Spielanalyse

Offensive Standards (Teil 2): Blindside

Ruhende Bälle als Spielentscheider

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  1. Christopher Toetz

    Christopher Toetz, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball.

Fast nichts im Fußball ist so planbar wie eine Standardsituation. Bereits in unserem ersten Teil haben wir die Bedeutung von einstudierten Varianten in Verbindung mit dem Stellen von Blocks, durch die der Zielspieler befreit oder der Zielraum geöffnet wird, dargelegt. Im zweiten Teil rücken wir ein weiteres taktisches Mittel in den Fokus: die „Blindside“.

Eingeschränkte Wahrnehmung

Mit zunehmender Geschwindigkeit wird die Komplexität eines Spiels größer. Spieler müssen eine Situation unter höchstem Zeit- und Gegnerdruck wahrnehmen, eine Entscheidung treffen und schließlich die gewählte Aktion ausführen. Der Erfolg einer Situation hängt dabei maßgeblich von der visuellen Wahrnehmung ab.
Das periphere Gesichtsfeld, also die wahrgenommene Fläche bei fixierten Augen, hat in der Horizontalen einen Winkel von 180 bis 200 Grad. Das heißt im Umkehrschluss, dass ein Spieler innerhalb einer Spielsituation einen ähnlich großen Bereich nicht überblicken kann. Dieser Bereich ist die „Blindside“ und nimmt eine ebenso entscheidende Rolle ein wie die Wahrnehmung.

„Blindside“

Spieler haben verschiedene Bezugspunkte, auf die sie reagieren müssen: Sie müssen sich am Ball, an den Positionen ihrer Mit- und Gegenspieler orientieren. Dies ist gerade beim Verteidigen von Standardsituationen problematisch, da mit der Hereingabe eine unmittelbare Torgefahr besteht. Hierbei ist es für die Verteidiger besonders wichtig, den Ball zu sehen, weil ihre weiteren Handlungen bei der Zielverteidigung davon abhängen. Es ist aber auch relevant, den direkten Gegenspieler und potenziellen Abnehmer im Blick zu haben. Kann der Verteidiger nicht beide Referenzpunkte auf einmal sehen, muss er sich entscheiden, wohin er schaut.
Angreifer, die ein Bewusstsein für dieses Dilemma haben, nutzen diese Situation und bewegen sich außerhalb des Sichtfeldes – der „Blindside“ – um dort einen Bewegungs- und Geschwindigkeitsvorteil für das Verwerten der Hereingabe zu erzielen.

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Doch neben dem Verhalten des Angreifers kann das Ausnutzen der „Blindside“ auch durch einstudierte Standardvarianten auf den ballfernen Pfosten erfolgen. Hierbei werden die Verteidiger gezwungen, ihre Körperachse zu drehen, wodurch sie kurzzeitig den Überblick verlieren. Andernfalls müssen sie „blind“ ins Kopfballduell gehen.

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Fazit

Um die Erfolgschance einer Standardsituation zu maximieren, sollte ein Angreifer bewusst die „Blindside“ des Verteidigers nutzen. Dieser steht dadurch vor der Entscheidung, den Ball oder den Gegenspieler zu verfolgen. Eine missliche Lage, die sich auch durch Varianten auf die ballferne Seite erzwingen lässt.

Zu meiner Zeit als Spieler wurden Standards nicht besonders intensiv geübt. Heutzutage wird diesen Situationen im Training viel mehr Zeit gewidmet.

Marco van Basten, Ex-FIFA-Direktor für technische Entwicklung