Wissen

Elterncoaching: Training für die Eltern

Wie Eltern sich vor, während und nach dem Spiel verhalten können, um ihre Kinder zu unterstützen

Psychologie
Joshua Kimmich redet nach einem Spiel der UEFA Europa Meisterschaft 2016 in Frankreich mit seinem Vater, welcher sich zwischen Fans in der ersten Reihe der Tribüne aufhält. © 2016 Getty Images
    • Eltern sollten frühzeitig über Beratungsangebote ins Ausbildungssystem eines Fußballvereins integriert werden.  
    • Unangemessenes Elternverhalten auf und neben dem Platz kann zu Leistungseinbrüchen und Motivationsverlust der Nachwuchsspieler führen.  
    • Beratungsangebote helfen dabei, das Verhältnis zwischen Spielern, Trainern und Eltern positiv zu gestalten und Missverständnisse zu vermeiden.  
    • In regelmäßigen Veranstaltungen sollten Eltern und Sportpsychologen über die altersspezifischen Bedürfnisse der Nachwuchsspieler sprechen und gemeinsam Handlungsziele formulieren.
    • Eltern können in den Beratungen wichtige kommunikative und soziopsychologische Kompetenzen erlangen. 
Abstract

Die Rolle, die Eltern im Nachwuchsfußball spielen, ist nicht zu unterschätzen. Wenn Eltern frühzeitig und als Partner auf Augenhöhe in das Ausbildungssystem eingebunden werden, profitieren alle Beteiligten, vor allem die jungen Spieler1. Beratungen für Eltern sind eine geeignete Maßnahme, um Eltern über die psychischen Bedürfnisse und altersspezifische Entwicklungsschritte ihrer Kinder zu informieren und ihnen Hinweise zu geben, wie sie sie bestmöglich in ihrer Entwicklung unterstützen können. Auf Basis wissenschaftlicher Studien und eigener praktischer Erfahrung als Sportpsychologin gibt Denise Beckmann verschiedene Anregungen für das Verhalten von Eltern auf und neben dem Platz.

Eltern früh mit einbinden

Im System Nachwuchsfußball nehmen Eltern eine bedeutsame Rolle ein. Die Unterstützung und das Verhalten der Eltern entscheiden mit darüber, wie sich die Persönlichkeit und die fußballerische Leistung des Kindes bzw. des Jugendlichen entwickeln. So beeinflussen Eltern beispielsweise die Denkweise und das Selbstbewusstsein ihres Kinds, sowie die Fähigkeit mit Fehlern umzugehen. 
Ist das Verhältnis zwischen Eltern und Jugendlichem oder Eltern und Trainerteam gestört oder verhalten sich Eltern am Spielfeldrand in unangemessener Weise (vgl. Aktion „Fair bleiben, liebe Eltern“), so leidet häufig auch die Leistungsfähigkeit und die Motivation des jungen Fußballspielers. Derartige Störungen entstehen oft aus mangelndem Wissen der Eltern heraus, wie sie ihre Kinder bestmöglich unterstützen können. 

Die Sportpsychologin Denise Beckmann empfiehlt darum, die Eltern von Nachwuchsfußballern möglichst früh in das Ausbildungssystem einzubinden und ihnen über Beratungen notwendiges Wissen über die seelischen Bedürfnisse und altersspezifische Entwicklungsschritte ihrer Kinder, aber auch über die Konzepte und Strategien des Ausbildungszentrums bereitzustellen. 

Erste Schritte für eine Elternberatung

Grundvoraussetzung für eine Elternberatung ist zunächst einmal natürlich die elterliche Bereitschaft, sich durch einen Sportpsychologen beraten zu lassen und das eigene Verhalten kritisch zu beleuchten. Ein erster Schritt könnte sein, den Eltern in Gesprächen eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie geeignete elterliche Unterstützung im Nachwuchsfußball aussehen kann. Dabei sollten die Eltern auch über die allgemeine Philosophie und das Entwicklungskonzept des Nachwuchsleistungszentrums bzw. des Vereins informiert werden. Wenn es gelingt, die Eltern als respektierte Partner und als wichtigen Bestandteil ins Gesamtausbildungssystem zu integrieren, können gemeinsam Verhaltensziele formuliert werden, die die Eltern mitzutragen gerne bereit sind.  

Auf der Basis wissenschaftlicher Studien und der eigenen praktischen Erfahrung als Sportpsychologin am Nachwuchsleistungszentrum eines deutschen Profivereins unterscheidet Denise Beckmann verschiedene Aspekte des Elterncoachings.

Das sportpsychologische Verständnis erweitern

Eltern, die erfahren, dass Sportpsychologen im Nachwuchszentrum mit ihrem Kind zusammenarbeiten, reagieren teilweise zunächst misstrauisch. Dies sollte nicht als generelle Ablehnung psychologischer Arbeit verstanden werden, sondern beruht in den meisten Fällen auf mangelndem Vorwissen. Darum ist es wichtig, Vertrauen und Kooperationsbereitschaft der Eltern über Transparenz und Information zu gewinnen. In gemeinschaftlichen Besprechungen (z. B. Workshops), persönlichen Gesprächen oder durch Erklärfilme zur sportpsychologischen Arbeit (z. B. auf der Akademie-Webseite) können Eltern informiert werden. Die Erfahrung zeige, so Beckmann, dass Eltern, die über wichtige Etappen der Entwicklungspsychologie von Kindern und Jugendlichen „aufgeklärt“ wurden, die sportpsychologische Mit-Arbeit besser verstehen.

Beim Training: Klare Regeln statt Ausgrenzung

Nachwuchsspieler, die nicht dauerhaft in einer Unterkunft des Leistungszentrums leben, werden normalerweise von ihren Eltern zum Trainingsgelände gefahren. Einige Vereine haben um das Spielfeld Linien gezogen, die Eltern nicht übertreten sollen. Ausgrenzung ist an dieser Stelle aber das falsche Signal. Stattdessen sollten Eltern als ein wichtiges Element des Gesamtsystems angesehen werden, das die Nachwuchsspieler unterstützt. Für jedes Subsystem - also auch für die Eltern – sind allerdings klare Regeln hilfreich. 

Den Eltern sollte verständlich gemacht werden, dass sie ihrem Kind schaden, wenn sie in den laufenden Trainingsbetrieb verbal eingreifen oder den Trainer kritisieren. Durch einen solchen Eingriff können junge Spieler in einen Loyalitätskonflikt geraten: Sie wollen dann weder den Trainer oder das Team noch die eigenen Eltern enttäuschen. Der entstandene Stress wiegt für manchen Spieler so schwer, dass dies vom Motivationsverlust über Gesundheitsprobleme bis hin zum Drop-Out verschiedene negative Reaktionen zur Folge haben kann. Ein konstruktiverer Ansatz bestünde darin, sich mit den Eltern im Vorfeld auf bestimmte Ziele und Abmachungen zu einigen, wie zum Beispiel:

  • Keine verbalen Eingriffe,
  • Keine Kommentare, die die Trainingspraxis, Taktik oder Technik betreffen,
  • Keine Kritik am Trainer in der Öffentlichkeit oder vor den Spielern. Wenn es erforderlich erscheint, können Eltern das Einzelgespräch mit dem Trainer suchen.
Vor dem Spiel: Bestärkung statt Anweisung

Unmittelbar vor dem Wettspiel sollte es dem Trainer vorbehalten sein, Anweisungen zu geben. Manche Eltern möchten ihrem Kind vor dem Spiel möglicherweise dennoch eine Botschaft ans Herz legen. Einer Befragung zufolge möchten Nachwuchsspieler von ihren Eltern keine Ratschläge zu Technik, Taktik oder ähnlichem hören, das der Trainerrolle widersprechen könnte [1]. Dies könnte unter Umständen zu den oben beschriebenen negativen Reaktionen führen. Gut gemeinte Hinweise der Eltern sollten keinen zusätzlichen Druck aufbauen. Nachwuchsspieler würden von ihren Eltern bestenfalls bestärkende Worte hören, die ihr Selbstbewusstsein aufbauen. Psychologen empfehlen Eltern häufig, die Vorstellungskraft ihrer Kinder anzusprechen und sie mit positiven „inneren“ Bildern zu motivieren.

Während des Spiels: Anfeuern ja – Steuern nein!

Es kommt vor, dass Eltern am Spielfeldrand mit unangemessenem Verhalten auffallen. Manche Eltern sind aggressiv und beleidigen Gegenspieler, Trainer, Schiedsrichter oder das eigene Kind. Andere geben dem Kind verbal oder gestisch zu verstehen, dass eine nicht erfolgreiche Aktion oder eine Niederlage einem Fehlverhalten gleichkommt [2]. Derartiges Benehmen kann negative Folgen für das Wohlbefinden und die Leistungsbereitschaft der Nachwuchsspieler haben. Wie Eltern ihr Kind und dessen Team während des Spiels bestmöglich unterstützen können, sollte daher unbedingt Teil der Elternberatung sein. Wie beim Training und der Zeit vor dem Spiel gilt auch hier: Positive Botschaften sind erwünscht und Anfeuern ist erlaubt, wenn es die Leistung und die Motivation der Spieler positiv beeinflusst. Außerdem ist es ratsam, dass Eltern die Aufmerksamkeit allein auf die Kinder und nicht auf andere Eltern, Trainer, Schiedsrichter oder das Gewinnen an sich richten.

Verhalten nach dem Spiel schon vor der Saison klären

Gerade nach Niederlagen können Konflikte zwischen Eltern und ihren Kindern aufflammen. Derartige Konflikte beruhen meist auf unterschiedlichen (nicht kommunizierten) Bedürfnissen und Erwartungen zwischen Eltern und Kindern. Wenn beispielsweise die Mutter ihr Kind nach einem verlorenen Spiel trösten will, indem sie verschiedene Spielsituationen analysiert, das Kind vor einer Spielanalyse aber zunächst einmal die negativen Emotionen für sich verarbeiten möchte, führt ein Missverständnis zum Konflikt. Sportpsychologen raten daher, schon vor der Saison vorbereitende Maßnahmen zu treffen, um solche Missverständnisse zu vermeiden. Die jungen Spieler könnten zum Beispiel schon vor der Saison äußern, welche Art des unterstützenden Verhaltens sie sich speziell von den eigenen Eltern wünschen würden. Ein genereller Rat aus der Forschung lautet, darauf zu achten, dass die Freude am Spiel und die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten im Vordergrund stehen, nicht das Spielergebnis [2]. 

Stetiger Austausch und Informationsfluss

Um die Eltern von Anfang an in das Fördersystem der Nachwuchsspieler einzubinden, empfiehlt es sich, schon vor Saisonstart erste Veranstaltungen in der elterlichen Beratung anzubieten. Während der Saison sollten dann in regelmäßigen Abständen weitere Workshops stattfinden. Dort können die anfangs vereinbarten Maßnahmen evaluiert und gegebenenfalls angepasst werden. Mit einem Eltern-Newsletter oder über einen speziell für Eltern eingerichteten Webseitenbereich sollte der Ausbildungsverein zusätzliche Informationen bereitstellen, um Transparenz und Bindung zu schaffen. Idealerweise kann der Verein – so finanzielle Mittel und entsprechendes Personal vorhanden sind – den Eltern über die diversen gemeinschaftlichen Angebote hinaus eine individuelle Beratung anbieten.

Die Inhalte basieren auf dem Buchbeitrag "Parental coaching in football", der 2019 in „Football Psychology - From Theory to Practice" veröffentlicht wurde. 


1 Anmerkung zum Sprachgebrauch: Im Folgenden wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit in der Regel nur noch die männliche Form verwendet. Es sind damit alle Personen unabhängig von ihrem Geschlecht gemeint. 

Literatur

  1. Beckmann-Waldenmayer, D. (2019). Parental coaching in football. In E. Konter, J. Beckmann & T. M. Loughead (Hrsg.), Football Psychology - From Theory to Practice (S. 269-282).
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    1. Knight, C. J., Boden, C. M., & Holt, N. L. (2010). Junior tennis players’ preferences for parental behaviors. Journal of applied sport psychology, 22(4), 377-391.

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    2. Meân, L. J., & Kassing, J. W. (2008). Identities at youth sporting events: A critical discourse analysis. International journal of sport communication, 1(1), 42-66.

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