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Einfluss einer verkürzten Winterpause auf das Verletzungsrisiko

Kurze Pause! Profispieler regenerieren schnell

Medizin & Athletik
Ein Fußballplatz wird während des Winters gepflegt. (Photo by Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images)
    • Eine verkürzte Winterpause hatte keinen Einfluss auf die Gesamtanzahl aller auftretenden Verletzungen.
    • Im Detail wurde jedoch eine höhere Anzahl an Verletzungen im Training und Knieverletzungen festgestellt.
    • Auch schwere Verletzungen (Ausfallzeit > 7 Tage) traten tendenziell häufiger auf.

Abstract

Erholung und Regeneration sind von großer Bedeutung, um das Verletzungsrisiko klein zu halten. Eine verkürzte Winterpause in der Saison führt nicht generell zu mehr Verletzungen. Allerdings kann sie für manchen Spieler den Wiedereinstieg ins Training erschweren und die Zahl ernsterer Blessuren erhöhen. 

Verletzungsrisiko bei verkürzter Winterpause

Verletzungen im Profifußball sind kaum zu vermeiden. Statistisch gesehen kommt es während 1.000 Trainings- oder Spielstunden zu 6,2 bis 9,4 Verletzungen. Spiele sind dabei riskanter als das Training: Im Spiel weisen die Statistiken 16,6 bis 42 Verletzungen pro 1.000 Stunden aus, im Training sind es zwischen 2,9 und 11,8.

Während der Saison 2009/2010 wurde die Winterpause in der 1. und 2. Bundesliga aus ökonomischen Gründen von 6,5 auf 3,5 Wochen reduziert. Die Spielpläne für die beiden Saisonhälften blieben dabei unverändert. Die verkürzte Winterpause rief bei vielen der beteiligten Vereine die Befürchtung hervor, dass dadurch das Verletzungsrisiko für die Spieler steigen könnte. Dreieinhalb Wochen, so die Kritik, könnten zu kurz sein, damit sich die Teams von den Anstrengungen der Vorrunde ausreichend erholen und als Folge müde in die zweite Saisonhälfte starten.

Diese Befürchtungen waren weitgehend unbegründet. Die Ergebnisse der von der Deutschen Fußball Liga (DFL) unterstützten Studie zeigen, dass die kürzere Pause generell die Zahl der Verletzungen während der Spiele nicht erhöht hat. Allerdings kam es während des Trainings etwas häufiger zu Zerrungen und ähnlichem – hier insbesondere zu Knieproblemen. Zudem zeigt die Auswertung bei kürzerer Pause einen Trend hin zu ernsteren Verletzungen, die einen Ausfall der Betroffenen länger als sieben Tage zur Folge hatten.

Was wurde untersucht? Wer nahm teil?

Das medizinische Personal der an der Studie beteiligten Vereine lieferte die notwendigen diagnostischen Basisinformationen (Ausmaß der Verletzung, betroffener Körperteil, Art und Ursache). Sie orientierten sich dabei an einem Konsensusstatement zwischen Arbeitsgruppen von FIFA und UEFA  zum Thema Verletzungen [1]. Die ausgewerteten Daten stammen aus der zweiten Hälfte der Saison 08/09 und aus der Saison 09/10. Im Winter 09/10 wurde die Spielpause in beiden Bundesligen von 6,5 auf 3,5 Wochen verkürzt und daraufhin die Verletzungsdaten der folgenden 16-wöchigen Spielsaison zwischen Januar und Mai 2010 analysiert, um sie mit der vorangegangenen Saison zu vergleichen. 

Insgesamt nahmen sieben Vereine an der Untersuchung teil – fünf aus der 1. Bundesliga, zwei aus der 2. Bundesliga. Unter den teilnehmenden Spielern waren 26 Torwarte, 80 Verteidiger, 94 Mittelfeldspieler und 54 Stürmer.

Laut Konsensus gilt ein Spieler als verletzt, wenn er nicht uneingeschränkt an Spiel oder Training teilnehmen kann [1]. Die Schwere der Verletzungen wird in fünf Stufen unterteilt: geringfügig (Ausfall oder Einschränkung 0 Tage), minimal (1 – 3 Tage), schwach (4 – 7 Tage), mittel (8 – 28 Tage) und schwer (länger als 28 Tage). „Geringfügig“ ist die Verletzung dann, wenn der betroffene Spieler am nächsten Tag bereits wieder fit ist. Da die Vereine solche kleinen Probleme oft nicht oder nicht regelmäßig dokumentieren, wurde diese Stufe nicht in die Studie einbezogen. Bei mehreren gleichzeitig verletzten Körperteilen zählte nur die schwerste Blessur. Ging der Verletzung ein eindeutiger Auslöser voraus – beispielsweise der Zusammenstoß zweier Spieler – wurden diese Ereignisse als „traumatisch“ kategorisiert. Resultierte die Verletzung aus der wiederholten Überanstrengung bestimmter Körperteile, wurden sie der Kategorie Überanstrengung zugeordnet.  

Kurze Winterpause: Wiederaufnahme des Trainings tendenziell von mehr Verletzungen begleitet

Die teilnehmenden Spieler haben im Untersuchungszeitraum zwischen Januar und Mai 2009 insgesamt 25.576 Stunden trainiert und gespielt (davon waren 22.816 h Training und 2.870 h Spiel), zwischen Januar und Mai 2010 waren es 22.748 Stunden (20.116 h Training und 2.613 h Spiel). In insgesamt 300 Fällen fiel ein Spieler durch Verletzung aus (141 Fälle während des Trainings, 159 Fälle im Spiel). Die Gesamtzahlen der Saison 2009 unterscheiden sich dabei von denen der Saison 2010 kaum: 2009 waren es 151 dokumentierte Verletzungen, 2010 waren es 149. 

Bezogen auf die 254 teilnehmenden Spieler der Untersuchung bedeutet es, dass jeder Spieler im Durchschnitt 0,8 Verletzungen während der zweiten Hälfte der Saison nach der Winterpause erlitt. Das heißt, dass bei jedem Spiel und bei jeder Trainingseinheit durchschnittlich drei Spieler bzw. 11 % des Kaders durch Verletzung fehlten. Zwei Drittel der Fälle waren traumatische Ereignisse, der Rest ist auf Überanstrengung zurückzuführen. Die häufigste Verletzung war eine Zerrung des Oberschenkelmuskels (79 der erfassten 300 Verletzungen). Im Durchschnitt meldete jedes Team pro Saison 5,6 Oberschenkelzerrungen, die zu einem Ausfall von durchschnittlich jeweils 10,6 Tagen führten. 

Der Blick auf die schwereren Verletzungen – bei denen ein Spieler länger als acht Tage außer Gefecht gesetzt war – zeigt, dass das generelle Risiko beim Training durch die verkürzte Winterpause leicht erhöht war. Zudem waren bestimmte Körperteile der Spieler anfälliger als andere. So war beispielsweise die Zahl der Knieverletzungen nach der kürzeren Winterpause erhöht.

Ein höheres Verletzungsrisiko zeigte sich insbesondere im Januar während der ersten Trainingseinheiten nach der Pause. Das ist ein Hinweis darauf, dass die kürzere Erholungsphase bei manchen Spielern nicht ausreichend war für eine vollständige Regeneration und ihnen der Wiedereinstieg schwerer fiel. Diese Anfangsschwierigkeiten müssen angesehen werden als die wesentliche Ursache für das leicht gestiegene Risiko für stärkere Verletzungen und für die erhöhte Anfälligkeit bestimmter Körperteile in der zweiten Hälfte der Saison 09/10. In den Wochen danach sanken die Zahlen wieder.

Bislang gibt es nur wenige Untersuchungen zu den körperlichen Auswirkungen von länger anhaltender Ermüdung im Fußball. Von akuten Erschöpfungszuständen ist bekannt, dass sie Verletzungen von Gelenken und Bändern begünstigen: Überanstrengte Muskeln können bei einem erschöpften Spieler ihre Aufgabe zur Stabilisierung der Gelenke und zur Aufnahme potenzieller Energie nicht mehr ausreichend gut erfüllen. Auch die neuromuskuläre Kontrolle ist eingeschränkt. Besonders bei Sprüngen und Bremsmanövern steigt das Risiko für Bänderrisse, da Scherkräfte und die lokale Belastung von Knie- und Hüftgelenken steigen. All diese Faktoren können dazu beitragen, dass sich beim Training unmittelbar nach der verkürzten Winterpause 2010 mehr Spieler verletzt haben. Die Ursachen von Kniebänder-Rupturen wurden bislang im Wesentlichen im Frauenfußball analysiert, da Frauen hier größeren Risiken ausgesetzt sind. Ob diese Erkenntnisse auf männliche Fußballer übertragbar sind, ist unklar.

Bei kürzerer Pause bleibt weniger Zeit für Prävention und Fitnessprogramme

Detailinformationen über Trainingszeiten, -methoden und -stil standen der Studie nicht zur Verfügung, da die Vereine solche Angaben aus verständlichen Gründen unter Verschluss halten. Sicher ist aber: Der Wettbewerbsdruck im Fußball steigt. Insbesondere bei kurzer Vorbereitungszeit kann das bei manchen Spielern früher zu Müdigkeit und Erschöpfungserscheinungen führen. Die Priorisierung von Trainingseinheiten zur Erhaltung und Verbesserung der konditionellen Leistungsfähigkeit, zulasten des Regenerations- und Präventionstrainings, könnte zum Teil den leichten Trend hin zu schweren Verletzungen von Gelenken und Bändern erklären. Daraus folgt, dass sorgfältige Planung und Überwachung von Training, Prävention und Regeneration eine große Rolle spielen, um auch bei einer verkürzten Winterpause das Verletzungsrisiko für die Spieler zu minimieren. 

Ein wichtiger Aspekt ist nicht zuletzt der Umgang der Vereine mit geringfügigen Verletzungen. Sie werden oft gar nicht oder nicht konsequent und regelmäßig gemeldet und dokumentiert. Laut Bjørneboe et al. [2] wird dadurch die tatsächliche Zahl an Verletzungen um mindestens 20 % unterschätzt. Für Studien zum Verletzungsrisiko und Verletzungsgeschehen allerdings ist eine umfassende Darstellung und vollständige Datenlage von großer Bedeutung – nicht zuletzt deshalb, weil kleine Vorschäden spätere ernsthafte Verletzungen begünstigen können.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Injury characteristics in the German professional male soccer leagues after a shortened winter break.", die 2014 im "Journal of Athletic Training" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. aus der Fünten, K., Faude, O., Lensch, J., & Meyer, T. (2014). Injury characteristics in the German professional male soccer leagues after a shortened winter break. Journal of athletic training, 49(6), 786-793.

    Studie lesen
    1. Fuller, C. W., Ekstrand, J., Junge, A., Andersen, T. E., Bahr, R., Dvorak, J., ... & Meeuwisse, W. H. (2006). Consensus statement on injury definitions and data collection procedures in studies of football (soccer) injuries. Scandinavian journal of medicine & science in sports, 16(2), 83-92.

    2. Bjørneboe, J., Flørenes, T. W., Bahr, R., & Andersen, T. E. (2011). Injury surveillance in male professional football; is medical staff reporting complete and accurate?. Scandinavian journal of medicine & science in sports, 21(5), 713-720.