Wissen

Den Umgang mit Leistungsdruck trainieren

Strategien gegen Versagensängste und Leistungseinbußen unter Druck

Psychologie
    • Bewältigungsstrategien können die Leistungsfähigkeit unter Druck verbessern.
    • Simulationstrainings brachten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe die beständigsten Leistungsverbesserungen.
    • Vermutet wird, dass eine realitätsnahe Simulationsaufgabe psychologische und physiologische Reaktionen auslöst, die denen eines „Ernstfalls“ gleichen und somit die Möglichkeit bietet, die Bewältigung zu üben.
    • Workshops zu kognitiven Verhalten war die am häufigsten durchgeführte Bewältigungsstrategie. 
Abstract

Die Fähigkeit, unter Druck im Wettkampf erfolgreich zu sein, ist ein wesentlicher Aspekt sportlicher Leistung. Lässt sich der Umgang mit Versagensängsten trainieren? Ja, sagen Sportpsychologen. Die aktuelle Forschung schlägt verschiedene Bewältigungsstrategien vor, die Spitzensportlern helfen sollen, ihre Fähigkeit zur Leistungsdruckbewältigung zu verbessern. Welche aber sind für die Trainingspraxis am wirksamsten und effektivsten? Eine systematische Übersichtsarbeit hat 23 angewandte Interventionsstudien – 15 aus dem Sport und acht aus anderen Bereichen – daraufhin überprüft und zeigt die Grenzen bei der Gestaltung, Durchführung und Auswertung von Druckinterventionen auf.

Leistungsdruck im Profifußball

Profifußballer begeben sich in jedem Spiel in eine besondere Drucksituation. Manche laufen gerade dann zur Höchstform auf, andere leiden unter dem ständigen Leistungsdruck und kämpfen mit Versagensängsten. Im Jahr 2018 hatte der 104-malige Fußballnationalspieler Per Mertesacker in einem aufsehenerregenden Interview offenbart, wie sehr ihm die hohe Erwartungshaltung vor jedem Spiel zusetzt. In den Sekunden vor dem Anpfiff drehe sich ihm "der Magen um, als müsse ich mich übergeben. Ich muss dann würgen, bis mir die Augen tränen." Die Fähigkeit, unter Druck im Wettkampf erfolgreich zu sein, ist ein wesentlicher Aspekt sportlicher Leistung [1]. Athleten müssen in Drucksituationen in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen und ihre feinmotorische Kontrolle bei körperlicher und geistiger Ermüdung aufrechterhalten – wissend, dass ihr Handeln genauso zu Erfolg wie zu Misserfolg führen kann. Sind sie dazu nicht in der Lage, drohen Leistungseinbußen [2, 3, 4]. 

Mit Copingstrategien Stress bewältigen und Leistung bringen

Elite-Fußballspieler wie Mertesacker sind mit dem Druck groß geworden, aber nicht alle Athleten sind gleich abgehärtet. Nach den Stressforschern Lazarus und Folkman [5] ist das Stressempfinden eine subjektive Bewertung des Geschehens zwischen Umwelt und Person. In jeder Drucksituation wird demnach das „Ich-muss-funktionieren“-Gefühl individuell hinterfragt und als die eigenen Ressourcen beanspruchend oder übersteigend bewertet. Leistungsdruck wird dann zu einem negativen Stressor, wenn der Athlet die psychische Belastung nicht bewältigen kann.

Die Fähigkeit, dem empfundenen Leistungsdruck zu widerstehen, unter Stress lebenswichtige Selbstregulierungsprozesse auszuführen und eine optimale oder sogar überlegene Leistung zu bringen, lässt sich durch entsprechende Bewältigungsstrategien verbessern, die in der Sportpsychologie auch als „Coping“ bezeichnet werden [6, 7]. Coping meint das Überwinden einer kritischen Situation, sodass negativer Stress bewältigt und die Leistungsfähigkeit aufrechterhalten bleibt. Dafür werden in der sportpsychologischen Betreuung Strategien genutzt, die der Athlet übt und in oder vor einer akuten Drucksituation anwendet (s. TAB. 01). Allgemein wird in der Sportpsychologie zwischen problemorientierten und emotionsorientierten Bewältigungsstrategien unterschiedenen. Problemorientiertes Coping zielt darauf ab, durch zielgerichtetes Verhalten oder auch durch das Unterlassen von Handlungen eine Stresssituation zu bewältigen. Beim emotionsorientierten Coping versucht der Athlet, die durch die Situation entstandene emotionale Erregung zu senken [5]. 

Das Festigen von Bewältigungsstrategien erhöht nach Ansicht von Sportpsychologen auf Dauer die Stresstoleranz [6]. Folglich beschäftigen sich Forschung und Praxis damit, welche Copingstrategien am wirksamsten und effektivsten sind, um Athleten zu helfen, Druck zu widerstehen, ihr Erregungsniveau zu senken und ihre Aufmerksamkeit auf das bevorstehende Leistungsziel zu richten, um schließlich trotz des Stressempfindens erfolgreich zu sein. Bislang liegen nur wenige wissenschaftliche Überprüfungen vor, die in der angewandten Sportpsychologie durchgeführt wurden.

Halten Bewältigungsstrategien in der Praxis, was die Theorie verspricht?

Eine systematische Übersichtsarbeit hat deshalb die Forschungslage zum Coping überprüft und 23 ausgewählte angewandte Interventionsstudien daraufhin untersucht, wie sich Bewältigungsstrategien auf die Leistung unter Druck auswirken. 15 der untersuchten Studien sind im Kontext Sport entstanden, die übrigen acht stammen aus anderen Bereichen wie Medizin, Bildung und Militär. Zu den angewandten Bewältigungsstrategien über alle Bereiche hinweg gehörten:

  • Workshops zu kognitivem Verhalten: Unterrichtseinheiten zur mentalen Vorbereitung und Entwicklung psychologischer Fähigkeiten (n = 9),

  • psychologische Beratungssitzungen: mit einem personenzentrierten Ansatz und der Schulung von Entspannungstechniken, Vorstellungsvermögen, Selbstvertrauen, Stoppen von Grübeln und der Entwicklung von Wettkampfroutinen (n = 6),

  • emotionale Regulierungsstrategien: kurze Interventionen, die ein Athlet während der Ausübung einer motorischen Leistungsaufgabe unter Zeitzwang und dem Druck, nur einen einzigen Versuch zu haben, ausführt (n = 3),

  • Simulationsaufgaben: Üben der Leistungsaufgabe im Training, die die reale Drucksituation wirklichkeitsnah nachstellt (n = 5).

Welche Bewältigungsstrategien wurden beforscht?

Die am häufigsten in der angewandten Forschung verwendete Bewältigungsstrategie sind Workshops zum kognitiven Verhalten unter Druck. Dazu gehörten die Entwicklung von Strategien zur Akzeptanz und Kontrolle, das Verständnis des Zusammenhangs von Emotionen und Leistung, die Entwicklung problemorientierter Bewältigungsstrategien, Vertrauen und die Reduzierung falscher oder selbstzerstörerischer Überzeugungen sowie die Verbesserung der Blick-/Aufmerksamkeitskontrolle. Die Maßnahmen reichten von einem einzelnen 10-minütigen Bildungsworkshop bis zu einem achtwöchigen Stressbewältigungsprogramm.

Eine Schwierigkeit für die wissenschaftliche Überprüfung angewandter Bewältigungsstrategien und die Entwicklung von entsprechenden Programmen als Teil des Trainings ist die Frage, wie man Drucksituation und Stressoren möglichst realitätsnah nachstellt. Ob sich eine Bewältigungsstrategie als wirksam erweist, hängt davon ab, ob ihr Setting die für eine Drucksituation typischen Bedingungen und charakteristischen Merkmale von Leistungsdruck realistisch rekonstruiert. Um eine Stressreaktion, die zu Erregung und Leistungsabfall führt, zu provozieren, sollte die gestellte Leistungsaufgabe (a) wirklichkeitsgetreu sein, (b) Ansporn für eine gute Leistungserbringung bieten und (c) unter Druckbedingungen  z. B. für die Ausübung nur einen einzelnen Versuch zu haben  stattfinden.

Weitere Grenzen der Coping-Forschung

Eine weitere Herausforderung in der Forschung besteht darin, wie erhoben wird, ob Athleten in einer Drucksituation Leistungsdruck bewusst wahrnehmen und wie belastend sie ihn empfinden. Viele Studien aus dem Sportbereich arbeiten dazu mit Selbstauskünften mittels Fragebögen oder Interviews. Weil manche Menschen stresstoleranter sind als andere und der Prozess der subjektiven Bewertung einer Drucksituation relativ unbewusst und automatisch abläuft, kann es vorkommen, dass Studienteilnehmer unbewusst Bewältigungsstrategien zum Umgang mit Leistungsdruck aktivieren und das Stressempfinden daher gar nicht bewusst wahrnehmen oder melden [8]. Subtile Veränderungen vor und nach der Anwendung von Bewältigungsstrategien sind dann nicht mehr erkennbar.

Als alternativen Ansatz fragen manche Coping-Studien nicht nach der Wahrnehmung von Leistungsdruck, sondern messen physiologische Variablen wie zum Beispiel Herzfrequenz, Atemfrequenz, Blickkontrolle oder Muskelaktivität, die auf empfundenen Druck hinweisen. Problematisch daran ist, dass auf diese Weise die Stressoren Versagensangst und Leistungsdruck verschwimmen. Ängste können bei manchen Menschen leistungsmindernd wirken – zum Beispiel bei einem Chirurgen, dessen Hände zittern. Im Gegenteil dazu empfanden Rugby-Spieler, die sich selbst als stresstolerant und unter Druck leistungsfähig einschätzten, Angst eher als aktivierend und leistungssteigernd [10]. Bei Sportlern, die über ein hohes Maß an Selbstvertrauen verfügen, können Angstsymptome zudem positiv auf die Kontrolle ihrer Leistungsfähigkeit wirken [11].

Fazit: Welche Bewältigungsstrategien helfen in der Trainingspraxis?

In den untersuchten Studien der systematischen Übersichtsarbeit wurden am häufigsten Workshops zum kognitiven Verhalten zur Bewältigung von Druck durchgeführt. Angewendet wurden insbesondere solche Maßnahmen, die auf Entspannungs- und Neubewertungstechniken (zum Beispiel positives Selbstgespräch oder Aufmerksamkeitsfokussierung) als Bewältigungsstrategien abzielen. Insgesamt gesehen sind sowohl Workshops zu kognitiven Verhalten als auch psychologische Beratungssitzungen, emotionale Regulierungsstrategien und Simulationsaufgaben zumindest in einem gewissen Maße geeignet, die Leistungsfähigkeit unter Druck zu unterstützen, indem sie die Fähigkeit des Einzelnen verbessern, selbstregulierende Prozesse durchzuführen. Laut der Studienanalyse liefern Simulationstrainings unter Druckbedingungen die konsistentesten Leistungsverbesserungen. Die Forscher schlussfolgern, dass eine wettkampfnahe Simulation besonders effektiv ist, um den Athleten die geforderte Kompetenz aufzuzeigen und einzuüben, um so sein Vertrauen in die Erfüllung der Aufgabe zu stärken.   

Die Inhalte basieren auf der Studie “The Effects of Coping Interventions on Ability to Perform Under Pressure”, die 2018 im “Journal of Sports Science and Medicine” veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Kent, S., Devonport, T.J., Lane, A.M., Nicholls, W., Friesen, A.P. (2018). The Effects of Coping Interventions on Ability to Perform Under Pressure. Journal of Sports Science and Medicine, 17 (1): 40-55
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    1. Mesagno C, Mullane-Grant T (2010). A comparison of different Pre-performance routines as possible choking interventions. Journal of applied sport psychology, 22: 343-360

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    2. Baumeister RF (1984). Choking under pressure: self-consciousness and paradoxical effects of incentives on skillful performance. Journal of Personality and Social Psychology 46: 610-613

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    3. Jordet G (2009). Why do English players fail in soccer penalty shootouts? A study of team status, self-regulation, and choking under pressure. Journal of Sports Sciences 27: 97-106

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    4. DeCaro MS, Thomas RD, Albert NB, Beilock SL (2011). Choking under pressure: multiple routes to skill failure. Journal of Experimental Psychology: General 3: 390-406

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    5. Lazarus, R.S. and Folkman, S. (1984) Stress, appraisal, and coping. New York: Springer.

    6. Duhachek A, Kelting K (2009). Coping repertoire: Integrating a new conceptualization of coping with transactional theory. Journal of Consumer Psychology 19: 473-485.

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    7. Adler AB, Bliese PD, Pickering MA, Hammermeister J, Williams J, Harada C, Ohlson C (2015). Mental skills training with basic combat training soldiers: A grouprandomized trial. Journal of Applied Psychology 100: 1752- 1764

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    8. Seery MD (2011). Challenge or threat? Cardiovascular indexes of resilience and vulnerability to potential stress in humans. Neuroscience and Bio- behavioral Reviews 35: 1603-1610

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    9. Robazza C, Bortoli L (2007). Perceived impact of anger and anxiety on sporting performance in rugby players. Psychology of Sport and Exercise 8: 875-896

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    10. Hanton S, Mellalieu SD, Hall R (2004). Self-confidence and anxiety interpretation: A qualitative investigation. Psychology of Sport and Exercise 5: 477-495

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    11. Björkstrand S, Jern P (2013). Evaluation of an imagery intervention to improve penalty taking ability in soccer: A study of two junior girls teams. Nordic Psychology 65: 290-305

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