Spielanalyse

Die Optionen im Blick behalten

Die Qualität einer Aktion hängt maßgeblich von der Vororientierung ab

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  1. Jannis Scheibe

    Jannis Scheibe, Spielanalyst der U21-Nationalmannschaft, analysiert mit Hilfe der Leitlinien der DFB-Spielauffassung diverse Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball. Dabei stellt er stets einen praxisorientierten Bezug für alle Trainer her – egal in welcher Spiel- und Altersklasse.

Im internationalen Spitzenfußball erfolgt das Lösen von komplexen Spielsituationen unter höchstem Zeit-, Raum- und Gegnerdruck. Deshalb stellen Dynamik und Präzision entscheidende Erfolgsfaktoren dar. Die Vororientierung hilft dabei, den Druck zu reduzieren und die Aussichten für die Folgeaktionen zu verbessern.

Das Spielkompetenzmodell

Fast jede erfolgreiche Aktion im Fußball ist das Produkt einer Prozesskette. Am Anfang steht die Wahrnehmung der Spielsituation. Die Spieler müssen ihre Umgebung anhand der Positionen und Bewegungen der Mit- und Gegenspieler sowie des Balles erfassen und analysieren. Im nächsten Schritt folgt die Entscheidung für eine Lösung, die sich aus individuellen Präferenzen und der jeweiligen Spielauffassung und -konzeption ergibt. Abschließend wird die getroffene Entscheidung motorisch umgesetzt, z. B. durch einen Pass oder Schuss. Die Qualität der variablen Anwendung der Basistechniken bestimmt hierbei entscheidend die Dynamik und Präzision und letztlich den Erfolg der Aktion.

Vororientierung

Das Spieltempo des Spitzenfußballs hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Die Spieler sind physisch nahezu austrainiert und fähig, über die ganze Spielzeit eine hohe Intensität zu halten. Zudem sind die Mannschaften dank detaillierter Spielanalysen in der Lage, sich dem Gegner mit maßgeschneiderten Defensivkonzepten anzupassen und diese umzusetzen. Folglich sind die Spieler einem immer höherem Zeit-, Raum- und Gegnerdruck ausgesetzt. Doch wie finden sie trotz der steigenden Ansprüche die beste Lösung einer jeweiligen Situation?

Ein Schlüssel liegt in der kognitiven Schnelligkeit und damit in der Wahrnehmungsfähigkeit. Durch eine in der Situation richtige Vororientierung kann der Spieler den Druck reduzieren und einen Aktionsvorsprung erreichen. Dafür muss er die Spielsituation bereits vor seinem ersten Ballkontakt überblicken und möglichst viele Informationen für Lösungsoptionen sammeln. Hier hilft oftmals ein 'Schulterblick', um offene Räume, freie Mitspieler oder anlaufende Gegenspieler zu erfassen. Eine offene Körperstellung in Spielrichtung vergrößert das Blickfeld zusätzlich und ermöglicht eine schnelle Spielfortsetzung, da weniger Kontakte für die Umsetzung der Entscheidung nötig sind.

Die Vororientierung verschafft dem jeweiligen Spieler folglich ein größeres Zeitfenster, beschleunigt seine Entscheidungsfindung und erleichtert die anschließende technische Ausführung. So kann die übergeordnete DFB-Leitlinie „Wir finden unter Zeit-, Raum- und Gegnerdruck die beste Lösung!“ erfüllt werden.

    1. Der Torwart (TW) hat eine offene Körperstellung eingenommen und nimmt den Pass auf den Innenverteidiger (IV) wahr.

    2. Im Moment der Ballannahme des IV orientiert sich der TW bereits vor und blickt auf die ballferne Seite, um mögliche Optionen für die Spielfortsetzung abzuwägen.

    1. Der ballführende Innenverteidiger (IV) wird unter Druck gesetzt. Der ballferne IV erkennt die Situation und passt seine Position entsprechend an.

    2. Mit dem Rückpass auf den Torwart (TW) nimmt er eine offene Körperstellung ein.

    3. Mit der Ballannahme des TW orientiert sich der IV vor und 'scannt' mögliche Handlungsoptionen.

    1. Während der Torwart (TW) zum Innenverteidiger (IV) passt, orientiert sich der Außenverteidiger (AV) bereits vor und blickt in die Tiefe.

    2. Dank seiner Vororientierung weiß der AV vom geringen Druck. Er blickt zum ballführenden IV und bietet sich für ein Zuspiel an.

    1. Während der Innenverteidiger (IV) andribbelt, orientiert sich der zentrale defensive Mittelfeldspieler (ZDM) vor und 'scannt' die Umgebung.

    2. Anschließend orientiert sich der ZDM zum IV und fordert ein Anspiel.

    3. Vor der Ballannahme blickt der ZDM erneut in die Tiefe und verschafft sich so einen Überblick für seine mögliche Anschlussaktion.

    1. Der Innenverteidiger (IV) passt in den Rücken der gegnerischen Abwehrreihe zum äußeren Mittelfeldspieler (AMF). Der Stürmer (ST) hat eine offene Körperstellung in Spielrichtung und kann die Situation frühzeitig wahrnehmen.

    2. Dadurch kann sich der ST einen Bewegungsvorsprung verschaffen und ist in einer optimalen Position, um den Querpass des AMF zu verwerten.

Wenn ich ein Zuspiel erhalte, habe ich mich vorher bereits umgeschaut und weiß, ob ich Platz habe, um mich zu drehen, oder ob ich einen Gegner im Rücken habe. [...] Es klingt einfach, aber diese Fähigkeiten zu beherrschen, ist sehr schwierig. So überlebe ich im Spiel, obwohl ich körperlich nicht stark oder groß bin.

Xavi