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Überwachung der Trainingsbelastung

Der schmale Grat zwischen Leistungsoptimierung und Erschöpfung

Technologie & Equipment
Medizin & Athletik
Der spanische FC Bayern München Spieler Javi Martinez liegt währende eines Spiels erschöpft am Boden. (Photo credit should read CHRISTOF STACHE/AFP/Getty Images)
    • Mehrdimensionale Ermüdung bisher noch unzureichend erfassbar.
    • Der „ideale“ Einzelparameter existiert derzeit nicht.
    • Übersicht über Methoden der Belastungsüberwachung.
    • Durch optimale Belastungssteuerung Überlastungen, Krankheiten und Verletzungen vermeiden.

Abstract

Sportler, Trainer und Betreuer setzen zunehmend auf die sportwissenschaftlich-medizinische Überwachung der Trainingsbelastung. Die begleitende Erfassung von Belastung und Beanspruchung während eines Trainingszyklus zeigt, wie sich ein Athlet an das Trainingsprogramm anpasst und hilft, seine Leistungsreserven durch gezielte Trainingsreize zu vergrößern, ohne dabei seine Belastbarkeit zu übersteigen. Eine präzise Trainingssteuerung fördert die notwendige Balance zwischen Belastung und Erholung und mindert das Risiko eines Leistungsabfalls, einer Erkrankung oder einer Verletzung. Noch fehlen in der Sportmedizin etablierte Marker für Erschöpfungszustände und die Diagnose von trainingsbedingter Überlastung bleibt komplex, bilanziert das narrative Review von Halson 2014 zum Thema. Sie zeigt auch: In der Trainingspraxis kommen verschiedene Methoden zum Einsatz, um Trainingsbelastung und physiologische Beanspruchung zu quantifizieren, zu analysieren und zu überwachen. Im Mannschaftssport angewendet, liefert die Belastungsüberwachung nicht zu unterschätzende Informationsgewinne.

Belastung und Erholung: Zwei Seiten einer Medaille

Damit Sportler ihr Leistungsniveau verbessern und im Wettkampf zur Höchstform auflaufen können, müssen die Anforderungen an ihr Training kontinuierlich steigen. Dabei sind Häufigkeit, Dauer und Intensität der körperlichen Belastung wichtige Parameter der Belastungssteuerung. Für eine gesunde Leistungsentwicklung ist aber auch die Balance zwischen Trainingsbelastung und Erholung entscheidend. Aufgabe des Trainers und dessen Team ist es, beides – körperliche Belastung und Regenerationsphasen – richtig zu dosieren. Das bedeutet, Trainingspläne an die individuellen Voraussetzungen anzupassen, Trainingsperiodisierungen adäquat zu planen und Trainingsreize so zu setzen, dass sich die Leistungsfähigkeit des Sportlers vergrößert, ohne seine Belastbarkeit zu übersteigen. Wäre das über einen längeren Zeitraum der Fall, droht irgendwann das Risiko eines „Übertrainings“. Ein solcher Erschöpfungszustand kann zu deutlichen körperlichen und psychischen Leistungseinbußen, aber auch zu negativen Begleiterscheinungen wie Erkrankungen und Verletzungen führen [1].

Noch fehlt in der Sportmedizin ein eindeutig etablierter Marker, der einen Erschöpfungszustand kennzeichnet. Außerdem ist die Diagnose  trainingsbedingter Überlastung  medizinisch gesehen komplex. Zwar gibt es verschiedene Parameter, die in der Trainingspraxis angewendet werden, um eine Wechselwirkung zwischen Trainingsbelastung und Leistungsveränderungen anzuzeigen. Dazu gehören u. a. die Belastungsparameter (Häufigkeit, Dauer, Intensität), Leistungsparameter bei motorischen Tests (z. B. Maximalkraft, Sprintzeit), Laborwerte (Kreatinkinase, C-reaktive Protein), psychometrische Fragebögen und die Schlafqualität. Sie haben sich aber in der wissenschaftlichen Literatur vielfach als unzulänglich erwiesen, um Überlastungsreaktionen fehlerfrei zu erkennen. Auch stoßen häufig genutzte Analysetools wie zum Beispiel Maximalkrafttests nicht immer auf Gegenliebe bei den Athleten  [2,3].  Zudem ist man sich in der Sport- und Trainingswissenschaft noch uneins, wie sich trainingsbedingte Überlastung genau äußert. Eine allgemein gefasste Definition versteht Erschöpfung als „die Unfähigkeit, ein Leistungsniveau abzurufen, das in der jüngeren Vergangenheit schon einmal erreicht worden ist“ [1].

Mit der richtigen Dosierung zum Erfolg

Einigkeit besteht aber unter Experten und Wissenschaftlern darin, dass Trainer, die auf eine umsichtige Trainingssteuerung setzen und die Ausgewogenheit von Belastung und Regeneration im Blick haben, ein stabiles Fundament für eine gesunde Leistungsentwicklung schaffen: Die Überwachung der Trainingsbelastung hilft, frühzeitig zu erkennen, ob sich die Leistungsfähigkeit eines Sportlers an die gesteigerten Trainingsanforderungen anpasst. So mindern Trainer das Risiko einer trainingsbedingten Überlastung.

Die optimale Relation zwischen Belastung und Beanspruchung

Bei der Überwachung der Trainingsbelastung wird zwischen äußerer Belastung und innerer Beanspruchung unterschieden. Die äußere körperliche Belastung umfasst die vom Athleten geleistete Arbeit, unabhängig von seiner eigenen Wahrnehmung. Zum Beispiel anhand von Messungen der Gesamtlaufstrecke über einen bestimmten Zeitraum. Die Beanspruchung ist die physiologische Antwort des Organismus auf die äußere Belastung. Sie wird mit entsprechenden Parametern wie zum Beispiel Herzfrequenz und Blutlaktat erfasst. Sie verdeutlichen die innere Beanspruchung des Sportlers. Erst in der Gesamtbetrachtung der äußeren Belastung und inneren Beanspruchung wird deutlich, wie fit oder erschöpft ein Sportler ist und welche Auswirkungen sich auf die Leistungsfähigkeit ergeben [4,1].

Methoden zur Erfassung der äußeren Belastung:

  • Maximalkraft, Geschwindigkeit und Beschleunigung
  • Time-Motion-Analyse (mittels GPS und digitalem Video)
  • Neuromuskuläre Funktion (z. B. mittels Counter Movement Jump)

Methoden zur Erfassung der inneren Beanspruchung:

  • Bewertung der wahrgenommenen Anstrengung (RPE)
  • Bewertung der wahrgenommenen Anstrengung in Bezug auf die Dauer der Trainingseinheit (Session-RPE)
  • Herzfrequenz (HR) als Kenngröße der Beanspruchungsintensität
  • Verhältnis von Herzfrequenz zu RPE (HR-RPE Ratio)
  • Trainingsimpulsmessung (TRIMP, Maß aus der Dauer der Trainingseinheit sowie HR-Parametern)
  • Blutlaktatwerte
  • Verhältnis von Blutlaktatwerten zur wahrgenommenen Anstrengung (Lactate-RPE Ratio)
  • Herzfrequenzerholung (HRR)
  • Herzfrequenzvariabilität (HRV)
  • Biochemische, hormonelle und immunologische Auswertung
  • Fragebögen und Trainingstagebücher
  • Psychomotorik
  • Schlafqualität und -quantität

Eine noch unterschätzte Trainingsmethode?

Die systematische Nutzung der Belastungsüberwachung im Profisport ist zeit- und kostenintensiv, bindet personelle Kapazitäten und setzt entsprechendes Fachwissen über die Methoden und die korrekte Interpretation der Daten voraus. Langfristige Erfolge für die Leistungsentwicklung hängen auch davon ab, wie gut Trainer und deren Team intern über Vorteile und Anwendung der Belastungsüberwachung informieren: Warum Belastungsanalysen gemacht werden, welche Methoden dafür genutzt und wie oft sie angewendet werden, was die Daten aussagen und wie sie interpretiert werden, sollte offen erklärt werden. Und schließlich nutzen die gewonnenen Erkenntnisse nichts, wenn sie nicht im Trainer- und Betreuerstab wie bei den Sportlern auf fruchtbaren Boden fallen und die Bereitschaft fehlt, darauf zu reagieren und entsprechende Veränderungen im Trainingsprogramm vorzunehmen.

Zwar hat eine Umfrage unter Fitnesstrainern verschiedener Sportarten zum Einsatz der Belastungsüberwachung gezeigt, dass ihre Methoden vor allem im Hochleistungssport angewendet werden, um Erschöpfung und Verletzungsrisiken zu senken und Trainingseffekte zu überprüfen [3]. Allerdings sind Einzelerfahrungen kaum durch öffentlich zugängliche Daten belegt. Auch ist das Feld in der Sport- und Trainingswissenschaft bisher noch wenig erforscht.

Was die Belastungsüberwachung im Mannschaftssport leisten kann

Auf den ersten Blick scheint die Anwendbarkeit der Belastungsüberwachung im klassischen Mannschaftstraining nicht offensichtlich. Gewinnbringend sind vor allem solche Methoden, die auf die motorischen Leistungsbereiche abzielen, wie zum Beispiel die Erfassung der Bewegungsmuster anhand von GPS Tracking. Äußere Einflüsse, die sich auch auf die Leistungsentwicklung auf Teamebene niederschlagen, bleiben damit aber ausgeblendet. Beispielsweise lässt sich nur schwer erfassen, wie sich Erschöpfung auf die spieltaktische Entscheidungsfähigkeit auswirkt. Punkten kann die Belastungsüberwachung im Mannschaftssport vor allem dann, wenn sie den Einzelnen auf Teamebene in den Blick nimmt. Das hebt der Autor der Leitstudie hervor: Ein individuelles Monitoring zur Prävention überlastungsbedingter Leistungseinbußen im Mannschaftstraining kann durchaus hilfreiche Informationen über Leistungsfähigkeit und Spielbereitschaft liefern. Die Einzelüberwachung identifiziert diejenigen, die sich den Anforderungen des Mannschaftstrainings unzureichend anpassen und die auf Belastung mit erhöhter oder zu niedriger Beanspruchung reagieren. Auch wird so die vergleichende Evaluation von Leistungsständen im Team möglich. Ein weiterer Vorteil: Der Blick auf den Einzelnen stellt sicher, dass die Beanspruchung pro Spieler, die ein Trainer mit der Trainingseinheit erreichen will, auch mit dem subjektiven Belastungsempfinden des Sportlers übereinstimmt. So wird gewährleistet, dass die Leistungsgrenzen adäquat erreicht werden. Eine Studie, die bei Schwimmern die wahrgenommene Anstrengung (Session-RPE) im Verhältnis zur Herzfrequenz betrachtet hat, belegt, dass die vom Trainer gedachte Beanspruchung und die vom Sportler empfundene Intensität eines Trainings auseinanderklaffen können: Die Schwimmer hatten die Trainingsbelastung intensiver wahrgenommen als vom Trainer geplant; umgekehrt wurden bisweilen aber auch intensivere Trainingseinheiten als weniger belastend empfunden [4]. Demzufolge verhindert eine individuelle Belastungssteuerung, dass Leistungsgrenzen weder unter- noch überschritten werden.

Abweichungen richtig einschätzen und Daten sinnvoll auswerten

Ist jede Veränderung in der Leistungsentwicklung, die sich aus der Belastungsanalyse ergibt, automatisch bedeutsam? Tatsächlich hängt der Erfolg der Methode davon ab, dass die erhobenen Daten richtig interpretiert werden. Nur so lässt sich der Leistungsstand eines Sportlers korrekt beurteilen und ein beobachteter Leistungsabfall oder -anstieg richtig einschätzen. Studien legen dafür die Berechnung der geringsten Wertänderung (engl. smallest worthwile change, SWC) und die Berücksichtigung des Variationskoeffizienten nahe. Sie helfen, tatsächliche Änderung der Leistung von einer typischen Abweichung, die in der Zeitreihe auftreten und die dem Einfluss externer Faktoren geschuldet sein können, zu unterscheiden [5]. Mit anderen Worten: Diese Berechnung ist ein Maß für die Streuung der Daten relativ zum Mittelwert, die sich in der Sportwelt etabliert hat, um Messergebnisse zu validieren und daraus sinnvolle Modifikationen der Trainingsbelastung und des Regenerationsmanagements zu treffen.

Da die Hilfsmittel zur Belastungsüberwachung wie GPS und Videoaufzeichnung sowie klassische Datenaufzeichnungen wie  Herzfrequenzmessungen und Fragebögen zum subjektiven Belastungsempfinden Trainern und Betreuern Unmengen von Daten liefern, empfehlen sich Datenmanagementsysteme, um sie zu verwalten und sinnvoll statistisch auszuwerten. Solche Auswertungen tragen zum besseren Verständnis der Wirkungszusammenhänge von körperlicher Fitness, Belastbarkeit und Erschöpfung bei [6]. Anhand der Analyse ganzer Zeitreihen lässt sich zum Beispiel die Leistungsentwicklung rückblickend betrachten und ableiten, wann ein Sportler sportliche Höchstleistungen liefert und welche Umstände das begünstigen.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Monitoring training load to understand fatigue in athletes.", die 2014 in "Sports medicine" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Halson, S. L. (2014). Monitoring training load to understand fatigue in athletes. Sports medicine, 44(2), 139-147.

    Studie lesen
    1. Pyne DB, Martin DT. Fatigue-Insights from individual and team sports. In: Marino FE, Regulation of fatigue in exercise. New York: Nova Science 2011, 177–185

    2. Meeusen R, Duclos M, Foster C, et al. Prevention, diagnosis, and treatment of the overtraining syndrome: joint consensus statement of the European College of Sport Science and the American College of Sports Medicine. Med Sci Sports Exerc. 2013, 45:186–205

    3. Taylor K. Fatigue monitoring in high performance sport: a survey of current trends. J Aus Strength Cond. 2012, 20:12–23

    4. Wallace LK, Slattery KM, Coutts AJ. The ecological validity and application of the session-RPE method for quantifying training loads in swimming. J Strength Cond Res. 2009, 23:33–8

    5. Twist C, Highton J. Monitoring fatigue and recovery in rugby league players. Int J Sports Physiol Perform. 2013, 8:467–474

    6. Banister EW, Calvert TW. Planning for future performance: implications for long term training. Can J Appl Sport Sci. 1980, 5:170–176