Spielanalyse

Frenkie de Jong - ein taktisches Profil

Frenkie de Jong steht stellvertretend für die nächste Goldene Generation der Niederlande. Was macht ihn so besonders?

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  1. Christopher Toetz

    Christopher Toetz, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert mit Hilfe der Leitlinien der DFB-Spielauffassung diverse Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball.

Aufgrund seiner herausragenden Champions-League-Saison ist Ajax Amsterdam derzeit in aller Munde. Erik ten Hag hat ein aufregendes Team aus hochtalentierten jungen Spielern und einigen erfahrenen Recken entwickelt. Ein wichtiges Puzzle-Teil dieser Mannschaft ist Frenkie de Jong. Der 21-Jährige zeigt gerade in der Ballbesitzphase besondere Fähigkeiten, mit denen er das Spieltempo bestimmt und die Defensive und Offensive miteinander verbindet.

Der Erbe Cruyffs

Während Frenkie de Jong zu Beginn seiner Profikarriere hauptsächlich die Position des Innenverteidigers bekleidete, ist er mittlerweile fester Bestandteil des zentralen Mittelfelds. Seine technischen Qualitäten, sein kluges Positionsspiel mit und ohne Ball sowie seine außergewöhnliche Fähigkeiten als Balltreiber und -verteiler machen ihn zu einem vielseitigen Spieler. Die wohl besten Leistungen lieferte er als Teil einer 'Doppel-Sechs' in einem 4-2-3-1 ab, da hier seine Stärken im Passspiel und Dribbling am besten zur Geltung kommen. Doch auch die Rolle des alleinigen 'Sechsers' in einem 4-3-3-System hat er bereits eindrucksvoll ausgefüllt.

Bereits in der ersten Phase des Aufbauspiels nimmt Frenkie de Jong eine prägende Rolle ein. Mit weiträumigen Freilaufbewegungen bietet er sich frühzeitig an, um das Spiel von hinten anzukurbeln. Dabei orientiert er sich stets vor und 'scannt' seine Umgebung hinsichtlich Gegenspielern, Mitspielern und bespielbaren Räumen. Ergibt sich die Möglichkeit, dribbelt de Jong mit viel Mut in offene Räume der Halb- und Zentrumsspuren – sei es zum Überwinden gegnerischer Linien oder zum Binden eines Gegenspielers in einer 2-gegen-1-Situation.

Aufgrund der umfassenden Vororientierung sind seine Anschlussaktionen erfolgsstabil und von hoher Qualität. Wenn Frenkie de Jong bei der Annahme von vorne gepresst wird, wendet er oftmals ein technisch-taktisches Mittel an, das auch Toni Kroos häufig nutzt. Nach dem Zuspiel nimmt er den Ball mit dem ersten Kontakt in Richtung des anlaufenden Gegenspielers mit, wodurch dieser aus dem Gleichgewicht gebracht wird und überspielt werden kann. In Situationen, in denen er von hinten gepresst wird, setzt de Jong verschiedene Körpertäuschungen ein. Diese sollen den Gegenspieler zu fehlerhaften Bewegungen verleiten, die er mit einem Richtungswechsel und anschließendem Tempodribbling ausnutzt.

    1. Ajax im Spielaufbau: De Jong dribbelt mit Tempo vom eigenen Strafraum auf der Halbspur in Richtung Mittelfeldzone.

    2. Dabei wird er ab der Mittellinie von einem Gegenspieler seitlich angelaufen, sodass er das Dribbling in den freien Raum der zentralen Spur fortsetzt.

    3. Durch den Tempovorsprung kann de Jong den Gegenspieler überlaufen.

    4. Kurz vor der gegnerischen Abwehr verschafft er sich einen Überblick über die Spielsituation.

    5. Dadurch nimmt er die Laufwege seiner Mitspieler wahr und spielt anschließend einen Pass hinter die Abwehrreihe.

    1. De Jong blickt in die Tiefe und erhält freistehend einen Pass vom Mitspieler.

    2. Anschließend dribbelt er zwischen zwei Gegenspielern hindurch ins Mittelfeld. Der gegnerische Mittelfeldspieler (ZDM) erkennt die Situation und löst sich von van de Beek.

    3. De Jong dribbelt auf den ZDM zu, bindet diesen und passt zum richtigen Zeitpunkt zum so freigespielten van de Beek.

    1. De Jong erhält ein Zuspiel und wird bereits vor der Annahme vom gegnerischen Mittelstürmer (MS) und zentralen Mittelfeldspieler (ZDM) unter Druck gesetzt.

    2. Mit der Annahme öffnet de Jong seine Körperachse zum eigenen Tor und täuscht einen Pass nach hinten an. Daraufhin läuft der MS durch und der ZDM rückt näher.

    3. Nach dieser Voraktion täuscht de Jong mit einem Ausfallschritt ein Dribbling in den nun freien Raum an, auf den der gegnerische ZDM entsprechend reagiert.

    4. Jetzt nimmt de Jong den Ball in die entgegengesetzte Richtung mit und wandelt seinen Gedankenvorsprung gegenüber dem ZDM in einen Bewegungsvorsprung um.

    5. Im Anschluss kann de Jong den so erspielten Vorteil mit einem Dribbling in den Rücken des ZDMs nutzen und diesen überwinden.

    1. Der Ball befindet sich zentral in der ersten Aufbaulinie. De Jong läuft sich nach außen frei und blickt bereits in die Tiefe.

    2. Er erhält das Zuspiel und nimmt den anlaufenden gegnerischen zentralen Mittelfeldspieler wahr. Mit dem ersten Kontakt spielt er den Ball entgegen dessen Laufrichtung vor.

    3. Dadurch bringt de Jong den ZM aus der Balance und verschafft sich einen Bewegungsvorsprung. Diesen nutzt er für eine weitere Orientierung.

    4. Anschließend entscheidet er sich für ein Dribbling in den freien Raum im Rücken des Gegenspielers. Durch eine Tempoverschärfung bewahrt er seinen Vorsprung.

    1. Tagliafico erhält ein Zuspiel von Onana. Mit dem Pass blickt de Jong bereits über die Schulter und fordert den Ball.

    2. Vor dem Zuspiel blickt de Jong erneut über die Schulter und nimmt den anlaufenden gegnerischen Mittelstürmer wahr.

    3. Durch das Vorwissen nimmt de Jong den Ball mit dem ersten Kontakt nach vorne an und mit, ...

    4. ... dribbelt um den Gegenspieler und quer durch den freien Raum vor dem Strafraum. Anschließend erfolgt eine Spielverlagerung.

Die Passmaschine

Eine weitere große Stärke von Frenkie de Jong ist sein variables Passspiel, wodurch er in der Lage ist, als Ballverteiler die Spielrichtung und das Tempo bestimmen zu können. Der Mittelfeldstratege spielt im Schnitt 70,6 Pässe pro Spiel, davon über zwei Drittel vorwärtsgerichtet, die er zu rund 90% erfolgreich an den Mitspieler bringt. Damit unterstützt er das Kombinationsspiel maßgeblich und sorgt für stabile Ballbesitzphasen seiner Mannschaft. Eine besondere Qualität zeigt er dabei beim Passpiel. Regelmäßig führt er seine Gegenspieler in die Irre, indem er mit seinem Dribbelweg oder seiner Körperstellung eine Passrichtung andeutet, jedoch anschließend in eine völlig andere spielt. Das erschwert den Gegnern das Abfangen der Zuspiele. Ein Mittel, das Barcelonas Sergio Busquets perfektioniert hat. Neben kurzen Pässen und 'Chipbällen' hinter die Abwehrreihe streut er immer wieder diagonale Spielverlagerungen auf die ballferne Außenspur ein, wodurch die Flügelspieler in aussichtsreiche 1-gegen-1-Situationen gebracht werden.

    1. De Jong ist in Erwartung eines Zuspiels und 'scannt' bereits die Umgebung. Anschließend passt Tagliafico zu de Jong und startet in die Tiefe.

    2. De Jong nimmt dessen Sprint sowie dessen Bewegungsvorsprung wahr und passt präzise in den freien Raum hinter der Abwehr.

    1. De Jong dribbelt in die Halbspur und bindet den zentralen Mittelfeldspieler (ZDM).

    2. Anschließend dribbelt er parallel zur Mittelfeldreihe und blickt sich um. Neres startet in die Tiefe und öffnet so die Außenspur für Mazraoui.

    3. De Jong schützt den Ball mit seinem Körper und nutzt den freigezogenen Raum zu einer Spielverlagerung auf Mazraoui.

    1. Ausgangssituation: De Jong erhält in der Zentrumsspur ein Zuspiel vom Mitspieler.

    2. De Jong nimmt den anlaufenden gegnerischen zentralen Mittelfeldspieler (ZDM) wahr und dribbelt quer zur Spielrichtung.

    3. Das Dribbling und die Körperstellung lassen eine Aktion nach außen vermuten, doch de Jong passt entgegen der Bewegungsdynamik zum Mitspieler in die Tiefe.

    1. De Jong wird vom Mittelstürmer (MS) unter Druck gesetzt und dribbelt in Richtung eigenes Tor.

    2. Er passt zu Onana, der direkt vom MS angelaufen wird. Anschließend setzt sich de Jong in dessen Rücken ab und bietet sich an.

    3. Onana spielt zurück zu de Jong, der sich zuvor bereits orientiert hat. Nach der An- und Mitnahme verlagert er das Spiel auf die andere Seite.

Spieler der Moderne

Frenkie de Jong ist zweifellos eines der interessantesten Talente im Weltfußball. Er verfügt sowohl im Passspiel als auch im Dribbling über herausragende Fähigkeiten. Eine Kombination, die im Fußball äußerst selten ist und durch die er nahezu alle Positionen gleichermaßen gut ausfüllen kann. Dabei überzeugt er stets mit vorwärtsgerichteten Lösungen der Spielsituationen, die er mit erkennbar viel Mut und Selbstvertrauen ausspielt.

De Jong spielt brutal selbstbewusst, macht Dribblings am eigenen Strafraum, ist ständig unterwegs, spielt einen ganz tollen, sicheren Fußball. Er ist ganz cool und abgebrüht.

Frank Wormuth, Cheftrainer von Heracles Almelo