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Elite-Level trotz Kreuzbandriss im Jugendalter

Junge Talente, die sich am vorderen Kreuzband verletzen, müssen ihren Traum vom Profifußball nicht begraben.

Talententwicklung
Medizin
Ein Jugendnationalspieler liegt verletzt am Boden.
    • Die Rückkehrquote von Profispielern, die sich einer Rekonstruktion des vorderen Kreuzbands unterziehen, ist sehr hoch.
    • Auswahlspieler, die sich im Alter zwischen 15 und 19 Jahren am vorderen Kreuzband verletzen und sich einer operativen Rekonstruktion unterziehen, haben die gleichen Chancen später einmal Elitelevel zu erreichen wie gleichaltrige Spieler, die von der Verletzung verschont bleiben.
    • Es spielt für die spätere Leistungsfähigkeit keine Rolle, ob die Spieler sich im früheren (15 bis 17 Jahre) oder im späteren (18 bis 19 Jahre) Jugendalter am vorderen Kreuzband verletzten.
    • Spielerinnen verletzen sich zwei- bis dreimal so häufig am vorderen Kreuzband wie männliche Spieler.
    • Rund ein Viertel aller Fußballspieler, die sich im Jugendalter am vorderen Kreuzband verletzen, benötigt später eine weitere Kreuzbandoperation.
Abstract

Vor allem Spieler im Jugendalter sind anfällig für Verletzungen am vorderen Kreuzband. Nach operativer Rekonstruktion des Kreuzbands stehen die Chancen generell gut, dass der Spieler zum Sport zurückkehren und an das vorhergehende Leistungsniveau anknüpfen kann. Diese Studie zeigt, dass junge Talente durch die operative Rekonstruktion des vorderen Kreuzbands weiterhin alle Möglichkeiten besitzen, später Elitelevel zu erreichen und Profispieler zu werden. Was die Leistungsfähigkeit angeht, scheinen sie gleichaltrigen Spielern, die unverletzt bleiben, in kaum etwas nachzustehen. Allerdings benötigt knapp ein Viertel aller einmal am Kreuzband verletzten Spieler in späteren Jahren eine weitere Operation. Die künftige Kniegesundheit eines Spielers sollte daher immer mit bedacht werden, wenn entschieden werden muss, ob ein junger Spieler nach erstmaliger Kreuzbandverletzung wieder zur ursprünglichen leistungssportlichen Ausrichtung zurückkehren sollte.

Fußball fordert das vordere Kreuzband enorm

Fußball gehört mit seinen plötzlichen Abstopp- und Drehbewegungen zu den Sportarten, die die Bänder des Kniegelenks besonders beanspruchen. Dabei zählen Risse des vorderen Kreuzbands (VKB) zu den häufigsten Knieverletzungen, die Fußballspieler – vor allem im Jugendalter – erleiden. In den meisten Fällen empfehlen Mediziner eine chirurgische Wiederherstellungstherapie. Junge Spieler, die Ambitionen auf den Profifußball hegen und nach einem Riss des VKB bald wieder größtmögliche Kniestabilität erreichen möchten, entscheiden sich fast ausnahmslos für die chirurgische Rekonstruktion des VKB [1]. Dabei dienen körpereigene Sehnen (Patellar- oder Oberschenkelsehne) als Ersatzplastik für das gerissene Kreuzband.

Ein wichtiges Maß für den Erfolg eines solchen chirurgischen Eingriffs stellt die Rückkehrrate dar. Bei Fußballspielern, die bereits Elitelevel erreicht haben, ist die Rückkehrrate sehr hoch: Fast alle Profispieler, die eine Verletzung des VKB erleiden und sich operativ behandeln lassen, kehren nach einigen Wochen wieder zu ihren Mannschaften zurück [2, 3]. Allerdings hat rund ein Drittel aller Fußballspieler, die sich einer VKB-Rekonstruktion unterziehen, noch nicht das 21. Lebensjahr erreicht. Von diesen, die nach der Operation zum Fußballspiel zurückgekehrt waren, laborierten knapp 30% später erneut an einer Verletzung des vorderen Kreuzbands [2].

Beeinträchtigen Kreuzbandverletzungen die Karrierewege junger Talente?

Ist die Rückkehrrate nach VKB-Verletzung bei jungen Spielern ähnlich hoch wie bei Profifußballern? Mindert ein Riss des vorderen Kreuzbands bei jungen Talenten die Chancen, später einmal Elitelevel zu erreichen? Und spielt es eine Rolle für den weiteren Karriereweg, ob sich ein talentierter Teenager in den frühen oder späten Jugendjahren verletzt? Diesen Fragen sind schwedische Sportwissenschaftler um Alexander Sandon in einer Studie nachgegangen.

Die Forscher analysierten zunächst die Datensätze des nationalen schwedischen Elitecamps aus den Jahren 2005-2011. Für dieses jährlich stattfindende Trainingscamp werden die vielversprechendsten Talente im Alter von 15 Jahren aus den diversen schwedischen Bezirken ausgewählt. Anhand einer nationalen Identifikationsnummer konnten die Forscher in einem Operationsregister abgleichen, welche Spieler des Talentcamps sich einer VKB-Rekonstruktion unterzogen hatten. Abschließend überprüften die Mediziner, welche Teilnehmer der damaligen Auswahlcamps im Alter von 21 Jahren in einem Eliteteam (d. h., Mannschaft der ersten oder zweiten schwedischen Liga) spielten. Um Aufschluss darüber zu erhalten, ob Verletzungen am vorderen Kreuzband jungen Talenten den Weg in die Eliteligen verstellen könnten, verglichen die Forscher die Spieler des Talentcamps, die zwischen dem 15.  und 19. Lebensjahr eine VKB-Verletzung erlitten hatten, mit jenen Talenten ohne Verletzung am VKB.

Spieler mit VKB-Historie können später mithalten

Nach Analyse der Daten zeigte sich kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen einer chirurgischen Wiederherstellungstherapie am VKB während der Lebensjahre 15 bis 19 und einer aktiven Rolle in einem Eliteteam zum 21. Lebensjahr. Eine Verletzung und anschließende Operation am vorderen Kreuzband hinderte die jungen Talente also keineswegs darin, einige Jahre später in einer Profimannschaft mitzuspielen. Ebenso war es den Daten zufolge unerheblich für den weiteren Karriereweg, ob die Spieler im früheren (15 bis17 Jahre) oder im späten (18 bis 19 Jahre) Teenageralter eine Verletzung am VKB erlitten hatten.

Die operative Therapie scheint den Knieapparat demnach so gut wieder instand zu setzen, dass ehemals am VKB verletzte Spieler bei Rückkehr zum Fußball auf dem Leistungslevel der gleichaltrigen Mitspieler bestehen können. Auch die längere Rehabilitationsphase nach der Operation führe wohl nicht dazu, dass die Spieler in ihrer Leistung zu weit zurückfallen, folgern die Forscher um Alexander Sandon.

Ist später ein Nachspiel zu befürchten?

In einer weiteren Studie glaubten zwei Drittel der U20-Spieler, die sich zuvor einer VKB-Rekonstruktion unterzogen hatten, dass sie die gleiche Leistung wieder abrufen konnten wie vor der Verletzung [4]. Andere Studien kommen demgegenüber zu dem Schluss, dass Profifußballer etwas an Leistungsfähigkeit und Karrieredauer einbüßen mussten, nachdem sie im Anschluss an eine VKB-Rekonstruktion wieder zum Leistungssport zurückgekehrt waren [5, 6]. Drei Jahre nach der VKB-Rekonstruktion spielten immerhin noch 86% der männlichen Profis auf höchstem Niveau [6].

Prävention – vor allem im Frauenfußball

Besorgt zeigen sich die Mediziner um Studienleiter Sandon angesichts der vergleichsweise hohen VKB-Verletzungsrate in der analysierten Spielergruppe. Einer von 10 Spielern hatte sich in den folgenden Jahren einer VKB-Operation unterziehen müssen. Die Forscher empfehlen, auf breiter Ebene präventive Programme einzuführen, die das Verletzungsrisiko am VKB um rund 50% reduzieren können [7]. Die Empfehlung gelte noch dringlicher für Mädchen- und Frauenteams, denn Spielerinnen zeigten im Vergleich zu den Männern ein zwei- bis dreimal so hohes Risiko, sich am vorderen Kreuzband zu verletzen [8, 9].

Alle Türen offen – aber lohnt das Risiko? 

Jungen Fußballtalenten mit VKB-Ersatzplastik stehen die Türen zum Elitespieler genauso weit offen wie Talenten, die in Jugendjahren verletzungsfrei bleiben. Das hat die Studie gezeigt. Die Autoren der Studie geben allerdings zu bedenken, dass die Chance eines jeden jungen Talents, später einmal auf Eliteniveau zu spielen, vergleichsweise klein sei: Nur einer von 10 Spielern, die in den Auswahlcamps zu den besten 15-Jährigen des Landes gehörten, spielte mit 21 Jahren zumindest kurzfristig in der ersten oder zweiten nationalen Liga. Die von Sandon untersuchten Datenreihen bestätigten zudem vorhergehende Studienergebnisse zum Folgerisiko einer einmal aufgetretenen Verletzung am VKB: Von den Spielern, die im Jugendalter eine VKB-Rekonstruktion erhalten hatten, erlitten 25 bis 30% im weiteren Karriereverlauf eine zweite Verletzung am vorderen Kreuzband. Dieses hohe Wiederverletzungsrisiko am VKB sowie die vergleichsweise geringe Chance, sich später im Profifußball durchzusetzen, müsse von Spielern und medizinischem Personal sorgfältig bei der Entscheidung abgewogen werden, ob eine Rückkehr in den Leistungssport Sinn macht.

Die Inhalte basieren auf der Studie "Can talented youth soccer players who have undergone anterior cruciate ligament reconstruction reach the elite level?", die 2021 in „The American Journal of Sports Medicine" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Sandon, A., Söderström, T., Stenling, A., & Forssblad, M. (2021). Can talented youth soccer players who have undergone anterior cruciate ligament reconstruction reach the elite level? The American Journal of Sports Medicine, 49(2), 384-390.
    Studie lesen
    1. Marx, R. G., Jones, E. C., Angel, M., Wickiewicz, T. L., & Warren, R. F. (2003). Beliefs and attitudes of members of the American Academy of Orthopaedic Surgeons regarding the treatment of anterior cruciate ligament injury. Arthroscopy, 19(7), 762-770.

    2. Sandon, A., Engström, B., & Forssblad, M. (2020). High Risk of Further Anterior Cruciate Ligament Injury in a 10-Year Follow-up Study of Anterior Cruciate Ligament-Reconstructed Soccer Players in the Swedish National Knee Ligament Registry. Arthroscopy 36(1), 189-195.

    3. Waldén, M., Hägglund, M., Magnusson, H., & Ekstrand, J. (2011). Anterior cruciate ligament injury in elite football: a prospective three-cohort study. Knee Surgery, Sports Traumatology, Arthroscopy 19(1), 11-19.

    4. Webster, K. E., Feller, J. A., Whitehead, T. S., Myer, G. D., & Merory, P. B. (2017). Return to sport in the younger patient with anterior cruciate ligament reconstruction. Orthopaedic Journal of Sports Medicine, 5(4), 2325967117703399.

    5. Barth, K. A., Lawton, C. D., Touhey, D. C., Selley, R. S., Li, D. D., Balderama, E. S., Nuber, G. W., & Hsu, W. K. (2019). The negative impact of anterior cruciate ligament reconstruction in professional male footballers. The Knee, 26(1), 142-148.

    6. Waldén, M., Hägglund, M., Magnusson, H., & Ekstrand, J. (2016). ACL injuries in men's professional football: a 15-year prospective study on time trends and return-to-play rates reveals only 65% of players still play at the top level 3 years after ACL rupture. British journal of sports medicine, 50(12), 744-750.

    7. Huang, Y. L., Jung, J., Mulligan, C., Oh, J., & Norcross, M. F. (2020). A Majority of Anterior Cruciate Ligament Injuries Can Be Prevented by Injury Prevention Programs: A Systematic Review of Randomized Controlled Trials and Cluster-Randomized Controlled Trials With Meta-analysis. The American Journal of Sports Medicine, 48(6), 1505-1515.

    8. Larruskain, J., Lekue, J. A., Diaz, N., Odriozola, A., & Gil, S. M. (2018). A comparison of injuries in elite male and female football players: a five-season prospective study. Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports, 28(1), 237-245.