Wissen

Drop-Out im Nachwuchsfußball

Warum junge Spieler aus dem vereinsorganisierten Fußball aussteigen

Talentförderung
Einige Spielerinnen des deutschen U 16 Teams freuen sich gemeinsam über ein erzieltes Tor. (Photo by Johannes Simon/Getty Images for DFB)
    • „Drop-Out“-Gründe sind auf unterschiedlichen Ebenen gelagert und bedingen sich zudem wechselseitig.
    • Das Ausstiegverhalten wird durch persönliche, zwischenmenschliche und strukturelle Faktoren beeinflusst.
    • Bessere Trainerkompetenzen, eine stärkere Bindung zum Verein und eine Verankerung der Jugendförderung im Verein können Drop-Outs verhindern.

Abstract

Fußballvereine in Deutschland verzeichnen in den letzten Jahren einen Mitgliederschwund im Jugendbereich, vor allem bei den B- und A-Junioren. Die Gründe dafür sind vielfältig und auf verschiedenen Ebenen gelagert: Sie lassen sich in persönliche Motive, zwischenmenschliche Einflüsse und strukturelle Faktoren gliedern. Verbände und Vereine müssen angesichts sinkender Zahlen Antworten auf die Frage finden, wie erfolgreiche Jugendfußball-Vereinsarbeit in Zukunft aussehen kann. Eine Metastudie hat die vorliegende wissenschaftliche Literatur dazu analysiert und empfiehlt Maßnahmen, die auf die Verbesserung der Trainerkompetenzen und der strategischen Verankerung der Jugendförderung in den Vereinen abzielen.

Im folgenden Podcast spricht Prof. Thorsten Schlesinger über das Thema "Drop-Out - Nachwuchsarbeit attraktiver gestalten":

Fußballvereine kämpfen mit sinkenden Mitgliederzahlen im Jugendbereich

Fußballvereine müssen mehr tun, um auch in Zukunft attraktiv zu sein, junge Menschen für das Spielen und Trainieren im Verein dauerhaft zu begeistern und Nachwuchs für die Profiligen auszubilden. Das ist das Ergebnis einer Metastudie der Ruhr Universität Bochum, für die insgesamt 30 Studien aus der deutschen und internationalen Forschungslandschaft zum „Drop-Out“-Verhalten von Jugendlichen aus dem vereinsorganisierten Fußball systematisiert und ausgewertet worden sind. Die Analyse der bislang vorliegenden Erkenntnisse zum Ausstiegverhalten widmet sich einem drängenden Problem: Der Fußball hierzulande boomt. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verzeichnet jährlich steigende Mitgliederzahlen. Mehr als sieben Millionen Fußballer und Fußballerinnen sind in den Landesverbänden des DFB gemeldet [1]. Doch an der Fußball-Basis bröckelt es. Immer weniger Nachwuchskicker sind in Vereinen organisiert. Die Entwicklung ist vor allem beim Übergang zu den A- und B-Junioren deutlich spürbar: Allein zwischen den Jahren 2010 und 2015 mussten sich in Deutschland 2.717 Nachwuchsteams vom Spielbetrieb abmelden, weil die Spieler fehlten. Das entspricht 10 Prozent der DBF-Gesamtmitgliederzahlen in der Altersgruppe zwischen 15 und 18 Jahren. Im internationalen Vergleich liegt die Ausstiegsquote beim Jugendfußball bei knapp 30 Prozent [2]. Auch wenn die „Drop-out“-Zahlen deutschlandweit in den Landesverbänden regional unterschiedlich ausfallen, ist der Trend unverkennbar. Die Folgen: Fußballvereine müssen mancherorts mehr Zeit und Fahrtkosten aufwenden, um mit ihren Jugendmannschaften zu den Wettkämpfen zu reisen. Zudem verkleinert sich ihr Pool, aus dem künftige Top-Spieler für die Profiligen heranwachsen.

Was führt zu „Drop-out“-Entscheidungen im Jugendfußball?

Verbände und Vereine müssen Antworten auf die Frage finden, wie erfolgreiche Jugendfußball-Vereinsarbeit in Zukunft aussehen kann. Die Gründe, warum Nachwuchsspieler aussteigen, sind – wie die Metastudie der vorliegenden wissenschaftlichen Literatur zum Thema zeigt – vielfältig und auf unterschiedlichen Ebenen gelagert. Weil sich die Ursachen zum Teil auch wechselseitig bedingen, ist die Lösungssuche komplex. Grob lassen sich die Einflüsse auf die Entscheidung, die klassische Vereinsjugendkarriere abzubrechen, in drei Kategorien fassen:

  • Persönliche Gründe (intrapersonale Faktoren)
  • Zwischenmenschliche Gründe (interpersonale Faktoren)
  • Strukturelle Gründe (strukturelle Faktoren)

Mangelnder Spaß, andere Interessen: Persönliche Gründe

Der Einfluss persönlicher „Drop Out“-Gründe ist wissenschaftlich derzeit am besten ausgeleuchtet. Der Verpflichtungsgrad im Vereinssport kollidiert mit dem Bedürfnis von Jugendlichen nach zeitlicher Flexibilität und Selbstbestimmung in der Freizeitgestaltung oder dem Wunsch, andere Sportangebote wahrzunehmen. Häufig fühlen sich Jugendliche auch von außen – zum Beispiel von den Eltern –gedrängt, den Sport zu verfolgen. Unter dem Druck kann die Wahrnehmung der eigenen fußballerischen Fähigkeiten und Fertigkeiten leiden. Körperliche Entwicklungsnachteile im Vergleich zu Mitspielern während der Pubertät können das Problem gerade in Vereinen, die zwei Altersjahrgänge in einer Gruppe zusammenführen, verschärfen. Wird die eigene Leistungsfähigkeit negativ eingeschätzt, sinkt die Motivation und Versagensängste können steigen. Sportliche Erfolgserlebnisse, sowohl persönliche als auch gemeinsame mit der Mannschaft, und Spaß am Fußball sind deshalb wichtige Faktoren, die die Begeisterung für den Sport fördern und die Bindung an den Verein stärken können.

Fehlende Unterstützung außerhalb und im Verein: Zwischenmenschliche Gründe

In jüngeren Jahren sind es die Eltern, später die sogenannten Peer Groups, die das soziale Umfeld von Jugendlichen prägen. Fehlt es dort an Unterstützung für den Fußballsport oder kommt es zu Konflikten, weil zum Beispiel Freunde andere Freizeitinteressen bevorzugen, wirkt sich das auf das Spielengagement aus. Entscheidend ist zudem, wie wohl sich Jugendliche in ihrem Verein fühlen. Dazu tragen einerseits die Gestaltung und Vielseitigkeit des Trainings bei. Auch die Person des Trainers und seine Kompetenzen spielen eine entscheidende Rolle: eine angemessene Leistungserwartung und die pädagogische Fähigkeit, schwächere Spieler mitzunehmen und ihnen ihre Einsatzchancen aufzuzeigen und Erfolgserlebnisse zu verschaffen, erhöhen die Motivation und die Freude am Fußball. Andererseits spielen dabei auch das Verhältnis der Spieler untereinander, ein guter Teamgeist und ein Zugehörigkeitsgefühl zum Verein eine prägende Rolle. Wer sich von seinem ausschließlich leistungsorientierten Trainer in einem starren Trainingsbetrieb nicht wahrgenommen fühlt und sich nicht mit seiner Mannschaft und dem Verein identifizieren kann, neigt eher zum Ausstieg.

Zu wenig Zeit, mangelnde Qualität im Trainingsbetrieb: Strukturelle Gründe

Inwieweit „Drop-Out“-Entscheidungen auf strukturelle Bedingungen zurückzuführen sind, ist bislang wissenschaftlich am wenigsten durchleuchtet. Klar ist, dass Zeit heute im Alltag der Jugendlichen mit konkurrierenden Verpflichtungen durch Schule, Ausbildung, Freundschaften pflegen oder anderen Freizeitaktivitäten immer knapper wird. Starre Trainingszeiten und längere Anfahrtswege – etwa weil regional Ligen zusammengelegt und Spielgemeinschaften gebildet werden –, erschweren es dann, den verschiedenen Verpflichtungen gerecht zu werden. Kosten für den Sport, also finanzielle Ressourcen, spielen nach ersten Erkenntnissen kaum eine Rolle [3]. Mehr Gewicht hat hingegen das  gesellschaftliche Dienstleistungsdenken und der wachsende Anspruch an die Qualität von Angeboten: Fußballvereine müssen sich zunehmend daran messen. Unattraktive Trainingsgelände oder Vereinshäuser, mangelnde Trainerkompetenz, enge Personaldecken und eintönige, wenig flexible Trainingsbetriebe können auch zu Ausstiegsentscheidungen beitragen. 

Was können Vereine tun, um den Ausstieg aus dem Jugendfußball zu verhindern?

Einfache Lösungen gibt es nicht. Unzufriedenheit und Demotivation im Laufe der Nachwuchskarriere haben meist mehrere Gründe, viele sind miteinander verwoben. Insbesondere persönliche Umstände können Vereine schwerlich direkt beeinflussen. Maßnahmen für eine erfolgreiche Jugendfußball-Vereinsarbeit müssen deshalb an mehreren Stellen ansetzen. Vier Bereiche hat die Metastudie aus der Analyse der vorliegenden wissenschaftlichen Literatur abgeleitet:

1. Die Trainerkompetenzen schulen

Der Trainer ist eine zentrale Bezugsfigur für Jugendliche, weil er viele Bindungsfaktoren zum Sport und zum Verein direkt und indirekt beeinflusst. Deshalb sollte die Trainerausbildung noch stärker auf die Betreuungskompetenzen jüngerer Altersgruppen abstellen. Pädagogisch versierte Trainer müssen nicht nur ihre Trainingsinhalte an das jeweilige Alter der Jungen und Mädchen anpassen. Sie müssen auch ihre sozialen Kompetenzen so schulen, dass sie in der sensiblen Pubertätsphase Schwächen und körperliche Entwicklungsnachteile erkennen und berücksichtigen können. Auch sollten sie Konflikte in der Mannschaft wahrnehmen und lösen können. Ein weiterer Punkt ist der Umgang mit Elternansprüchen, gerade wenn deren Erwartungen das Leistungspotenzial ihrer Kinder übersteigen.

2. Bindung zum Verein stärken

Das Erleben von Gemeinschaft und das Einstehen für gemeinsame Werte sind wichtige Erfahrungen, die Jugendliche im Laufe ihres Vereinslebens machen und die ihre Bindung zum Verein stärken. Vereine sollten deshalb die Identifikation mit dem Club proaktiv aufbauen, indem sie  junge Mitglieder in ihren Bedürfnissen und Interessen mit maßgeschneiderten Angeboten gezielt ansprechen. Zusammengehörigkeitsgefühl wächst langsam. Umso wichtiger ist es, Jugendliche in die Vereinsarbeit frühzeitig einzubinden und ihnen auch Verantwortung zu übergeben.

3. Vereinsphilosophie überprüfen

Fußballvereine haben ihre eigene Philosophie: Manche sehen sich als traditioneller Verein, der auf Leistung und Wettkampf setzt; andere als moderner, sozialengagierter Sportanbieter, der offene Spielgelegenheiten schafft. Je nach Selbstverständnis, fällt es schwerer oder leichter auf die unterschiedlichen Erwartungshaltungen junger Menschen an den vereinsorganisierten Sport zu reagieren und entsprechende Angebote zu schaffen. Neue Konzepte für die Nachwuchsarbeit müssen zur Vereinsphilosophie passen und den Zielvorstellungen entsprechen, ohne die gewachsene Stabilität in der Vereinskultur zu sprengen und Mitglieder zu verprellen, weil sie sich in der konzeptionellen Ausrichtung nicht mehr wiederfinden. 


4. Jugendförderung als Vereinsziel verankern

Noch werden die Interessen und Bedürfnisse von Jugendlichen selten in der strategischen Vereinsführung angemessen berücksichtigt. Um die Mitgliederbindung erfolgreich im Laufe der Vereinskarriere aufbauen zu können, sollte die Förderung von Jugendlichen als Vereinsziel verankert werden. So wird sichergestellt, dass sich der Verein mit den Belangen der Nachwuchsarbeit regelmäßig befasst. Auch können so die Interessen junger Mitglieder gewinnbringend in Entwicklungsprozesse des Vereins eingebunden werden. Der Vorteil: So lässt sich nicht nur kreatives Potenzial erschließen, sondern vermeidet, dass Dinge über deren Köpfe hinweg entschieden werden.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "What is influencing the dropout behaviour of youth players from organised football?", die 2018 im "German Journal of Exercise and Sport Research" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Schlesinger, T., Loebig, A., Ehnold, P., & Nagel, S. (2018). What is influencing the dropout behaviour of youth players from organised football?. German Journal of Exercise and Sport Research, 48(2), 176-191.

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    1. Deutscher Fußballbund (DFB). Mitgliederstatistik 2018.

      Studie lesen
    2. Mollerlokken NE, Loras H, Pedersen AV. A systematic review and meta-analysis of drop-out rates in youth soccer. Perceptual and Motor Skills 2015, 121: 913-922

    3. Ferreira M, Armstrong KL. An investigation of the relationship between parents’ causal attributions to youth soccer dropout, time in soccer organisation, affect towards soccer and soccer organisation, and post-soccer dropout behaviour. Sport Management Review 2002, 5: 149-178