Wissen

Mit einfachen Regeln schnell richtig entscheiden

Warum das Ignorieren von Informationen unter Zeitdruck zu besseren Entscheidungen führt

Psychologie
Niklas Süle im Zweikampf mit dem Österreicher Peter Zulj. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)
    • Heuristiken sind einfache mentale Faustregeln, die helfen, unter Zeitdruck schnell die relevanten Informationen zu verarbeiten und damit Entscheidungen zu fällen.
    • Die Fokussierung auf wenige Informationen führen komplexen Entscheidungssituationen zu besseren Lösungen.
    • Heuristische Entscheidungsstrategien folgen drei Regeln: Informationssuche, Suchstopp und Entscheidung.

Abstract

Wie kommen wir zu guten Entscheidungen, ohne lange darüber nachzudenken? In Spielsituationen im Wettkampf oder im Training bleibt keine Zeit, alle Informationen zu sammeln und Handlungsalternativen sorgfältig abzuwägen. Vereinfachende mentale Faustregeln, sogenannte Heuristiken, helfen uns dabei, in komplexen Situationen blitzschnell richtig zu entscheiden, schreibt der Sportpsychologe Markus Raab von der Deutschen Sporthochschule Köln in einer Übersichtsarbeit mit ausgewählten Studien (narratives Review). Dabei greifen wir auf eine Sammlung von verschiedenen Entscheidungsstrategien zurück. Noch ist dieser Ansatz in der angewendeten Sportwissenschaft ein junges Forschungsfeld. Ziel ist es, Such-, Stopp- und Entscheidungsregeln zu definieren, die das Entscheidungsverhalten von Athleten erklärt. 

Urteilen und Entscheiden

Fußball findet auch im Kopf statt: Ob während des Trainings, im Wettkampf oder am Spielfeldrand –  immerzu spielen sich bei allen Beteiligten Urteils- und Entscheidungsprozesse ab. Spieler müssen in Bruchteilen von Sekunden Informationen über mögliche Spielhandlungen verarbeiten und eine Entscheidung fällen – häufig eine, die das Spiel entscheidet. Trainer müssen innerhalb kürzester Zeit auf Veränderung während des Wettkampfs reagieren und über Ein- und Auswechslungen entscheiden, Schiedsrichter Spielaktionen bewerten. Alle diese Entscheidungen werden meist blitzschnell gefällt, mit wenig Information und ohne lange über Handlungsalternativen nachdenken zu können. Meist sind sie deshalb mit einem gewissen Grad an Unsicherheit behaftet. Aber gerade dann ist weniger häufig mehr, argumentieren Psychologen. Die Fokussierung auf einen Teil der Information und das Ignorieren der übrigen Teile führt in komplexen Situationen nicht etwa zu schlechteren, sondern sogar zu besseren Entscheidungen. Dieses analytische Vorgehen bezeichnet die Psychologie als heuristische Strategie: Wir nutzen vereinfachende Regeln oder mentale Faustregeln, um unmittelbar und adaptiv in einer gegebenen Situation reagieren zu können [1, 2, 3, 4, 5]. Wir gehen also anders vor, als bei Entscheidungen, die auf den Gesetzen der Logik, der Wahrscheinlichkeitsrechnung oder der Maximierung des erwarteten Nutzens basieren.Heuristiken wenden wir an, wenn wir nicht alle Informationen kennen und somit unmöglich in kürzester Zeit eine perfekte Entscheidung treffen können. Dabei verfügen wir über eine ganze Sammlung von verschiedenen Entscheidungsstrategien, aus der wir in einer gegebenen Situation die beste wählen [6]. Jede besteht aus drei Bausteinen oder Abfolgen, die unser Entscheidungsverhalten ausmachen: Wie suche ich Informationen? Wann habe ich genug? Wie entscheide ich mich zwischen zwei oder mehr Optionen? 

Ein schneller Selbsttest

  • Überlegen Sie: Welche Stadt hat mehr Einwohner: Sinntal oder München? Bei der Beantwortung nutzen Sie die sogenannte Wiedererkennungsheuristik, die schnelle einfache Faustregel: Wenn man von einer Stadt gehört hat, von der anderen aber nicht, dann wird die bekannte Stadt wahrscheinlich die größere Einwohnerzahl haben. Das heißt: Die Entscheidung zwischen zwei Optionen beginnt mit der Suche nach etwas Bekanntem. Ist das für eine der beiden Optionen der Fall, wird die Suche gestoppt und die erkannte Option ausgewählt.

Heuristiken im Sport

Die Heuristik – die Anwendung von vereinfachenden Regeln – räumt mit der weit verbreiteten Annahme auf, dass Entscheidungen besser werden, je mehr Informationen dafür herangezogen und verarbeitet werden. In der Sportwissenschaft und in der Leistungspsychologie ist dieser Ansatz zwar noch relativ jung, verspricht aber die Möglichkeit, das Entscheidungsverhalten von Athleten zu erklären und zu beschreiben. Die Forschung beschäftigt sich mit der Frage, die verschiedenen Heuristiken, die Athleten und Trainer anwenden, durch Modelle abzubilden, um so die Sammlung von verschiedenen Faustregeln zu dokumentieren und ihre Anwendbarkeit im Sport empirisch zu prüfen [2, 4, 7]. Noch, argumentiert Raab, ist die Anwendung der Heuristik im Bereich des Sports ein wenig beleuchtetes Feld. Würde man bereits bekannte, klassische Heuristiken aus anderen Bereichen einfach auf den Sport übertragen und dort anwenden, hätte das keinen nachweisbaren Gewinn für Athleten oder Trainer. Vielversprechender seien daher neue Forschungserkenntnisse, indem Sportwissenschaftler und Leistungspsychologen Heuristiken aus Entscheidungssituationen in einzelnen Sportarten wie Basketball oder Fußball entwickeln würden. Das verspräche vielseitigen Nutzen: Nicht nur die Wissenschaft, auch Athleten, Trainer und andere Beteiligte würden davon profitieren, um zu verstehen, wie ihnen heuristische Strategien in ihren Entscheidungsfindungen helfen könnten. Auch bei Schieds- und Kampfrichtern, Managern und Fans lassen sich heuristische Entscheidungsstrategien theoretisch beschreiben und Beispiele dafür finden, die Entscheidungsverhalten in bestimmten Situationen erklären.

Aus der sportpsychologischen Forschung

Zu den bislang meist untersuchten Heuristiken gehören:

  • Take-the-First-Heuristik. Die mentale Faustregel lautet: Wähle die erste Option, die dir in den Sinn kommt [4]. Empirische Untersuchungen [4, 9, 10] bestätigen, dass 60 - 90 % der Athleten dieser intuitiv entstehenden Option folgen. 
  • Take-the-Best-Heuristik [7, 8]. Die einfache Regel lautet: Wähle die beste Option. Dabei werden zwei Alternativen anhand mehrerer entscheidungsrelevanter Merkmale so lange geprüft, bis ein Unterschied entdeckt wird. Ein Spieler im Ballbesitz scannt seine Mitspieler zum Beispiel auf ihre aktuelle Trefferleistung. Sind zwei Mitspieler gleich gut, zieht er ihre durchschnittliche Spielleistung heran, bis sich eine Präferenz ergibt, wem er zuspielt.

Grenzen der Heuristik und weiterer Forschungsbedarf

Diese Heuristiken haben erste empirische Überprüfungen bereits standgehalten. Weitere Untersuchungen im Sport und die Entwicklung von weiteren Heuristiken aus echten Spielsituationen heraus könnten das Wissen über unser Entscheidungsverhalten noch verbreitern. Dafür braucht es aber diagnostische Instrumente, um verschiedene Entscheidungsprozesse im Training oder im Wettkampf zu erfassen. Weiterer Forschungsbedarf besteht nach Raab vor allem darin, welche Erkenntnisse aus der heuristischen Entscheidungsfindung für das Training der Entscheidungsfähigkeit von Spielern abgeleitet werden könnte. Wie verändert sich die Entscheidungsfindung von Athleten über große Zeiträume hinweg? Wie lernen sie, wichtige entscheidungsrelevante Merkmale zu erkennen und zu nutzen? Wie entscheidet man sich zwischen zwei verschiedenen Heuristiken in einer gegebenen Situation? Gibt es Spielsituationen, in denen Heuristiken dem Athleten nicht weiterhelfen?Wie gut Heuristiken sind, wird häufig anhand des Vergleichs mit anderen Strategien beurteilt. Raab unternimmt den Vergleich und schlussfolgert: Richtig angewendet, können Heuristiken auch in einer dynamischen Situation wie im Sport, die viele körperliche und kognitive Anforderungen gleichzeitig an den Athleten stellt, durchaus nützlich sein. Sie zeigen auf, wie Informationsmerkmale und Entscheidungen genau mit Such-, Stopp-, Entscheidungs- und Handlungsregeln verknüpft sind. Sie erklären, wie Athleten unter Zeitdruck mit einem gewissen Grad an Unsicherheit und begrenztem Wissen sich für die eine oder andere Spielhandlung entscheiden. Schließlich machen sie Entscheidungsleistungen beim Sport besser beschreibbar und damit letztlich auch trainierbar. 

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Simple heuristics in sports", die 2012 im "International Review of Sport and Exercise Psychology" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Raab, M. (2012). Simple heuristics in sports. International Review of Sport and Exercise Psychology, 5(2), 104-120.

    Studie lesen
    1. Gigerenzer G, Gaissmaier W. Heuristic decision making. Annual Review of Psychology 2011, 62: 451-482

    2. Glöckner A, Heinen T, Johnson J, Raab M. Network approaches for expert decisions in sports. Human Movement Science 2011. Advance online publication

    3. Williams AM, Ward P. Anticipation skill in sport: Exploring new horizons. In: Tennenbaum G, Eklund R (Eds). Handbook of Sport Psychology 2007: 203-223

    4. Raab M, Johnson J. Expertise-based differences in search and option-generation strategies. Journal of Experimental Psychology 2007, 13: 158-170

    5. Simon HA. Rational choice and the structure of environment. Psychological Review 1956, 63: 129-138

    6. Gigerenzer G, Todd PM, ABC Research Group. Simple heuristics that make us smart. New York Press 1999

    7. Raab M, Gula B, Gigerenzer G. The hot hand exists and is used. Manuscript submitted for publication 2011

    8. Gilovich T, Vallone V, Tversky A. The hot hand in basketball: On the misperceptions of random sequences. Cognitive Psychology 1985, 17: 295-314

    9. Farrow D. The coach’s decision on instruction may be as critical as the athlete’s decision in performance. 2011. Manuscript submitted for publication

    10. Hepler TJ, Feltz D. Take the first heuristic, self-efficacy, and decision-making in sport. 2011. Manuscript submitted for publication