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Talentidentifizierung: Talente finden und fördern

Neues Test-Design erfasst die körperliche Entwicklung junger Spieler

Talentförderung
Ein Spieler der deutschen U16 Nationalmannschaft absolviert einen Sprungtest in Kamen-Kaiserau innerhalb einer Kooperation zwischen dem DFB und P3. (Photo by Maja Hitij/Getty Images for DFB)
    • Leistungsdiagnostische Kriterien zur Kennzeichnung von Elite-Fußballern.
    • Junge Talente über das gesamte Förderprogramm hinweg testen.
    • Testreihe für die Beurteilung physiologischer Leistungspotenziale bei 11 bis 16-Jährigen.

Abstract

Die Rekrutierung und Förderung junger Nachwuchstalente im Fußball hat häufig einen „blinden Fleck“: Scouting- und Trainingsprogramme für die Talententwicklung sind meist vergleichend angelegt. Dabei nehmen sie die unterschiedlich schnelle körperliche Reifeentwicklung junger Spieler zu wenig in den Blick. Vielversprechende Talente, die sich im Vergleich zu ihren Altersgenossen körperlich eher spät entwickeln, drohen so durch das Raster zu fallen, warnen australische Sportwissenschaftler. Sie haben, ausgehend von den Anforderungen an einen Spitzenspieler, ein Test-Design entwickelt, das Trainern hilft, in der Nachwuchsarbeit die Fortschritte der körperlichen Leistungsfähigkeit eines jungen Spielers über seine Reifeentwicklung hinweg zu erfassen und zu bewerten.

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Der heutige Spitzenfußball stellt höhere Anforderungen an einen Elite-Spieler als jemals zuvor: Im Spiel werden größere Distanzen zurückgelegt, Bewegungen explosiver ausgeführt und Zweikämpfe mit höheren Intensitäten geführt als früher [1,2]. Fußball erfordert gegenwärtig schnell wiederholte hoch intensive Aktionen, um die Zahl der spielentscheidenden Momente zu erhöhen und so die Siegchancen zu steigern. Eine entsprechende Bedeutung hat die Sichtung, Rekrutierung und Entwicklung junger Talente für die Vereine gewonnen. Neben taktischer und technischer Begabung spielen, unter dem Druck Spitzenspieler hervorzubringen, auch motorisch-konditionelle Leistungspotenziale eine Rolle bei der Talentsuche. Allerdings können Talent-Scouts nicht verlässlich vorhersagen, wie weit es ein begabter junger Nachwuchsspieler tatsächlich einmal bringen wird.

Die Entfaltung des Leistungspotenzials im Alter zwischen 11 und 16 Jahren hängt auch von der körperlichen Reifeentwicklung ab. Sie verläuft bei Jugendlichen in der gleichen kalendarischen Altersklasse durchaus unterschiedlich schnell; Wachstumsschübe im Körperbau und Entwicklungssprünge der motorisch-konditionellen Fähigkeiten finden zu verschiedenen Zeitpunkten statt [3]. Die Reifeentwicklung ist deshalb ein wichtiges Kriterium in der Talentförderung. Konzentriert sich die Sichtung und Rekrutierung junger Fußballtalente lediglich auf taktisches und technisches Können, ohne auch die Fortschritte in der körperlichen Entwicklung in den Blick zu nehmen, drohen vielversprechende Talente, die sich im Vergleich zu ihren Altersgenossen eher spät entwickeln, durch das Raster zu fallen, warnen australische Sportwissenschaftler.

Umso wichtiger sei es, im Laufe des Talentförderprogramms die körperliche Entwicklung junger Spieler zu erfassen und zu bewerten, argumentieren die Wissenschaftler in ihrer Studie. Damit in der Nachwuchsarbeit potenzielle Spitzenspieler besser erkannt und gefördert werden können, wurde im Rahmen der Studie ein Test-Design entwickelt. Dafür wurden anhand einer Literaturstudie zunächst die Anforderungen an einen Elite-Fußballspieler definiert und leistungsdiagnostische Bezugswerte für Körperbaumaße und motorisch-konditionelle Fähigkeiten festgelegt. Auf dieser Grundlage haben die Sportwissenschaftler eine Testreihe entwickelt, die Trainern ein praktisches Methoden-Set an die Hand gibt, um in der Nachwuchsarbeit die Fortschritte der körperlichen Leistungsfähigkeit eines jungen Spielers über seine Reifeentwicklung hinweg zu erfassen und zu bewerten.

Was zeichnet einen Elite-Fußballer aus?

Das Ergebnis: Spitzenfußballer unterscheiden sich von Nicht-Elite-Spielern durch:

  • höhere Werte der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max),
  • schnellere Laufzeiten im Sprint,
  • längere hoch intensive Laufstrecken,
  • bessere Sprintwiederholungsfähigkeit (engl. repeated sprint ability, RSA),
  • höheres Einwiederholungsmaximum (engl. one-repetition maximum, 1 RM) bei Kniebeugen mit Zusatzgewicht,
  • größere Sprungdistanzen,
  • niedrigerer Körperfettanteil (Körperfett in %).

Einzelne leistungsdiagnostische Kriterien hängen miteinander zusammen und können andere Fähigkeiten beeinflussen. Zum Beispiel wirken sich hohe Werte im Einwiederholungsmaximum bei der Kniebeugeleistung auf die Entwicklung der Laufzeiten im Sprint und der Sprungkraft positiv aus [4,5]. Der Körperbautyp kann die Leistungsfähigkeit ebenfalls begünstigen: Zum Beispiel führt ein niedriger Körperfettanteil zu schnelleren Sprints, höherer Beschleunigung und schnellen Richtungswechseln [6]. Auch die Körpergröße korreliert mit höheren Sprüngen, schnelleren Sprints, besseren Ausdauerleistungen bei Shuttle-Tests und längeren Laufzeiten im aeroben Bereich. Der Body-Mass-Index (BMI) korreliert mit Schusskraft, Sprintzeiten über 30-Meter, Ausdauerleistungen bei Shuttle-Tests, Laufökonomie und Laufzeiten im aeroben Bereich [7]. Dabei konnte die Studie auch einen Zusammenhang zwischen körperlicher Disposition und Spielposition ausmachen: Torwarte und Verteidiger sind nach Lage der Daten tendenziell schwerer und größer; Stürmer sind leichter, kleiner und haben die niedrigsten BMI-Werte [7].

Die Erfolgschancen steigern und frühes Aussteigen verhindern

Die körperliche Fitness einer Mannschaft und ihr Platz im Tabellen- und Liga-Ranking hängen direkt voneinander ab, schließen die Studienautoren. Die Daten aus der wissenschaftlichen Literatur zeigen, dass solche Mannschaften erfolgreicher sind, die eine höhere anaerobe Leistungsfähigkeit (beim Sprinten, Springen und beim Richtungswechsel) aufweisen, höhere Leistungen im aeroben Bereich liefern, hohe RSA-Werte aufweisen und zudem ideale Körperbaumaße (Körperfettanteil, Körpergröße und Gewicht) mitbringen. Für die Talententwicklung sind das entsprechend wichtige Auswahlmerkmale – auch wenn klar ist, dass allein physiologische Aspekte im Fußball nicht erfolgsentscheidend sind.

Um aus der Schar junger Talente diejenigen zu identifizieren und gezielt zu fördern, die diese Merkmale erfüllen können, müssen Scouts und Trainer berücksichtigen, ob ein Nachwuchsspieler in der ersten oder zweiten Jahreshälfte geboren ist (relativer Alterseffekt). Die Studie weist nach: Viele jüngere, in der zweiten Jahreshälfte Geborene schneiden im direkten Vergleich mit den älteren, in der ersten Jahreshälfte Geborenen derselben Altersgruppe schlechter ab. Sie sind tendenziell neuromuskulär weniger entwickelt und noch nicht so reif wie die früher im Jahr Geborenen. Statistisch gesehen scheiden sie deswegen auch häufiger aus der Talentförderung aus – entweder weil sie das Interesse verlieren oder weil ihre Motivation sinkt. Grund dafür ist, dass Förderprogramme ihren Selektionsprozess nicht ausreichend an der unterschiedlichen Reifeentwicklungsgeschwindigkeit der 11- bis 16-Jährigen orientieren und tendenziell an den früher im Jahr Geborenen ausgerichtet sind [3]. Werden die später im Jahr Geborenen aber entsprechend berücksichtigt, machen sie diese Nachteile teils durch intrinsische Faktoren, zum Beispiel höhere Motivation, teils durch besondere Hartnäckigkeit wieder wett [3,8]. Erst im Alter von 16 bis 18 Jahren ist die körperliche Reife abgeschlossen und beide Gruppen ziehen gleich.

Körperliches Leistungspotenzial regelmäßig testen

Unter dem Druck, Spitzenspieler aus der Nachwuchsarbeit hervorzubringen, gilt es, den Pool an jungen Talenten möglichst groß zu halten. Damit Spätentwickler aber während des Förderprogramms nicht durch das Raster fallen und so vielleicht verstecktes Talent verloren geht, müssen sich Trainer bei der Beurteilung sicher sein können, dass sie zum gegebenen Zeitpunkt immer das bestmögliche Leistungspotenzial eines jungen Talents sehen. Helfen soll dabei folgende Testreihe, die verschiedene Parameter zur Erfassung von Körperbau und motorisch-konditionellen Fähigkeiten prüft:

Testreihe:

  • Körpermaße (Körperfettanteil, Größe, Gewicht)
  • Richtungswechselschnelligkeit
  • Lineare Schnelligkeit
  • Sprintwiederholungsfähigkeit
  • Maximale aerobe Leistungsfähigkeit (YYIE2)
  • Maximale Beinkraft (Kniebeugen) 

Während die Körpergröße ein Merkmal ist, dass sich nicht beeinflussen lässt, sind alle übrigen körperlichen Leistungsmerkmale, die für die Entwicklung eines jungen Talents zum Profi entscheidend sind, durchaus trainierbar [9]. Auch wenn klar ist, dass im Fußball nicht allein physiologische Aspekte erfolgsentscheidend sind, zeigt die Analyse der Daten aus der Nachwuchsarbeit in der wissenschaftlichen Literatur einen deutlichen Trend auf: Nachwuchsspieler, die bessere VO2max-Werte, Sprint-Zeiten, RSA-Werte und ähnliches aufweisen, aber auch agiler und wendiger sind, einen niedrigen Körperfettanteil haben und zudem im ersten Halbjahr geboren sind, sowie als Jugendliche größer und muskulöser sind, haben statistisch gesehen, derzeit höhere Chancen, professioneller Spieler zu werden.

In der Tabelle werden Methoden, empfohlene Tests und Orientierungswerte bezüglich der Beurteilung physiologischer Leistungspotenziale innerhalb der Talentförderung dargestellt.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Talent identification for soccer: Physiological Aspects.", die 2018 im "Journal of science and medicine in sport" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Dodd, K. D., & Newans, T. J. (2018). Talent identification for soccer: Physiological Aspects. Journal of science and medicine in sport.

    Studie lesen
    1. Breadley, PS, Sheldon, W, Wooster, B, et al. High-intensity running in English FA Premier League soccer matches. J Sport Sci 2009, 27: 159-168

    2. Di Salvo V, Gregson, W, Atkinson G et al. Analysis of high intensity activity in Premier League Soccer, Int J Sports Med 2009, 30: 205-212

    3. Meylan D, Cronin J, Oliver J et al. Talent identification in soccer: the role of maturity status on physical, physiological and technical characteristics. Int J Sport Sci Coach 2010, 5: 571-592

    4. Lopez-Segovia M, Marques MC, Van den Tillaar R, et al. Relationship between vertical jump and full squat power outputs with print times in U21 soccer players. J Hum Kinet 2011, 30: 135-144

    5. Wong P-L, Chauachi A, Chamari K et al. Effect of preseason concurrent muscular strength and high-intensity interval training in professional soccer players. J Strength Cond Res 2010, 24: 635-660

    6. Sheppard JM, Young WB, Doyle TLA et al. An evaluation of a new test of reactive agility and ist relationship to sprint speed and change of direction speed. J Sci Med Sport 2006, 9: 342-349

    7. Wong P-L, Chamari K, Dellai A et al. Relationship between anthropometric and physiological characteristics in youth soccer players. J Strength Cond Res 2009, 23:1024-1210

    8. Gil SM, Gill J, Ruiz F et al. Anthropometrical characteristics and somatotype of young soccer players and their comparison with the general population. Biol Sport 2010, 27: 17-24

    9. Pearson DT, Naughton GA, Torode M. Predictability of physiological testing and the role of maturation in talent identification for adolescent team sports. J Sci Med Sport 2006, 9: 277-287