Spielanalyse

Innenverteidiger mal anders

Drei Ideen für eine veränderte Rolle des Innenverteidigers

test
  1. Christopher Toetz

    Christopher Toetz, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball.

Im Gegensatz zu allen anderen Feldspielern hat sich die Rolle des Innenverteidigers in der offensiven Spielphase nicht wesentlich weiterentwickelt. Heutzutage rücken Außenverteidiger ins Mittelfeld ein, zentrale Mittelfeldspieler lassen sich in die erste Aufbaulinie zurückfallen oder Außenstürmer besetzen die Halbspuren. Lediglich der Innenverteidiger agiert strikt aus seiner Position heraus. Einige wenige Trainer zeigen jedoch interessante Ideen, wie auch die Rolle des Innenverteidigers in Ballbesitz erweitert werden kann.

Spielaufbau

Die Mannschaften von Tim Walter, der bis zur letzten Saison noch Cheftrainer von Holstein Kiel war, pflegen ein Aufbauspiel, das auf hoher Flexibilität und einer vermeintlich geringen Positionstreue der Viererkette beruht. In der Regel rückt ein Innenverteidiger ohne Ball in den „Sechser“-Raum vor, während der verbleibende Innenverteidiger je nach Situation von Außenverteidigern unterstützt wird. Durch dieses Vorrücken besetzen die zentralen Mittelfeldspieler nicht mehr den Raum vor der Abwehr, sondern schieben vor und bilden gemeinsam mit den offensiven Mittelfeldspielern eine Angriffsreihe hinter den Stürmern. Dieser Spielaufbau ist jedoch riskant, da der jeweilige offensive Innenverteidiger meist über wenige sichere Anspielstationen in der Ballzirkulation verfügt und selten Erfahrung als „Sechser“ hat. Doch Tim Walter priorisiert die Vorteile: Die Abläufe erschweren dem Gegner das Pressing und die eigene Mannschaft hat viele Spieler in den vorderen Bereichen postiert.

    1. Innenverteidiger Schmidt dribbelt unter Druck des gegnerischen Stürmers (ST) zum eigenen Tor. Anschließend passt er zu Torwart Kronholm (nicht im Bild) und läuft ins Zentrum. Der zweite Innenverteidiger Wahl hingegen wählt den „klassischen“ Laufweg, lässt sich diagonal fallen und bietet sich in der Breite an.

    2. Der gegnerische ST hat bereits Tempo aus seinem Lauf genommen und verliert den Kontakt zu Schmidt. Gleichzeitig wird Wahl vom zweiten ST angelaufen. Kronholm erkennt die Situation und den Raum und passt präzise in den Lauf von Schmidt.

    3. Schmidt dribbelt ohne Gegnerdruck in die Halbspur. Durch seine horizontale Dribbelrichtung lockt er den gegnerischen äußeren Mittelfeldspieler (AMF) aus seiner Position und öffnet den Raum für Bénes, den er auch anspielt.

    4. Anschließend startet Schmidt in die Tiefe und bietet sich für ein erneutes Anspiel an. Bénes setzt das Spiel jedoch mit einem Pass in den Rücken der gegnerischen Abwehrreihe fort.

    1. Innenverteidiger Thesker und dribbelt in der Zentrumsspur an. Durch das Anlaufen des gegnerischen Stürmers (ST) kappt er zum eigenen Tor ab.

    2. Anschließend passt Thesker zu Kronholm und setzt sich seitlich ab.

    3. Thesker bricht seinen Lauf in die Breite ab, um sich mit einem entgegengesetzten Laufweg in einer höheren Zone der Zentrumsspur anspielbar zu machen. Dabei wählt er den Moment, indem er sich außerhalb des Sichtfeldes vom gegnerischen ST ist.

    4. Dabei erkennt Thesker den freien Raum im Zentrum. Kronholm passt zu Wahl, der bereits vom zweiten ST angelaufen wird. Wahl verzögert seine Aktion kurzzeitig, ...

    5. ... bindet den ST und passt dann zum freistehenden Thesker, der viel Freiraum hat. Diesen nutzt er, um anzudribbeln.

In den Außenspuren

Chris Wilder, Cheftrainer des englischen Traditionsvereins Sheffield United, hat in der vergangenen Saison eine „falsche Fünferkette“ eingeführt. Die beiden Halbverteidiger besetzen in Ballbesitz die Außenspuren und bilden dort gemeinsam mit den Außenverteidigern eine Gleich- oder Überzahl. Das ermöglicht den Außenverteidigern eine höhere Positionierung, aus der sie gefährliche Tiefenläufe hinter die gegnerische Abwehrreihe starten. Die Halbverteidiger haben mehrere Aufgaben: Sie fungieren als Absicherung, Anspielstation oder schalten sich situativ ins Angriffsspiel ein, indem sie den Außenverteidiger hinterlaufen. So konnten die Halbverteidiger einige Tore einleiten und Vorlagen verzeichnen.

    1. Halbverteidiger O’Connell erhält ein Zuspiel aus dem Zentrum und dribbelt in der Halbspur.

    2. Dort passt er zu McGoldrick, der mit dem Zuspiel vom gegnerischen Außenverteidiger (AV) unter Druck gesetzt wird. Zudem lässt sich der gegnerische äußere Mittelfeldspieler (AMF) unterstützend zurückfallen. O’Connell hinterläuft seinen Mitspieler ...

    3. ... und schafft eine 2-gegen-1-Situation. McGoldrick passt im richtigen Moment in die Tiefe zu O’Connell, worauf der AMF sich fallen lässt.

    4. O’Connell hat jedoch einen Bewegungsvorsprung und kann direkt in den Strafraum flanken, wo bereits Mitspieler einlaufen.

    5. Letztlich ist es Sharp, der die Flanke per Kopfball erfolgreich verwertet.

    1. Sheffield United muss den Angriff abbrechen, sodass Duffy einen Rückpass zum absichernden Halbverteidiger O’Connell spielt.

    2. Der gegnerische äußere Mittelfeldspieler (AMF) läuft Ballbesitzer O’Connell an, der zurück zum freistehenden Duffy passt.

    3. O’Connell erkennt den freien Raum im Rücken des AMF und läuft in die Tiefe. Ballbesitzer Duffy nimmt die Situation wahr ...

    4. ... und spielt einen präzisen Pass in den Lauf von O’Connell.

    5. O’Connell passt direkt flach in den Torraum, den Hogan am ballnahen Pfosten erläuft und per Direktabnahme verwertet.

Umschaltspieler

Auch bei Atalanta Bergamo, trainiert von Gian Pero Gasperini, nehmen die Innenverteidiger eine wichtige Rolle ein. Sie eröffnen nicht nur das Spiel, sondern unterstützen in der offensiven Spielphase die zentralen Mittelfeldspieler bei der Ballzirkulation. Durch diese aktive und mutige Prägung agieren die Innenverteidiger auch im Umschaltspiel nach Ballgewinn anders als üblich. Während sich die „klassischen“ Innenverteidiger in den meisten Konteraktionen eher auf vertikales Passspiel oder ein Dribbling ins Mittelfeld beschränken, schalten sich die Innenverteidiger von Atalanta Bergamo situativ mit zielstrebigen, weiten Läufen und Dribblings bis ins Angriffsdrittel ein. Dabei nutzen sie gezielt offene Räume, um dem Konter die nötige Geschwindigkeit zu verleihen.

    1. Der gegnerische Außenverteidiger (AV) ist in Ballbesitz und versucht, entlang der Seitenlinie zu passen. Hateboer erkennt die Situation frühzeitig und blockt den Pass. Der Ball landet bei Pašalić, ...

    2. ... der den Ball unter Druck des AVs behauptet und zu Hateboer passt.

    3. Mit der Annahme von Hateboer schaltet Halbverteidiger Tolói schnell um, löst sich vom Gegenspieler und läuft in die Halbspur. Hateboer passt zu de Roon, der auf Tolói weiterleitet.

    4. Tolói wird vom ballnahen Innenverteidiger (IV) unter Druck gesetzt, während Barrow den ballfernen IV mit einem Tiefenlauf ohne Ball bindet und so den Raum für den einlaufenden Gómez öffnet. Tolói passt zu Gómez, ...

    5. ... der nach einem kurzen Dribbling in die ballferne Ecke abschließt.

    1. Nach einer Klärungsaktion ist Freuler in Ballbesitz. Mit seinem Aufdrehen schalten Halbverteidiger Hateboer und Castagne gedankenschnell um und laufen in die Tiefe. Freuler passt zu Hateboer.

    2. Hateboer setzt den Konter mit einem Dribbling fort.

    3. In der gegnerischen Hälfte blickt er auf die ballferne Seite und sucht mögliche Anspielstationen.

    4. Letztlich entscheidet er sich für einen kurzen Pass zu Castagne. Der Pass ist jedoch unpräzise, wodurch die meisten Spieler ihr Tempo verlangsamen müssen. Hateboer behält sein Tempo bei und läuft in die Tiefe.

    5. Castagne spielt im richtigen Moment einen präzisen Pass in den Rücken der gegnerischen Abwehrreihe, den Hateboer unter Gegnerdruck erläuft.

    6. Dort passt er direkt in den Rückraum des Strafraums, in den Iličić einläuft. Der Pass ist jedoch ungenau.

Potenzial

Die drei Beispiele zeigen, dass die Innenverteidiger nicht nur Aufgaben in der ersten Aufbaulinie übernehmen können, sondern auch in höheren Zonen und Umschaltmomenten in das Angriffsspiel einbezogen werden können. Dadurch wird es flexibler und für den Gegner schwerer ausrechenbar.

Ich will, dass alle rotieren. Dadurch werden wir flexibler, variabler.

Tim Walter, Cheftrainer VfB Stuttgart