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Lassen sich Verletzungen im Profifußball vorhersagen?

Zum richtigen Verhältnis zwischen Kurz- und Langzeitbelastung

Medizin & Athletik
Mario Gomez beim Training der deutschen Fußballnationalmannschaft. Er zieht beim Sprinten ein Gewicht hinter sich her, um den Effekt des Trainings zu vergrößern. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)
    • Je unausgewogener das Verhältnis zwischen kurzfristiger und langfristiger Belastung, desto höher das Verletzungsrisiko - auch im Profifußball.
    • Erstmals wurde die Beziehung zwischen Belastung und Verletzungsgefahr im professionellen Männerfußball über drei Spielzeiten hinweg analysiert.
    • Ein effektives Belastungsmonitoring kann das Verletzungsrisiko im Profifußball reduzieren.
    • Trotz des deutlichen Zusammenhangs zwischen Belastungsverhältnis und Verletzungsrisiko lassen sich Verletzungen einzelner Spieler nicht vorhersagen. 

Abstract

Wer im Training das richtige Maß an Belastung findet, kann Sportverletzungen vermeiden. Was für viele Sportarten richtig ist, gilt auch für den Fußball: Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen dem Verhältnis kurzfristiger und langfristiger Belastung auf der einen Seite und dem Verletzungsrisiko auf der anderen Seite. Eine Vorhersage, ob sich ein Fußballspieler in naher Zukunft ohne Fremdkontakt verletzen wird, lässt sich allerdings selbst mit dem besten Belastungsmonitoring nicht treffen.

Das richtige Maß an Belastung im Sport

Im professionellen Mannschaftssport ist das Monitoring der Trainingsbelastung zur Verletzungsprävention mittlerweile üblich. Dabei achten die Fitnesstrainer und Mannschaftsärzte vor allem auf das richtige Verhältnis zwischen kurzfristiger (akuter) und langfristiger (chronischer) Trainingsbelastung. Eine Vielzahl von Studien hat gezeigt, dass dieses Verhältnis – die so genannte „acute : chronic workload ratio“ – direkt mit dem Verletzungsrisiko von Sportlern zusammenhängt [6,8,9,11]. Auch das Internationale Olympische Komitee (IOK) wies jüngst auf diesen Zusammenhang hin [10]. Als akuter bzw. kurzfristiger Belastungszeitraum wird dabei in den meisten Fällen die aktuelle Trainingswoche herangezogen. Dem gegenüber steht der vierwöchige Durchschnitt für die chronische oder längerfristige Belastungsperiode. Die Überwachung des Verhältnisses von aktueller und dauerhafter Belastung hat sich im Hinblick auf die Verletzungsanfälligkeit bereits in verschiedenen Sportarten bewährt [6,9,11]. Das Verletzungsrisiko wird im Allgemeinen als gering beurteilt, wenn der Verhältniswert zwischen akuter und chronischer Belastung zwischen 0,8 und 1,3 (der so genannte „sweet spot“, s. Abb. 1) liegt. Sobald aber das Verhältnis den Wert 1,5 (die „danger zone“) überschreitet, verdoppelt sich gleich das Verletzungsrisiko des Sportlers.

Auf der Abbildung ist eine Kurve zu sehen, die das Verhältnis zwischen kurzfristiger und langfristiger Trainingsbelastung und der Wahrscheinlichkeit einer nachfolgenden Verletzung angibt.

Auch eine hohe kurzfristige Belastung und stärkere Belastungswechsel von Woche zu Woche gehen mit einem erhöhten Verletzungsrisiko einher [2,8]. Einige Studien deuten darauf hin, dass längerfristige Belastungseinheiten zu einer Verletzungsprävention beitragen könnten. Allerdings sollen diese hohen längerfristigen Belastungen bei einem gleichzeitig hohen Verhältnis zwischen kurz- und längerfristiger Belastung die Verletzungsanfälligkeit wieder ansteigen lassen [7].

Verletzung ist nicht gleich Verletzung

Sportwissenschaftler verstehen immer besser, wie Trainingsbelastung und Verletzungsrisiko zusammenhängen. Dennoch gibt es gerade im professionellen Männerfußball noch erheblichen Forschungsbedarf zu dem Thema. Eine einzige Studie [8] befasst sich mit dem Zusammenhang „Belastungsverhältnis und Verletzungsrisiko“ im Profifußball der Männer - nur eine weitere stammt aus dem Nachwuchsbereich [1]. Schon die Definitionen, was unter einer „Verletzung“ genau verstanden wird, gehen erheblich auseinander: Sind damit sämtliche Verletzungen gemeint – auch solche, die keinen Ausfall im folgenden Trainings- oder Spielbetrieb bedeuten? Außerdem sollte zwischen Verletzungen mit und ohne Fremdkontakt unterschieden werden. Hat sich der Spieler also die Verletzung beispielsweise im Zweikampf („contact“) oder beim Sprint („non-contact“) zugezogen [4,6,8]? In dieser Studie haben sich die Forscher festgelegt und nur solche Verletzungen mit einbezogen, die ohne Fremdeinwirkung passierten und dazu führten, dass die Spieler in der Folge einige Zeit nicht am Trainings- oder Spielbetrieb teilnehmen konnten.

Was heißt hier Belastung?

Für ein relativ einfaches und gleichzeitig aussagekräftiges Maß der Belastung haben die Wissenschaftler um Maurizio Fanchini den so genannten RPE-Wert (Received Perception of Exertion) einer Trainingseinheit herangezogen. Dieser Wert beruht auf der Annahme, dass das Belastungsempfinden mit der Herzfrequenz zusammenhängt (RPE = Herzfrequenz × 0,1). Eine Herzschlagfrequenz im Ruhezustand eines gesunden Menschen bei etwa 60 Schlägen pro Minute entspricht also dem RPE-Wert 6. Die maximale Herzschlagfrequenz liegt bei ca. 200 Schlägen pro Minute (RPE-Wert 20). Damit ergibt sich eine Skala von 6 bis 20, die auch als Borg-Skala bekannt ist. Anhand der Borg-Skala lässt sich die Intensität einer Belastungseinheit bzw. das subjektive Belastungsempfinden (=Beanspruchung) abschätzen. Die Sportmediziner dieser Studie haben bei einem italienischen Serie A-Team über drei Spielzeiten hinweg die Intensitäten der Trainingseinheiten und auch der Ligaspiele erfasst, indem sie innerhalb von 30 Minuten nach den Belastungseinheiten den RPE-Wert bestimmten [3]. Daraus ließ sich dann der Durchschnittswert für die kurzfristige wöchentliche Belastung sowie für die längerfristige zwei- bis vierwöchige Belastung ermitteln und mit der Anzahl der Verletzungen vergleichen.

Vorhersage von Verletzungen

Die Ergebnisdaten stützen die Befunde aus anderen Sportarten: Auch im Profifußball hängt das Verhältnis zwischen kurzfristiger und längerfristiger Belastung – die acute:chronic ratio – klar mit dem Risiko zusammen, sich ohne Fremdeinwirkung zu verletzen. Für eine höhere Verletzungsanfälligkeit bei einem Wechsel der Belastungen von Woche zu Woche ließen sich dagegen keine Hinweise finden. Auch konnten die Forscher nicht eindeutig klären, ob sich bei einem Belastungsverhältnis-Wert zwischen 1,00 und 1,25 (vgl. Abb. 1) – so der Befund einer aktuelleren Studie [8] – ein präventiver Verletzungsschutzeffekt einstellt.

Aufgrund des eindeutigen Zusammenhangs zwischen dem Verhältnis kurzfristiger und langfristiger Belastung auf der einen Seite und dem Verletzungsrisiko ohne Fremdkontakt auf der anderen Seite empfehlen die Autoren dem Fachpersonal von Fußballvereinen eine detaillierte Belastungsmonitoring-Strategie zu entwickeln. Auf diese Weise lässt sich im Training nicht nur das richtige Maß an Intensität der Übungen bestimmen – auch das Verletzungsrisiko kann damit bis zu einem gewissen Grad sicher reduziert werden. Das Belastungsmonitoring darf allerdings keinesfalls mit einem Blick in die Glaskugel verwechselt werden. Denn selbst, wenn sich in der Gesamtheit ein höheres Verletzungsrisiko bei einem erhöhten Verhältniswert von kurzfristiger und langfristiger Belastung zeigt, so kann man damit keinesfalls vorhersagen, ob und wann sich ein bestimmter Spieler in naher Zukunft eine Verletzung zuziehen wird. Bei der Analyse des Monitorings auf der Einzelspieler-Ebene sollten Entscheidungen hinsichtlich einer möglichen Verletzungsgefahr also nur mit allergrößter Vorsicht getroffen werden. Um die allgemeine Aussagekraft der Ergebnisse zu erhöhen, sollten zukünftige Studien den Autoren zufolge verschiedene Fußballteams aus verschiedenen Ligen über mehrere Spielzeiten und neben dem RPE-Wert weitere Marker für die Belastungsintensität einbeziehen. 

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Despite association, the acute: chronic work load ratio does not predict non-contact injury in elite footballers.", die 2018 im "Science and Medicine in Football" veröffentlicht wurde.

Weiterführendes Wissen

Hier geht es zur zusammenfassenden Infografik der Originalstudie.

Literatur

  1. Fanchini, M., Rampinini, E., Riggio, M., Coutts, A. J., Pecci, C., & McCall, A. (2018). Despite association, the acute: chronic work load ratio does not predict non-contact injury in elite footballers. Science and Medicine in Football, 2(2), 108-114.

    Studie lesen
    1. Bowen L, Gross AS, Gimpel M, Li F-X. 2017. Accumulated workloads and the acute: chronicworkload ratio relate to injury in elite youth football players. Br J Sports Med. 51(5): 452-459.

    2. Cross MJ, Williams S, Trewartha G, Kemp SPT, Stokes KA. 2016. The influence of in-season training loads on injury risk in professional Ruby Union. Int J Sports Physiol Perform. 11(3): 350-355.

    3. Foster C, Rorhaug JA, Franklin J, Gottschall L, Hrovatin LA, Parker S, Doleshal P, Dodge C. 2001. A new approach to monitoring exercise training. J Strength Cond Res. 15(1): 109-115.

    4. Gabbett TJ. 2004. Reductions in pre-season training loads reduce training injury rates in rugby league players. Br J Sports Med. 38(6): 743-749.

    5. Gabbett TJ. 2016. The training-injury prevention paradox: should athletes be training smarter and harder?. Br J Sports Med, bjsports-2015.

    6. Hulin BT, Gabbett TJ, Caputi P, Lawson DW, Sampson JA. 2016a. Low chronic workload and the acute: chronic workload ratio are more predictive of injury than between-match recovery time: a two-season prospective cohort study in elite rugby league players. Br J Sports Med. 50(16): 1008-1012.

    7. Hulin BT, Gabbett TJ, Lawson DW, Caputi P, Sampson JA. 2016b. The acute: chronicworkload ratio predicts injury: high chronic workload may decrease injury risk in elite rugby players. BR J Sports Med. 50(4): 231-236.

    8. Malone S, Owen A, Newton M, Mendes B, Collins KD, Gabbett TJ 2016. The acute: chronic workload ratio in relation to injury risk in professionell soccer. J Sci Med Sport. 20(6): 561-565.

    9. Murray NB, Gabbett TJ, Townshend AD, Hulin BT, McLellan CP. 2016. Individual and combined effects of acute and chronic running loads on injury risk in elite Australian footballers. Scand J Med Sci Sports. 27(9):990-998.

    10. Soligard T, Schwellnus M, Alonso J-M, Bahr R, Clarsen B, Dijkstra HP, Gabbett T, Gleeson M, Hägglund M, Hutchinson MR, et al. 2016. How much is too much? (Part 1) International Olympic Committee consensus statement on load in sport and risk of injury. Br J Sports Med. 50(17): 1030-1041.

    11. Weiss KJ, Allen SV, McGuigan MR, Whatman CS. 2017. The relationship between training load and injury in men’s professional Basketball players. Int J Sports Physiol Perform. 12(9):1238-1242.