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Ist das Höchstleistungsalter gesunken?

Studie untersucht, wie sich das Lebensalter auf die Leistung von Profifußballern auswirkt

Bewegungsanalyse & Biomechanik
Leroy Sané (Deutschland) wird von Juri Gasinski (Russland) in einem Testspiel angegriffen.
    • Das Durchschnittsalter von Bundesligaspielern liegt bei 25,5 Jahren.
    • Profifußballer jenseits der 30 legten im Vergleich zu jüngeren Spielern (U 30) eine geringere Gesamtlaufdistanz zurück, sprinteten seltener und absolvierten weniger Tempoläufe.
    • Ü 30-Spieler verfügten über eine bessere Passquote als Spieler unter 30 Jahren.
    • Bei Innenverteidigern, Mittelfeldspielern und Stürmern ist der Rückgang der gemessenen physischen Leistungsfähigkeit im Wettkampf mit zunehmendem Alter am deutlichsten.
    • Die altersabhängigen Leistungsunterschiede zeigten sich über alle Teams hinweg, unabhängig von dem Tabellenplatz der Mannschaft.
Abstract

Schon in der dritten Lebensdekade setzen menschliche Alternsprozesse ein. Was am Anfang kaum merklich ist, kann nach dem 30. Lebensjahr spürbarer werden. Das gilt vor allem für Leistungssportler. Bis vor einigen Jahren noch galten Profifußballer um das 30. Lebensjahr herum als Spieler im „besten Alter“. Wie sieht das heute aus? Wie macht sich der Faktor Alter bei Fußballern bemerkbar? Ein Forscherteam hat untersucht, wie sich die körperliche und technische Leistungsfähigkeit bei Profispielern mit zunehmendem Alter entwickelt. Über drei Spielzeiten hinweg wurden Daten von Bundesligaspielern analysiert. Es zeigte sich, dass die körperliche Leistung von Profifußballern jenseits der 30 im Vergleich zu jüngeren Spielern deutlich abfällt. Die Passgenauigkeit – als Indikator für technische Leistungsfähigkeit – verbesserte sich allerdings bei den Ü 30-Spielern. 

Alte Garde mit 29

Als der frühere Bundesligaprofi und Nationalspieler Andreas Hinkel 2012 mit 30 Jahren sein Karriereende bekannt gab, war das Erstaunen groß. Auf die Frage, warum er denn so früh und im „besten Fußballeralter“ mit dem aktiven Sport aufhören wolle, antwortete er: „Früher hieß es noch, mit 29 sei man im besten Fußballalter. […] Derlei gilt heute eher für die 25-Jährigen, ab 29 gehört man bereits zur alten Garde“ [1]. Tatsächlich liegt das aktuelle Durchschnittsalter eines Bundesligaprofis um die 25 Jahre [2]. Vergleichsweise sind die Spieler der spanischen Primera División im Mittel mit 26,5 Jahren etwas älter, wobei Ü 30-Spieler seltener beobachtet werden [3, 4].

Der moderne Fußball gilt mit seinem permanenten Umschaltspiel und Gegenpressing gemeinhin als dynamischer als der Fußball noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Können die älteren Spieler jenseits der 30 Jahre angesichts der gestiegenen physischen Anforderungen neben den früh in den Profikader aufgestiegenen 18-jährigen Nachwuchstalenten überhaupt noch mithalten? Möglicherweise machen die älteren Spieler nachlassende Kondition mit Erfahrung und „Köpfchen“ wieder wett. Studien zeigen, dass die körperliche Leistungsfähigkeit bereits vor dem 30. Geburtstag ihren Höhepunkt erreicht, während kognitive Leistungen bis zum Alter von 60 Jahren noch ansteigen können [5].

Wann sind Fußballer auf ihrem Leistungszenit?

Je nachdem, welche körperlichen und kognitiven Fähigkeiten in einer Sportart benötigt werden, variiert das Hochleistungsalter [5]. Welches Alter ist aber das „beste Fußballeralter“, in dem Profis technisch und körperlich Höchstleistungen erbringen? Das spanische Forscherteam um Alejandro Sal de Rellán-Guerra hat untersucht, inwieweit sich fußballspezifische Leistungsparameter mit zunehmendem Alter ändern und ob die jeweilige Spielposition bei dieser Entwicklung eine Rolle spielt.

Die Forscher analysierten die Tracking-Daten aller Ligaspiele der 18 Bundesligavereine von der Saison 2012/13 bis 2014/15. Für die Auswertung wurden alle Spieler entsprechend ihrer Position (Innenverteidiger, Außenverteidiger, zentrales Mittelfeld, äußeres Mittelfeld, Stürmer) und Altersgruppe (G1: 16-23 Jahre, G2: 24-26 Jahre, G3: 27-30 Jahre, G4: 30-37 Jahre) zugeteilt. Bei jedem Spieler (der die vollen 90 Minuten absolviert hatte), wurden folgende physische Leistungsparameter erhoben: a) Gesamtlaufdistanz, b) Tempoläufe und c) Sprints. Als Indikator für die technische Leistungsfähigkeit wählten die Forscher die Passgenauigkeit der Spieler.

Wenn die Stürmer die Außenverteidiger alt aussehen lassen...

In dem gemessenen Zeitraum war der jüngste Spieler gerade einmal 16,5 Jahre alt, während der älteste Spieler noch mit 37,9 Jahren Bundesliga spielte. Das Durchschnittsalter aller Spieler wurde auf 25,5 Jahre (± 3,7 J.) beziffert.

Darstellung des Alters der Spieler sortiert nach Spielposition (Innenverteidiger, Außenverteidiger, zentrales Mittelfeld, äußeres Mittelfeld, Stürmer). Analysiert wurden alle Ligaspiele der Bundesliga von der Saison 2012/13 bis 2014/15.

In der Innenverteidigung, im zentralen Mittelfeld und im Sturm waren die 23-jährigen Spieler in der Überzahl (Modalwert). Die meisten äußeren Mittelfeldspieler befanden sich im Alter von 24 Jahren, während das häufigste Alter der Außenverteidiger 25 Jahre betrug.
Bei den Außenverteidigern, äußeren Mittelfeldspielern und den Stürmern ging die Anzahl der Spieler ab 29 Jahren deutlich nach unten. Dieser statistische „Drop-Off“ zeigte sich bei den Innenverteidigern und zentralen Mittelfeldspielern schon bei 27 Jahren (bei den Innenverteidigern stieg der Wert bei 32 Jahren allerdings wieder etwas an, vgl. Abb. 01).

Ü 30-Spieler: Schlechtere Fitness, bessere Technik

Den Daten zufolge, welche die Forscher als Indikatoren für physische Leistungsfähigkeit herangezogen haben, fallen die Leistungen der Ü 30-jährigen im Vergleich zu den jüngeren Spielern signifikant ab (vgl. TAB. 01). Spieler, die 30 Jahre und älter waren, legten während der 90 Minuten eine geringere Laufdistanz zurück. Ein Grund dafür könnte sein, dass ab dem dritten Lebensjahrzehnt die aerobe Leistungsfähigkeit abnimmt. Eine andere Studie bestätigt eine niedrigere maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) bei Ü 30-Fußballspielern – was mit einem höheren Körpergewicht und einer geringeren maximalen Herzfrequenz in Verbindung stehen könnte [6, 7].
Die Spieler jenseits der 30-Jahresgrenze absolvierten im Vergleich zu jüngeren Spielern weniger Sprints und Tempoläufe. Dieser Rückgang an hochintensiven Läufen könnte daran liegen, dass bei Sportlern mit zunehmendem Alter die anaerobe Leistungsfähigkeit des Körpers (u. a. weniger Muskelkraft, Abnahme schnell kontrahierender Muskelfasern) schwächer wird [8, 9].

Die entsprechenden altersbedingten Entwicklungen wurden unabhängig von der Qualität der Mannschaft beobachtet. Das heißt, es spielte keine Rolle, ob das Team regelmäßig Champions League spielte oder eher zu den Abstiegskandidaten gehörte. Auch über alle Spielpositionen hinweg zeigten sich physische Leistungseinschränkungen bei den Ü 30-Spielern – mit einer Ausnahme: Bei den Außenverteidigern waren die Vergleichswerte auch nach dem 30. Lebensjahr nur leicht vermindert oder blieben nahezu konstant. Eine Erklärung könnte sein, dass gerade die Außenverteidiger, die es schaffen, ihre physische Leistung beizubehalten, diejenigen sind, die ihre Karriere auch über das 30. Lebensjahr hinaus fortführen können. Die Forscher geben allerdings zu Bedenken, dass Interpretationen wie diese mit Vorsicht zu genießen sind, weil es sich bei ihrer Studie um eine Querschnittsstudie handelt, die keine individuelle Leistungsentwicklung berücksichtigt. 

Darstellung der physischen und technischen Leistungsfähigkeit. Die Leistungen der Ü 30-jährigen fallen im Vergleich zu den jüngeren Spielern signifikant ab.

Bei der Passgenauigkeit waren die Ü 30-Spieler ihren jüngeren Kollegen aber deutlich überlegen. Den Forschern zufolge könnte dieses Ergebnis ein Hinweis darauf sein, dass Profifußballer ihr technisch-taktisches Vermögen trotz altersbedingter körperlicher Verminderungen beibehalten oder gar verbessern können. Die älteren Spieler könnten somit nachlassende physische Eigenschaften durch verbesserte technische Fertigkeiten oder kognitive Fähigkeiten wie Entscheidungsfindung oder Spielintelligenz wettmachen.

Die Ergebnisse können auch dazu beitragen, die Vertragslaufzeit, das Gehalt oder einen Transfer ins Verhältnis zum Spieleralter zu setzen. Wohl wissend, dass verschiedene Spielstile (z. B. Ballbesitzfußball, Gegenpressing etc.) auch in unterschiedlichen Anforderungen (u. a. technisch-taktisch, physisch) dominieren. Die ermittelten physischen und technischen Leistungswerte dieser Studie beziehen sich auf den Wettkampf. Leistungsdiagnostische Tests wurden nicht durchgeführt.

Literatur

  1. Sal de Rellán‐Guerra, A., Rey, E., Kalén, A., & Lago‐Peñas, C. (2019). Age‐related physical and technical match performance changes in elite soccer players. Scandinavian journal of medicine & science in sports.
    1. 11 Freunde: Andreas Hinkel über sein frühes Karriereende

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    2. Statista: Altersdurchschnitt der Spieler der 1. Fußball-Bundesliga in den Saisons 2010/2011 bis 2018/2019

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    3. Dendir, S. (2016). When do soccer players peak? A note. Journal of Sports Analytics, 2(2), 89-105.

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    4. Poli, R. (2018). Is there an optimum squad age to win in football? CIES Football Observatory Monthly Report, 32.

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    5. Allen, S. V., & Hopkins, W. G. (2015). Age of peak competitive performance of elite athletes: a systematic review. Sports Medicine, 45(10), 1431-1441.

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    6. Botek, M., Krejčí, J., McKune, A. J., & Klimešová, I. (2016). Somatic, endurance performance and heart rate variability profiles of professional soccer players grouped according to age. Journal of human kinetics, 54(1), 65-74.

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    7. Hawkins, S. A., & Wiswell, R. A. (2003). Rate and mechanism of maximal oxygen consumption decline with aging. Sports medicine, 33(12), 877-888.

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    8. Chamari, K., Ahmaidi, S., Fabre, C., Masse-Biron, J., & Prefaut, C. H. (1995). Anaerobic and aerobic peak power output and the force-velocity relationship in endurance-trained athletes: effects of aging. European journal of applied physiology and occupational physiology, 71(2-3), 230-234.

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    9. Faulkner, J. A., Davis, C. S., Mendias, C. L., & Brooks, S. V. (2008). The aging of elite male athletes: age-related changes in performance and skeletal muscle structure and function. Clinical journal of sport medicine: official journal of the Canadian Academy of Sport Medicine, 18(6), 501.

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