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Agility- vs. Richtungswechseltraining

Agilitytraining führt zur größeren Leistungssteigerung bei reaktiven Agilitytests als Richtungswechseltraining

Medizin & Athletik
Ein Nachwuchsfußballer des DFBs bei einem Leistungstest.
    • Vergleich der Effekte von Agility- und Richtungswechseltraining auf konditionelle und kognitive Leistungstests.
    • Agility- und Richtungswechseltraining steigern die lineare Sprintfähigkeit.
    • Agilitytraining verbessert kognitive Flexibilität und Entscheidungsfähigkeit.
    • Richtungswechseltraining führt insbesondere zur Laufzeitverkürzung bei konditionell dominierenden Leistungstests.

Abstract

Im Fußball zählt die technische, taktische, psychische und physische Leistungsfähigkeit. Trainingsprogramme, die neben Kraft und Schnelligkeit vor allem auch kognitive Komponenten fördern, steigern die sportliche Leistung bei Nachwuchsspielern. Zu diesem Ergebnis kommt eine randomisierte, kontrollierte Studie des National Center of Medicine and Science in Sports in Tunis. Trainer sollten daher routinemäßig Übungen für mehr Agility und Flexibilität bei Richtungswechseln ins Programm aufnehmen, zumal diese darüber hinaus helfen, die Sprintfähigkeit zu verbessern.

Das folgende Video gibt einen Einblick in das Agility- und Richtungswechseltraining mithilfe des Speedcourts:

Die Hypothese

Ein guter Fußballer ist schnell, lauffreudig und technisch stark. Das reicht für den Erfolg aber oft nicht aus. Auf dem Platz zählen genauso kognitive Faktoren wie Wahrnehmung, Entscheidungshandeln und die geistige Flexibilität, sich auf neue Spielsituation einzustellen. Wie beeinflussen kognitive Fähigkeiten die sportliche Leistung? Führen Trainingsprogramme, die mehr Wert auf Agility legen, als Trainingsprogramme, die ausschließlich auf die konditionellen Eigenschaften des Richtungswechsels (Be- und Entschleunigung, Drehungen, Wendungen) ausgerichtet sind, zu besseren Leistungen bei Linearsprinttests (15 m) sowie Richtungswechsel- und Agilitytests bei Nachwuchsfußballern? Diesen Fragen sind Forscher am National Center of Medicine and Science in Sports in Tunis (Tunesien) nachgegangen. 

Was ist Agility im Fußball?

Bei einem Spiel wechseln sich Phasen geringer Aktivität (dazu gehören Gehen, Joggen und Traben) stets mit Phasen hoher Belastung (Sprints, Sprünge, Richtungswechsel) ab. Die Fähigkeit zu schnellen Sprints und zu abrupten Tempo- und Richtungswechseln wird im Sport als Agility beschrieben. Sie ist bestimmt durch Bewegungsabläufe, bei denen – ausgelöst durch einen äußeren Stimulus – der gesamte Körper abrupt sein Tempo oder seine Richtung ändert. Klassischerweise reagiert ein Fußballer auf die Position des Balles, eines Mitspielers oder des Gegenspielers. Die Agility umfasst also darüber hinaus neben den konditionellen Komponenten des Richtungswechsels und der Gewandtheit auch kognitive Komponenten wie das schnellstmögliche Reagieren auf einen Stimulus.  

Es liegt also nahe, Trainingsprogramme einzusetzen, die die physischen und kognitiven Komponenten gleichermaßen fördern. In der Wissenschaft sind die Wege zu einer optimalen Verbesserung der Agility von Fußballspielern allerdings umstritten. Untersuchungen, die gezielt die Bedeutung von kognitiven und konditionellen Leistungen miteinander vergleichen, fehlen bislang. Diese Studie vergleicht erstmals zwei unterschiedliche Trainingsansätze – einen mit dem Schwerpunkt auf Agility (AG), einen mit dem Schwerpunkt auf Richtungswechsel (engl. Change of Direction, COD).

Die Testpersonen waren 32 Nachwuchsspieler im Alter von 13 bis 15 Jahren mit mindestens vier Jahren Spielerfahrung in der höchsten nationalen Liga in Tunesien. Sie wurden in zwei Testgruppen (AG und COD) und eine Vergleichsgruppe eingeteilt. Die COD-Gruppe durchlief während einer Phase von sechs Wochen ein spezielles Training von schnellen Richtungswechseln, die AG-Gruppe trainierte Fähigkeiten, die insbesondere die Agility fördern. Alle Spieler absolvierten während der Testphase (zusätzlich) das gewohnte, tägliche Training. Die Trainingsprogramme fanden spielnahe, sowohl mit als auch ohne Ball, statt. 

Ein genauer Blick auf die Trainingsprogramme

Beide Gruppen hatten vier verschiedene Übungsformen zu absolvieren, bei denen Sprints mit schnellen Richtungswechseln (Drehung zwischen 45° bis 180°), mit Slalomlauf und Passspiel unterschiedlich kombiniert wurden. Die Abstände und Richtungen der Läufe, Dribblings und Torabschlüsse wurden jeweils mit Kegeln und Minitoren markiert.

Im Gegensatz zu der COD-Gruppe kannten die Spieler der AG-Gruppe den genauen Ablauf der einzelnen Übung nicht, sondern mussten während des Laufs auf visuelle Signale des Trainers (beispielsweise Richtungswechselvorgabe durch Seitwärtsrollen des Balls) reagieren. Damit wurde ein reales Spielgeschehen, bei dem sich die äußeren Bedingungen plötzlich und unvorhersehbar ändern, simuliert (siehe Tabelle 1 in [1]).

Beide Gruppen absolvierten für die Studie zwei Testeinheiten pro Woche (20-25 Minuten pro Einheit), während der gesamten Testphase also insgesamt zwölf Einheiten. Jeder Spieler legte während der Übungen jeweils eine Strecke zwischen 296 und 424 m pro Woche zurück. 

Durchführung der Leistungsdiagnostik

Die Leistungsüberprüfung wurde auf Kunstrasen durchgeführt. Die sich wiederholenden Tests fanden jede Woche an den gleichen Wochentagen statt. Außerdem gehört zu den Testbedingungen, dass das letzte Training mindestens 24 Stunden, die letzte Nahrungsaufnahme zwei Stunden zurücklag. Nicht zuletzt wurde darauf geachtet, dass die Umgebungsbedingungen stets ähnlich waren: eine Temperatur von 20-22°C, eine Luftfeuchtigkeit von 65-70 %, kein Einfluss durch Regen oder Wind.

Die Nachwuchsspieler absolvierten fünf verschiedene Tests:

  • 15 m Linearsprint,
  • 15 m Richtungswechseltest,
  • 15 m Richtungswechseltest mit Ball,
  • 5-0-5 Richtungswechseltest,
  • Reaktiver Agility-Test: Der Spieler reagierte bei diesem Test auf Signale des Trainers (Stimulus). Bei jedem Handzeichen musste er sofort – mit oder ohne Ball – während des Laufs seine Bewegung von einem Fuß auf den anderen verlagern und dabei jeweils die Laufrichtung ändern [2].  

Ergebnisse

Die Originalität dieser Studie liegt darin, dass sie gezielte Übungsformen sowohl zur Förderung kognitiver Fähigkeiten als auch für schnelle Richtungswechsel beinhaltet. Es ist die erste Untersuchung dieser Art, die zwei unterschiedliche Trainingsprogramme innerhalb eines homogenen Teams von Nachwuchsspielern miteinander vergleicht.

Eine der Einschränkungen der Untersuchung liegt darin, dass sie die individuelle „Seitigkeit“ eines Jungspielers nicht berücksichtigt. Hatte ein Spieler beispielsweise links einen schlechteren Torabschluss als rechts, ging das Ergebnis ohne Korrekturfaktor in die Bewertung ein. Zudem ist bekannt, dass Nachwuchsspielern im Fußball mit dem dominierenden Bein schnellere Richtungswechsel gelingen [3]. 

Die Ergebnisse zeigen, dass die AG-Gruppe – also die Testgruppe mit gezieltem Agilitytraining – ihre Leistung bei Reaktionstests (reaktiver Agility-Test) deutlich stärker verbessern konnte als die COD- und die Kontrollgruppe. Das gilt für diesen Test sowohl mit als auch ohne Ball. Die COD-Gruppe – die Testgruppe mit intensivem Training von Richtungswechseln – zeigte dagegen größere Verbesserungen beim 15 m Linearsprint und dem 5-0-5 Richtungswechseltest.

Eine der wesentlichen Erkenntnisse ist, dass beide Trainingsprogramme zudem die Sprintfähigkeiten der Nachwuchsspieler verbessert haben. Beim 15 m Linearsprint lag die Verbesserung bei 2 bis 10 %. Dieses Ergebnis wird durch frühere Untersuchungen bestätigt [4,5]. Sie zeigen, dass die Schnelligkeit in Linearsprints signifikant steigt, was auf eine positive Wechselwirkung zwischen AG- und COD-Training hinweist. Der Effekt ist teilweise damit zu erklären, dass die Streckmuskeln im Bein gestärkt und die Fähigkeit zur Muskelentspannung nach einem Training verbessert wird [6,7]. Stärkere Streckmuskeln können die Wiederbeschleunigung beim Richtungswechsel erleichtern und die Effizienz der beim Richtungswechsel notwendigen Bremsmanöver erhöhen. Zwar wurde im Rahmen dieser Studie die jeweilige Muskelkraft nicht gemessen und berücksichtigt. Es liegt jedoch ein Zusammenhang nahe, da Sprints und Richtungswechsel die gleichen Muskelgruppen beanspruchen [8]. Zudem waren Sprints direkter Bestandteil der Trainingseinheiten, was ebenfalls die verbesserten Ergebnisse erklärt.

Die Daten zeigen zudem, dass die zusätzlichen Trainingseinheiten ganz generell die Agility der Testpersonen steigern konnten. Dabei zeigte das Agilitytraining eindrucksvollere Effekte auf die Reaktionsgeschwindigkeit als das COD-Training. Profispieler müssen insbesondere in der Lage sein, aus Änderungen der Körperhaltung (dazu zählen optische Stimuli wie Hüftbewegungen oder Positionsänderungen des Beins) das Verhalten des Gegenspielers einzuschätzen oder gar vorauszusehen. Indem ein Spieler proaktiv und antizipativ handelt, ist er anderen eine Nasenlänge voraus – ein Fakt, der im Fußball über Erfolg oder Niederlage entscheiden kann. 

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Agility training in young elite soccer players: promising results compared to change of direction drills", die 2016 im "Biology of Sport" veröffentlicht wurde.

Weiterführende Links

Literatur

  1. Chaalali, A., Rouissi, M., Chtara, M., Owen, A., Bragazzi, N. L., Moalla, W., & Chamari, K. (2016). Agility training in young elite soccer players: promising results compared to change of direction drills. Biology of sport, 33(4), 345.

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    1. Chaalali, A., Rouissi, M., Chtara, M., Owen, A., Bragazzi, N. L., Moalla, W., & Chamari, K. (2016). Agility training in young elite soccer players: promising results compared to change of direction drills. Biology of sport, 33(4), 345.

    2. Chaouachi, A., Chtara, M., Hammami, R., Chtara, H., Turki, O., & Castagna, C. (2014). Multidirectional sprints and small-sided games training effect on agility and change of direction abilities in youth soccer. The Journal of Strength & Conditioning Research, 28(11), 3121-3127.

    3. Rouissi M, Chtara M, Owen A, Chaalali A, Chaouachi A, Gabbett T, et al. Effect of leg dominance on change of direction ability amongst young elite soccer players. J Sports Sci. 2016; 34 (6) 542-548.

    4. Lockie RG, Jeffriess MD, McGann TS, Callaghan SJ, Schultz AB. Planned and Reactive Agility Performance in Semi-Professional and Amateur Basketball Players. Int J Sports Physiol Perform. 2013.

    5. Chaouachi A, Chtara M, Hammami R, Chtara H, Turki O, Castagna C. Multidirectional sprints and small-sided games training effect on agility and change of direction abilities in youth soccer. J Strength Cond Res. 2014;28(11):3121-3127.

    6. Baker D. A comparison of running speed and quickness between elite professional and young rugby league players. Strengthand Conditioning Coach. 1999;7(3):3-7.

    7. Sayers M. Running techniques for field sport players. Sports Coach, Autumn. 2000:26-27.

    8. Lockie RG, Schultz AB, Callaghan SJ, Jeffriess MD. The Effects of Traditional and Enforced Stopping Speed and Agility Training on Multidirectional Speed and Athletic Performance. J Strength Cond Res. 2013.