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Training im Nachwuchsbereich – so läuft es wirklich

Studie analysiert Trainingsstruktur und Trainerverhalten im australischen Nachwuchsfußball

Talententwicklung
Der Trainer erklärt einer deutschen U-Mannschaft etwas auf dem Fußballplatz.
    • Australische Nachwuchstrainer im U 14-U 17 Bereich strukturierten eine Trainingseinheit in Aufwärmphase, Ballbesitzspielformen, Lehr- und Lernphase und Trainingsspielformen.
    • Durchschnittliche Gesamttrainingsdauer betrug 81 Minuten, Spielformen nahmen dabei den größten Teil ein (ca. 33 min, 41 %).
    • Fast ein Drittel der gesamten Trainingseinheit befinden sich die Jugendspieler in einem inaktiven Zustand.
    • Im Trainingsverlauf steigert sich der Anteil der Spielformen, während der Anteil an Coachingmaßnahmen des Trainers zum Ende hin abnimmt.
Abstract

Im Nachwuchstraining legen die Jugendtrainer das Fundament für erfolgreiche Spielergenerationen. Neben dem Training selbst ist das Verhalten des Trainers mit entscheidend darüber, wie die Nachwuchsspieler ihre Leistungsfähigkeit entwickeln. Ein Forscherteam hat die Struktur eines typischen australischen Jugendtrainings sowie das entsprechende Trainerverhalten erfasst und beschrieben. Das typische Training im Nachwuchsbereich beginnt im Aufwärmteil mit Übungen, die die Spieler einzeln oder paarweise mit Ball durchführen. Im weiteren Trainingsverlauf nehmen die Spielformen zu. Ein wichtiger Befund der Studie ist der relativ hohe Anteil von Inaktivität der Spieler am Gesamttraining: Fast ein Drittel einer Trainingseinheit sind die Spieler inaktiv – meist, weil der Trainer die aktuelle Trainingssituation „einfriert“, um Anweisungen oder Feedback zu geben. Die Studienautoren empfehlen, neben Phasen mit intensiven Coachingmaßnahmen, auch Phasen mit weniger Trainerunterbrechungen in das Training zu integrieren. Auf diese Weise erhielten die Spieler oft schon durch die Spielsituation selbst Rückmeldungen auf ihre Spielweise.

Wegweisendes Jugendtraining

Wenn Profifußballer gefragt werden, wer denn rückblickend für ihre erfolgreiche Karriere maßgeblich verantwortlich gewesen sei, dann lautet die Antwort häufig: „Mein Jugendtrainer“. Den Trainern im Jugendfußball kommt tatsächlich eine Schlüsselrolle zu. Denn sie sind entscheidend dabei beteiligt, bei jungen Spielern die nötigen technischen Fertigkeiten und taktischen Fähigkeiten zu entwickeln. Dabei kommt es neben den spezifischen Trainingsinhalten vor allem auch auf das Trainerverhalten während der Trainingseinheiten an [1, 2].
Wie aber verhalten sich Jugendtrainer typischerweise? Ändert sich das Verhalten des Trainers während verschiedener Trainingsphasen und wie ist ein typisches Jugendtraining überhaupt strukturiert? Auf diese Fragen haben Sportwissenschaftler in der Vergangenheit schon einige Antworten geben können. Sie haben sich beispielsweise angeschaut, wie viel Zeit die Trainer für Übungsformen und für Spielformen verwendeten oder welche Art von Anweisungen die Trainer am häufigsten benutzten [1, 3, 4]. In diesen Studien wurde allerdings ein Faktor meist unbeachtet gelassen: Inaktivität, also Phasen, in denen die Spieler nicht in Bewegung waren (z. B. während der Fehlerkorrektur, Trinkpausen, Umbauzeiten, Erklärungen). Außerdem gibt es bislang nur wenige Anhaltspunkte dafür, ob sich das Trainerverhalten im Laufe einer Trainingseinheit ändert und von dem gewählten Trainingsmittel (Übungsform, Spielform) abhängig ist.  
Darum haben sich Forscher darangemacht, ein möglichst umfassendes Bild der Trainingsstrukturen im Nachwuchsbereich zu zeichnen. Für ihre Studie haben die Forscher das Training von 34 australischen Jugendfußballtrainern (acht mit Grassroots Football Zertifikat, 13 mit FFA C-Lizenz, 13 mit FFA B-Lizenz) in den Altersklassen U 11-U 13 und U 14-U 17 genau unter die Lupe genommen. Häufigkeit und Dauer verschiedener Verhaltensweisen des Trainers wurden mit dem sogenannten „Coach Analysis Intervention System (CAIS)“ – ein systematisches Beobachtungstool – analysiert [3, 5]. 

Übungsform, Spielform und Inaktivität

Um die Struktur des Trainings einordnen und analysieren zu können, entwickelten die Wissenschaftler ein bestehendes Kategoriensystem [nach 1] weiter, indem sie die beiden Haupttrainingsmittel (Übungs- und Spielformen) um die Kategorie „Inaktivität“ erweiterten (vgl. Tab. 01). Für die Analyse wurde jede Trainingseinheit außerdem in die Abschnitte aufgeteilt, die der Australische Fußballverband (FFA) für das Nachwuchstraining empfohlen hatte [6, vgl. Abb. 01].

Die 4 Phasen einer typischen Trainingseinheit für die Altersklasse U14-U17: Aufwärmphase, Ballbesitzspielform, Trainiere das Spiel/Lehr- und Lernphase und Trainingsspielformen werden beschrieben.
Die 4 Phasen einer typischen Trainingseinheit für die Altersklasse U14-U17: Aufwärmphase, Ballbesitzspielform, Trainiere das Spiel/Lehr- und Lernphase und Trainingsspielformen werden beschrieben.
Trainingsmittel für Übungsformen, Spielformen und Inaktivität.
Trainingsmittel für Übungsformen, Spielformen und Inaktivität.
Wie sah die Struktur der Trainingseinheiten in der Praxis aus?

Insgesamt wurden mehr als 2.881 einzelne Trainingsmittel aus über 84 Stunden Trainingszeit erfasst. Nach der Analyse des Datenmaterials ergab sich folgendes Bild: Im Schnitt dauerte eine Trainingseinheit ca. 81 Minuten. Den „Löwenanteil“ des Gesamttrainings nahmen die Spielformen ein (ca. 41 %, vgl. Tab. 02). Den zweitgrößten Anteil machte die Kategorie „Inaktivität“ aus. Die Spieler waren für fast ein Drittel der gesamten Trainingszeit körperlich nicht aktiv – meist, weil ein Trainer die Situation „eingefroren“ hat und die Spieler den Ausführungen des Trainers zuhörten. Vergleicht man den Anteil der technisch-taktischen Übungsformen (ca. 20 %) mit dem Anteil der Spielformen, so lässt sich festhalten, dass die Trainer die Empfehlungen des Lehrplans des Australischen Fußballverbands gut umsetzten. Dieser besagt nämlich, dass die Spielformen einer Trainingseinheit ungefähr doppelt so viel Zeit in Anspruch nehmen sollen wie spezifische technisch-taktische Übungsformen.
Auch die Reihenfolge der gewählten Trainingsmittel entspricht weitgehend den Empfehlungen. Während zu Beginn der Einheiten eher technisch orientierte Übungsformen das Training bestimmten, entwickelte sich die typische Trainingseinheit im weiteren Verlauf mehr zu spielerischen Formen wie dem Kleinfeldspiel und Spielformvarianten im größeren Feld. In der Aufwärmphase zogen die meisten Trainer Übungen mit Balleinsatz den traditionellen Aufwärmübungen wie Joggen und Stretching vor. 

An einer durchschnittlichen Trainingseinheit von 81 Minuten nehmen Übungsformen ca. 18, Spielformen ca. 31, Inaktivität ca. 25 und Übergangszeiten ca. 5 Minuten ein.
An einer durchschnittlichen Trainingseinheit von 81 Minuten nehmen Übungsformen ca. 18, Spielformen ca. 31, Inaktivität ca. 25 und Übergangszeiten ca. 5 Minuten ein.
Im Fokus: Das Trainerverhalten

In keiner bisherigen Studie wurde besonderes Augenmerk darauf gelegt, wie viel Zeit der Trainer benötigte, um neue Trainingsformen einzuführen und zu erläutern. Nach den Ergebnissen der Studie bleibt der zeitliche Umfang dieser Einführungen unabhängig von der Art der Trainingsform und dem Zeitpunkt innerhalb der Trainingseinheit relativ stabil bei ca. drei bis vier Minuten. Den vier Phasen einer Trainingseinheit (vgl. Abb. 01) entsprechend verbrachten die Trainer ungefähr 12 bis 15 Minuten der Gesamtzeit mit Erläuterungen vor Beginn der eigentlichen Trainingsform. 
Das häufigste Trainerverhalten bestand darin, den Spielern Feedback zu geben. Dieses konnte eher positiv oder eher negativ ausfallen, korrigierend sein oder eine taktische Erklärung beinhalten. Den zweitgrößten Anteil des Trainerverhaltens machten Anweisungen aus. 

Immer nach seiner Pfeife? Anweisungen des Trainers

Während der Übungsformen gaben die Trainer den Spielern deutlich häufiger pro Minute Anweisungen als bei anderen. Das liegt vermutlich daran, dass die Trainer bei den Übungen korrigierend eingreifen und die Spieler je nach Aktivität an festgelegte Vorgaben erinnern mussten [7]. Nach Ansicht der Forscher könnte dieses Trainerverhalten dazu führen, dass den Spielern weniger Chancen zur eigenen Entscheidungsfindung gegeben wird. Bei Ballbesitzspielformen geben die Trainer den Spielern dann aber wieder „freiere“ Möglichkeiten, schnelle und gute Entscheidungen zu treffen, z. B. aus verschiedenen Optionen (z. B. Anspielstationen) die bestmögliche zu finden. 

Im Nachwuchstraining herrscht viel Stillstand

Den Studienergebnissen zufolge waren die Trainingsphasen „Ballbesitzspielformen“ sowie „Trainiere das Spiel/Lehr- und Lernphase“ durch den höchsten Anteil an Spieler-Inaktivität geprägt. Durchschnittlich sechs bis acht Mal stoppte der Trainer die Aktivität, um Anweisungen zu geben oder Feedback zu liefern. Die Trainer sollten überdenken, ob derart häufiges Unterbrechen dem Lernprozess zuträglich ist, kritisieren die Studienautoren. Das situative „Einfrieren“ sei im Vergleich zum Austausch im Spielerkreis zeiteffizienter. Dennoch sollte der Trainer jeweils prüfen, ob der Sachverhalt für alle Spieler relevant ist, ob alle Spieler ihn von ihrer „eingefrorenen“ Position aus auch gut verstehen können und ob er den Spielern in der Situation nicht die Möglichkeit zur eigenen Entscheidungsfindung nimmt. 

Lernfutter: So funktionieren Feedback und Fragen

Vor allem Ballbesitzspielformen sowie die Lehr- und Lernphase nutzten die Trainer bevorzugt, um den Spielern Feedback zu geben und ihnen Fragen zu stellen. Die Daten belegen, dass die meisten Trainerfragen „offener“ Natur mit mehreren Antwortmöglichkeiten waren (s. Tab 02). Diese Art der Fragen sind dazu geeignet, Lerninhalte zu festigen und ein tiefer gehendes Problemlösungsverhalten bei den Spielern zu fördern [8, 9]. Der Trainer solle den Studienautoren zufolge allerdings darauf achten, die Spieler nicht mit zu vielen Fragen zu überladen. 

Fehler und dessen Konsequenz, offenen Fragen an Spieler und Lösungen.
Fehler und dessen Konsequenz, offenen Fragen an Spieler und Lösungen.
Spielerisch zum Trainingsziel

Mit Spielformen im größeren Feld schließen die Trainer meist die Trainingseinheit. Auch wenn die Spieler generell von Kleinfeldspielvarianten profitieren (s. E-Paper „Kleinfeldspiele mit großem Trainingseffekt“), hat das Spiel im größeren Feld den Vorteil, das Wettkampfspiel mit seinen komplexen und dynamischen Interaktionen besser abzubilden. Die Trainer nehmen sich in dieser letzten Trainingsphase etwas zurück. Aus relativer Distanz können sie das Spiel beobachten und überprüfen, ob die Lerninhalte des aktuellen Trainings von den Spielern umgesetzt werden. Die Zurücknahme des Trainers spiegelt sich auch in den erhobenen Daten wieder: Im Vergleich zu den vorherigen Trainingsphasen wurden während der Spielformen im größeren Feld nur etwa halb so viele Trainerverhaltensweisen erfasst. Dieser Spieler-zentrierte Ansatz wird von zahlreichen Forschern befürwortet, da ein Training mit freieren Spielaktivitäten und einem geringeren Maß an Vorschriften positive Effekte auf die Entwicklung von jungen Spielern zeigten [10, 11].

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Observations of youth football training: How do coaches structure training sessions for player development?", die 2018 im „Journal of Sports Sciences" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. O’Connor, D., Larkin, P., & Williams, A. M. (2018). Observations of youth football training: How do coaches structure training sessions for player development?. Journal of sports sciences, 36(1), 39-47.
    Studie lesen
    1. Ford, P. R., Yates, I., & Williams, A. M. (2010). An analysis of practice activities and instructional behaviours used by youth soccer coaches during practice: Exploring the link between science and application. Journal of Sports Sciences, 28(5), 483–495.

    2. Cushion, C. J., & Jones, R. L. (2001). A systematic observation of professional top-level youth soccer coaches. Journal of Sport Behavior, 24(4), 354–376.

    3. Partington, M., & Cushion, C. J. (2013). An investigation of the practice activities and coaching behaviors of professional top-level youth soccer coaches. Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports, 23(3), 374–382.

    4. Partington, M., Cushion, C., & Harvey, S. (2014). An investigation of the effect of athletes’ age on the coaching behaviours of professional top-level youth soccer coaches. Journal of Sports Sciences, 32(5), 403–414.

    5. Cushion, C., Harvey, S., Muir, B., & Nelson, L. (2012). Developing the coach analysis and intervention system (CAIS): Establishing validity and reliability of a computerised systematic observation instrument. Journal of Sports Sciences, 30(2), 201–216.

    6. Football Federation Australia. (2013). The national football curriculum: The roadmap to international success. Sydney, Australia: Football Federation Australia.

    7. Hall, E. T., Gray, S., & Sproule, J. (2016). The microstructure of coaching practice: Behaviours and activities of an elite rugby union head coach during preparation and competition. Journal of Sports Sciences, 34(10), 896–905.

    8. Metzler, M. (2000). Instructional models for physical education. Boston, MA: Allyn & Bacon.

    9. Pearson, P., & Webb, P. (2008). Developing effective questioning in teaching games for understanding (TGfU), 1st Asia pacific sport in education conference: Ngunyawaiendi Yerthoappendi play to educate, Adelaide, 21 January 2008.

    10. Harvey, S., Cushion, C. J., & Massa-Gonzalez, A. N. (2010). Learning a new method: Teaching games for understanding in the coaches’ eyes. Physical Education & Sport Pedagogy., 15(4), 361–382.

    11. Kidman, L. (2005). Athlete-centred coaching: Developing inspired and inspiring people. Christchurch, NZ: Innovative Print Communications.