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Reif für die Auswahl? Das Auge des Trainers misst mit

Mit Augenmaß: Erfahrene Trainer können den Reifegrad von Nachwuchsspielern recht zuverlässig einschätzen

Coaching
Talentförderung
Der Trainer der deutschen U-21 Mannschaft Stefan Kuntz steht auf dem Fußballfeld und beobachtet das Training seiner Mannschaft. (Photo by Jörg Schüler/Getty Images for DFB)
    • Das biologische Alter bei jugendlichen Fußballspielern einer Altersgruppe kann bis zu vier Jahre auseinander liegen.
    • Die Bestimmung des biologischen Alters über das Skelettalter (Röntgenanalyse) ist die zuverlässigste Methode, birgt aber einige Nachteile.
    • Erfahrene Trainer können den Reifegrad von jugendlichen Spielern recht zuverlässig einschätzen.
    • Der Studie zufolge kann die subjektive Methode per „Augenmaß“ eine geeignete Alternative in Ergänzung zu anderen Methoden sein.
    • Der jeweilige Erfahrungshorizont der Trainer bedingt möglicherweise die Qualität des Urteils.

Abstract

Gerade während der Pubertät kann der Reifegrad der Spieler einer Altersstufe sehr unterschiedlich ausfallen. Spieler mit verzögerter Entwicklung haben im Vergleich zu kalendarisch Gleichaltrigen aber biologisch Frühentwickelten oft das Nachsehen. Die Einordnung des Reifegrads der Spieler ist von großer Bedeutung bei der Talentsichtung. Denn bleibt das biologische Alter unberücksichtigt, könnten dem Elite-Fußball viele talentierte Jugendspieler verloren gehen. Weil bisherige Methoden zur Bestimmung des biologischen Alters Nachteile mit sich bringen können, haben schweizerische Sportwissenschaftler untersucht, ob die rein subjektiven Einschätzungen von Trainern eine Alternative darstellen. Der Studie zufolge sind erfahrene Trainer durchaus in der Lage, den Reifegrad von Spielern zuverlässig einzuschätzen. Das „Augenmaß“ der getesteten schweizerischen U-Nationaltrainer zeigte bei der Einteilung der Spieler in Früh-, Normal- und Spätentwickler eine gute Übereinstimmung mit der Analyse durch Röntgenaufnahmen – und war einer weiteren Methode sogar überlegen.  

Das Alter kann den Unterschied ausmachen

Auf der Suche nach vielversprechenden jungen Talenten achten Scouts auf eine ganze Reihe von Faktoren, die Aufschluss über die Leistung eines Nachwuchsspielers geben. Dazu zählen körperliche und physiologische Voraussetzungen, taktisches Verständnis und technische Fertigkeiten. Viele Faktoren hängen direkt vom aktuellen Reifegrad bzw. vom sogenannten biologischen Alter des Spielers ab [1,2]. In den meisten Sportarten – so auch im Fußball – richtet sich die Einteilung nach Wettbewerbs- und Trainingsklassen aus praktischen Gründen allerdings nicht nach dem biologischen sondern nach dem chronologischen Alter. Allein innerhalb eines Jahrgangs kann es schon erhebliche Unterschiede beim Alter und Reifegrad der Spieler geben. Ein zehnjähriger Spieler (U 11), der im Januar geboren ist, hat beispielsweise im Vergleich zu einem Zehnjährigen, der im Dezember geboren ist, schon einen elfmonatigen zeitlichen Vorsprung, der sich in einem weiter entwickelten körperlichen aber auch geistigen Reifegrad bemerkbar machen kann. Gerade in der Pubertät, wenn Reifeprozesse einen „Spurt“ hinlegen, kann das biologische Alter von Spielern eines Jahrgangs sogar bis zu vier Jahre auseinander liegen [1,3].

Reifliche Entscheidung: Bloß nicht durchs Raster fallen lassen

Der Reifegrad eines Spielers sollte also bei der Talentsuche immer mitbedacht werden. Aktuell praktizierte Auswahlprozesse können hochgradig unfair sein – dann nämlich, wenn das biologische Alter bei der Einschätzung des Talents völlig unberücksichtigt bleibt. Spieler, die eine verzögerte körperliche Entwicklung aufweisen, hätten im Vergleich zu „frühreifen“ Mitspielern aus der gleichen Altersklasse das Nachsehen. Diese Ungleichbehandlung wäre nicht nur auf individueller Ebene beklagenswert. Wenn junge Talente durch das reguläre Scouting- „Raster“ fallen, nur weil ihre körperlich-mentale Entwicklung leicht verzögert ist, können dem Elite-Fußball hochtalentierte Spieler verloren gehen. 

Wie lässt sich das „echte“ Alter bestimmen?

Wie lässt sich bei der Talentsuche aber am besten herausfinden, ob ein Spieler eher ein Früh-, Normal- oder Spätentwickler ist [4]? Um eine gerechte Einordung vornehmen und den biologischen Reifegrad eines Spielers möglichst exakt bestimmen zu können, wird meist eine oder eine Kombination der nachstehenden drei Methoden angewandt:

Skelettalter

Das Skelettalter (auch „Skelettreife“) gilt als genauester Indikator bei der Bestimmung des biologischen Alters [1,5]. Dabei werden Röntgenaufnahmen der Hand einer Person angefertigt und anschließend mit Referenzbildern abgeglichen, die dem Bevölkerungsstandard in verschiedenen Altersstufen entsprechen [Referenzsysteme nach 5,6 oder 7]. Die Altersbestimmung durch die Skelettreife ist allerdings mit vielen Nachteilen behaftet: Sie ist aus praktischen Gesichtspunkten aufwendig, kostenintensiv, und benötigt eine ausgewiesene Expertise bei der Beurteilung [8]. Darüber hinaus bestehen ethische Bedenken, weil an sich gesunde Kinder und Jugendliche durch die Methode einer nicht unerheblichen Strahlenbelastung ausgesetzt sind [9].

Die Röntgenaufnahme der linken Hand zeigt eine abgrenzbare und geöffnete Epiphysenfuge in Elle und Speiche. Das Knochenalter wurde auf 15 Jahre ermittelt.

Sekundäre Geschlechtsmerkmale

Um den Reifegrad von Jugendlichen zu bestimmen, werden häufig auch Beurteilungen sekundärer Geschlechtsmerkmale herangezogen. Dabei schätzt ein Arzt die Entwicklung von Brüsten (bei Mädchen), Genitalien (bei Jungen) und Schambehaarung (bei Mädchen und Jungen) ein und vergleicht sie mit Referenzwerten. Diese biologische Altersbestimmung lässt sich allerdings nur während der Pubertät anwenden. Auch bei dieser Methode gibt es ethische Bedenken, da das Verfahren die Privatsphäre der Untersuchten verletzen kann. Die oftmals fehlende Validität der Ergebnisse sowie das notwendige Beisein eines Arztes sind weitere Faktoren, die den Nutzen der Methode begrenzen [10].

Maximaler Wachstumsschub

Eine weitere gängige Methode der Altersbestimmung basiert auf dem sogenannten maximalen Wachstumsschubs (engl. peak height velocity PHV) nach Mirwald [11]. Die PHV spiegelt beim Heranwachsenden den Zeitpunkt des maximalen Wachstumsschubs (age of PHV [APHV]) wieder. Sind bestimmte Maße (u. a. Körperhöhe, chronologisches Alter, Sitzhöhe, Beinlänge) einer zu untersuchenden Person bekannt, lässt sich mittels der Gleichung von Mirwald der Zeitpunkt vor oder nach PHV abschätzen und somit die APHV in etwa vorhersagen [11,12] (hier geht es zum Download des Biofinal-Rechners, der Mirwald-Methode, des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft). Einige Untersuchungen bescheinigen der Mirwald’schen Methode eine gute Reproduzierbarkeit und Übereinstimmung mit den Altersangaben, die per Röntgenaufnahmen ermittelt wurden [11,13]. Andere Studien sehen dagegen eine schlechtere Übereinstimmung zwischen den per APHV und per Röntgenbild gefundenen Reifegraden [10].

Subjektive Entscheidungen: Sind „Bauch“ und „Auge“ die besseren Ratgeber?

Viele Fußballvereine und –verbände verlassen sich bei der Auswahl von Nachwuchsspielern auf subjektive Einschätzungen von Scouts und Trainern [14]. Solche intuitiv abwägenden Urteile folgen einer eigenen Rationalität von „Faustregeln“. Diese heuristischen Regeln müssen nicht notwendigerweise zu ungenaueren Entscheidungen führen. Im Gegenteil - Kognitionsstudien konnten zeigen: Wer sich nur auf einen guten Grund oder nur auf wenige Informationen bei Entscheidungen verlässt, erhält häufig präzisere Vorhersagen als komplexere analytische Methoden [15,16]. Dementsprechend ist es möglich, dass erfahrene Trainer das biologische Alter von Sportlern rein subjektiv recht präzise bestimmen können. Eine schweizerische Studie hat drei Methoden zur Klassifizierung des Reifegrads von jugendlichen Fußballspielern verglichen:

  • Röntgenanalyse,
  • Bestimmung des APHV,
  • „Auge“ des Trainers. 

„Röntgenblick“, Maßband und Augenmaß im praktischen Vergleich

An der Studie nahmen 119 Nachwuchsspieler teil, die zu einem U 15 Auswahltraining des Schweizerischen Fußballverbands eingeladen waren. Zunächst ermittelten die Forscher bei den Nachwuchsspielern Körpergewicht, Körperhöhe, chronologisches Alter und Skelettalter.
Beim Skelettalter entschied die Differenz zwischen Skelettalter (SA) und chronologischem Alter (CA) darüber, ob die Spieler als Frühentwickler (SA mehr als ein Jahr über CA), Normal- bzw. Durchschnittsentwickler oder Spätentwickler (SA mehr als ein Jahr unter CA) klassifiziert wurden.
Das Alter des maximalen Wachstumsschubs (APHV) berechnete sich aus der Differenz zwischen chronologischem Alter und der durch die PHV vorhergesagte Jahreszahl. Bei der vorliegenden Fallgruppe wurden all die Spieler als Durchschnittsentwickler eingeteilt, bei denen die APHV zwischen 12,8 und 14,8 Jahren (durchschnittliches CA (13,8 Jahre) plus bzw. minus ein Jahr) lag.
Die sechs Trainer, die sich für die Schweizerischen Nationalteams U 15 bis U 21 verantwortlich zeichneten, sollten die Spieler unabhängig voneinander ebenfalls jeweils in die drei Kategorien Früh-, Normal- und Spätentwickler einteilen. Sie hatten vorab keinerlei Informationen darüber erhalten, wie andere Analysen die Reifegrade der Spieler eingeschätzt haben.

Nach einem Kreuztabellen-Vergleich und statistischer Auswertung der drei Methoden ergab sich folgendes Bild: 

Die Übereinstimmungen bezüglich Reifegrad-Kategorien zwischen den Methoden Skelettalter, Trainer und Zeitpunkt des maximalen Wachstumsschubs.

Gute „Trefferquote“ der Trainer

Den Ergebnissen zufolge schätzten die Trainer den Reifegrad der Spieler recht treffend ein. Denn das „Augenmaß“ der Trainer und der „Röntgenblick“, der das biologische Alter über das Skelettalter erfahrungsgemäß am genauesten beschreibt, stimmten moderat bis stark miteinander überein (vgl. Tab. 01). Es zeigte sich sogar, dass die rein subjektive Einschätzung der Trainer zutreffender ausfiel als die häufig praktizierte Altersbestimmung per APHV-Methodik. Die Studienautoren kommen daher zu dem Schluss, dass die Reifegradbestimmung durch „Bauchgefühl“ und „Augenmaß“ des Trainers durchaus eine Alternative zu Röntgen und APHV darstellt. Der Vorteil des „Trainerauges“ liegt den Autoren zufolge in seinem ganzheitlichen Ansatz. Der Trainer sehe und beurteile einen jungen Spieler als ein „Ganzes“ und beziehe intuitiv die Vielzahl an Faktoren, die die biologische Reife bestimmen, mit ein. Die Alterseinschätzung durch den Trainer ist im Vergleich zu anderen Methoden (auch finanziell) weniger aufwendig und zudem ethisch unbedenklich.

Die Autoren geben zu bedenken, dass die schweizerischen U-Nationaltrainer in dieser Studie über eine sehr hohe Fachkompetenz mit über fünf Jahren Berufserfahrung verfügten und im Besitz der höchsten Trainerlizenzen waren. Die Ergebnisse könnten darum nicht generell auf jeden Trainer/Scout übertragen werden. Der relative Alterseffekt zeigt nachweislich, dass 10 mal mehr Frühentwickler als Spätentwickler selektiert werden [17]. Die U-Nationaltrainer dieser analysierten Studie hatten jedoch nicht die Aufgabe nach Eignung zu selektieren, sondern den Reifegrad der Nachwuchsspieler einzuschätzen. 

Trainer können das Fair Play bei der Talentauswahl beeinflussen

Wenn erfahrene Trainer aber bei der Talentauswahl den Reifegrad eines Spielers zutreffend einschätzen und ihn mit den Spielern der gleichen Altersstufe vergleichen, könne die Auswahl insgesamt gerechter ablaufen, glauben die Forscher. Außerdem gingen den Clubs und Verbänden weniger Spieler verloren, die möglicherweise aufgrund ihrer verspäteten Reifeentwicklung unberücksichtigt bleiben. Auch für eine behutsame langfristige Talententwicklung sei die Information über unterschiedliche Reifegrade bei den Spielern eines Teams wichtig. Denn so könne der Trainer die Trainingseinheiten den biologischen Entwicklungsstufen der Spieler entsprechend anpassen. 

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Coaches’ eye as a valid method to assess biological maturation in youth elite soccer.", die 2017 im "Talent Development and Excellence Journal" von Michael Romann und Kollegen veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Romann, M., Javet, M., & Fuchslocher, J. (2017). Coaches’ eye as a valid method to assess biological maturation in youth elite soccer. Talent Development and Excellence, 9(1), 3-13.

    Studie lesen
    1. Malina, R., Bouchard, C., & Bar-Or, O. (2004). Growth, maturation, and physical activity (2nd ed.). Champaign: Human Kinetics.

    2. Malina, R., Coelho e Silva, M., & Figueiredo, M. (2012). Growth and maturity status of youth soccer players. In A. M. Williams (Ed.), Science and Soccer: Developing elite players (3rd ed.) (pp. 307-332). London: Routledge.

    3. Figueiredo, A. J., Gonçalves, C. E., Coelho e Silva, M. J., & Malina, R. M. (2009a). Youth soccer players, 11–14 years: maturity, size, function, skill and goal orientation. Annals of Human Biology, 36(1), 60-73.

    4. Balyi, I., & Hamilton, A. (2004). Long-term athlete development: Trainability in childhood and adolescence. Windows of opportunity. Optimal trainability. Victoria: National Coaching Institute British Columbia & Advanced Training and Performance Ltd.

    5. Tanner, J., Healy, M., Goldstein, H., & Cameron, N. (2001). Assessment of skeletal maturity and prediction of adult height (TW3). London: WB Saunders.

    6. Greulich, W. W., & Pyle, S. I. (1959). Radiographic atlas of skeletal development of the hand and wrist. The American Journal of the Medical Sciences, 238(3), 393.

    7. Roche, A. F., Chumlea, W., & Thissen, D. (1988). Assessing the skeletal maturity of the hand-wrist: Fels method: Thomas Springfield.

    8. Sherar, L. B., Cumming, S. P., Eisenmann, J. C., Baxter-Jones, A. D. G., & Malina, R. M. (2010). Adolescent biological maturity and physical activity: biology meets behavior. Pediatric Exercise Science, 22(3), 332- 349.

    9. Hall, E. J. (2009). Radiation biology for pediatric radiologists. Pediatric Radiology, 39(1), 57-64.

    10. Malina, R. M., Coelho, E. S. M. J., Figueiredo, A. J., Carling, C., & Beunen, G. P. (2012). Interrelationships among invasive and non-invasive indicators of biological maturation in adolescent male soccer players. Journal of Sports Sciences, 30(15), 1705-1717.

    11. Mirwald, R. L. (2002). An assessment of maturity from anthropometric measurements. Medicine and Science in Sports and Exercise, 34(4), 689.

    12. Mirwald, R. L., Baxter-Jones, A. D., Bailey, D. A., & Beunen, G. P. (2002). An assessment of maturity from anthropometric measurements. Medicine and Science in Sports and Exercise, 34(4), 689-694.

    13. Matsudo, S. M. M., & Matsudo, V. K. R. (1994). Self-assessment and physician assessment of sexual maturation in Brazilian boys and girls: Concordance and reproducibility. American Journal of Human Biology, 6 (4), 451-455.

    14. Reilly, T., Williams, A. M., Nevill, A., & Franks, A. (2000). A multidisciplinary approach to talent identification in soccer. Journal of Sports Sciences, 18(9), 695-702.

    15. Gigerenzer, G., & Brighton, H. (2009). Homo heuristicus: Why biased minds make better inferences. Topics in Cognitive Science, 1(1), 107-143.

    16. Kruglanski, A. W., & Gigerenzer, G. (2011). Intuitive and deliberate judgments are based on common principles. Psychological Review, 118(1), 97.

    17. Buchheit, M., & Mendez-Villanueva, A. (2014). Effects of age, maturity and body dimensions on match running performance in highly trained under-15 soccer players. Journal of Sports Sciences, 32(13), 1271-1278.