Wissen

Gegner erfolgreich überspielen

Einflussfaktoren auf Passentscheidungen in Bezug zur Anzahl der überspielten Gegner

Bewegungsanalyse & Biomechanik
Technologie & Equipment
Der deutsche Nationalspieler Toni Kroos überspielt zwei niederländische Gegenspieler.
    • Die Passquote kennzeichnet Aussagen über den Spielerfolg nur unzureichend, weil darin alle Pässe als gleich effektiv angenommen werden.  
    • Die Anzahl der mit einem Pass überspielten Gegner („Packing“) ist eine Metrik zur genaueren, qualitativen Bewertung gespielter Pässe.
    • Gewählte Passoptionen hängen von der Passdistanz, der Offenheit des Passwegs, der Anzahl der potenziell zu überspielenden Gegner, dem Pressing auf den potenziellen Passempfänger und der Laufgeschwindigkeit des Passempfängers ab.  
    • Pässe mit mehr überspielten Gegnern weisen ein aktiveres Verhalten des Passempfängers auf.  
    • Pässe mit einer hohen Anzahl überspielter Gegner sind riskanter als Pässe, die weniger Gegner überspielen.

Abstract

Mit Beginn der statistischen Erfassung von Ereignissen in Fußballspielen, wurden sowohl Mannschaften, als auch einzelne Spieler anhand ihrer prozentual erfolgreichen Pässe bewertet. Experten finden diesen Wert zu ungenau, weil er alle Pässe als gleich effektiv annimmt. Bei der UEFA-Europameisterschaft 2016 wurde eine neue Bewertungsmetrik in die Spielanalyse eingeführt, die die Anzahl der mit einem Pass überspielten Gegner misst. Das sogenannte „Packing“ führt zu einer genaueren qualitativen Bewertung gespielter Pässe. Wie aber entscheidet sich ein Passgeber in einer bestimmten Spielsituation für eine von verschiedenen möglichen Passoptionen mit mehr oder weniger zu überspielenden Gegnern? Wie kann der Passempfänger zum Gelingen der Aktion beitragen? Nachdem der „Packing-Hype“ etwas abgeklungen schien, analysierten Sportwissenschaftler Trackingdaten aus Schweizer U 18-Meisterschaftsspielen. Sie wollten herausfinden, welche Faktoren die Passentscheidung in Bezug auf die Anzahl überspielter Gegner beeinflussen. Zudem hat man versucht das Freilaufverhalten des Passempfängers zwischen Pässen mit vielen und wenigen überspielten Gegnern zu vergleichen.

Wie effizient ist ein Pass?

Tracking-Technologien haben in der Spielanalyse im Fußball einen festen Platz. Während der UEFA-Europameisterschaft 2016 führten Fachleute eine neue Auswertungsmethode aufgezeichneter Daten in die Nachbetrachtung eines Fußballspiels in die breitere Öffentlichkeit ein, die auf eine Idee der ehemaligen Fußballprofis Stefan Reinartz und Jens Hegeler zurückgeht (Impect GmbH). Die neue Bewertungsmetrik soll die Qualität von Pässen messbarer machen. Es zeigt – vereinfacht ausgedrückt – wie viele Gegenspieler ein Spieler mit seinem Pass in Richtung gegnerisches Tor überspielt und sich damit die Anzahl der Gegner, die sich zwischen dem ballführenden Spieler und dem gegnerischen Tor befinden, verringert. Im Originaltext wird dies als „number of outplayed opponents (NOO)“ bezeichnet. Die durch den Pass überspielten Gegner können ihr Tor im Moment des Passempfangs nicht mehr verteidigen und sind damit aus dem Spiel genommen. Was Fußballkommentatoren und Experten bis dahin als „Pässe in die Tiefe“ bezeichneten, kann nun mit „Packing“ beschrieben werden. Der Vorteil der Methode: Pässe können nicht nur als angekommen („1“) oder nicht angekommen („0“) klassifiziert, sondern mit Hinblick auf ihren Beitrag zur Torerzielung genauer bewertet werden. Dabei unterscheidet Packing zudem noch zwischen überspielten Gegnern und überspielten Verteidigern. Als Verteidiger zählen für diese Betrachtungsweise die sechs letzten Spieler des Gegners (ausgenommen TW, s. ABB. 1).

Der Ballbesitzer spielt einen vertikalen Pass auf seinen Mitspieler. Er überspielt dabei insgesamt sechs Gegenspieler.

Wann entscheiden sich Passgeber für Pässe mit hohen Packing-Werten, wann für niedrige?

Im Fußball entscheidet das Herausspielen von Torchancen häufig über Sieg oder Niederlage. Studien haben gezeigt, dass erfolgreiche Mannschaften im Spielverlauf mehr Gegner überspielt haben als Mannschaften, die eine Niederlage haben hinnehmen müssen [1]. Die Anzahl der Pässe, mit denen mindestens ein Gegner überspielt wurde, korreliert mit der Anzahl von Tormöglichkeiten [2, 3]. „Die bisherigen Erkenntnisse unterstreichen, dass die Anzahl überspielter Gegenspieler ein Merkmal für die offensive Qualität eines Passes ist“, schreibt Studienautor Silvan Steiner. Ferner herrsche in der Sportwissenschaft die Auffassung vor, dass Pässe mit einer hohen Anzahl überspielter Gegner auf ein cleveres Entscheidungshandeln des ballführenden Spielers hindeuten. Deshalb wurde der Passentscheidung ein Risiko- versus Ertragsmodell zugrunde gelegt, das sowohl den „Wert“ des Passes durch NOO beschreibt, als auch berücksichtigt, wie hoch das Risiko des Passes angesichts der Rahmenbedingungen ist. Wie aber entscheidet sich ein Ballführer in einer gegebenen Spielsituation für eine von verschiedenen möglichen Passoptionen mit mehr oder weniger zu überspielenden Gegnern? Oder anders gesagt: Sind Pässe, die möglichst viele Gegner überspielen, immer die clevere Alternative?

Mit seiner Forschungsgruppe hat der Schweizer Sportwissenschaftler diese Fragen näher untersucht. Erstmals haben die Studienautoren versucht, einen Zusammenhang zwischen der Anzahl überspielter Gegner und den der Aktion zugrundeliegenden Rahmenbedingungen – wie offenstehende Passwege, räumliche Nähe der Mitspieler zum Passgeber und das Pressing auf den möglichen Passempfänger – herzustellen, die zu einer Priorisierung von Passoptionen führen. Ihre These: Wenn es wiederkehrende Muster zwischen bestimmten Spielsituationen und den Entscheidungen der Passgeber, hohe NOO-Pässe zu spielen, gäbe, könnte dieses Wissen dabei helfen, neue taktische Daumenregeln zu entwickeln. Diese Daumenregeln könnten eine bessere Abwägung bei der Entscheidung zwischen einem Pass mit dem Ziel, in Ballbesitz zu bleiben, und einem Pass mit dem Ziel, in Räume vor dem gegnerischen Tor zu gelangen, erlauben.  

Wie tragen Passempfänger zu einem gelungenen Passspiel bei?

Neben der Frage, wie Passgeber sich für eine Passoption entscheiden, haben die Studienautoren auch den Passempfänger in den Blick genommen. Ein Passspiel ist erst dann erfolgreich, wenn der Passempfänger den Ball auch kontrolliert annehmen und verarbeiten kann. Damit lassen sich planlose Aktionen, die zu einem Ballverlust führen, von effektiven Aktionen abgrenzen. Ob ein Pass mit einer hohen Anzahl überspielter Gegner gelingt, hängt demnach – so die Annahme der Autoren – auch von den vorausschauenden Fähigkeiten und einem zielführenden läuferischen Einsatz des Passempfängers ab.

Studie wertet 1.379 Passsituationen mit 12.4111 möglichen Passoptionen aus

Für die Untersuchung wurden Positionsdaten aus fünf Halbzeiten während Meisterschaftsspielen der besten U 18-Mannschaften der Schweiz in einem Regressionsmodell statistisch ausgewertet. Zudem wurde der Spielball durch Computer-Vision-Methodiken aus hochauflösenden Videoaufzeichnungen der Partien getrackt.

Aus den zusammengetragenen Daten wurden insgesamt 1.379 Passsituationen im freien Spiel identifiziert, denen 12.4111 mögliche Passoptionen zugeschrieben wurden. Für jede Passsituation wurden Position und Geschwindigkeit aller 22 Spieler auf dem Spielfeld zum Zeitpunkt des Passspiels und des Ballempfangs sowie die Anzahl überspielter Spieler durch den Pass berechnet. Die Auswertung der Daten zeigt, dass die Mehrzahl der Pässe (838 von 1.379 (ca. 60 %)) im mittleren Drittel des Spielfelds stattfanden und das mehr Pässe von Verteidigern und Mittelfeldspielern gespielt oder angenommen wurden als von Stürmern.

Passgeber priorisieren Passoptionen unterschiedlich

Ein erfolgreicher Pass in den Strafraum bedroht das gegnerische Tor in der Regel mehr, als ein Pass zur Seitenlinie. Trotzdem können bei einem Pass an die Außenlinie mehr Gegenspieler überspielt werden. Wie sich ein Passgeber entscheidet, hängt von verschiedenen Faktoren ab:

  • Offene Passwege zu anderen Mitspielern,
  • Passdistanz,
  • Zeit- und Raumdruck (sog. Pressing) auf den Passempfänger,
  • Laufgeschwindigkeit, bzw. das Freilaufverhalten des potenziellen Passempfängers.

Alle diese Faktoren haben einen nachweislichen Einfluss auf die Passentscheidung. Dabei unterscheiden sich Entscheidungen, mit einem Pass mehr Gegner zu überspielen von denen, mit einem Pass eine geringe Anzahl von Gegner zu überspielen. Das hat die Datenauswertung der Studie ergeben. Allein die Laufgeschwindigkeit der Mitspieler spielte bei allen Pässen unabhängig von einer hohen oder niedrigen Anzahl überspielter Gegner eine signifikante Rolle. Alle übrigen Faktoren variierten in Bezug auf die Anzahl überspielter Gegner.

Generell, resümieren die Autoren, stieg die Anzahl überspielter Gegner mit der abnehmenden Tendenz der Passgeber räumlich nah positionierte, lose verteidigte Mitspieler mit offenen Passwegen anzuspielen. In anderen Worten: Je risikoreicher Passgeber spielten, desto mehr Gegenspieler konnten sie überspielen. Pässe, mit denen mehr als fünf Gegner überspielt wurden, hatten größere Passdistanzen und standen mit einem hohen Gegnerdruck auf den Passempfänger in Verbindung.

In Bezug auf den Passempfänger zeigen die Ergebnisse, dass die gelaufene Entfernung und die Laufgeschwindigkeit über die Anzahl der NOO hinweg unterschiedlich ausfielen. Aber auch hier stellt die Studie einen deutlichen Trend im Freilaufverhalten fest: Pässe mit einer hohen Anzahl überspielter Gegner erfolgreich anzunehmen und zu verarbeiten, verlangen dem Empfänger deutlich höhere physische Leistungen ab. Sie laufen größere Distanzen und weisen eine hohe Antrittsschnelligkeit auf, um den Pass erfolgreich abzuschließen.

Signifikant war zudem, dass Spieler, die viele Pässe mit einer hohen NOO empfangen haben, zuvor große Strecken gelaufen sind und somit durch ihr Freilaufverhalten erheblichen Einfluss nehmen.

Wann lohnt es sich, riskante Pässe zu spielen?

Die Strategie, mit einem Pass möglichst viele Gegner zu überspielen, stufen die Autoren in Anbetracht der Datenauswertung als „riskant“ ein. Aber wann, unter welchen Bedingungen, lohnt es sich, Pässe mit höherem Risiko zu spielen? Diese Frage kann die Studie mit dem dargestellten Zugang nicht hinreichend beantworten. Dafür fehle es an einer Reihe weiterer Faktoren, die in die Berechnung als weitere Variablen eingezogen werden müssten, schreiben die Autoren. Zum Beispiel: Wird ein Mitspieler lose verteidigt, ist es wahrscheinlicher, dass ihm ein Pass zugespielt wird, der gar keinen Gegner überspielt als einer, der mehr als einen Gegner überspielt. Das legt nahe, dass die Position des potenziellen Passempfängers in Relation zum eigenen oder gegnerischen Tor ein weiteres entscheidendes Kriterium für die Passentscheidung sein könnte.
Das Risiko eines Zuspiels an einen zugestellten Mitspieler erscheint hingegen annehmbarer, wenn dieser sich im Angriffsdrittel des Spielfelds befindet und weniger lohnenswert, wenn er in dem Abwehrdrittel steht. Schließlich konnten die Auswertungen zeigen, dass ein prozentual höherer Anteil von Pässen mit einer hohen Anzahl überspielter Gegner im Angriffsdrittel (59 %) angenommen wurden als im eigenen Abwehrdrittel (29 %). Daraus lässt sich ableiten, dass riskantere Pässe dann sinnvoll sind, wenn es darum geht, Freiräume zu schaffen und Torchancen zu erarbeiten. Zudem wurde festgestellt, dass bei Pässen die drei oder mehr Gegenspieler überspielen, die Offenheit des Passwegs keinen signifikanten Einfluss mehr auf die Passentscheidung hat.

Zukünftig sind weitere Forschungsarbeiten vorzugsweise auf größeren Datensätzen nötig, um mit einer erweiterten Packing-Methode tiefergehende Informationen auf Passentscheidungen zu erschließen.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Outplaying opponents—a differential perspective on passes using position data.”, die 2019 im "German Journal of Exercise and Sport Research" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Steiner, S., Rauh, S., Rumo, M., Sonderegger, K., & Seiler, R. (2019). Outplaying opponents—a differential perspective on passes using position data. German Journal of Exercise and Sport Research, 1-10.

    Studie lesen
    1. Memmert D, Raabe D. Revolution im Profifußball. Mit Big Data zur Spielanalyse 4.0. Berlin 2017

    2. Tenga A, Holme I, Ronglan LT, Bahr R. Effect of playing tactics on achieving scorebox possessions in a random series of team possessions from Norwegian professional soccer matches. Journal of Sports Sciences (2010) 28: 245-255

    3. Liu H, Gomes MA, Goncalves B, Sampaio J. Technical performance and match-to-match variation in elite football teams. Journal of Sports Sciences (2016) 34: 509-518