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Elite-Fußball-Schiedsrichter*innen im Fokus: Leistungsphysiologie und Ernährung

Die/der Unparteiische is(s)t anders.

Schiedsrichter Deniz Aytekin nimmt während einer Unterbrechung im Spiel TSG 1899 Hoffenheim und Bayer Leverkusen Flüssigkeit zu sich.
    • Empfehlungen zur Ernährung im Sport müssen vor allem das leistungsphysiologische Profil einer Population berücksichtigen 
    • Elite-Schiedsrichter*innen unterscheiden sich in Punkten, wie Alter, Physis, Leistungsfähigkeit und Performance am Spielfeld, von Profifußballer*innen
    • Wünschenswert ist ein gezieltes Engagement der Verbände zur Information über die Wichtigkeit und die Grundregeln einer ausgewogenen Ernährung für Schiedsrichter*innen
Abstract

Obwohl das Leistungsprofil der Schiedsrichter*innen wiederholt Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen war, wurden die Ernährungsempfehlungen, ungeachtet der offensichtlichen Unterschiede bezüglich Alter, Profistatus, Körperzusammensetzung, Trainingslast und physischer Leistungsfähigkeit, lange Zeit unkritisch von den aktiven Fußballspieler*innen übernommen. Tatsächlich sind der tägliche Kalorienbedarf und der Anteil von Kohlenhydraten in der Ernährung im Vergleich für Schiedsrichter*innen signifikant geringer. Dagegen gelten die allgemeinen Empfehlungen zur Flüssigkeitsaufnahme im Sport auch oder besonders für diese Population, um eine Einschränkung der kognitiven wie physischen Leistungsbereitschaft zu vermeiden. Von entscheidender Wichtigkeit ist die Informationsarbeit über die Grundregeln einer adäquaten und ausgewogenen Ernährung bzw. Flüssigkeitsaufnahme, im Idealfall in Form einer professionellen Beratung, unter Berücksichtigung der körperlichen und leistungsphysiologischen Merkmale von Elite-Schiedsrichter*innen sowie individueller Besonderheiten und Bedürfnisse gleichermaßen.

Alter und Anthropometrie von Schiedsrichter*innen im Profifußball

Das Alter und die Körperzusammensetzung (Fettanteil am Körpergewicht, fettfreie Masse) sind gemeinsam mit dem Belastungsprofil im Training und am Feld (Dauer und Intensität) entscheidend für die Errechnung des kalorischen Grundumsatzes und des Energieverbrauchs durch körperliche Belastung und Sport. Im Rahmen der FIFA-Auswahl für Schiedsrichter*innen 2012/13 wurden anthropometrischen Daten gesammelt und analysiert. Während die männlichen Feldschieds- und Linienrichter im Schnitt 37-38 Jahre alt waren, betrug das Durchschnittsalter der FIFA-Feldschiedsrichterinnen knapp 34 Jahre. Die FIFA sieht ein Mindestalter von 25 bzw. 23 Jahren für Schiedsrichter*innen am Feld, bzw. deren Assistent*innen vor, während das wiederholt diskutierte Höchstalter bei 45 Jahren liegt. Der dokumentierte Größenunterschied von mehr als 4 cm zwischen Feldschiedsrichtern (181 ± 6 cm) und ihren Kollegen an der Linie (177 ± 8 cm) war schon in früheren Untersuchungen aufgefallen und könnte auf eine Selektion durch die überlegene physische Präsenz und Autorität am Spielfeld hinweisen. Der Body-Mass-Index (BMI) von 23,4 ± 1,7 kg/m² war in dieser Gruppe von FIFA-Feldschiedsrichtern markant niedriger als jener der Kollegen in der Premier League, die 2006 von Reilly et al. [1] untersucht worden waren (27,1 ± 5,3 kg/m²). Auch der mittels Bioimpedanzanalyse ermittelte normale Fettanteil von 20,4 ± 3,6 % bestätigt den über die Jahre beobachteten Trend einer stetig besseren körperlichen Fitness, die wiederum für die Positionierung und damit für die Entscheidungssicherheit während des Spiels mit entscheidend ist. Der Unterschied zu den mit derselben Methode gemessenen Werten von ca. 16 % für Profifußballer in Italien und Österreich ist dennoch markant [2].

Leistungsprofil

Die von den Unparteiischen am Feld zurückgelegte Gesamtstrecke variiert individuell zwischen den Matches in Abhängigkeit von der Liga und der Strategie der Fußballteams deutlich (je nach Quelle zwischen 10 und 13 km), wobei Stehen, Gehen und Laufen mit geringer bis moderater Geschwindigkeit oder rückwärts den größten Part der Spielzeit decken. Trotzdem mag die Sprintfähigkeit für die Stellung der Schiedsrichter*innen am Feld mit entscheidend sein.

Training und Leistungstests

FIFA-Schiedsrichter beschreiben durchschnittlich 7,5 ± 3,1 (männlich) vs. 7,1 ± 3,4 (weiblich) wöchentliche Trainingsstunden während der Saisonvorbereitung, ca. 1 Stunde weniger während der Saison, wobei die Unterstützung durch die nationalen Verbände sehr unterschiedlich ist. Die FIFA hat mit dem FIFA 11+ Referee ein Warm-up-Programm zur Verletzungsprävention lanciert und spezifische Tests und Standards entwickelt, die auch in der Selektion vor den Großereignissen Anwendung finden. Darüber hinaus wurden im leistungsphysiologischen Labor 2012/13 VO2max Werte von 51,9 ± 4,2 vs. 50,3 ± 4,0 und 48,1 ± 4,4 ml/kg/min für männliche Feld- vs. Linienrichter und ihre Kolleginnen ermittelt.

Elite-Schiedsrichter vs. Fußballprofis

Aus den dargestellten Unterschieden bezüglich Alter, Körperzusammensetzung (BMI, Fettanteil, Körperzellmasse), Trainingsgewohnheiten und Leistungsprofil zwischen Elite-Schiedsrichter*innen und Profifußballer*innen resultieren deutliche Unterschiede im kalorischen Grundumsatz und der sog. Energy Availability, also der mit der Nahrung zugeführten Energie, die nach Abzug des Energieverbrauchs durch körperliche Arbeit verfügbar ist. Diese Daten begründen die Notwendigkeit, die Unparteiischen als gesonderte Population zu sehen und entsprechend spezifische Empfehlungen zur Ernährung zu erarbeiten.

Energiebedarf

Der tägliche Kalorienbedarf ergibt sich aus dem Grundumsatz, dem Energieverbrauch durch körperliche Aktivitäten und spezifischen Zielen in Training und Ernährung: z. B. Erhalt bzw. Reduktion des Gewichts oder Aufbau von Muskelmasse. Während im Profifußball ein täglicher Energiebedarf von 3 000-4 000 kcal nicht ungewöhnlich ist, mag jener der männlichen Schiedsrichter an Trainingstagen 2 600 kcal und an Match-Tagen 3 000 kcal kaum übersteigen.

Makronährstoffe

Erfordert das intensive Training der aktiven Fußballer*innen eine tägliche Zufuhr von Kohlenhydraten (CHO) von phasenweise 7-10 g/kg Körpergewicht, so sind für Schiedsrichter*innen durchschnittlich 4-6 g/kg CHO ausreichend, mit einer gesteigerten Zufuhr während intensiver Trainingsphasen, in Vorbereitung auf ein Match oder zur Gewährleistung der Erholung nach einem Einsatz. In der Regel kann dagegen der tägliche Eiweißbedarf durch eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung gedeckt werden. Fette schließlich sind über ihre Bedeutung als Energielieferant hinaus eine wichtige Quelle von Mikronährstoffen, fettlöslichen Vitaminen und essenziellen Fettsäuren.

Mikronährstoffe

Eine ausgewogene Ernährung sollte grundsätzlich auch alle nötigen Mikronährstoffe enthalten. Dennoch können im individuellen Fall eine Resorptionsstörung, der phasenweise erhöhte Bedarf oder besondere Ernährungsgewohnheiten zum Mangelzustand führen, der frühzeitig erkannt und durch Ergänzung von Mikronährstoffen ausgeglichen werden sollte. Im Zuge der FIFA Selection wurde bei fast 50 % der Schiedsrichterinnen ein Eisenmangel (Ferritin < 25 mcg/l) und bei 66 % ein Vitamin-D-Mangel dokumentiert, die neben den negativen Auswirkungen auf die Gesundheit auch die körperliche Leistungsfähigkeit einschränken können.

Flüssigkeitszufuhr und -haushalt

Während Feldspieler*innen kurze Spielunterbrechungen auch als Trinkpause an der Seitenlinie nutzen können, ist die Flüssigkeitszufuhr für die Unparteiischen auf die Halbzeitpause beschränkt. Bei einer negativen Flüssigkeitsbilanz mit Verlust von ≥ 2 % des Körpergewichts leiden nachweislich nicht nur die körperlichen, sondern auch die kognitiven Fähigkeiten, sodass der Flüssigkeitsaufnahme vor und nach dem Match sowie in der Halbzeitpause besondere Bedeutung zukommt.

Leistungssteigernde Substanzen und Nahrungsergänzungsmittel

Da es für Schiedsrichter*innen weder Rekorde noch Titel gibt, sondern die Konstanz und Souveränität der Leistung zählt, mögen Nahrungsmittel zur Unterstützung der Leistung keine besondere Rolle spielen. Koffein könnte jedoch unter Berücksichtigung der nachgewiesenen Wirkung zur Verzögerung aufkommender körperlicher und geistiger Ermüdung hilfreich sein.

    • Der Energiebedarf von Elite-Fußballschiedsrichter*innen im Vergleich zu Spitzenfußballer*innen ist unter Berücksichtigung der Unterschiede in der Körperzusammensetzung und den Trainingsgewohnheiten signifikant geringer. Die Kalorienzufuhr sollte an die individuelle Trainingsbelastung angepasst werden und nur an Spieltagen und während Phasen intensiver Belastung im Hauptberuf gesteigert werden.
    • Das intermittierende Aktivitätsprofil von Fußballschiedsrichter*innen beansprucht sowohl die aerobe Kapazität als auch die anaerobe Leistung. Die Ernährung sollte je nach Ruhe-, Trainings- und Spieltagen 4-6 g/kg Körpergewicht CHO liefern, um ein konstantes Leistungsniveau in körperlicher und geistiger Hinsicht und eine schnelle Erholung zwischen den Trainingstagen und nach einem Spiel zu unterstützen.
    • Der Proteinbedarf von Fußballschiedsrichter*innen unterscheidet sich nicht von dem anderer Sportler*innen und wird im Allgemeinen durch eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung gedeckt.
    • Eine ausgeglichene Flüssigkeitsbilanz zu erhalten, stellt während des Einsatzes der Unparteiischen eine besondere Herausforderung dar, da die Flüssigkeitszufuhr hauptsächlich auf die Halbzeitpause beschränkt ist. Eine Verringerung der Körpermasse um mehr als 2 % sollte wegen der potenziell negativen Auswirkungen auf die körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit und des erhöhten Verletzungsrisikos vermieden werden. Daher sollte die Einnahme von Kohlenhydrat-Elektrolytlösungen vor dem Spiel (6-8 ml/kg Körpergewicht während der 2 Stunden vor Spielbeginn), während der Pause (in Höhe von 0,5 % des Körpergewichts) und nach dem Spiel (450-675 ml pro 0,5 kg verlorenen Körpergewichts) geplant werden. 
    • Die Schiedsrichter*innen sollen während Reisen auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten, sich vorab über die Ernährungsgewohnheiten und eine mögliche Unterversorgung mit Mikronährstoffen im Zielland informieren und die grundlegenden Hygieneregeln einhalten, um Infektionen durch kontaminierte Lebensmittel zu vermeiden.
    • Schiedsrichterinnen wird geraten, die hohe Prävalenz von Eisenmangel zu beachten, der mit einem Rückgang der körperlichen Leistungsfähigkeit einhergeht. Zu den Ernährungsstrategien zur Vorbeugung von Eisenmangel gehören der Verzehr von Fleisch und Fisch sowie die Nahrungsergänzung durch Eisenpräparate.
    • Vitamin-D-Mangel ist ein häufiges Phänomen. In Anbetracht der sich abzeichnenden Erkenntnisse über seine Bedeutung für den Bewegungsapparat und die Gesundheit wird eine Nahrungsergänzung im Falle eines Mangels auch für Schiedsrichter*innen empfohlen.
    • Es wurde gezeigt, dass die Zufuhr von 200 mg Koffein die körperliche und kognitive Ermüdung verzögern kann, was auch für Schiedsrichter*innen in besonderen Situationen (etwa Jetlag oder Verlängerung eines Matches) hilfreich sein kann. 
    • Fußballschiedsrichter*innen sollten bei der Umsetzung dieser Empfehlungen von einem*r Sporternährungsberater*in unterstützt werden, um eine individuelle Anpassung zu gewährleisten.
Ausblick

Die Umsetzung der Empfehlungen für eine ausgewogene und adäquate Ernährung erfordert ein generelles Coaching zur Sporternährung sowie die professionelle Beratung zu individuellen Situationen und besonderen Bedürfnissen.

Die Inhalte basieren auf dem Originalartikel „Exercise physiology and nutritional perspectives of elite soccer refereeing. ", die 2018 im „Scandinavian Journal of Medicine and Science in Sports" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Schenk, K., Bizzini, M., & Gatterer, H. (2018). Exercise physiology and nutritional perspectives of elite soccer refereeing. Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports, 28(3), 782-793.
    Studie lesen
    1. Reilly, T., & Gregson, W. (2006). Special populations: the referee and assistant referee. Journal of Sports Sciences, 24(7), 795-801.

    2. Micheli, M. L., Pagani, L., Marella, M., Gulisano, M., Piccoli, A., Angelini, F., Burtscher, M., & Gatterer, H. (2014). Bioimpedance and impedance vector patterns as predictors of league level in male soccer players. International Journal of Sports Physiology and Performance, 9(3), 532-539.