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Auf den zweiten Blick: Visuelle Wahrnehmung

Blickstudien sollen verraten, wie Spielerinnen und Spieler auf dem Platz die Übersicht behalten

Psychologie
Technologie & Equipment
Zwei Bundesligaspieler von Bayer Leverkusen sind zu sehen. Sie fokussieren den Blick auf den Ball. (Photo by Juergen Schwarz/Getty Images)
    • Einzelne Studien zeigen eine bessere Leistung von Spielern, die sich in einem Spiel häufiger umblicken (Kopfdrehungen).
    • Es wird empfohlen, gezielt umblickende Kopfbewegungen zu trainieren.
    • Insgesamt ist die Studienlage bezüglich des Vergleichs zwischen erfahrenen und unerfahrenen Spielern, sowie erfolgreichen und nicht erfolgreichen Spielern aber uneinheitlich.

Abstract

Gerade im Fußball mit seinen vielen Spielerinnen und Spielern, sowie schnellen Positionsänderungen ist es wichtig, auf dem Platz den Überblick zu behalten. Eine systematische Übersichtsstudie fasst bisherige Erkenntnisse zur visuellen Wahrnehmung von Fußballern zusammen. Die Forscher empfehlen, bewusst umblickende Kopfbewegungen zu trainieren. Allerdings fehlen Studien, die echte Spielsituationen untersuchen. Auch die Technik, die in wissenschaftlichen Studien verwendet wird, bildet die komplexe Wirklichkeit des Wettspiels nur unzureichend ab.

Wer suchet, der findet

Toni Kroos blickt sich um, nimmt den Ball an, führt ihn eng am Fuß und sprintet kurz über den Platz. Um ihn herum bewegen sich Spieler beider Mannschaften. Die Spielsituation ist unübersichtlich der Raum ist eng. Er passt an seinen Mitspieler, der genau in diesem Moment frei ist und das so wichtige Tor erzielen kann.

Kroos‘ legendäre Fähigkeiten als Passgeber sind dabei jedoch kein blindes Glücksspiel. Kurze, schnelle Blicke über beide Schultern oder aus den Augenwinkeln, sowie eine genaue Einschätzung seiner Mitspieler erlauben es ihm, den Ball im richtigen Moment an den Mann zu bringen.

Den Überblick behalten

Dieses sogenannte „explorative Verhalten“, bei dem die Umgebung abgesucht wird, indem Augen, Kopf und/oder Körper gedreht werden, hilft nicht nur den Überblick über das Spiel zu behalten. Thomas McGuckian, Michael Cole und Gert-Jan Pepping schreiben in einer systematischen Übersichtsstudie, es könne sogar „den Unterschied zwischen Gewinnen und Verlieren ausmachen“. Die Wissenschaftler der Australian Catholic University in Brisbane untersuchten die Forschungslage zum Thema Blickstudien im Fußball [1]. 

Insgesamt durchsuchten die Wissenschaftler dabei mehrere Datenbanken und verglichen schlussendlich 38 Studien, die sich mit visueller Wahrnehmung von Fußballern beschäftigten.

Kopf drehen, Ball passen

Nach der aktuellen Studienlage empfehlen McGuckian und Kollegen, im Training besonders umblickende Kopfbewegungen gezielt zu trainieren. So könnten Übungen entwickelt werden, bei denen durch vorheriges Umblicken (Vororientierung) über die Richtung eines Passes entschieden werden muss, statt wie bisher häufig vorzugeben, wohin der Pass gespielt werden soll. Damit soll einzelnen Studien Rechnung getragen werden, die eine bessere Leistung von Spielern ausgemacht haben, die ihren Kopf im Spiel häufig gedreht haben.

Fehlende Studien auf dem Platz

Viele andere der betrachteten Studien, die das Blickverhalten der Augen untersuchten, zeigten gegensätzliche Ergebnisse. So zeigte manche Forschung, dass erfahrene Fußballer entweder länger oder kürzer, häufiger oder seltener Objekte mit dem Auge fixierten, andere Studien wiederum fanden keine Unterschiede.

Im Einzelnen ergab sich für die Studien, die die Anzahl der Fixierungen untersuchten, bei elf Studien (65%), kein signifikanter Unterschied zwischen Erfahrungsniveau, erfolgreicher oder nicht erfolgreicher Leistung oder Fertigkeitsniveau.

In sechs Studien (35%) zeigten Fußballspieler mit mehr Erfahrung, mehr Erfolg oder besseren Fertigkeiten wesentlich mehr Fixierungen als Fußballspieler mit weniger Erfahrung, weniger erfolgreicher Leistung oder weniger Können. Gleichwohl zeigten vier der Studien (24%), die die Anzahl der Fixierungen untersuchten, dass Fußballspieler mit besseren Fertigkeiten und größerer Erfahrung wesentlich seltener fixierten als Fußballspieler mit diesbezüglichen niedrigerem Ausprägungsgrad.

Von den Studien, in denen die Dauer der Fixierung untersucht wurde, berichteten neun Studien (60%), dass kein signifikanter Unterschied zwischen Erfahrungsniveau, erfolgreicher oder nicht erfolgreicher Leistung oder Fertigkeitsniveau bestand.

Fünf Studien (33%) berichteten, dass Fußballspieler mit mehr Erfahrung und mehr Können wesentlich kürzere Fixierungen hatten und vier Studien (27%) hingegen, dass sie eine signifikant längere Fixierungsdauer hatten, als Fußballspieler mit weniger Erfahrung oder Können.

Die unterschiedlichen Ergebnisse könnten laut den australischen Forschern neben den sehr unterschiedlichen Forschungsmethoden auch darin ihre Ursache haben, dass die Studien nicht unter realen Bedingungen durchgeführt wurden. So kritisieren McGuckian und Kollegen, dass es keine Studien gab, die das Blickverhalten in echten Spielsituationen untersuchten. Alle Experimente fanden demnach unter Laborbedingungen oder konstruierten Spielsituationen (Strafstoß, oder Spielhandlungen unter reduzierter Spieleranzahl wie z. B. 2 vs. 1 oder 4 vs. 3) statt. Es gäbe Anhaltspunkte, dass unter realen Wettkampfbedingungen andere Ergebnisse zu erwarten wären. 

Mit Technik den Blick erfassen

Auch wurden die untersuchten Studien alle mit sogenannten „Eyetrackern“ (zu Deutsch etwa: Blickerfassern) durchgeführt. Die Geräte werden wie normale Brillen auf dem Kopf getragen und erfassen mit einer nach hinten gerichteten Kamera die Position des Auges, der Pupille und der Hornhautreflektion. Eine zweite Kamera filmt frontal die reale Umgebung des Trägers oder der Trägerin. Werden die Informationen zusammengebracht, kann genau bestimmt werden, wohin der Träger oder die Trägerin in dem Moment blickt.

Häufig wurde in den Studien jedoch nur die Augenbewegung (Anzahl der Objektfixierung und Dauer der Objektfixierung) berücksichtigt. Die Bewegungen von Kopf und Körper, die im umsichtigen Blickverhalten ebenso eine große Rolle spielen, wurden meist nicht gemessen.

Bei ihrer Kritik an der Forschung zur visuellen Wahrnehmung von Fußballern schränken die Forscher aus Australien jedoch ein, dass sie explizit nur nach Studien gesucht haben, in denen die visuelle Wahrnehmung mit Hilfe von technischen Geräten untersucht wurden. Daher wurden Studien, die das Blickverhalten mit anderen Methoden untersuchen (z. B. Beobachtung oder mündlicher Bericht), nicht in diese Überprüfung einbezogen.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "A systematic review of the technology-based assessment of visual perception and exploration behaviour in association football.", die 2018 im "Journal of sports sciences" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. McGuckian, T. B., Cole, M. H., & Pepping, G. J. (2018). A systematic review of the technology-based assessment of visual perception and exploration behaviour in association football. Journal of sports sciences, 36(8), 861-880.

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    1. McGuckian TB, Cole MH. A systematic review of the technology-based assessment of visual perception and exploration behaviour in association football. J Sports Sci [Internet]. Routledge; 2017;00(00):1–20.

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