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Programme zur Verletzungsprävention im Vergleich

Schon wenige Minuten vorbeugendes Training pro Woche verhindern Verletzungen

Medizin & Athletik
Der deutsche Nationalspieler Marco Reus liegt während eines Spiels verletzt am Spielfeldrand und wird behandelt. (Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)
    • Vorbeugendes Training kann Verletzungen im Fußball um ein Drittel reduzieren.
    • Einzelne, häufig im Fußball auftretende Verletzungen können sogar um drei Viertel minimiert werden.
    • Die Präventionsprogramme dauern meist eine Viertelstunde und können das übliche Aufwärmtraining ersetzen.

Abstract

Vorbeugendes Training kann Verletzungen im Fußball um ein Drittel reduzieren. Speziellere Verletzungen, wie die der hinteren Oberschenkelmuskulatur, des Kreuzbandes und Knöchelverstauchungen, können durch spezifische Programme sogar um bis zu drei Viertel gemindert werden. Das haben Forscherinnen und Forscher aus der Schweiz, Belgien und den Niederlanden in einer Übersichtsstudie ermittelt. Dabei können die Programme auch das übliche Aufwärmprogramm ersetzen. Die Ergebnisse gelten sowohl für Männer und Frauen als auch für verschiedene Altersgruppen. Einzig die Gruppe der Profifußballer wurde bisher wenig untersucht. Bislang nutzen noch zu wenige Trainerinnen und Trainer die Programme, um Verletzungen zu verhindern. 

Ein Fallbeispiel

Die Fans im Stadion toben. Es ist das DFB-Pokalfinale 2017, Eintracht Frankfurt gegen Borussia Dortmund. Marco Reus sprintet in den Zweikampf, stolpert, das Knie dreht sich zur Seite. Er fällt, rappelt sich wieder auf, versucht weiterzuspielen. Schnelle Bewegungen sind nicht mehr möglich, jeder Schritt zieht im Knie. Zur Halbzeitpause lässt er sich auswechseln. Die Diagnose später: Anriss des vorderen Kreuzbands. Wieder eine schwere Verletzung; wieder monatelanges Pausieren; wieder Bangen um die WM-Teilnahme. 

Weniger Verletzungen

Verletzungen während Spiel oder Training kennen alle Spielerinnen und Spieler. Profis wie Amateure, jung wie alt, weiblich wie männlich: Besonders an den Oberschenkelmuskeln, den Kreuzbändern und den Knöcheln erleiden sehr viele Aktive in ihrem Sportlerleben Blessuren. Vorbeugende Trainingsprogramme, sogenannte multimodale Verletzungspräventionsprogramme (VPP), sollen schmerzhafte Ausfälle verhindern. Eine Übersichtsstudie von Forscherinnen und Forschern aus der Schweiz, Belgien und den Niederlanden zeigt jetzt, dass diese Programme ihre Versprechen tatsächlich halten können.

Mit Übungen, die allgemein präventiv wirken, verletzen sich ein Drittel weniger Spielerinnen und Spieler. Bei spezielleren Programmen, die Verletzungen der hinteren Oberschenkelmuskulatur, der Kreuzbänder und Verstauchungen der Knöchel vorbeugen sollen, vermindern sich die Verletzungen sogar um drei Viertel. „Das sind unheimlich große Zahlen“, sagt dazu der Wissenschaftler Oliver Faude von der Universität Basel. Die Programme wirken also.

Dabei nimmt das Training meist nicht mehr als fünfzehn Minuten ein. Es reicht sogar, es zwei Mal in der Woche zu absolvieren. Die speziellen Programme können dabei problemlos das übliche Aufwärmtraining ersetzen. Sie sollten jedoch regelmäßig und dauerhaft durchgeführt werden, sonst ist der vorbeugende Effekt schnell dahin.

Trainer setzen Programme selten ein

Obwohl ihre Wirkung nachgewiesen und sie leicht einzusetzen sind, nutzen laut Oliver Faude bisher wenige Trainerinnen und Trainer die Methoden. Er selbst trainiert Jugendliche und kennt einige der Probleme aus der Praxis. „Immer wieder dieselben Übungen durchzuführen ist manchmal langweilig“, sagt Faude. Die Programme müssten noch mehr an den Trainingsalltag angepasst werden. Teilweise sei es für Trainerinnen und Trainer auch schwierig, sich von althergebrachten Trainingsmethoden zu verabschieden. Die große Anzahl der Verletzungen, die verhindert werden können, sollte laut dem Wissenschaftler aber Grund genug sein, die Programme auch wirklich in den Trainingsalltag zu integrieren. 

Wie die Programme wirken

In ihrer Übersichtsstudie verglichen Faude und seine Kollegen Studien zu verschiedenen Programmen. Zwar zeigten auch einzelne ältere Programme, wie das FIFA-Programm „11“, keinerlei Vorteil gegenüber sonstigen Aufwärmtrainings. Dennoch verletzten sich schon bei dem Nachfolgeprogramm „11+“ deutlich weniger Sportlerinnen und Sportler (siehe Abbildung 1). Die Programme wirken bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Männern wie Frauen. „Besonders junge Frauen können stark von dem Spezialtraining profitieren“, sagt der Forscher. Diese leiden deutlich häufiger unter Kreuzbandrissen als andere Spielergruppen.

Multimodale, übungsbasierte Verletzungspräventionsprogramme werden im Fußball seit rund 20 Jahren entwickelt. Das FIFA-Programm „11+“ beispielsweise gliedert sich in drei Teile. Der erste und der letzte Teil besteht aus Laufübungen, der Mittelteil aus sechs Übungen zur Stärkung von Muskulatur, Gleichgewicht, Körperkontrolle und Stabilität. Diese vier Faktoren werden in den meisten Programmen trainiert. Es wird allgemein davon ausgegangen, dass durch das Training Bewegungen besser kontrolliert sowie Muskeln und Gelenke gezielt gestärkt werden können und dadurch das Risiko sich zu verletzen verringert wird. (Ein Poster mit den Übungen von „11+“ kann hier heruntergeladen werden. Eine Version für Kinder ist ebenfalls im Netz verfügbar.)

Lücke im Profifußball

Ob Marco Reus mit Hilfe von präventiven Trainingsprogrammen von seinem Verletzungspech erlöst werden kann, ist bisher übrigens nicht bekannt. Profifußballer haben bisher an fast keiner der Studien zu den Programmen teilgenommen. Laut Faude und seine Kollegen ist es jedoch wahrscheinlich, dass auch Profis von entsprechenden Programmen profitieren. 

Auf der Abbildung ist das Risikoverhältnis von Verletzungen bei Anwendung eines Präventionsprogramms aufgezeigt. Dieses liegt zwischen 29% und 89%.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Exercise-based injury prevention in football.", die 2018 im "German Journal of Exercise and Sport Research" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Faude, O., Rommers, N., & Rössler, R. (2018). Exercise-based injury prevention in football. German Journal of Exercise and Sport Research, 48(2), 157-168.

    Studie lesen
    1. Soligard, T., Myklebust, G., Steffen, K., Holme, I., Silvers, H., Bizzini, M., et al. (2008). Comprehensive warm-up programme to prevent injuries in young female footballers: cluster randomised controlled trial. BMJ, 337, a2469.

    2. Silvers-Granelli, H., Bizzini, M., Arundale, A., Mandelbaum, B. R. & Snyder-Mackler, L. (2017). Does the FIFA 11+ injury prevention program reduce the incidence of ACL injury in male soccer players? Clin Orthop Relat Res, 475(10), 2447–2455.

    3. Rössler, R., Junge, A., Bizzini, M., Verhagen, E., Chomiak, J., ausderFünten, K., et al. (2017). A multinational cluster randomised controlled trial to assess the efficacy of’ ‘11+ kids’: a warm-up programme to prevent injuries in children’s football. Sports Med.

    4. Mandelbaum, B. R., Silvers, H. J., Watanabe, D. S., Knarr, J.F., Thomas, S.D., Griffin, L.Y., et al. (2005). Effectiveness of a neuromuscular and proprioceptive training program in preventing anterior cruciate ligament injuries in female athletes: 2-year follow-up. Am J Sports Med, 33(7),1003–1010.

    5. Kiani, A., Hellquist, E., Ahlqvist, K., Gedeborg, R., Michaelsson, K., & Byberg, L. (2010). Prevention of soccer-related knee injuries in teenaged girls. Arch Intern Med, 170(1),43–49.

    6. LaBella, C.R., Huxford, M.R., Grissom, J., Kim, K.Y., Peng, J., & Christoffel, K. K. (2011). Effect of neuromuscular warm-up on injuries in female soccer and basketball athletes in urban public highschools: cluster randomizedcontrolledtrial. Arch Pediatr Adolesc Med, 165(11),1033–1040.

    7. Walden, M., Atroshi, I., Magnusson, H., Wagner, P., & Hagglund, M. (2012). Prevention of acute knee injuries in adolescent female football players: cluster randomised controlled trial. BMJ, 344, e3042.