatistik zählt Cagliari sowohl bei den Toren als auch bei den Gegentoren zu den Ausreißern. So erzielte das Team bislang 23 Tore bei zu erwartenden 13,5 Toren. Zum Vergleich: Der nächstplatzierte US Sassuolo verzeichnet Werte von 16 xG und 21 tatsächlichen Toren. Bei den Gegentoren verbuchen die Sarden 12 Gegentore bei 15,3 erwartbaren Gegentoren. Einzig Hellas Verona toppt das Missverhältnis mit 11 Gegentoren zu 17,7 erwartbaren Gegentoren. Diskrepanzen, die sich über die Saison hinweg wohl ausgleichen werden.

Fazit

Der Erfolg von Cagliari Calcio beruht zu großen Teilen auf deren durchschlagkräftigem Konterspiel und einer klaren Strafraumbesetzung nach Hereingaben von außen. Darüber hinaus verfügen sie mit ihren gefährlichen Standards über ein spielentscheidendes Mittel. Ob es letztlich tatsächlich für den Europapokal reicht – so wie es Atalanta Bergamo in der letzten Saison geschafft hat – ist aufgrund der Statistiken jedoch fraglich. Doch derzeit sind die Sarden verdientermaßen Teil der Spitzengruppe.

Wir leisten gerade etwas Unglaubliches. Niemand hätte vor der Saison gedacht, dass wir so gut spielen würden. Es ist eine regelrechte Euphorie ausgebrochen, die es so in Cagliari seit Jahren nicht mehr gegeben hat.

Radja Nainggolan, Spieler Cagliari Calcio

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