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Kältekammer für die Tonne?

Ganzkörperkältekammern sollen nach dem Training gegen Muskelschmerzen helfen und die Muskeln funktional halten. Was sagt die Forschung?

Medizin & Athletik
Der australische Rugby-Spieler Stephen Moore kommt aus einer Eissaune. Er trägt eine Mütze, einen Mundschutz, Handschuhe und eine Hose. (Photo by Dan Mullan/Getty Images)
    • Kältekammern können subjektive Größen wie Muskelschmerzen leicht verbessern.
    • Objektiv messbare Parameter, wie Muskelkraft und deren Funktionalität ändern sich nicht.
    • Kältetherapien sollten individuell eingesetzt werden.

     

     

Abstract

Eine Übersichtsstudie aus dem Jahr 2015 untersucht die Wirkung von Ganzkörperkältekammern nach dem Training. Die Forscher berichten, dass Schmerzen im Muskel kurzfristig und geringfügig reduziert werden können. Objektiv messbare Werte, wie die Muskelkraft oder deren Funktionalität, ändern sich nicht. Da jedoch individuell Unterschiede beobachtet werden können, werden Kältekammern teilweise dennoch zur Regeneration empfohlen.

Im folgenden Video werden Effekte von Kälteapplikationen in Bezug auf die Regeneration erläutert und anhand der Kältekammer beispielhaft dargestellt:

Frieren in der Sauna

Ohne Hemd und in kurzer Hose, aber mit Handschuhen, Stirnbändern und Gesichtsmaske bekleidet betreten die Spieler den Raum. Der Grund: Sie wollen in der Ganzkörperkältekammer regenerieren. Während sich viele Sportlerinnen und Sportler nach dem Training oder Spiel in wassergefüllten Eistonnen bei zwischen 5 und 20°C erholen, herrschen in Kältekammern frostige Temperaturen von unter -100°C. Empfindliche Körperteile werden dementsprechend häufig mit zusätzlicher Kleidung geschützt, während der Rest des Körpers möglichst großflächig der Kälte ausgesetzt wird. Die spärlich Bekleideten erhoffen sich, nach einem anstrengenden Spiel Muskelschmerzen vorzubeugen und ihre Muskulatur funktionsfähig halten zu können.

Studie zeigt keine überzeugende Wirksamkeit

Eine Übersichtsstudie von Joseph Costello und Kollegen von der University of Portsmouth aus dem Jahr 2015 [1] hat jedoch verschiedene Studien verglichen und keinen eindeutigen Beleg gefunden, dass Kältekammern tatsächlich gegen Muskelschmerzen und zur Erhaltung der Funktionalität nach Belastung helfen. 

In den nur vier verwertbaren Studien wurden Studienteilnehmerinnen und –teilnehmer (körperlich aktive Erwachsene von durchschnittlich 23 Jahren), die nach intensivem Training eine Kältekammer besuchten, verglichen mit Teilnehmerinnen und -teilnehmern, die nach dem Training keine regenerative Maßnahme durchführten. 

Hier zeigte sich, dass die Kältekammer die Schmerzempfindung in den Muskeln für kurze Zeit subjektiv leicht verringern kann. Eine Stunde sowie einen und zwei Tage nach Besuch der Ganzkörperkältekammer hatten die Sportlerinnen und Sportlern im Schnitt geringfügig weniger Schmerzen als diejenigen, die nichts unternahmen. Die Einschätzungen streuten jedoch sehr stark. Teilweise wurden die Schmerzen nach dem Besuch der Kältekammer als stärker empfunden – im Gegensatz zu den Schmerzen ohne Intervention. Auch war längere Zeit (drei und vier Tage) nach Besuch der Ganzkörperkältekammer der kleine positive Effekt nicht mehr zu beobachten.

Das subjektive Wohlbefinden war kurz (einen Tag) nach dem Besuch der Kältekammer höher. Die empfundene Erschöpfung wurde jedoch gar nicht beeinflusst, ebenso wenig wie objektiv messbare Parameter, wie Muskelkraft oder -funktion. 

Malte Krüger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutsche Forschungszentrum für Leistungssport und forscht ebenfalls zu Kältetherapien, speziell im Fußball. Er führt beispielsweise Versuche mit Spielern von Bayer 04 Leverkusen in der Ganzkörperkältekammer durch. Er sagt: „Solche kleinen Effekte auf nur subjektiv messbare Größen sehen wir in der Forschung zur Regeneration in der Kältetherapie häufig. Objektiv messbare Größen verändern sich selten.“ 

Wenige Studien, unterschiedliches Vorgehen

In die Übersichtsstudie wurden keine Untersuchungen zu Kältekammern, in denen nur Teile des Körpers gekühlt werden, eingeschlossen. In diesen oft transportablen Teilkörperkältekammern bleibt der Kopf außerhalb, während der Körper in der Tonne verharrt. Statt mit gekühlter Luft, wie bei der Kältekammer, wird meist mit Stickstoff gekühlt.

Des Weiteren wurden beispielsweise Studien ausgeschlossen, die keinen der relevanten Faktoren untersuchten. Insgesamt war die Studienlage im Jahr 2015 übersichtlich. Dadurch blieben schlussendlich nur die vier Studien für den Überblick übrig.

Costello und Kollegen merkten auch an, dass viele Forscherinnen und Forscher unterschiedliche Temperaturen für die Kältekammern wählten und deshalb schwer miteinander verglichen werden konnten. Krüger ergänzt dazu, dass es inzwischen standardisierte Vorgehensweisen gäbe. Die Temperatur in der Kammer liegt dabei zumeist bei -110° C, in denen die Sportlerinnen und Sportler zweieinhalb bis drei Minuten verweilen.

Wie die Kälte nach dem Training helfen soll

Die positive Wirkung, die man sich von Kältetherapien im Allgemeinen erhofft, basiert größtenteils darauf, wie Blutgefäße auf Kälte und Wärme reagieren. Während sie sich in der Kälte der Kältekammern oder Eistonnen verengen, weiten sie sich beim Übergang in die Wärme. Durch diese weiten Blutgefäße sollen Stoffwechselprodukte, die bei der Anstrengung entstehen und Muskelschmerzen verursachen, schneller vom Muskel weg transportiert werden können. Auch soll das Kühlen der Muskeln verhindern, dass hier Entzündungen entstehen. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch bei allen Kältetherapien sehr geringe Effekte auf Stoffwechselprodukte im Blut [2].

Kältekammer vs. Eistonne

In der Theorie soll die niedrigere Temperatur der Kältekammer zu einem größeren Effekt durch die noch stärkere Verengung und anschließende Weitstellung der Blutgefäße führen als die Eistonne. Darüber hinaus wird in Kältekammern auch der Kopf heruntergekühlt, was in Eistonnen meist nicht der Fall ist. Da über den Kopf ein Großteil der Wärme abgegeben wird, wird nur in Kältekammern ein Kältereiz am ganzen Körper ausgelöst. In der Praxis unterscheiden sich die beiden Kältebehandlungen jedoch wenig, was den Stoffwechsel angeht [2]. Bei subjektiven Messgrößen wie dem Schmerzempfinden schnitt in einer anderen Übersichtsstudie die Kühlung durch kaltes Wasser am besten ab [3]. 

Risiken und Nebenwirkungen

Costello und Kollegen weisen darauf hin, dass mögliche Risiken der extremen Kälte in der Ganzkörpertherapie in keiner der Studien untersucht wurden. Weder die kurzzeitigen noch die langfristigen Folgen seien abzusehen.

Grundsätzlich sind in Ganzkörperkältekammern Hautreizungen bis hin zu Erfrierungen möglich, ebenso wie Unterkühlungen, Schwindel, Atemnot oder ein Blutdruckanstieg. Diskutiert wird auch, ob durch die dauerhafte generelle Anwendung von Kälte eine Anpassung des Körpers an das Training abgeschwächt werden könnte.

Darüber hinaus gibt es wenige Studien über Frauen und keine, die Elitesportler vergleichen (Castello et al., 2015). Diese Gruppen könnten andere Reaktionen auf die extreme Kälte zeigen. So ließen sich bei Frauen beispielsweise niedrigere Hauttemperaturen nach dem Besuch in der Kältekammer messen.

Krüger meint dazu jedoch: „Bei gesunden, erwachsenen Sportlerinnen und Sportlern sind negative Effekte nicht zu erwarten.“

Empfehlungen für die Praxis

Joseph Costello und Kollegen kommen zu dem Schluss, dass durch die begrenzte Studienlage, die Sicherheitsbedenken und die hohen Kosten, die durch Ganzkörperkältekammern entstehen, keine uneingeschränkte Empfehlung für die Verwendung bei der Behandlung von Muskelkater ausgesprochen werden kann.

Malte Krüger sieht dennoch Gründe, neben der in der Handhabung und den Kosten wesentlich günstigeren Eistonne verschiedene Kältebehandlungen individuell weiterhin anzubieten. Das gelte gerade in Turnierphasen, wenn es für Spielerinnen und Spieler darum ginge, möglichst schnell zu regenerieren. „Was wir beobachten können, sind sehr individuelle Reaktionen auf die Kältetherapien. Während manche Spieler wenig mit einer bestimmten Therapie anfangen können oder sie sogar als unangenehm empfinden, ist die Wirkung bei anderen sehr groß“, so Krüger. In Studien würde meist nur der Mittelwert ermittelt und individuelle Gegebenheiten dadurch ignoriert. Auch der psychologische Effekt einer Kältebehandlung sollte nicht unterschätzt werden. In längeren Trainingsphasen empfiehlt er jedoch, auf Kältetherapien im Allgemeinen weitgehend zu verzichten.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Whole‐body cryotherapy (extreme cold air exposure) for preventing and treating muscle soreness after exercise in adults.", die 2015 in der "Cochrane Database of Systematic Reviews" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Costello, J. T., Baker, P. R., Minett, G. M., Bieuzen, F., Stewart, I. B., & Bleakley, C. (2015). Whole‐body cryotherapy (extreme cold air exposure) for preventing and treating muscle soreness after exercise in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews, (9).

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    1. Costello, J. T., Baker, P. R., Minett, G. M., Bieuzen, F., Stewart, I. B., & Bleakley, C. (2015). Whole‐body cryotherapy (extreme cold air exposure) for preventing and treating muscle soreness after exercise in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews, (9).

    2. Bleakley, C. M., Bieuzen, F., Davison, G. W., & Costello, J. T. (2014). Whole-body cryotherapy: empirical evidence and theoretical perspectives. Open access journal of sports medicine, 5, 25.

    3. Hohenauer, E., Taeymans, J., Baeyens, J. P., Clarys, P., & Clijsen, R. (2015). The effect of post-exercise cryotherapy on recovery characteristics: a systematic review and meta-analysis. PLoS one, 10(9), e0139028.