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Sind Trainer mit Hochschulabschluss die besseren Coaches?

Zusammenhang von Bildungshintergrund und Trainerverhalten

Coaching
Manuel Baum beim DFB-Elite-Jugend-Lizenz-Fortbildungs-Workshop © 2019 Getty Images
    • Das Fragestellen wurde als Coaching-Maßnahme ausgemacht, um das Lernen der Spieler positiv zu beeinflussen.  
    • Trainer mit Hochschulbildung setzen signifikant mehr offene Fragen ein als Trainer ohne Hochschulbildung.
    • Trainer mit Hochschulabschluss nutzen Trainingszeit, in der sie nicht aktiv coachen, gezielter zur Spielerbeobachtung und als Freiraum für Spieler zur selbständigen Entscheidungsfindung.  
    • Im Vergleich von Spiel- und Übungsformen machen Spielformen wie Kleinfeldspiele einen überwiegenden Anteil an eingesetzten Trainingsformen bei allen untersuchten Trainern aus. 
Abstract

Eine britische Studie hat das Trainerverhalten von englischen Jugendfußballtrainern mit und ohne Hochschulausbildung untersucht. Der Vergleich hat gezeigt, dass Trainer mit universitärer Ausbildung in ihrer Praxis eher sportwissenschaftlich orientiert arbeiten und in ihrem Verhalten vermehrt auf das Lernen der Spieler achten. Sie stellen mehr offene Fragen, nutzen gezielter den Einsatz der Beobachtung, zeigen vielfältigere Verhaltensweisen und können ihre Lehrmethoden umfassender begründen. Das Fazit der Studie: Der Bildungsgrad beeinflusst nachweislich die Arbeitsweise von Trainern.

Welchen Einfluss hat der Bildungshintergrund auf die Trainingspraxis?

Fußballtrainer wollen heute mit modernen Trainingsmethoden punkten, ihr Wissen den Spielern verständlich vermitteln und ihnen dabei Raum für das eigene Lernen lassen. Diese Auffassung konkurriert mit dem althergebrachten instruierenden, autokratischen, dirigierenden Führungsstil. In den letzten Jahren sind in der Hochschullandschaft immer mehr Studienmöglichkeiten im Sportcoaching entstanden. Trotz diesem Qualifikationsangebots wird einer vorausgegangenen eigenen leistungssportlichen Karriere noch immer größere Bedeutung für eine erfolgreiche Trainerarbeit zugeschrieben. Insgesamt ist in der Sportwissenschaft noch wenig darüber bekannt, wie sich Hochschulqualifikationen auf die Arbeitsweise von Trainern in der Praxis auswirken. Eine britische Studie sucht diese Forschungslücke zu schließen. 

Wer nahm an der Studie teil?

Dafür wurden zehn Nachwuchsleistungstrainer bei ihrer Trainingsarbeit beobachtet, ihre Handlungsweisen analysiert und in Folgeinterviews hinterfragt. Sie betreuten Spieler der U 9- bis U 18-Kader der Jugendakademie eines englischen Profivereins. Fünf der Trainer verfügten mindestens über ein Grundstudium im Bereich des Sportcoachings. Die anderen fünf der Referenzgruppe hatten keine Hochschulqualifikationen absolviert. Alle untersuchten Trainer besaßen mindestens die Trainer B-Lizenz (UEFA B-Level) im Fußball.

Was wurde festgestellt?

Trainer ohne höhere Bildungsqualifikationen setzten signifikant mehr negatives Feedback und nachträgliche Handlungsanweisungen ein. Trainer mit universitären Bildungshintergrund nutzten dagegen signifikant mehr offene (divergente) Fragen (s. ABB. 01). Anders als geschlossene (konvergente) Fragen, die nur auf eine Lösung abzielen, lassen offene Fragen verschiedene Denkwege und mehrere mögliche richtige Antworten zu. Spieler, denen offene Fragen gestellt werden, haben so einen größeren Spielraum, Entscheidungs- und Problemlösungsfähigkeiten zu entwickeln [1], was gerade für zukünftige Elitespieler ein wichtiges Leistungsmerkmal ist [2].

Die Grafik zeigt den prozentualen Anteil an divergenten Fragen pro Trainingsform entsprechend der Variablen "studiert" und "nicht studiert".

Dass Trainer ohne universitären Bildungshintergrund eher geschlossene Fragen stellen, deutet nach Ansicht der Studienautoren darauf hin, dass ihnen Kontrolle wichtig ist und sie somit nicht Gefahr laufen, potenzielle Wissenslücken preisgeben zu müssen. Diese Form der Befragung gilt zwar als spielerzentriert, behandelt aber die Spieler als homogene Gruppe. Individuelle Unterschiede gehen so unter und werden kaum berücksichtigt. Trainer mit universitären Bildungsqualifikationen hingegen nutzten die Methode der Befragung als Möglichkeit, Wissen aufzubauen und Spieler zum kritischen Denken anzuleiten (s. TAB. 01).

Die Grafik zeigt einen Auszug aus den Trainerinterviews zur Thematik von konvergenten und divergenten Fragen. Befragt wurden ein Trainer einer U 15/16 und ein Trainer einer U 11.

Das zweithäufigste Trainerverhalten während der Trainingsformen war „Ruhe“. Anders als bisherige Studien es nahelegen [3], nutzten die Trainer die zeitweilige Stille als eine bewusste Coaching-Strategie. Allerdings zeigten sich auch hier Unterschiede zwischen den Trainern mit und ohne Hochschulabschluss: Höher qualifizierte Trainer gaben an, das Schweigen zur Beobachtung, also als Methode, bewusst einzusetzen. Trainer der Referenzgruppe bewerteten Schweigen als Methode als negativ, weil es mit Kontrollverlust gleichbedeutend sei. Direktes Eingreifen und Instruieren hielt diese Gruppe für das bessere Mittel, um das Training effektiver zu gestalten.

Bevorzugen hochschulqualifizierte Trainer eine bestimmte Trainingsform?

Alle Trainer verwendeten in ihren Trainingseinheiten mehr Zeit für Spielformen (56 %) als für Übungsformen (22 %). Die „übrige Zeit“, also Zeit zwischen dem Wechsel von Trainingsformen, Trinkpausen oder Spieleransprachen, nahmen 22 Prozent der Gesamtzeit ein. Es ließ sich kein Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und der Verteilung der gewählten Trainingsformen nachweisen. Allerdings wurde die „übrige Zeit“ von den beiden Trainer-Gruppen als unterschiedlich wichtig erachtet. Während Trainer ohne höheren Bildungsgrad darin eher Zeitverschwendung sahen, nutzten Trainer mit höherem Bildungsgrad diese Zeit als Gelegenheit für Gruppendiskussionen und soziale Interaktion, für die sie offene Fragen als Methode einsetzten.

Welches Fazit zieht die Studie?

Die systematische Beobachtung der beiden Trainergruppen zeigte bedeutsame Unterschiede zwischen Trainern mit und ohne Hochschulausbildung. Besonders deutlich wurde das in der Verwendung von offenen Fragen als Lehrmethode. Zudem hatte die Art der Trainingsform (Spiel- oder Übungsform) einen deutlichen Einfluss auf das Verhalten der Trainer. Die Interviews ergaben, dass Trainer mit Hochschulqualifikation ihre Methoden- und Trainingsformwahl sehr bewusst einsetzten und in der Reflexion detaillierter begründen konnten. Insgesamt richteten sie ihre Arbeitsweise eher auf das Lernen der Spieler aus. Die Studie liefert den Nachweis, dass der Ausbildungshintergrund die Arbeitsweise von Trainern in der Praxis beeinflusst. Allerdings sollte bei der Einordnung der Studienergebnisse berücksichtigt werden, dass das Trainerverhalten im Fußball außerhalb der Nachwuchsarbeit von weiteren Faktoren beeinflusst wird, beispielsweise vom Leistungsniveau der Spieler und von der Phase in der Saison. Zudem ist es trotz der sorgfältigen Auswahl an Trainern mit und ohne Hochschulabschluss schwierig, vollkommen vergleichbare Stichproben zu erhalten. Auch weil sich die zu betreuenden Altersgruppen unterschieden haben.  

Das DFB-Konzept: Erfahrung, Innovation und Spezialwissen

Der DFB verfolgt bei der Besetzung der Trainergespanne ein eigenes Konzept. „Alle Trainertypen sind geeignet“, sagt Meikel Schönweitz, Cheftrainer U-Nationalmannschaften. Jede U-Nationalmannschaft soll deshalb von einem Cheftrainer und zwei Co-Trainern geleitet werden. „Dieses Dreiergespann soll drei Trainertypen vereinen: den 'Typ Erfahrung', den 'Typ Innovation' und den 'Typ Altersspezialist'“, erklärt Schönweitz (s. TAB. 02).

Die Grafik zeigt die Merkmalseigenschaften der Trainertypen für U-Nationalmannschaften. Jedes Trainergespann im DFB sollte aus diesen drei Typen (Cheftrainer und zwei Co-Trainer) bestehen.

Die Inhalte basieren auf der Studie “An exploration of the relationship between educational background and the coaching behaviours and practice activities of professional youth soccer coaches”, die 2018 im “Physical Education and Sport Pedagogy” veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Stonebridge, I., Cushion, C. (2018). An exploration of the relationship between educational background and the coaching behaviours and practice activities of professional youth soccer coaches. Physical Education and Sport Pedagogy, 23 (6): 636-656
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    1. Harvey, S, Light RL (2015). “Questioning for Learning in Game-Based Approaches to Teaching and Coaching.” Asia-Pacific Journal of Health, Sport and Physical Education 6 (2): 175–90.

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    2. Williams, AM, Ford, PR (2013). Game intelligence: anticipation and decision making. In: Science and Soccer: Developing elite performers, edited by Mark A. Williams, 105-121. London: Routledge

    3. Partington, M, Cushion, CJ, Harvey, S (2014). An Investigation of the Effect of Athletes. Age on the Coaching Behaviours of Professional Top-Level Youth Soccer Coaches. Journal of Sports Sciences 32 (5). Routledge: 403–14.

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