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Eile mit Weile nach Verletzungen

Mehr Trainingseinheiten vor der Rückkehr zum Wettkampf reduzieren die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Verletzung

Medizin & Athletik
© 2019 Philipp Reinhard
    • Jede zusätzliche Trainingseinheit vor dem ersten Spiel kann das Risiko von Verletzungen um sieben Prozent reduzieren.
    • Die Wahrscheinlichkeit einer Muskelverletzung ist bei weniger als vier Trainingseinheiten vor der Rückkehr in den Wettkampf dreifach erhöht.
    • Bei über sechs Trainingseinheiten vor dem ersten Spiel nimmt der positive Effekt nur noch wenig zu.
Abstract

Die Verletzungsrate im ersten Spiel nach überstandener Verletzungspause ist fast doppelt so hoch wie die durchschnittliche Verletzungsrate bei Saisonspielen. Muskelverletzungen machen dabei einen besonders hohen Anteil aus. Beim „Return to Play“ kann etwas Geduld hilfreich sein. Laut Studie führt jede zusätzliche Trainingseinheit vor der Rückkehr zum Wettkampf zu einer Reduzierung des Verletzungsrisikos beim Wiedereinstieg ins Spiel.

Kaum zurück im Spiel, schon wieder verletzt

Manchmal scheint es das Schicksal nicht gut zu meinen mit dem Fußballer. Schon im ersten Spiel nach seiner Rückkehr verletzt er sich erneut und fällt wieder für eine längere Zeit aus. Statt das Schicksal zu verfluchen, scheint es aber eine plausible Maßnahme zu geben, eine so schnelle Wiederverletzung zu verhindern. Eine aktuelle Studie [1] kommt zu dem Schluss, dass mehr Trainingseinheiten vor der Rückkehr zum normalen Spielbetrieb die Wahrscheinlichkeit einer Wiederverletzung verringern können.

Håkan Bengtsson und Kollegen stellten fest, dass jede zusätzliche Trainingseinheit nach dem Wiedereinstieg ins Training das Risiko für eine Verletzung im ersten Spiel nach der Rückkehr um sieben Prozent reduzieren kann. Wenn die Spieler vor ihrem ersten Spiel jedoch weniger als vier Trainingseinheiten absolvieren, ist das Risiko für Muskelverletzungen im Vergleich zum generellen Risiko für Muskelverletzungen sogar dreimal höher (s. ABB. 01). Erst wenn sechs Trainingseinheiten erreicht sind, nimmt der positive Effekt des Trainings nur noch geringfügig zu. Dieser Effekt ist zwar nur für Muskelverletzungen bestätigt und (noch) nicht für andere Arten von Verletzungen nachgewiesen, dennoch scheinen mindestens sechs Trainingseinheiten zu helfen, einen neuerlichen Ausfall von Spielern zu reduzieren.

Die Grafik zeigt das prozentuale Muskelverletzungsrisiko nach dem Wiedereinstieg ins Training pro absolvierter Trainingseinheit.
Wiederverletzung im ersten Spiel nach Rückkehr häufig

Für die Studie verglichen die Autoren Daten von über 300.000 Spielen von Profivereinen aus den europäischen Ligen aus insgesamt 16 Saisons. Dabei zeigte sich, dass die Wahrscheinlichkeit, in den ersten Spielen nach einer Verletzung erneut auszufallen, stark erhöht ist. Im ersten Spiel nach überstandener Verletzungspause liegt demnach die Wahrscheinlichkeit einer Verletzung um 87 Prozent höher als die durchschnittliche Verletzungsrate in einer Saison (46,9 Verletzungen pro 1.000 Spielstunden vs. 25,0 Verletzungen pro 1.000 Spielstunden).

Plötzliche Belastung beim ersten Spiel

Gründe hierfür sehen die Autoren in einem plötzlichen Anstieg der Belastung. Bereits in früheren Studien hat sich gezeigt, dass eine Verletzung wahrscheinlicher wird, wenn die Belastung auf den Körper von einer Woche auf die nächste schlagartig wechselt („acute / chronic workload ratio“). Während einer Verletzungspause nimmt die Fitness der Spieler meist zwangsläufig ab. Wird der Körper nun plötzlich wieder im Spiel einer hohen Belastung ausgesetzt, könnte dies zu den Verletzungen führen. Um den Unterschied in der körperlichen Belastung zu verringern und das Risiko einer erneuten Verletzung zu senken, schlagen die Autoren unter Umständen eine anstrengendere Reha vor. Auch eine Erhöhung der Anzahl der Trainingseinheiten vor der Rückkehr zum Wettkampf würde helfen, ein mögliches Missverhältnis zwischen Trainings- und Spielbelastung auszugleichen.  

Die Inhalte basieren auf der Studie "Few training sessions between return to play and first match appearance are associated with an increased propensity for injury: A prospective cohort study of male professional football players during 16 consecutive seasons", die 2019 im British Journal of Sports Medicine veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Bengtsson, H., Ekstrand, J., Waldén, M., & Hägglund, M. (2019). Few training sessions between return to play and first match appearance are associated with an increased propensity for injury: a prospective cohort study of male professional football players during 16 consecutive seasons. British journal of sports medicine, bjsports-2019.
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