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Wie man einen Weltklasse-Fußballspieler fördert und entwickelt

Das Beispiel des physischen Leistungsaufbaus in der Talentförderung der Akademie des Arsenal FC

Talentförderung
Die Jugendspieler des Arsenal FC Robbie Burton und Danny Bullard freuen sich gemeinsam, nachdem ein Tor für ihr Team gefallen ist. (Photo by Naomi Baker/Getty Images)
    • Sportliche Leitlinie der Talentförderung beim Arsenal FC ist altersgemäßes, schrittweise aufgeschlüsseltes Training unter Beachtung der Individualität im besten Lernalter.
    • Der physische Leistungsaufbau folgt vier Entwicklungsstufen, an denen sich Trainingsinhalte und Zielsetzungen orientieren.
    • Die Individualisierung im Training wird sukzessiv erhöht und die Trainingseinheiten mit steigendem Alter komplexer.
    • Der körperliche Reifegrad eines Spielers ist ein entscheidendes Kriterium für die Trainingsplangestaltung.

Abstract

Wie bringt ein Premier League-Verein seinen Nachwuchs an das Ziel, auf Weltklasse-Niveau Fußball zu spielen? Wie erwerben die Spieler die Stärken und Qualitäten eines zukünftigen Spitzenspielers? Die sportwissenschaftliche und medizinische Abteilung der Akademie von Arsenal stellt die Ausbildungsstrukturen der Talent- und Eliteförderung des Vereins vor und schildert, mit welchen Methoden und Arbeitsweisen die perspektivisch ausgerichtete Ausbildung Nachwuchs für den Leistungsfußball heranzieht. Der physische Leistungsaufbau spielt im Ausbildungskonzept der Arsenal Akademie eine zentrale Rolle. Körperliche und laufkoordinative Fähigkeiten der jungen Spieler aus den U9 bis U23 Kadern werden schrittweise entwickelt und neben technisch-taktischen Fertigkeiten systematisch erweitert. Dabei steht die individuelle Leistungsentwicklung im Fokus. Zudem sichert ein ganzheitlicher Ansatz des Ausbildungsprozesses die notwendige fußballerische Qualität, um den Vereinsnachwuchs zu sichern und höchste sportliche Ziele im Spitzenfußball erreichen zu können. 

Einleitung

Aufgabe der Nachwuchsförderung im Elitefußball ist es, Spitzenfußballer auszubilden. Die Einflussfaktoren sind so vielseitig wie die gezielte Förderung der körperlichen und psychologischen, technischen und taktischen Leistungspotenziale. Der Arsenal FC hat seine Talent- und Eliteförderung auf zwei, in London angesiedelten Leistungszentren verteilt. Hier werden die U9- bis U16-Kader und die U18 bis U23-Kader ausgebildet und trainiert. Aufgabe der sportwissenschaftlichen und medizinischen Abteilung ist es, die körperliche Fitness von jungen vielversprechenden Nachwuchstalenten zu entwickeln und zu optimieren. Sie stellt ihre Methoden vor und erläutert die Arbeitsweise in der Nachwuchsarbeit eines der größten Fußballvereine der Welt.

Wie ist die Talentförderung beim Arsenal FC organisiert?

Eine Talent- und Eliteförderung, die Weltklasseakteure heranbilden will, muss die verschiedenen Dimensionen fußballerischer Talententwicklung in der Ausbildung junger Nachwuchsspieler abdecken. Um die athletischen Leistungspotenziale optimal zu entwickeln, sollte der Ausbildungsprozess langfristig angelegt sein und schon früh beginnen [1]. Die Arsenal FC-Akademie verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und hat ihre Nachwuchsarbeit in fünf Bausteine gegliedert, die ineinandergreifend arbeiten:

  • Rekrutierung (Recruitment),
  • Bildung und Gesundheitsvorsorge (Education and Welfare),
  • Umsetzung (Operations),
  • Sportwissenschaft und Medizin (Sports Science and Medicine),
  • Coaching (Coaching).

Der Abteilung Sportwissenschaft und Medizin kommt darin eine zentrale Rolle zu: Ihre Aufgabe ist es, die physische Leistungsfähigkeit und Robustheit eines jungen Spielers systematisch aufzubauen und zu entwickeln. Ziel ist, mit einer auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnittenen Förderung der körperlichen Fitness das Spielerangebot für den Verein zu vergrößern und die Verfügbarkeit für das Training fußballerischer Schlüsselfertigkeiten zu erhöhen.

Das Ausbildungskonzept für den physischen Leistungsaufbau der Arsenal-Akademie

Entsprechend ist das Ausbildungskonzept der sportwissenschaftlichen und medizinischen Abteilung angelegt: Es umfasst vier aufeinander aufbauende Entwicklungsstufen. Damit jeder Spieler sie schnell und effektiv durchlaufen kann, sind sie nicht als starres System zu verstehen. Vielmehr sind sie durchlässig und orientieren sich an dem individuellen Leistungsstand und Entwicklungsfortschritt eines Spielers. 

Optimale Fitness ist die Basis für fußballerische Höchstleistungen: die vier Stufen

Die erste Stufe zielt auf die Optimierung des funktionellen Leistungspotenzials ab (z. B. Beweglichkeit, muskuläre Dysbalancen und generelle Bewegungsmuster). Gerade bei jungen Spielern sind überlegene Bewegungsfähigkeiten wie Laufkoordination, Propriozeption und Mobilisation grundlegend für einen effektiven, langfristig angelegten Leistungsaufbau [2, 3]. Zudem senken sie das Risiko potenzieller Verletzungen [4, 5]. In einer Reihe von Leistungstests für die physiologische Bewertung der körperlichen Fitness werden mithilfe des Funktional Movement Screen (FMS), leistungsbestimmende Parameter wie Muskelflexibilität, Dysbalancen in der Kraft und Beweglichkeit bewertet. So können schon frühzeitig Schwächen hinsichtlich der Tiefensensibilität – also dem Zusammenspiel von Nerven und Muskeln, das für die Eigenwahrnehmung der Bewegung des Körpers im Raum wichtig ist –, der Mobilität und der Stabilität aufgedeckt werden. Zudem wird geprüft, ob bei bestimmten Bewegungsmustern Schmerzen auftreten [6]. Auf Basis dieser Ist-Analyse, die jeder Spieler während der 11-monatigen Trainingssaison vier Mal durchläuft, baut die weitere Planung auf: Auf Grundlage der Ergebnisse werden individuelle, mit den anderen Abteilungen abgestimmte Trainingskonzepte aufgestellt. Basis ist ein festes Set an Übungen und Bewegungsabläufen, die trainiert werden. Hat ein Spieler ein angestrebtes körperliches und technisches Leistungsniveau erreicht, steigt er in eine anspruchsvollere Trainingsstufe auf.

Die zweite Stufe richtet den Fokus auf die Lauffähigkeit und Beweglichkeit auf dem Spielfeld, speziell auf Beschleunigung und Sprungkraft. Diese Fähigkeiten müssen nach Ansicht der Autoren qualitativ gut ausgereift sein, bevor ein Spieler mit fortgeschrittenen Schnelligkeits- und Kraftübungen beginnen kann. Dafür gilt es, nicht nur die korrekte Ausführung grundlegender Bewegungsmuster – wie laufen, rennen, springen, werfen, fangen, kicken und balancieren – einzuüben, sondern auch Körperkontrolle, koordinative Kompetenz und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufzubauen. Je früher damit begonnen wird, desto eher stellen sich Erfolge [7] und die nötige Sicherheit ein, die es braucht, um später anspruchsvolleren Trainingsanforderungen gerecht werden zu können [2]. Beide – konditionelle Fähigkeiten und läuferische Fertigkeiten – werden über die weitere qualitative Entwicklung des Spielers hinweg auch in den nächsten Trainingsstufen kontinuierlich beobachtet, um eventuelle Rückschritte zu vermeiden.

Weil für den Verein vor allem das technische Können seiner Spieler im Spitzenfußball relevant ist, wird die weitere Aufbauarbeit der körperlichen Fitness in der dritten Entwicklungsstufe mit der fußballspezifischen Konditionierung verbunden. Das heißt: Ausdauer- und Fitnesseinheiten werden gleichzeitig mit dem technisch-taktischen Training geschult (z. B. Kleinfeldspiele). Grundlage dafür sind mit dem Technischen Leiter und den Fußballtrainern eng abgestimmte, auf die Schwächen eines Spielers zugeschnittene, individuelle Pläne, die in kleinen Gruppen aus Spielern mit ähnlichen Leistungsprofilen während und als zusätzliche Einheiten nach dem Spieltraining umgesetzt werden. Dieses Vorgehen verspricht erwiesenermaßen nicht nur bessere Erfolge bei Nachwuchsspielern [5], sondern wirkt sich auch positiv auf die persönliche Motivation und die Zusammenarbeit mit dem Trainer aus. Vor allem bei den älteren Altersgruppen ab dem U18-Kader nimmt dieses komplexer angelegte Training einen großen Raum ein.

Die vierte Stufe des physischen Leistungsaufbaus, die Planung und Periodisierung, nimmt schließlich das Belastungs- und Übungspensum in den Blick. Es sollte optimal auf den Spieler ausgerichtet sein, um ihn weder zu wenig auszulasten, noch zu überfordern. Maßstab sind objektive Leistungsmessungen (zum Beispiel Distanz pro Minute) sowie Werte zum Anstrengungsempfinden (s-RPE) und zur körperlichen Aktivität (Puls). Die einzelnen Einheiten werden den Altersgruppen entsprechend aufgebaut und ab der U16-Gruppe kontinuierlich gesteigert.

Die individuelle Entwicklung eines Spielers ist entscheidend

Maßgeblich für das Durchlaufen des physischen Leistungsaufbaus entlang der Ausbildungskonzeption ist weniger die Altersentwicklung und die Zuordnung in ein Nachwuchskader (U9 oder U12 usw.). Vielmehr hängt das physische Leistungspotenzial junger Spieler nachweislich von ihrer körperlichen Reife ab [8]. Deshalb spielt die Berücksichtigung der Reifeentwicklung eines Spielers, die im Zuge des Leistungsaufbaus mit verschiedenen Methoden erfasst wird, neben seiner athletischen Entwicklung eine entscheidende Rolle für die Gestaltung der individuellen Programmpläne. Das physische Leistungspotenzial junger Spieler vor der Pubertät ist schon hinreichend ausgeprägt, um schon früh die Bewegungsfähigkeiten zu schulen und die Koordination zu entwickeln [2]. Sportliche Leitlinie der Talentförderung beim Arsenal FC ist deshalb altersgemäßes, schrittweise aufgeschlüsseltes Trainieren und dabei eher auf die Präzision in der Bewegungsausführung Wert zu legen, als auf den Kraftaufbau.

Weitere wichtige Leitlinie ist die Persönlichkeitsförderung. Angesichts der Anforderungen des Spitzenfußballs können sich junge Talente schnell überfordern oder sich mit ihren Zielen überidentifizieren [9]. Das Ausbildungsprogramm der Arsenal FC-Akademie zielt deshalb darauf ab, sportlich-fußballerische Lernziele eng mit der persönlichen Entwicklung, Interessen, sozialen Kompetenzen sowie körperlich-geistigen Potenzialen junger Spieler zu verknüpfen und die Übergänge von einem Nachwuchskader in das nächste bis hin in die Vereinsmannschaft ganzheitlich zu begleiten.

Top-Talentförderung braucht gute Qualitätsstandards

Damit das gelingt, braucht es kompetentes Personal. Deshalb misst der Verein den Kompetenzen und den Qualifikationen der Mitarbeiter und Trainer in der Talentförderung eine entscheidende Bedeutung zu. Damit alle Nachwuchsgruppen von U9 bis U23 bestmöglich lernen und gefördert werden, gehört es zur Personalpolitik der Talentförderung, Mitarbeiter und Trainer ihrem Erfahrungsprofil entsprechend in allen Altersgruppen einzusetzen. Praktisch heißt das: Einer der erfahrensten und kompetentesten Kraft- und Konditionstrainer, berichten die Autoren, arbeitet nicht nur mit der A-Mannschaft, sondern auch mit unter 9- bis unter 16-Jährigen. Nicht zu vernachlässigen ist zudem, dass die Aufgaben und Rollen des Personals in den einzelnen Abteilungen der Talentförderung klar zugewiesen und definiert sind.

Eine Erfolgsbilanz, die sich sehen lassen kann

Der älteste Absolvent der Talentförderung wurde im Jahr 2008 in die A-Mannschaft des Vereins aufgenommen. Die erreichten Meilensteine in der Nachwuchsausbildung des Arsenal FC lassen sich in drei Gruppen einteilen: Gegenwärtig gehören sechs Nachwuchsspieler, die die Arsenal FC-Akademie durchlaufen haben, dem A-Mannschaftskader des Vereins an. Sieben Nachwuchsspieler aus der Talentschmiede haben in der A-Mannschaft Wettkämpfe bestritten und sind gegenwärtig an andere Spitzenvereine ausgeliehen, wo sie noch mehr Spielpraxis bekommen, die sie später wieder in die eigene Mannschaft einbringen können. Schließlich wurden weitere sieben Spieler während ihrer Ausbildung mindestens einmal in die A-Mannschaft berufen, um an einem Wettkampf teilzunehmen.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Developing World-class Soccer Players: An Example of the Academy Physical Development Program From an English Premier League Team.", die 2018 im "Strength & Conditioning Journal" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Ryan, D., Lewin, C., Forsythe, S., & Mccall, A. (2018). Developing World-class Soccer Players: An Example of the Academy Physical Development Program From an English Premier League Team. Strength & Conditioning Journal, 40(3), 2-11.

    Studie lesen
    1. Faigenbaum AD, Kraemer WJ, Blimkie CJ, Jeffreys I, Micheli LJ, Nitka M, and Rowland TW. Youth resistance training: Updated position statement paper from the national strength and conditioning association. J Strength Cond Res 23: S60–S79, 2009.

    2. Lloyd RS and Oliver J. The youth physical development model: A new approach to long-term athletic development. Strength Cond J 34: 37–43, 2012.

    3. Valovich-McLeod TC, Decoster LC, Loud KJ, Micheli L, Parker JT, Sandrey MA, and White C. National athletic trainers’ association position statement: Prevention of pediatric overuse injuries. J Athl Train 46: 206–220, 2011.

    4. Bakken A, Targett S, Bere T, Eirale C, Farooq A, Tol JL, Whiteley R, Khan KM, and Bahr R. The functional movement screening test 9+ is a poor screening test for lower extremity injuries professional male football players: A 2 year prospective study. Br J Sports Med, 2017 [Epub head of print].

    5. Newton F, McCall A, Ryan D, Blackburne C, Aus der Funten K, and Meyer T. Functional Movement Screen (FMS) score does not predict injury in English Premier League youth academy football players. Sci Med Foot, 2: 102–106, 2017.

    6. Cook G, Burton L, and Hoogeboom B. Preparticipation Screening: The use of fundamental movements as an assessment of function—Part 2. N Am J Sports Phys Ther 1: 132–139, 2006.

    7. Ford PA, De Ste Croix MBA, Lloyd RS, Meyers R, Moosavi M, Oliver J, Till K, and Williams CA. The long-term athlete development model: Physiological evidence and application. J Sports Sci 29: 389–402, 2015.

    8. Lloyd RS, Faigenbaum AD, Myer GD, Stone MH, Oliver JL, Jeffreys I, Moody JA, Brewer C, and Pierce K. UKSCA position statement: Youth resistance training. UKSCA J 26: 26–39, 2012.

    9. Eubank M. Commentary: Blurred lines: Performance enhancement, common mental disorders and referral in the UK athletic population. Front Psychol 3: 1709, 2016.