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Talententwicklung und die Prognose des zukünftigen Leistungsniveaus

Spätere Spitzenspieler zeigen im Durchschnitt bereits im Nachwuchsbereich bessere technomotorische Leistungen

Talentförderung
Sie sehen drei Jungs bei einer Übungsform in der Talententwicklung.
    • Zukünftige Spitzenfußballer (hier 1.-5. Liga) weisen bereits zu Beginn ihrer Fußballkarriere in technomotorischen Tests bessere Werte auf als zukünftige unterklassige Spieler.
    • Unabhängig vom späteren Spielniveau im Erwachsenenalter verbesserten sich die getesteten Spieler im dreijährigen Beobachtungszeitraum von U 12 bis U 15.
    • Die Leistungsentwicklung in den getesteten technomotorischen Parametern erlaubt keine sichere Vorhersage des zukünftigen Spielniveaus.
    • Die Entwicklung eines Talents ist ein dynamischer Prozess und somit von einer gewissen Prognoseunsicherheit begleitet, welche individuelle Entwicklungsverläufe berücksichtigen sollte. 
    • Die Studienergebnisse sind möglicherweise durch die Zusammensetzung der Stichprobe verzerrt.
Abstract

Um spätere Spitzenfußballer früh genug fördern zu können, müssen sie zunächst als Talent identifiziert werden. Zu diesem Zweck werden häufig technomotorische Leistungstests eingesetzt. Die Aussagekraft solcher Tests bezüglich der technomotorischen Entwicklung und deren Zusammenhang mit dem zukünftigen Leistungsniveau im Erwachsenenalter ist jedoch noch nicht ausreichend erforscht. Die analysierte Studie hat eine Selektion von 1.134 vielversprechenden Nachwuchsspielern untersucht, die über drei Jahre hinweg (U 12-U 15) im Rahmen des DFB-Talentförderprogramms technomotorisch getestet wurden. Bei Stützpunktspielern, die das Programm durchgängig von der U 12 bis zur U 15 durchlaufen haben, stellte man fest, dass spätere Spitzenspieler im Durchschnitt bereits zum Eintritt in das Förderprogramm (U 12) ein höheres motorisches Leistungsniveau als ihre Mitspieler aufwiesen. Dieser Leistungsunterschied wurde während des gesamten Untersuchungszeitraums kontinuierlich beibehalten. Dies zeigt, dass spätere Spitzenspieler von Grund auf bessere technomotorische Leistungen erbringen. Die allgemeine Entwicklung der getesteten technomotorischen Leistungsparameter selbst erwies sich jedoch nicht als signifikanter Prädiktor für das zukünftige Spielniveau.

Talentförderung mit System

Um talentierte junge Fußballer optimal fördern zu können, haben viele Vereine und Verbände entsprechende Programme implementiert, die sich in erster Linie der Identifikation und Entwicklung von Fußballtalenten widmen. Dennoch gelingt auch mit Hilfe solcher Programme nur einer relativ geringen Anzahl an geförderten Spieler ein Durchbruch in den Spitzenbereich im Erwachsenenalter [8, 11].

Talententwicklung umfasst eine Vielzahl von Faktoren. Dazu gehören unter anderem physische, physiologische und psychologische Faktoren [5]. Beispielsweise konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass bei Nachwuchsspielern gute Testergebnisse für technomotorische Eigenschaften wie z. B. Schnelligkeit, Gewandtheit (oft auch als "Agility" bezeichnet) und Dribblingfertigkeiten [18] eine hohe Aussagekraft bezüglich des zukünftigen Leistungsniveaus aufweisen [2,  4,  6,  9]. Auch im deutschen Fußball gelten diese Kriterien als relevant [17].

Gezielte Programme zur Identifikation und Entwicklung von Fußballtalenten (TID) beginnen beim DFB in der U 12, also mit der Phase der frühen Adoleszenz, wobei jeweils die besten 4 % aller Akteure ihres Jahrgangs für die Teilnahme ausgewählt werden [13].

Diese Spieler, so sie denn nicht im Leistungszentrum eines (Profi)vereins unterkommen, erhalten einmal pro Woche ein Sondertraining an einem der DFB-Stützpunkte, zusätzlich zu ihrem regulären Vereinstraining. Die vorliegende Studie hat untersucht, wie sich Schnelligkeitsfähigkeiten und technische Fertigkeiten von Jugendspielern (U 12-U 15) in solchen Programmen langfristig entwickeln. Außerdem geht sie der Frage nach, inwieweit sich daraus eine Prognose zum Leistungsniveau im Erwachsenenbereich und einer möglichen Teilnahme am Profibetrieb ableiten lässt.

Technomotorische Leistungsdiagnostik

Über eine Dauer von drei Jahren wurden 1.134 männliche Jugendspieler beobachtet, die in das oben genannte TID an den Stützpunkten eingebunden waren. Dabei unterzogen sie sich vier Leistungstests, nämlich in der U 12 zu Beginn des Programms, und jeweils in den darauffolgenden Altersstufen U 13, U 14 und U 15. Für die Ergebnisse der Studie wurden nur diejenigen Spieler berücksichtigt, die durchgängig in allen Jahrgangsstufen an den Leistungstests teilnahmen, um so die langfristige Entwicklung zuverlässig bewerten zu können.

Die Testbatterie bestand aus fünf verschiedenen Einzeltests [19]:

  1. Linearsprint 20 m,
  2. Laufgewandtheit (Slalomlauf um Stangen ohne Ball),
  3. Dribbling (Slalomlauf um Stangen mit Ball),
  4. Ballkontrolle (Passspiel gegen zwei gegenüberliegende Prallwände mit jeweils maximal zwei Ballkontakten),
  5. Torschuss (Torabschluss auf vorgegebene Zielfelder).

Nach dem Eintritt ins Erwachsenenalter wurde überprüft, in welchem Leistungsbereich die Spieler nun aktiv waren [1, 15]. Dabei gelten die obersten fünf Ligen (Bundesliga, 2.-3. Bundesliga, Regionalliga, Oberliga) als Spitzenbereich, weil hierzu lediglich rund 1 % aller aktiven Fußballer in Deutschland zählen [14, 16]. Aus der Stichprobe erreichten 145 Spieler (12,8 %) den Spitzenbereich, alle anderen (N = 989, 87,2 %) spielten lediglich unterklassig.

Mit zunehmendem Alter wurden bessere Testergebnisse erzielt

Anhand der Testergebnisse aus der technomotorischen Leistungsdiagnostik wurde sowohl für den Gesamtscore als auch für die jeweiligen Einzeltests die motorische Leistungsentwicklung für zukünftige Spitzenspieler sowie Amateure modelliert. Es fällt auf, dass sich alle Spieler während des untersuchten Zeitraums in den getesteten technomotorischen Eigenschaften verbessert haben (ABB. 01). Allerdings weisen die späteren Spitzenspieler außer im 20 m Sprint durchgehend bessere Werte auf. Aufgrund der konstanten Leistungsdifferenz zwischen zukünftigen Spitzenspielern und Amateuren ist es jedoch nicht möglich, alleine aus der Entwicklung der motorischen Eigenschaften auf das spätere Leistungsniveau zu schließen.

Sie sehen die Technomotorische Leistungsentwicklung der Nachwuchsspieler von der U 12 bis zur U 15.
Eine Prognose wagen

Die Ergebnisse dieser Studie bestätigen den aktuellen Forschungsstand, der besagt, dass die technomotorische Leistungsfähigkeit ein geeigneter Prädiktor für das zukünftige Spielniveau im Erwachsenenalter ist [3, 4, 6, 8]. Die langfristige Entwicklung der getesteten Leistungsparameter trug in der vorliegenden Studie jedoch nicht signifikant zur Prognose bei [10], da technomotorisch überlegene Spieler ihren Vorteil bereits beim Eintritt in das TID-Programm mitbringen und gegenüber denjenigen, die später kein Spitzenniveau erreichen, dauerhaft aufrechterhalten.

Individuelle Entwicklungsverläufe beachten

Bei den Ergebnissen dieser Studie gilt es jedoch zu beachten, dass es sich bei den ermittelten Leistungsdifferenzen um Mittelwerte der Gruppe der späteren Spitzenspieler gegenüber der Gruppe von unterklassigen Spielern handelt. Individuelle Resultate können davon abweichen. So waren in der U 12 die technomotorischen Leistungen von mehr als 20 % der zukünftigen Spitzenspieler schlechter als die der unterklassigen Spieler. Deswegen erscheint es sinnvoll, individuelle Entwicklungsfaktoren zusätzlich zu untersuchen, um die Bedeutung der technomotorischen Leistungsfähigkeit auf das zukünftige Leistungsniveau besser einschätzen zu können. Zudem kann auch die Auswahl der Stichprobe eine Rolle spielen. Einerseits untersuchte die Studie eine bereits vorselektierte Stichprobe von Nachwuchstalenten (die besten 4 % ihres Jahrgangs). Andererseits wurden nur Ergebnisse von denjenigen gewertet, die an allen vier Testzeitpunkten teilgenommen haben. All diese Faktoren haben wahrscheinlich zu einer gewissen Homogenität der Stichprobe geführt, was das Gesamtergebnis möglicherweise verzerrt [7].

Weiterer Forschungsbedarf notwendig

Auch die Tatsache, dass bisher nur wenige Studien existieren, die sich mit der technomotorischen Leistungsfähigkeit im Nachwuchsbereich und deren Voraussagekraft bezüglich des Leistungsniveaus im Erwachsenenbereich befassen, zeigt die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen um letztlich eine klare Aussage treffen zu können.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Longitudinal motor performance development in early adolescence and its relationship to adult success: An 8-year prospective study of highly talented soccer players." die 2018 im Journal “Plos One” von Dr. Daniel Leyhr veröffentlicht wurde.

Literatur

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    1. (ohne Autor) (ohne Datum) Fussballdaten. Kaderlisten.

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