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Was den Übergang vom Nachwuchsspieler zum Profifußballer erschwert

Trainer sehen vier übergeordnete Hürden beim Karrieresprung

Talentförderung
Luftkampfduell zwischen Lukas Dirkner von der U-19 Nationalmannschaft und Jan Bieganski von der polnischen U-19 Nationalmannschaft. © 2020 Mathias Kern / Getty Images
    • Übergang vom Nachwuchs- in den Profifußball beinhaltet eine Reihe von entscheidenden Lebensereignissen, die bewältigt werden müssen.
    • Disziplin, Widerstandsfähigkeit, Engagement, Belastbarkeit, Selbstregulierung und Selbstbewusstsein sind Schlüsselkompetenzen, die den Übergang in den professionellen Fußball erleichtern können.
    • Höhere körperliche Belastung, erhöhte Trainingsintensität, größerer Leistungsdruck, Konkurrenzkampf, mangelnde Spielzeiten und verletzungsbedingte Auszeiten sind potenzielle Ursachen für einen Misserfolg beim Karrieresprung.
Abstract

Ein Platz in der Jugendmannschaft eines Bundesligisten ist für die meisten Nachwuchsspieler keine Garantie für eine spätere Profi-Karriere. Warum der Traum für viele Top-Talente zerplatzt, hat verschiedene Gründe. Trainer von Profimannschaften und Leiter von Nachwuchsakademien aus England benennen in einer Befragung vier wesentliche Bereiche, in denen Nachwuchsspieler beim Übergang vom Leistungszentrum in den professionellen Fußball mit besonderen Herausforderungen konfrontiert sind: Ein neues kulturelles Klima, härtere Arbeitsbedingungen, Berufsrisiken und soziale Herausforderungen können Ursachen für den Abbruch vielversprechender Karrieren sein.

Nur wenige Nachwuchsspieler schaffen den Sprung in den Profibereich

Er galt als Ausnahmetalent: Timo Heinze stieg als Zwölfjähriger beim FC Bayern München in die Nachwuchsförderung ein, durchlief mehrere U-Nationalmannschaften, wurde Deutscher A-Jugend-Meister und Kapitän der Amateurmannschaft des Bundesligisten. Doch während Mitspieler wie Thomas Müller oder Mats Hummels den Sprung in die deutsche Nationalmannschaft schafften, zerplatzte für Heinze der Traum von der weiteren Profi-Karriere. Als Gründe für seinen Ausstieg aus dem Fußball nennt er mangelnde Unterstützung im neuen Arbeitsumfeld, Verletzungen in wichtigen Phasen und fehlende sportpsychologische Unterstützung [1].
Wie Heinze geht es vielen. Ein vielversprechender Aufstieg im Jugendfußball ist für die meisten Nachwuchstalente keine Garantie für eine spätere Profikarriere. Eine Recherche aus dem Jahr 2018 zeigt: Nur rund 3,5 Prozent der Nachwuchsspieler, die seit der Saison 2010/11 die U 19-Teams der 56 deutschen Erstliga- bis Drittligaklubs durchlaufen haben, schafften den Karrieresprung in den Kader eines Bundesligisten oder in die erste Liga eines Vereins in Spanien, Italien, Frankreich oder England. Das sind 198 von insgesamt 5.738 Spielern [2].

Übergang gilt als entscheidende Anpassungsphase

Der Übergang vom Junioren- in den Seniorenfußball ist eine der Schlüsselphasen in der Karriereentwicklung junger Fußballspieler. Die Forschungsliteratur beschreibt einen solchen Übergang als eine Reihe von entscheidenden Lebensereignissen, die bewältigt werden und dem man sich anpassen muss [3]. Die Spieler sind gefordert, sich in einem anderen Umfeld (Phase nach der Nachwuchsakademie) zurechtzufinden und den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Häufig aber sind sie auf diesen Wechsel nicht vorbereitet, wie neuere Untersuchungen zeigen [4, 5]. Für viele ist der Übergang vom Nachwuchsleistungszentrum in den professionellen Fußball ein großes Erwachen. Laut Mitchel et al., 2020 werden die Spieler zwar in der Regel für ein bis zwei Jahre unter Vertrag genommen, spielen aber nicht zwangsläufig in der ersten Mannschaft und sitzen mitunter als Einwechselspieler auf der Bank [6]. Viele haben das Gefühl, in ihrem neuen Arbeitsumfeld nicht anzukommen. Diese mangelnde soziale Unterstützung kann zu einem Gefühl von Isolation und erhöhter Unsicherheit führen, beobachtet die Forschung [4]. Die Auswirkungen sind vielschichtig und meist mit anderen Aspekten des Lebens eines Athleten verflochten. Sie prägen sich sportlich, individuell, psychosozial, schulisch und finanziell aus [7].
Um den Karrieresprung zu meistern, werden allgemeinhin Schlüsselkompetenzen wie Disziplin, Engagement, Belastbarkeit, Widerstandsfähigkeit, Selbstregulierung und Selbstbewusstsein mit dem Übergang in den professionellen Fußball in Verbindung gebracht [8]. Die bisherigen Studien zum Thema gründen meist auf den Erfahrungen von Spielern. Vergleichsweise unterrepräsentiert sind die Einschätzungen der anderen Seite: derjenigen, die das Arbeitsumfeld gestalten und den Übergang begleiten. Wie sehen aus Trainersicht also die Herausforderungen beim Übergang vom Junioren- in den Seniorenbereich aus?   

Was den Übergang erschwert – aus Sicht von Trainern englischer Profimannschaften

Um einen neuen Blickwinkel auf die Frage zu richten, befragten Autoren einer britischen Studie 18 Trainer sowie Leiter und Mitarbeiter von Nachwuchsakademien von zehn Vereinen aus den ersten vier Ligen in England. Auch dort wird der Übergang vom Nachwuchs- in den Profibereich zum Flaschenhals der Fußballerkarriere [9]. Aus den Interviews kristallisierten sich vier wesentliche Bereiche heraus, die aus Sicht der Trainingspraxis verschiedene Herausforderungen beim Karrieresprung bergen: kulturelles Klima, Arbeitsbedingungen, Berufsrisiken und soziale Herausforderungen.

Kulturelles Klima

Das kulturelle Klima im englischen Profifußball ist oft autoritär, der Führungsstil dominant, Ton und Umgang sind rau. Junge Spieler, die zum ersten Mal auf diese Arbeitsatmosphäre treffen, treffen zudem auf eine festgefügte Hierarchie im Kader und einen harten Konkurrenzkampf um Spielerpositionen. Viele fühlen sich isoliert und vom Trainerstab wenig unterstützt. Häufig landen junge Spieler erstmal auf der Ersatzbank, mangelnde Einsätze und wenig Spielzeit lassen sie an ihren Fähigkeiten zweifeln und viele empfinden den Druck, Leistung zu zeigen, als besonders hoch. Weitere Faktoren sind die plötzliche mediale Aufmerksamkeit, die sich mit dem Aufstieg in den Kader der ersten Mannschaft auf sie richtet, und die Möglichkeiten eines neuen Lebensstils, die ein Profispielergehalt bietet. Beides kann junge Spieler von den eigentlichen sportlichen Leistungszielen ablenken und sie in die falsche Gewissheit wiegen, es bereits geschafft zu haben.

Was Trainer tun können:

  • Mehr Spielzeiten ermöglichen, zum Beispiel durch das Ausleihen der Spieler an andere Vereine, innerhalb von Freundschaftsspielen oder Einsätzen in der Amateur-Mannschaft.
  • Junge Spieler besser in den Kader integrieren und das Zusammengehörigkeitsgefühl fördern, zum Beispiel durch ein Buddy-System mit älteren Profis, die Rat und Anleitung bieten können.
  • Spieler sportpsychologisch begleiten, zum Beispiel im Umgang mit Ruhm und den Folgen für den eigenen Lebensstil.
Härtere Arbeitsbedingungen

Als Profispieler sind junge Nachwuchsspieler einerseits mit erhöhten körperlichen Anforderungen konfrontiert und müssen sich an die höhere Trainingsintensität anpassen. Andererseits werden sie nicht mehr so eng gecoacht wie noch im Nachwuchsbereich. Sie trainieren zwar mit der ersten Mannschaft mit, erhalten aber keine besondere Aufmerksamkeit oder Förderung und drohen so in ihrer Leistungsentwicklung stehen zu bleiben.

Was Trainer tun können:

  • Die Phase nach der Nachwuchsakademie auffangen und die Trainer-Spieler-Beziehung optimieren.
  • Optimale Belastungssteuerung, gerade bei Spielern die zwischen mehreren Mannschaften (Profi, Amateure, U-Nationalmannschaft) pendeln.
  • Trainern für die Bedürfnisse der Spieler in dieser Phase sensibilisieren.
Berufsrisiken

Verletzungen sind eine Herausforderung beim Übergang in den Profibereich und können dazu führen, dass Spieler frühzeitig aussteigen. Verletzungen können auch darauf zurückzuführen sein, dass die Spieler im Profiumfeld eine erhöhte Trainingsbelastung erfahren. Gerade bei jüngeren Spielern besteht die Sorge, während der Verletzungspause nicht gesehen und beurteilt werden zu können. Diese psychologische Belastung kann das Gefühl der Isolation noch verstärken.

Was Trainer tun können:

Soziale Herausforderungen

Wegbrechende Freundschaften, räumliche Trennung von Zuhause, Bindungen zu Lebenspartnern und dominante Eltern, die sich in das Trainingsleben einmischen wollen, können Ursachen für ein frühzeitiges Ende der Profikarriere sein. Obwohl sich solche äußeren Einflüsse ablenkend auswirken können, zeigt die Forschungsliteratur andererseits, dass soziale Bindungen und Erfahrungen entscheidend zur Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen beitragen [10]. Zu versuchen, Spieler von derlei Einflussfaktoren abzuschotten, ist daher auch für die fußballerische Entwicklung nicht zielführend.

Was Trainer tun können:

  • Elternarbeit intensivieren, die Kommunikation effektiver gestalten und Fortschritte in der Leistungsentwicklung effektiver vermitteln.
  • Persönlichkeitskompetenzen wie z. B. Kommunikation, Selbstbewusstsein von jungen Spielern schulen, um eine breitere psychosoziale Entwicklung zu fördern.
Sie sehen Hürden, die den Übergang vom Nachwuchsbereich in den Profifußball erschweren. Beispielsweise Verletzungen, mangelnde Trainer-Spieler-Beziehung, begrentze Spieleinsätze oder soziale Herausforderungen, wie beispielsweise dominante Eltern.

Die Inhalte basieren auf der Studie “Practitioner Perspectives on the Barriers Associated With Youth-to-Senior Transition in Elite Youth Soccer Academy Players”, die 2020 im “International Sport Coaching Journal” veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Mitchell, T., Gledhill, A., Nesti, M., Richardson, D., Littlewood, M. (2020): Practitioner Perspectives on the Barriers Associated With Youth-to-Senior Transition in Elite Youth Soccer Academy Players. International Sport Coaching Journal, 7 (3): 271-282
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    1. Heinze T, Müller T (2012). Nachspielzeit. Eine unvollendete Fußballkarriere. Rowohlt 2012

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    2. Die Zahlen basieren auf Daten des Branchenportals transfermarkt.de.

    3. Stambulova, NB (1994). Developmental sports career investigations in Russia: A post-perestroika analysis. The Sport Psychologist, 8, 221–237.

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    4. Richardson DJ, Relvas H, Littlewood MA (2013). Sociological and cultural influences on player development. In: Williams AM (Ed.). Science and soccer: Developing elite performers (pp. 139–154). London, UK: Routledge

    5. Røynesdal Ø, Toering T, Gustafsson, H (2018). Understanding players’ transition from youth to senior professional football environments: A coach perspective. International Journal of Sports Science & Coaching, 13(1), 26–37.

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    6. Mitchell, T., Gledhill, A., Nesti, M., Richardson, D., Littlewood, M. (2020): Practitioner Perspectives on the Barriers Associated with Youth-to-Senior Transition in Elite Youth Soccer Academy Players. International Sport Coaching Journal, 7 (3): 271-282nal Journal of Sports Science & Coaching, 13(1), 26–37.

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    7. Wylleman P, Rosier N (2016). Holistic perspective on the development of elite athletes. In: Wylleman P, Hatzigeorgiadis A et al., Sport and exercise psychology research: From theory to practice. San Diego, CA: Elsevier Academic. 269–288

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    8. Mills A, Butt J, Maynard I, Harwood C (2012). Identifying factors perceived to influence the development of elite youth football academy players. Journal of Sports Sciences, 30, 1593–1604

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    9. Anderson G, Miller RM (2011). The academy system in English professional football: Business value or following the herd? University of Liverpool, Management School Research Paper Series.

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    10. Erikson E (1968). Identity, youth, and crisis. New York, NY: Norton.