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Eistonne: (K)ein Sprung ins kalte Wasser

Jugendliche SportlerInnen sollten sorgsam abwägen, bevor sie nach Training oder Wettkampf in die sogenannten Eistonnen steigen

Medizin & Athletik
Es sind zwei Nachswuchsfußballspieler zu sehen, die ihre Beine in einer großen grünen Tonne mit kaltem Wasser abkühlen.
    • Kaltes Wasser hilft jugendlichen SportlerInnen nicht oder nur sehr wenig zu regenerieren.
    • Langfristige Folgen der regelmäßigen Anwendung von Eisbädern sind nicht bekannt.
    • Jugendliche SportlerInnen sollten nicht regelmäßig und nur während Wettkampfphasen zur Regeneration in Eistonnen steigen.

Abstract

Eine Übersichtsstudie aus dem Jahre 2015 zeigt, dass kaltes Wasser nach dem Training jugendlichen Sportlerinnen und Sportlern nicht oder nur sehr wenig hilft zu regenerieren. Die sogenannten Eistonnen können zwar leicht subjektiv wahrgenommene Faktoren beeinflussen, objektiv verändern sie jedoch weder Muskelkraft noch Ausdauer nach dem Training. Da wenig zu den langfristigen Folgen von Kälteanwendungen bei Jugendlichen bekannt ist, sollten die Anwendungen nicht oder nur in sehr begrenztem Umfang angeboten werden. 

Ab in die Eistonne

Spätestens seit der Männer-Weltmeisterschaft 2014 ist sie auch in der breiten Bevölkerung ein Begriff: die Eistonne. Der von den Fragen eines Reporters sichtlich irritierte Per Mertesacker kündigte damals an, sich von dem anstrengenden Spiel gegen Algerien im Achtelfinale drei Tage in ebenso einer Eistonne erholen zu wollen.

Eistonnen sind dabei genau das, nämlich Tonnen oder Wannen gefüllt mit kaltem Wasser. Teilweise werden dabei nur einzelne Gliedmaßen, teilweise der ganze Körper im Wasser untergetaucht. Auch was die genaue Temperatur des Bades (meist unter 15°C) oder die Dauer der Behandlung angeht, gibt es bis heute keine einheitlichen Standards.

Inspiriert von den erwachsenen Athletinnen und Athleten nutzen auch immer mehr jugendliche Sportlerinnen und Sportler die Methode des Abkühlens nach dem Training oder einem Wettkampf. Sie erhoffen sich, damit Muskelschmerzen vorzubeugen und ihre Muskulatur funktionsfähig halten zu können. Dies jedoch weitgehend ohne zu wissen, ob die Kaltwassertherapie überhaupt den gewünschten Effekt erzielen kann. 

Studie zweifelt Wirksamkeit für Jugendliche an

Eine Übersichtsstudie aus dem Jahr 2015 von Andrew Murray und Marco Cardinale von der Aspire Academy in Doha, Katar [1] hat untersucht, wie Bäder in den Eistonnen auf die Muskeln von jugendlichen Sportlerinnen und Sportler wirken. Sie kommen dabei zu dem Schluss, dass die Kaltwassertherapie nicht oder nur sehr wenig helfen kann, jugendliche Sportlerinnen und Sportler zu regenerieren. Als jugendlich gelten hier alle zwischen 10 und 19 Jahren. 

Ähnlich wie bei Studien zu verschiedenen Kälteanwendungen bei Erwachsenen veränderten sich nur subjektive Werte und diese nur leicht. So verringerte sich der empfundene Schmerz nach dem Training bei Jugendlichen, die ein Eisbad nahmen, leicht. Objektiv messbare Werte, wie die Muskelkraft oder die Ausdauerleistungsfähigkeit, wurden nicht nennenswert durch das kalte Wasser beeinflusst.  

Ungeklärt ist laut den Autoren, was für negative Auswirkungen die langfristige Anwendung von Eistonnen haben könne. Negative Folgen wurden in den meisten Untersuchungen gar nicht erfasst. So wäre es möglich, dass die positiven Effekte, die intensives Training auf Kraft und Ausdauer haben könnte, durch die Kältebehandlung gemindert werden. Auch weisen die Autoren auf die geringe Anzahl der Studien hin, die überhaupt die jeweiligen Effekte untersuchen.

Malte Krüger vom Deutsche Forschungszentrum für Leistungssport forscht ebenfalls zu Kältetherapien, speziell im Fußball und kennt die Probleme bei derartigen Untersuchungen: „Studien mit Jugendlichen durchzuführen ist generell schwierig. Das Leistungsniveau bei Testverfahren, die zur Überprüfung der Regeneration eingesetzt werden, schwankt bei Jugendlichen deutlich stärker als bei erwachsenen Sportlern. Somit sind die Effekte der regenerativen Maßnahme häufig nur schwer zu bestimmen.“

Jugendliche Körper unterscheiden sich von erwachsenen Körpern

Es ist bekannt, dass die Muskeln von jugendlichen Sportlern anders auf intensive Belastung reagieren als die von Erwachsenen. So erholen sich Jugendliche deutlich schneller von einem intensiven Training. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass sich der Muskel ähnlich schnell an die zusätzliche Belastung anpasst, während er weniger geschädigt wird. Ursache könnte eine unterschiedliche Zusammensetzung der verschiedenen Muskelfasern sein.

Nicht nur was die Muskeln angehen, unterscheiden sich die Körper von Jugendlichen von denen von Erwachsenen. Techniken für die Regeneration eins zu eins von Erwachsenen auf Jugendliche zu übertragen kann also nicht nur ineffektiv, sondern schlimmstenfalls auch schädlich sein. 

Wie Eistonnen bei der Regeneration helfen sollen

Bei Kälteanwendungen möchte man zum einen die Reaktion von Blutgefäßen auf Kälte und Wärme ausnutzen. Während sie sich in der Kälte des Wassers verengen, weiten sie sich beim anschließenden Übergang in die Wärme. Durch diese weiten Blutgefäße sollen Stoffwechselprodukte, die bei der Anstrengung entstehen und Muskelschmerzen verursachen, schneller vom Muskel weg transportiert werden können. Zum anderen soll der Druck, den das Wasser der Eistonne auf das Gewebe ausübt, ähnlich wie eine Kompression wirken.

Kompressionen verbessern zum Beispiel den Rückstrom von Blut aus Armen und Beinen zum Herzen. Des Weiteren soll das Kühlen verhindern, dass in den Muskeln Entzündungen entstehen. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch, dass entsprechende Stoffwechselprodukte im Blut kaum durch Kälteanwendungen reduziert werden [2].

Jugendliche sollten Eistonnen nur eingeschränkt nutzen

Krüger empfiehlt, jugendlichen Fußballspielerinnen und -spielern möglichst viele verschiedene Methoden zur Regeneration vorzustellen und ausprobieren zu lassen. Dennoch sei Zurückhaltung geboten: „Insgesamt sollten bei jungen Spielerinnen und Spielern eher technisch-taktische und konditionelle Trainingsinhalte im Vordergrund stehen, als regenerative Maßnahmen wie z. B. Kältetherapien.“

Auch Murray und Cardinale kommen in ihrer Studie zu dem Schluss, dass Eistonnen bei Jugendlichen nur nach strengen Abwägungen zum Einsatz kommen sollten. Der mögliche Nutzen sollte dabei immer den möglichen negativen Wirkungen gegenübergestellt werden. Ähnlich wie Krüger, empfehlen die Autoren der Übersichtsstudie, die Kälteanwendungen in Eistonnen nur in Turniersituationen, nicht aber während längerer Trainingsphasen anzuwenden.

Jugendliche Sportlerinnen und Sportler, Trainerinnen und Trainer sowie Eltern sollten zudem verstehen, dass eine intensive körperliche Betätigung auch Schmerzen und Unwohlsein verursachen kann. Danach führe sie aber dazu, dass der Körper sich anpasse. Im Falle der Muskulatur resultiere dies schlussendlich in stärkeren und besser funktionierenden Muskeln. Dabei zitieren Murray und Cardinale auch Ovid: “Perfer et obdura, dolor hic tibi proderit olim” (“Erdulde und harre aus, dieser Schmerz wird dir einst nützen”).

Der Erfolg gab Per Mertesacker 2014 übrigens Recht, als er mit seiner Mannschaft zum Weltmeister wurde. Wie viel Anteil daran sein Aufenthalt in der Eistonne hatte, ist aber ungeklärt.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Cold applications for recovery in adolescent athletes: a systematic review and meta analysis.", die 2015 im "Extreme Physiology & Medicine" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Murray, A., & Cardinale, M. (2015). Cold applications for recovery in adolescent athletes: a systematic review and meta analysis. Extreme physiology & medicine, 4(1), 17.

    Studie lesen
    1. Murray, A., & Cardinale, M. (2015). Cold applications for recovery in adolescent athletes: a systematic review and meta analysis. Extreme physiology & medicine, 4(1), 17.

    2. Bleakley, C. M., Bieuzen, F., Davison, G. W., & Costello, J. T. (2014). Whole-body cryotherapy: empirical evidence and theoretical perspectives. Open access journal of sports medicine, 5, 25.