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Kopfbälle im Profibereich: Wie häufig, welcher Art, von wem?

Daten zu Kopfballereignissen aus den fünf europäischen Topligen

Coaching
Taktik & Spielanalyse
Leroy Sane und Joshua Kimmich im Luftduell um den Ball.
    • Insgesamt absolvieren Abwehrspieler in den Profiligen die meisten Kopfbälle.
    • Die Abwehrspieler und Stürmer der Premier League sowie die Mittelfeldspieler der Bundesliga hatten die häufigsten Kopfballaktionen auf ihren Spielerpositionen.

    • Abwehr- und Mittelfeldspieler führten Kopfbälle meist als zielgerichtete Pässe zu einem Mitspieler aus, während Stürmer ähnlich häufig den Ball per Kopf (z. B. nach einer Ecke) weiterleiteten.
    • Den meisten Kopfbällen ging ein lang nach vorn geschlagener Ball voraus. 
    • Nach Torabstößen legte der Ball die größte Entfernung vor dem Kopfball zurück. Weil bei Kopfbällen nach Abstößen die größte Kopferschütterung angenommen wird, könnten präventive Maßnahmen bei Abstoßregeln ansetzen.
Abstract

Die Sorge, dass Kopfbälle das Risiko neurodegenerativer Erkrankungen erhöhen, hat zu verstärkter Forschung in dem Bereich geführt. Weil es abseits von Untersuchungen in unnatürlichen Umgebungen vielfach an Analysen von Kopfballereignissen auf dem Spielfeld fehlt, konzentriert sich diese Studie auf grundlegende Parameter der Kopfballereignisse von fünf europäischen Profiligen. Die Sportmediziner haben analysiert, wie viele Kopfbälle pro Spiel vorkommen, welche Spielerpositionen wie häufig welche Art von Kopfbällen ausführen und welche Spielereignisse den Kopfbällen vorausgehen. Vor allem die Bälle, die vor dem Kopfballereignis lange in der Luft sind und entsprechend große Geschwindigkeiten erreichen, könnten für die stärksten Erschütterungen des Gehirns beim Kopfball verantwortlich sein.

„Ungeheuer“ Kopfball: Sorge um gesundheitliche Gefahren

In den vergangenen Jahren ist das Kopfballspiel stärker in den Fokus von Medizinern gerückt. Es besteht der Verdacht, dass Kopfbälle langfristig neurodegenerative Erkrankungen, wie Parkinson oder Demenz, fördern. Die Sorge vor Kopfverletzungen und Hirnschäden durch Kopfbälle hat zugenommen, seit einige Studien einen Zusammenhang zwischen dem Kopfballspiel und einem erhöhten gesundheitlichen Risiko nahezulegen scheinen [1-4].

Viele nationale Fußballverbände haben auf diese Sorge bereits reagiert und vor allem für das Kopfballspiel im Jugend- und Kindesalter neue Empfehlungen und Regeln formuliert. Der Deutsche Fußballbund empfiehlt Trainern, sich an einem Fünfpunkteplan (Ballgröße, Balldruck, weniger Kopfballsituationen, Stärkung der Nackenmuskulatur, Gehirnerschütterungen erkennen) zu orientieren. Der englische Fußballverband hat Kopfbälle für Kinder im Grundschulalter vorerst gänzlich untersagt.

Sorgen ernst nehmen – mit Daten „natürlicher“ Kopfballereignisse

Fakt ist, dass Kopfbälle in jedem Alter Auswirkungen auf das Gehirn haben können. Zum jetzigen Zeitpunkt gebe es allerdings noch zu wenige verlässliche Daten zu diesem Themenkomplex, geben die Wissenschaftler Gregory Tierney und Barry Higgins zu bedenken. Sie weisen darauf hin, dass ein Großteil der bislang veröffentlichten Studien zu dem Thema methodologische Mängel aufweise, sich widerspräche oder ergebnislos bliebe. Viele Studienergebnisse bildeten die Realität nur unzureichend ab, da häufig versucht werde, den „Impact“ von Kopfbällen auf das Gehirn in einer künstlichen Laborumgebung zu erfassen. 

Weil es gerade auch im Profifußballbereich an Daten und Analysen „natürlicher“ Kopfballereignisse fehlt, haben Tierney und Higgins durch die vorliegende Studie eine Datengrundlage für nachfolgende Forschungen geschaffen. Die Sportmediziner erhoben u. a., wie viele Kopfbälle in Spielen der europäischen Profiligen vorkommen, welcher Art diese Aktionen sind und welche Spielerpositionen nach welchen Spielsituationen Kopfbälle ausführen. Mithilfe des Analysesystems Opta Sports überprüften sie die Kopfballereignisse von über 7.000 Spielen der fünf großen Profiligen (Bundesliga, Ligue 1, Premier League, La Liga und Serie A) aus drei Spielzeiten (2016/17 bis 2018/19).

Abwehrspieler kommen am häufigsten zum Kopfball

Von den „Big 5“-Ligen ergaben sich in der englischen Premier League die meisten Kopfbälle pro Spiel (durchschnittlich 111 pro Spiel), gefolgt von der Bundesliga (108 Kopfbälle), der ersten spanischen Liga (La Liga, 99 Kopfbälle), der französischen Ligue 1 (94 Kopfbälle) und der italienischen Serie A (92 Kopfbälle pro Spiel). Über die fünf Profiligen hinweg verzeichneten die Abwehrspieler die meisten Kopfbälle pro Spiel und Spieler. Im Ligavergleich hatten die Abwehrspieler und Stürmer der Premier League sowie die Mittelfeldspieler der Bundesliga die häufigsten Kopfballaktionen auf ihrer Spielposition. Der überwiegende Teil der Kopfbälle, die von Abwehr- und Mittelfeldspielern ausgeführt wurden, waren zielgerichtete Pässe zu einem Mitspieler. Kopfbälle, die von Stürmern ausgingen, wurden – je nach Liga – meist als Pass oder Weiterleitung (z. B. nach einer Ecke) gespielt (vgl. ABB. 01).

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Den meisten Kopfbällen von Abwehrspielern und Stürmern ging ein lang geschlagener Ball in die Spitze als Spielereignis voraus. Je nach Liga war das häufigste Spielereignis, welches bei Mittelfeldspielern vor einem Kopfball stattfand, ebenfalls ein langer Ball oder ein Pass per Kopf. Nach Torabstößen hatte der Ball im Mittel die größte Entfernung (ca. 58 m) zurückgelegt, bevor ein Kopfball gespielt wurde. Auch bei weit geschlagenen Pässen (ca. 40 m) und Eckbällen (ca. 32 m) war der Ball vor der Ausführung des Kopfballs über längere Distanzen in der Luft (vgl. ABB. 02).

Bälle, die per Abstoß oder langgeschlagenem Pass nach vorne gespielt werden, erreichen Fluggeschwindigkeiten bis zu 85 km/h [5]. Daher liegt die Vermutung nahe, dass vor allem Kopfbälle nach Abstößen größere Kopferschütterungen verursachen [6]. Dieser Zusammenhang beruht auf der Grundannahme, dass längere Flugdistanzen des Balls auch höherer Initialgeschwindigkeiten bedürfen. Wie stark der Aufprall bei welchen Geschwindigkeiten im Einzelfall und bei unterschiedlichen Kopfballarten ist, lasse sich derzeit allerdings noch nicht genau sagen, schränken Tierney und Higgins ein.

Bis gesicherte Zusammenhänge vorliegen, könnten einige präventive Maßnahmen in Erwägung gezogen werden, erklären die Forscher. Mit veränderten Abstoßregeln ließen sich möglicherweise die höchsten Geschwindigkeiten, mit denen der Ball auf den Kopf trifft, reduzieren. Zum Beispiel könnten Abstöße generell durch Abwürfe ersetzt werden. Im Kinder- und Jugendbereich wäre außerdem eine Regel denkbar, dass der Ball Kopfhöhenniveau zunächst nicht überschreiten darf, um junge Spieler zu schützen und sie schrittweise an das Kopfballspiel heranzuführen.

Die Inhalte basieren auf der Studie "The incidence and mechanism of heading in European professional football players over three seasons", die 2021 im „Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Tierney, G. J., & Higgins, B. (2021). The incidence and mechanism of heading in European professional football players over three seasons. Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports, 31(4), 875-883.
    Studie lesen
    1. Rutherford, A., Stewart, W., & Bruno, D. (2019). Heading for trouble: is dementia a game changer for football? British Journal of Sports Medicine, 53(6), 321-322.

    2. Kontos, A. P., Braithwaite, R., Chrisman, S., McAllister-Deitrick, J., Symington, L., Reeves, V. L., & Collins, M. W. (2017). Systematic review and meta-analysis of the effects of football heading. British Journal of Sports Medicine, 51(15), 1118-1124.

    3. Mackay, D. F., Russell, E. R., Stewart, K., MacLean, J. A., Pell, J. P., & Stewart, W. (2019). Neurodegenerative disease mortality among former professional soccer players. The New England Journal of Medicine, 381(19), 1801-1808.

    4. Tarnutzer, A. A., Straumann, D., Brugger, P., & Feddermann-Demont, N. (2017). Persistent effects of playing football and associated (subconcussive) head trauma on brain structure and function: a systematic review of the literature. British Journal of Sports Medicine, 51(22), 1592-1604.

    5. Levendusky T., Armstrong C., Eck J., Jeziorowski J., & Kugler L. Impact characteristics of two types of soccer balls. In Reilly, T., Lees, A., Davids, K., & Murphy, W. J., eds. Science and Football: Proceedings of the First World Congress of Science and Football. (385-392).

    6. Tierney, G. J., Power, J., & Simms, C. (2021). Force experienced by the head during heading is influenced more by speed than the mechanical properties of the football. Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports, 31(1), 124-131.